Silvia Pree

Ein halbes Leben

 
Da bist du ja.
Ich habe schon auf dich gewartet.
Die ganze Zeit.
Ich wusste, dass du wieder kommst.
Irgendwann.
Und ich kann es kaum glauben.
Jetzt.
Wo du endlich vor mir stehst.
Nach so vielen Jahren.
Mein halbes Leben im Grunde.
Auf einmal warst du weg.
Ich weiß es noch genau.
Du wolltest dich doch nur mit einem Freund treffen.
Auf ein Bier oder zwei.
An jenem Abend.
Ich kann mich noch genau an dein Gesicht erinnern.
Damals.
Du hast so ausgesehen wie immer.
Und du hast mir gewunken.
Bevor du die Tür hinter dir zugemacht hast.
Wie jeden Abend, wenn du in dein Lokal gegangen bist.
Aber damals du bist nicht mehr gekommen.
Nein.
Ich wachte auf am Morgen.
Aber ich lag allein im Bett…
 
Komm.
Setzt dich doch zu mir.
Ich kann leider nicht aufstehen.
Ich fühle mich so schwach.
Das Herz, weißt du.
Es ging mir nicht immer gut nachdem du weg warst.
Die Polizei kam auch zu mir.
Fragte mich aus.
Ob du vielleicht etwas angestellt hättest.
Ausgerechnet du!
Aber ich war mir sicher.
Da irrten sich die Herren!
Du warst doch mein Mann.
Und ich musste dich kennen.
Wer denn sonst, wenn nicht ich?
Da war etwas passiert.
Man brauchte dich.
Du musstest deshalb ganz schnell weg.
Konntest mir nicht mehr Bescheid sagen.
Ich vertraute dir.
Ich wusste:
Du kommst wieder.
Ohne Zweifel.
Obwohl sie dich sogar für Tod erklären wollten.
Jahre später.
Ich wusste es aber besser.
Ganz sicher.
 
Du hast dich gar nicht verändert.
Nicht ein bisschen.
Sogar deine Haare sind noch ganz dunkel.
Wie damals.
Meine sind jetzt weiß geworden.
Ganz weiß.
Sie gehen mir auch aus.
Das liegt an den Medikamenten.
Sagen die Ärzte.
Viel Zeit ist vergangen seit du gegangen warst.
Es war nicht leicht ohne dich.
Manchmal habe ich dich verwünscht.
Weil du nicht gekommen bist.
Ich hätte dich einige Male schon gebraucht.
Dringend.
Ich musste auch arbeiten gehen.
Weißt du.
Wovon hätten wir leben sollen?
Die Kinder und ich?
Ich ging in den Supermarkt.
Die Kinder sollten es doch gut haben.
Auch wenn du gerade nicht da warst.
Aber es sollte ihnen nichts fehlen.
Gedankt haben sie es mir nicht.
Unsere Söhne.
Ich habe sie lange nicht gesehen.
Sie leben beide ihr Leben…
 
Egal.
Heute bist du endlich gekommen.
Und das freut mich mehr als alles andere.
Wo warst du eigentlich die ganze Zeit?
Du lächelst.
Du willst es mir nicht sagen, nicht wahr?
Du hast nie viel geredet.
Und du musst es mir nicht erzählen.
Wenn du nicht möchtest.
Du bist da.
Das ist das einzige, das zählt.
Für diesen Moment habe ich gelebt.
Ich habe viel geweint.
Verstanden habe ich es ja zuerst nicht.
Warum du weg warst.
So plötzlich.
Aber du hattest deine Gründe.
Das ist mir dann klar geworden.
Nach ein paar Jahren.
Lass dich ansehen.
Es ist dunkel geworden im Zimmer.
Ich kann dein Gesicht kaum mehr erkennen.
Davon habe ich lange geträumt:
Du neben mir.
Und jetzt nimmst du mich in den Arm…
Halt mich fest!
Ganz fest.
Und geh nie wieder weg!
Nie wieder!
Ich möchte in deinen Armen einschlafen…
 
Der Oberarzt sah die Schwester betroffen an.
Sie liegt im Sterben.
Hören Sie?
Sie spricht schon mit sich selber!
 
 
Vivienne
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.08.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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