Jasmin Räbsamen

Blood of a fighting soul

Ein leichter Nebel legte sich über das Land und hüllte die steinernen Mauern des Schlosses in ein düsteres, fast unheimliches Grau. Unten am Fusse des Hügels auf dem das Schloss stand, lag ein kleines Dörflein. In einigen Häusern brannte noch Licht. Alles schien friedlich und ruhig zu sein, doch keiner der Dorfbewohner ahnte, was oben im Schloss vor sich ging.

Ein grosser, schlanker Mann, gekleidet in einen langen, schwarzen Mantel, ging mit festem Schritt durch die Gänge des Schlosses. Schliesslich erreichte er eine grosse Holztüre, welche er energisch öffnete. Hinter der Tür befand sich ein grosser, heller Raum. In einer Ecke stand ein breites Federbett, vor welchem lange, rote Vorhänge aufgezogen waren. In einer anderen Ecke befand sich ein Schreibtisch, Federkiel und Tintenfass waren fein säuberlich darauf platziert. "Mein König!", redete der Mann, der gerade eingetreten war, den anderen an, welcher hinter dem Schreibtisch in einem dunkelbraunen Holzstuhl mit sehr hoher Rückenlehne sass und bis zum jetzigen Zeitpunkt Löcher in die Luft gestarrt hatte. Der Mann im Stuhl sah jung aus. Er hatte braunes, kurzes Haar, eine lange, spitze Nase und stechend blaue Augen. Er war in ein rotes Seidenhemd und eine weisse Hose gekleidet, ein roter Mantel aus Samt hing über der Rückenlehne des Stuhles.
"Mein König, Eure Herrlichkeit!", wiederholte der Mann im schwarzen Mantel. "Was ist, Nr.2?" "Nun, unten im Dorf geschieht gerade etwas furchtbares, Eure Friedlichkeit!" "Was denn? Was könnte so schrecklich sein, dass es MIR Angst bereiten könnte?" "Nichts muss euch Furcht einflössen, Eure Selbstbewusstheit, jedoch sollten wir etwas unternehmen!" "Wogegen? Nun komm doch endlich zur Sache, Nr.2!" "Nun, im Dorf wurden gerade eben zwei Kinder geboren!" "Und was ist so SCHREEECKLICH daran, wenn Kinder zur Welt kommen??" "Geduld, Eure Ungeduldigkeit. Blickt in meine Kristallkugel und seht, was geschieht... "

Zwei Frauen gingen schnellen Schrittes durch die dunklen und vernebelten Gassen. Sie trugen je ein kleines Bündel bei sich. Die eine Frau hatte hellbraunes, kurzes Haar, war klein gewachsen und aus ihren braunen Augen sprach die Aufregung, während sie neben ihrer Freundin herging, die langes, seidiges, rotbraunes Haar hatte und dunkelbraune, grosse Augen, welche aufmerksam funkelten.
Schliesslich traten die Frauen in ein kleines Häuschen ein. Drinnen sass ein alter Mann mit langem, weissem Bart an einem runden Tisch. Mit einer einladenden Geste bat er die Frauen, sich zu setzen. "Ah, Marianna Timmond und Sarah Clark, wie schön, dass sie so schnell nach der Geburt herkommen konnten.", freute sich der alte Mann. Darauf folgte eine Minute des Schweigens, bis der Weise wieder zu sprechen begann. "Eins der beiden Kinder trägt eine ungeheure Macht in sich, das kann ich deutlich spüren!" Beide Frauen hoben ihre Kinder aus den Leintüchern hervor, in denen sie eingewickelt gewesen waren. Die kleinen Babys glucksten. "Was ist das für eine Macht? Das Kind wird doch wohl kein böser Zauberer werden!?", rief Sarah Clark ängstlich und strich nervös eine Strähne ihres kurzen, braunen Haares hinter ihr Ohr. "Nein, nein!", versicherte der alte Mann, "Das Kind besitzt die Macht, mit dem 'Schwert des weinenden Mondes' die Welt vor der Herrschaft eines grausamen Königs zu retten!" Die jungen Frauen schauten zuerst ihre Kinder und dann einander verwundert an. "Und welches Kind ist es?", wollte Sarah wissen, "Welches Kind wird die Welt retten, ist es mein Sohn Constantin, oder ist es Sheila, die Tochter meiner Freundin?" Der alte Mann strich sich auf diese Frage hin mit den Fingern über seinen weissen Bart. "Es ist jenes Kind, dessen Blut im Schwert steckt." Abermals blickten sich die Frauen verwundert in die Augen. Da lächelte der alte Mann und schickte sie höflich hinaus.
Unschlüssig darüber, ob sie nun klüger waren, als noch vor einer Viertelstunde oder nicht, schlenderten die Frauen durch die Gassen. "Das Blut des Kindes im Schwert?! Klingt aufregend, aber welches Kind ist es denn nun?", fragte Sarah. "Ich weiss es nicht, beide könnten es sein..... Ach, lassen wir uns überraschen, die Hauptsache ist doch, dass wir überhaupt gerettet werden... " Fröhliches Gelächter füllte die schmalen Wege zwischen den grauen und braunen Hauswänden.

"Ich sehe noch immer keinen Grund, mich vor diesen Kindern zu fürchten, Nr.2. Doch halt, wir werden bald angegriffen von einem grausamen König, der mich stürzen will!! Ich habe Angst, verriegelt die Türen, schliesst die Fenster!!" "Mit Verlaub, Eure Scharfsinnigkeit, Ihr seid gemeint..." "Was, ich? Na toll, dann gibt es ja eine Waffe, die mich besiegen kann..." "Ja, Eure Blitzmerkigkeit und seit neuestem gibt es auch jemanden, der diese Waffe führen kann..." "Ja? Wen denn? Sag es mir, ich werde diesen Kerl vierteilen lassen!" "Aber Eure Blutrünstigkeit, es ist eines der Kinder!" "Oh, dann lass uns etwas unternehmen!" "Das war von Anfang an mein Vorschlag, Eure Ehrgeizigkeit." "Sehr gut, Nr.2, dafür wirst du befördert, zu meinem Berater!" "Ähm, aber Eure Gütigkeit, ich bin Euer Berater!" "So? Das ging aber schnell, hast dich ziemlich rapide in dein neues Amt eingelebt, Nr.2!" "War das nicht schon immer mein Amt, Eure Vergesslichkeit?" "Doch, doch, aber ich wollte dir nun etwas Abwechslung gönnen und dir das Amt meines Beraters übertragen... " "Aber Eure Majestät, ich... " "Keine Widerrede!" "Also gut, dann lasst uns einen Plan schmieden... "
Schwarzes Haar, vom Schweiss durchnässt, den Blick in den dunklen Augen starr und entschlossen auf den Gegner gerichtet. Keuchend und doch verbissen aufgerichtet stand sie da, das Schwert fest mit beiden Händen umklammernd. Sie war jung, kaum älter als vierzehn und doch übertraf ihre Entschlossenheit die manches ausgewachsenen Mannes. Ihr Gegenüber war mit Sicherheit gleich alt. Der braunhaarige Junge schien sich seines Sieges sicher und zeichnete mit der Spitze seines Schwertes kleine Strichmännchen in den weichen Boden. "Komm schon, gib auf, Sheila. Du hast verloren und keine Chance gegen mich." "Eines Tages werde ich besser sein als du, das schwör ich dir, Constantin!" Diese Worte entlockten dem Jungen ein abwertend amüsiertes Schnauben. Sheila knurrte und wandte Constantin den Rücken zu. "Hey, warte, wir müssen doch in die selbe Richtung!", rief er ihr nach. Sheila blieb stehen und drehte sich nach ihm um. Dann lächelte sie. "Du bist zwar mein bester Freund, doch ich werde trotzdem besser sein als du!"
Kichernd gingen die beiden ins Dorf zurück.

"Sehen Sie nur, Eure Herrlichkeit!", rief Nr.2 aufgeregt, nachdem er die grosse Türe zum Zimmer des Königs aufgestossen hatte. "Was ist denn nun schon wieder, Nr.2?" "Ich habe endlich herausgefunden, welches Kind euer schlimmster Feind sein wird!" "Ach ja? Welches denn, ist es jenes, das ich schon von Anfang an verdächtigte?" "O ja, Eure Hellsehigkeit. Mit Euren Fähigkeiten wäre so mancher Zauberer gerne ausgestattet, Eure Mächtigkeit!" "Also ist es der Junge?" "Jawohl, Eure Majestät, er kommt aus einer Familie von Schwertkämpfern, er muss es sein!" "Nun, dann geht also mein Plan auf?" "Selbstverständlich, mein König. Es ist ein wahrlich erstklassiger Plan." "Das wusste ich. Wann können wir ihn umsetzten?" "Ich denke, in sieben Jahren wäre es das Beste." "Das schwebte mir auch vor. In sieben Jahren also?" "Jawohl, Eure Königlichkeit."

Vor der Tür zur Stahlschmiede verabschiedeten sich die beiden Kinder voneinander. Constantin ging weiter und Sheila trat in das Haus ein, an dessen Tür ein Schild hing:
Timmond's Stahlschmiede und Schwertmacherei.
Das vierzehnjährige Mädchen betrat, begleitet vom leisen Klingeln der Glocke, die über der Tür hing, den düsteren Ladenraum. An allen Wänden waren Schwerter und Messer aufgehängt. Sheila war dies alles schon gewohnt. Sie ging auf einen schwarzhaarigen Mann zu, der hinter der Ladentheke stand und ein Messer mit einem weissen Lappen polierte, um es danach in eine Vitrine zu legen. Als der Mann Sheila über seine schmalen Brillengläser hinweg ansah, lächelte er. "Ah, da bist du ja, mein Kind." Sheila lächelte ihren Vater an. Als sein Blick auf das Schwert in der Hand seiner Tochter fiel, kniff er seine grünen Augen zusammen und ging auf Sheila zu. "Du sollst doch nicht mit meinen Sachen spielen, Sheila, mein Schatz. Das ist viel zu gefährlich für ein Mädchen." Das Mädchen knurrte leise, als ihr Vater ihr das Schwert aus den Händen nahm und es unter seinem Ladentisch verstaute. "Und jetzt, marsch, marsch nach oben! Wasch dich und geh dann zu Bett, du bist ja ganz verschwitzt.", befahl Frank Timmond seiner Tochter. Diese nickte und bestieg die steinerne Treppe, die in den Wohnbereich im oberen Stock führte.
Dort traf Sheila auf ihre Mutter, die in einem Schaukelstuhl sass und einen Pullover strickte. Marianna Timmond hatte sich in den vierzehn Jahren kaum verändert. Noch immer hatte sie rotbraunes, langes Haar und grosse dunkle Augen, die ihre Tochter offensichtlich von ihr geerbt hatte. Kleine Lachfalten hatten sich während ein einhalb Jahrzehnten tief in die Wangen der Frau gegraben.
Nur kurz blickte Marianna Timmond auf, um ihre Tochter zu begutachten. "Warst du wieder mit Constantin draussen und hast Schwertkampf geübt?", fragte Marianna. Offenbar war es kein einmaliges Ereignis, dass Sheila verschwitzt und ausser Atem nach Hause kam. Eine gewisse Routine, ja fast Gleichgültigkeit schlich sich in Mrs.Timmonds Stimme. "Und hast du ihn besiegt?", fragte sie weiter, ohne eine Antwort ihrer Tochter auf die erste Frage abzuwarten. Sheila schüttelte betrübt den Kopf, doch noch in der nächsten Sekunde schaute sie wieder entschlossen zu ihrer Mutter. "Aber ich werde es schaffen, ich werde stärker sein als er, auch wenn seine Vorfahren alle Schwertkämpfer waren..." Diese Worte festigten das zufriedene Lächeln auf Marianna Timmond's schmalen Lippen. "Geh dich nun waschen, Sheila. Ich werde nachher noch zu dir ans Bett kommen." Und das Mädchen mit dem festen Blick und den schwarzen Haaren verzog sich ins Badezimmer, von wo aus Mrs. Timmond nun die Geräusche von spritzendem Wasser vernahm.
Im Gegensatz zu ihrem Mann wusste Marianna, dass Sheilas Blut vielleicht im "Schwert des weinenden Mondes" steckte und dass sie vielleicht die Welt eines Tages retten musste. Marianna atmete tief durch. Sie hatte Sheila niemals gezwungen, den Schwertkampf zu üben, das wollte sie von ganz alleine, was die Mutter eigentlich gar nicht so recht verstehen wollte. Und doch war ihr Mann ein Schwertmacher, wahrscheinlich rührte das Interesse ihrer Tochter an diesen Waffen und deren Gebrauch daher.
Und so trainierte Sheila beinahe jeden Abend mit dem Erben einer reichen Kampfschule, der zufälligerweise am selben Tag Geburtstag hatte wie Sheila. Noch einmal seufzte Marianna tief und widmete sich dann wieder ihrer Strickarbeit.
Gerade als Marianna ihre angefangene Nadel zuende gestrickt hatte, hörte sie, wie ihr Mann unten den Laden schloss und nun die Steintreppe hinaufgestiegen kam.
"Heute ist aber früh Schluss.", bemerkte Mrs.Timmond, als ihr Mann sich in einen Sessel neben ihr gesetzt hatte. "Ja.", erwiderte er, "Da ist etwas, was mich beschäftigt, ich konnte einfach nicht weiterarbeiten." Seine Frau schaute ihn voller neugieriger Verwunderung an. "Nun, ich mache mir Sorgen um unsere Tochter.", sprach Frank. Seine Stimme klang bedrückt. "Warum denn, es geht ihr gut. Und bloss, weil sie sich in Selbstverteidigung übt, ist das noch lange kein Grund zur Sorge, Frank!", warf Marianna ein. "Das nennst du Selbstverteidigung!? Meine Schwerter sind nicht aus Pappe, Marianna, deine Tochter läuft hier Gefahr, einem Jungen den Kopf abzuschlagen!" "Ach, und auf einmal ist es nur noch meine Tochter, ja?!" "Ich habe sie jedenfalls nicht darum gebeten, sich beliebig in meinem Laden zu bedienen!" "Ja, und ich habe sie natürlich dazu angestachelt, nicht wahr?" Frank stutzte. Das hatte er doch gar nicht sagen wollen, doch er war sich im klaren darüber, dass es zweifelsohne so rübergekommen sein musste, wie ihm seine Frau das gerade an den Kopf warf. "Nein, das meinte ich nicht, tut mir leid.", sagte er schliesslich kleinlaut. Mrs. Timmond sah ihren Mann mit gespielter Ungläubigkeit an. Dann lächelte sie. "Das weiss ich doch. Du machst dir ja wirklich bloss Sorgen um sie... Und ich tue das auch, doch ich glaube, wir können Sheila nicht davon abbringen weiterhin mit dem Schwert auf einen gleichaltrigen Jungen einzuschlagen..." "Sie schlägt auf ihn ein?! Der arme Junge..." "Aber nein, er ist viel besser als sie. Erinnerst du dich an meine Freundin Sarah?" "Die mit den kurzen Haaren? Ja, doch." Frank verstand zunächst den Sinn der Frage nicht. "Sie hat doch diesen Clark geheiratet, der mit der Schwertkampfschule." "Ach ja? Das wusste ich gar nicht..." Sogleich traf ihn ein vorwurfsvoller Blick seiner Frau. "Was? Ich wusste es wirklich...." Er konnte den Satz nicht beenden, denn Marianna fiel ihm ins Wort: "Wir waren bei ihrer Hochzeit, Frank!" Mr. Timmond drehte seine Augen nach oben und starrte zur Decke. Er leckte sich die Lippen. Dann, auf einmal, wandte er seinen Blick wieder auf seine Frau. "Ach ja, die beiden! Ein hübsches Paar, wirklich ein hübsches Paar." "Ja, und Sarah hat dann bald darauf einen Sohn zur Welt gebracht, Constantin, erinnerst du dich?" Zu Mariannas Ärger schwenkte Franks Blick wieder grübelnd zur Decke. "Wann soll das gewesen sein?", fragte er, ohne die schwarzen Holzdielen aus den Augen zu verlieren. "Genau in derselben Nacht, in der ich Sheila zur Welt brachte! Und Sarah ist dann mit mir zum Weisen gegangen, wie alle Mütter das tun." Marianna war sichtlich enttäuscht vom Erinnerungsvermögen ihres Mannes. "Hmm.", machte Frank, "So war das also. Und mit dem trainiert sie jetzt, mit diesem Constantin Clark?" Mrs.Timmond nickte. Frank Timmond seufzte tief. Er wusste nicht, was er von der ganzen Sache halten sollte.

In ihrem Zimmer sass Sheila auf ihrem Bett. Sie war hellwach, hatte jedoch nichts von der Unterhaltung ihrer Eltern mitbekommen. Plötzlich klopfte etwas an ihr Fenster. Schnell eilte Sheila hin und sah eine libellengrosse Gestalt mit fledermausähnlichen Flügeln vor dem Fenster auf und ab fliegen. Sie hatte eindeutig den Körper eines Mädchens, nur vielfach verkleinert. Es war ein kleines Wesen, das irgendwie an eine Fee aus einem Bilderbuch erinnerte, abgesehen davon, dass diese hier die Flügel einer Fledermaus zu haben schien. "Wer oder was bist du?", fragte Sheila, ohne das Fenster zu öffnen. "Lass mich rein!", hörte sie die piepsige Stimme des kleinen Mädchens rufen. Sheila presste ihre Lippen fest aufeinander und überlegte, ob sie das Wesen wirklich einlassen sollte. "Bitte, ich flehe dich an!", piepste es von draussen.
 
Schliesslich öffnete Sheila das Fenster und die kleine Gestalt flog hinein. Sogleich gab es einen lauten Knall und schon stand ein Mädchen vor Sheila, das etwas grösser war als sie selbst und auch ein oder zwei Jahre älter schien. Das Mädchen hatte nackenlanges, erdfarbenes Haar, das zwar zerzaust war, aber dennoch gepflegt wirkte und Augen, die von einem so hellen Grün waren, wie Sheila es noch nie zuvor gesehen hatte. Die fledermaus-artigen Flügel waren auf die jetzige Grösse des Mädchens abgestimmt.
"Stimmt was nicht, Schatz?", hörten die beiden Marianna Timmonds Stimme rufen. Sie hatte wohl den Knall gehört, den das fremde Mädchen bei ihrer Vergrösserung von sich gegeben hatte. "Nichts, Mutter. Ich habe bloss ein Buch fallen lassen!", schwindelte Sheila. "Na gut. Ich komme gleich rüber.", rief Mrs.Timmond. Ihre Tochter schluckte.
"Wer oder was bist du?", fragte Sheila abermals angespannt flüsternd. Das andere Mädchen lächelte. "Ich heisse Darleen Rainbow, nenn mich Ray. Und ich bin ein Alb." Sheila kniff kurz die Augen zusammen und schaute, als ob etwas sie geblendet hätte. "Ein was?" "Ein Alb. A-l-b. Ein Erdgeist. Ich bin eine von der Sorte, die dir schlechte Träume bringen! Und schau nicht so doof!" Ray schnippte mit ihrem Zeigefinger frech an Sheilas Stirn. Fast stolz erklärte sie ihrem Gegenüber, zu welcher Art von Wesen sie sich zählte. Schon etwas schlauer, aber immer noch verwirrt blickte Sheila in Rays hellgrüne Augen. "Und was willst du von mir?" "Nun, ich werde dich morgen auf einen kleinen Spaziergang mitnehmen, Sheila Timmond." "Woher....." Blitzschnell hob Ray eine Hand und brachte Sheila zum Schweigen. Dann schüttelte sie de Kopf, als ob sie sagen wollte "Das ist jetzt nicht wichtig.". Und mit einem erneuten Knall war Ray wieder auf Libellengrösse geschrumpft, flatterte zum immer noch offenen Fenster und entschwebte hinaus in die kühle Nacht.

Sogleich bemerkte Sheila, dass sie fror und schloss schnell das Fenster.
"Phu, ganz schön kühl hier drin!" Sheila fuhr herum und erblickte ihre Mutter, die nun eintrat und sich die Oberarme rieb. Sheila setzte sich auf ihr Bett. "Wollte nur noch gute Nacht sagen.", erwähnte ihre Mutter und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. "Gute Nacht, Mutter.", sagte Sheila und legte sich hin, nachdem ihre Mutter das Zimmer verlassen und die Türe hinter sich klickend ins Schloss fallen gelassen hatte.

Am nächsten Morgen erwachte Sheila schon früh. Sie streckte sich, gähnte herzhaft, schlug ihre Augen auf und erschrak. Neben ihrem Bett stand ein Mädchen, vielleicht sechzehn Jahre alt, mit erdfarbenem Haar und hellgrünen Augen. Es war zweifellos Ray, doch als Sheila näher hinschaute, bemerkte sie, dass die fledermausähnlichen Flügel fehlten. Waren sie ihr abgefallen? Oder hatte sich Sheila vielleicht die Flügel gestern bloss eingebildet, so müde und erschöpft von ihrem Training, wie sie gewesen war? Aber wenn das der Fall wäre, wie war Ray dann durch das Fenster reingekommen, es lag bestimmt drei Meter über dem Boden. Und dann diese Verwandlung...
Schliesslich rang sich Sheila dazu durch, Ray danach zu fragen. "Verschwindibus!", lachte der weibliche Alb. Verwundert zog Sheila eine Augenbraue hoch. "Und wie um alles in der Welt bist du hier reingekommen, das Fenster ist doch zu?" "Na ja... ich habe da so meine Methoden!", antwortete Ray. Noch immer war dieses vergnügte Lächeln auf ihren Lippen. Sheila brauchte nicht lange, um herauszufinden, was das für Methoden waren, die Ray anscheinend anzuwenden wusste. Nachdem sie sich angezogen hatte, gingen sie und Ray gemeinsam aus dem Zimmer und liefen auch prompt Sheilas Mutter Marianna über den Weg. "Oh, schön, du hast sie gefunden.", sagte Mrs. Timmond an Ray gerichtet, "Viel Spass bei eurem Spaziergang!"
"Du bist zur Vordertür rein und hast nach mir gefragt? Wieso hast du das gestern nicht auch getan?", rief Sheila etwas verwundert, als sie und ihre neue "Freundin" die Schwertschmiede hinter sich gelassen hatten. Darleen Rainbow, die lieber Ray genannt werden wollte, zuckte mit den Schultern. "Weiss nicht.", sagte sie, "Wollte dich erschrecken." Wieder schlich dieser vergnügte Ausdruck über Rays Gesicht.
Wo gehen wir hin? Wo gehen wir hin? Diese Frage brannte Sheila auf der Zunge, doch sie schien beantwortet, als sich das Mädchen und die Albin dem Wald näherten, der nicht weit entfernt vom Dorf lag. Als sie schon beinahe im Wald drin waren, hielt Ray plötzlich an. "Was ist? Gehen wir nicht rein?", fragte Sheila ungeduldig. "Nur ein Moment!", versprach Ray und kniff ihre Augen zusammen. Ihr Gesicht errötete und nach einer kurzen Weile wuchsen schwarze, fledermausartige Flügel aus ihren Schulterblättern. Erst jetzt bemerkte Sheila die beiden Löcher im Rücken von Rays grünem Pullover.
"So, das wäre geschafft. Gehen wir rein?", fragte Ray schliesslich ein wenig atemlos. Sheila nickte. Sie wusste nicht, was nun auf sie zukommen würde, doch sie machte auch keine grossen Anstalten, es herauszufinden.
Immer tiefer gingen die beiden in den Wald hinein. Das Licht sprenkelte hie und da grüne und silberne Tupfen auf den mit Moos und Laub bedeckten Waldboden.
Auf einer Lichtung stoppte Ray abrupt. Sheila sah neugierig auf einen Felsbrocken, der mitten auf der Lichtung stand. Auch Ray schien ihn zu mustern, jedoch weniger mit Neugierde als mit Entrüstung. "Es ist weg! Es ist weg!", murmelte sie.
 
"Was ist weg?", fragte Sheila. "Das Schwert! Das Schwert, das hier im Felsen gesteckt hat, es ist weg!" "Ein Schwert?" Ray nickte. "WO IST DAS SCHWERT?", schrie sie gen Himmel. Einige Vögel flatterten laut kreischend aus den Baumwipfeln. Die Albin streckte ihre Flügel zu beiden Seiten aus und schlug zweimal kräftig damit. Blätter und Staub wirbelten vom Boden auf. Sheila beobachtete das Ganze höchst gespannt.
"Ich verschaffe mir mal einen Überblick. Von oben." Gerade wollte sie sich vom Boden abstossen um sich in die Lüfte zu erheben, da hörten sie und Sheila ein sirrendes Geräusch. Es klang zweifellos nach etwas, das mit einer enormen Geschwindigkeit von hoch oben herabfiel. Dann ertönte ein lautes Zischen, etwas schoss gefährlich nahe an Rays Gesicht vorbei, doch es schien, als ob der Erdgeist sich noch rechtzeitig hatte zurückziehen können.

Nun steckte es im weichen Waldboden, ein Schwert mit schwarzem Griff und silberner Klinge. "Es ist wieder da!", jauchzte Ray, doch etwas in ihrer Stimme sagte Sheila, dass doch nicht alles in Ordnung war. "Heb es auf!", sagte Ray fast gebieterisch und doch voller Vorfreude, noch bevor Sheila über den seltsamen Klang in ihrer Stimme nachdenken konnte. Sheila streckte ihre rechte Hand aus und zog das Schwert am schwarzen Griff aus der Erde. Dann blickte Sheila zu Ray. Diese hielt sich mit zusammengekniffenen Lippen eine Hand auf ihr linkes Auge. Etwas Blut quoll zwischen ihren zierlichen Fingern hervor und tropfte auf ihren grünen Pullover oder auf den Boden. "Meine Güte, Ray! Was... ich meine... wie... " Ray schnaubte leise und verzog ihren Mund zu einem Lächeln. "Das Schwert hat mich erwischt." "Wo? Zeig doch mal her!" Sheila liess das Schwert fallen und wandte sich der verletzten Ray zu. Diese nahm ihre Hand von ihrem Auge und gewährte Sheila somit einen Blick auf die lange, stark blutende Schnittwunde, die sich von oberhalb ihrer linken Augenbraue über das darunterliegende Auge bis in die Mitte der linken Wange zog. Sheila hob ihre Augenbrauen und schaute erschreckt und besorgt zugleich. "Auch Erdgeister sind nicht unverwundbar... Mit dem Auge werde ich wohl nicht wieder sehen können...", schmunzelte Ray und drückte ihre Hand wieder aufs Auge, um die Blutung etwas zu stoppen. Sheila schluckte. "Das wird schon wieder.", sagte Ray schliesslich, als wollte sie Sheila beruhigen. "Und jetzt, heb das Schwert wider auf!" Die vierzehnjährige Sheila tat, wie ihr geheissen.
Nun, als Sheila das Schwert noch etwas genauer beäugte, fiel ihr ein Schriftzug auf, der am unteren Rand der Schwertklinge eingeprägt war:
Your soul will bleed for life or death of Goodness.

Tropf, tropf... Unaufhaltsam tröpfelte das Blut aus Rays Wunde auf den laubbedeckten Waldboden, während die Albin und das vierzehnjährige Mädchen schnellen Schrittes den Wald mitsamt dem Schwert verliessen. Sheila machte sich noch immer Sorgen um Ray, doch diese hatte sie gebeten, es nicht zu tun. "Es wird schon wieder, ich werde schon nicht verbluten.", hatte sie gesagt, wie immer mit einem Lächeln im Gesicht. Irgendwie bewunderte Sheila die Albin dafür. Sie war sich sicher, dass sie in einem solchen Moment nicht gelächelt hätte.
Schliesslich erreichten die beiden das kleine Dorf. Bevor sie jedoch eintraten, liess Ray noch schnell ihre Flügel unter Aufbringung höchster Konzentration in ihrem Körper verschwinden.
Schon bald darauf hatten die beiden die Schwertmacherei erreicht. "Gib mir das Schwert, dein Vater darf es nicht sehen!" Sheila stutzte, reichte Ray dann aber doch das Schwert. "Geh jetzt rein, ich bringe dir das Schwert gleich nachher." Sheila nickte und betrat sogleich den Laden ihres Vaters.
Frank Timmond stand wie üblich hinter der Ladentheke und polierte irgendwelche Messer und Schwerter. Nach einem kurzen Gruss ging Sheila nach oben, wo sie eigentlich ihre Mutter erwartet hätte, doch Marianna war nicht da. "Deine Mutter ist bei einer Freundin, sie kommt in etwa einer Stunde!", hörte Sheila ihren Vater von unten her rufen. Dann betrat sie ihr Zimmer, wo sie auch gleich das Fenster öffnete und eine libellengrosse Gestalt mit Fledermausflügeln hereinfliegen liess, welche die grösste Mühe hatte, ein normalgrosses Schwert hereinzuhieven. Noch immer blutete die Wunde in Rays Gesicht stark.
Nach wenigen Momenten stand Ray in voller Grösse im Raum. Das Schwert lag neben ihr auf dem Boden. Sheila holte Verbandszeug aus einem Schrank und verarztete Rays Schnittwunde. "Danke.", schmunzelte sie schliesslich. Sie hatte nun einen Verband über dem linken Auge. Sheila nickte und hob dann das Schwert vom Boden auf. Eine Weile betrachtete Sheila die silberne Klinge und den darin eingeprägten Satz. Hie und da schloss das Mädchen die Augen. Nicht angestrengt nachdenkend, eher still geniessend. Und dann sah sie zu Ray. Einige rote Punkte waren auf dem weissen Verband über ihrem Auge zum Vorschein gekommen. Als würde sie überhaupt keinen Schmerz verspüren stand die Albin da und lächelte, wie sie das immer tat. Doch Sheila war sich sicher, dass Rays Verletzung sehr weh tat. Es musste einfach wehtun! Und wahrscheinlich würde Ray auf dem linken Auge blind bleiben, machte ihr das denn gar nichts aus?
 
Das leise Geräusch der Türe, die vorsichtig geöffnet wurde, holte Sheila aus ihren Gedanken. Sie und Ray fuhren herum und schauten zu Marianna Timmond, wie sie nun unter dem Türrahmen stand. Als Mariannas Blick auf Ray fiel, erschrak die Frau. Ihre Augen weiteten sich und sie atmete tief durch. "Meine Güte, was habt ihr gemacht?" Ray schluckte. "Ich muss wohl irgendwo hängen geblieben sein.", erklärte sie. Ihre Stimme war ruhig und auch schien es Sheila, als ob die Stimme etwas tiefer klang als sonst. Mrs.Timmond hob eine Augenbraue. "Hoffen wir mal, dass es nichts Ernstes ist.", sagte sie schliesslich und drehte den beiden Mädchen den Rücken zu.
Marianna wollte gerade das Zimmer ihrer Tochter verlassen, da drehte sie sich wieder um. Mit todernster Miene wandte sie sich an Ray. "Komm, du musst zu einem Arzt! Das kannst du doch nicht so lassen! Hast du deine Eltern informiert?" Rays unverdecktes Auge funkelte. "Nein, noch nicht. Aber ich werde es tun." Und da war es wieder, dieses kleine Lächeln, weder künstlich, noch verkrampft, einfach ein echtes, leicht vergnügtes Lächeln. Es war zwar vorhin für einen kurzen Moment aus Rays Ausdruck gewichen, doch nun war es wieder da.
"Gut. Aber nun komm schon, wir gehen zu einem Arzt!" Sheilas Mutter packte Rays Arm und schleifte sie hinaus. Für den Bruchteil einer Sekunde stand Sheilas Mund weit offen vor erstauntem Erschrecken. Zwar kannte sie diese seltsame Art ihrer Mutter, hilfsbereit und gleichzeitig forsch und zielstrebig zu sein, doch an dieser Stelle hätte sie sie nun wirklich nicht erwartet.
"Äh... Das kannst du doch nicht...", stotterte die Vierzehnjährige. "Lass sie nur. Der Doktor wird mich schon nicht auffressen... Und schau nicht so doof!", lachte Ray. Sheila schluckte und folgte dann ihrer Mutter und der verletzten Albin.
Und während die drei durch die Strassen gingen, wunderte sich Sheila über ihre Mutter. Hatte sie denn das Schwert nicht bemerkt?

Dr.Cooks beäugte Rays Wunde genau, nachdem er ihr vorsichtig den blutgetränkten Verband abgenommen hatte. "Hmm", machte der kleine, grauhaarige Mann schliesslich, "das würde ich jetzt einfach zuwachsen lassen. Tut mir leid, mein Fräulein, ich kann da nicht viel machen, ausser dir einen neuen Verband drauf zu tun. Ich könnte dir auch etwas gegen Schmerzen geben. Es tut doch weh, du spürst es doch, oder?" Seine grauen, trüben Augen funkelten mitfühlend. Ray schluckte. Vielleicht war ihr das Ganze unangenehm, oder sie rang nach Worten. "Es tut nicht weh. Nun, es ziept schon etwas, doch es ist nicht schlimm, ehrlich!" Der Doktor hob seine buschigen, grauen Augenbrauen. "Na dann", sagte er und seufzte tief, "lass mich den Verband wechseln." Die Albin nickte. Während Dr.Cooks seine Arbeit tat, machte er Ray, die auf dem Behandlungsbett sass, viele Komplimente, wie tapfer sie doch sei und welch schöne Augen sie habe. Ein dankbares Lächeln huschte über Rays Lippen. Auch sie mochte es, wenn man sie lobte.
"So, das hätten wir!", sprach Dr.Cooks schliesslich. Ray sprang vom Bett runter. Sei bedankte sich bei Dr.Cooks, gab ihm die Hand und wandte ihm dann den Rücken zu. Der Blick des Arztes fiel auf die beiden Löcher in Rays grünem Pullover. "Der ist ja kaputt.", wunderte er sich laut. Ray drehte sich ruckartig nach ihm um. "Das macht nichts, der muss so sein!", versicherte sie ihm. Abermals hoben sich die Augenbrauen des Doktors. Dann zuckte er mit den Schultern und Ray schritt hinaus.
Im Wartezimmer sassen Sheila und ihre Mutter. Sheila lehnte sich seitwärts über ihren Stuhl zu Marianna, die den Arm um ihre Tochter legte. "Das hättest du nicht tun müssen. Aber es war sehr nett von dir... ", flüsterte das Mädchen. Ein breites, mütterliches Lächeln schlich sich in Mariannas Ausdruck.
Als Ray mit einem neuen Verband aus dem Behandlungsraum kam, stürzten Mrs.Timmond und Sheila sogleich auf sie zu und wollten wissen, wie es nun weiterginge. "Zuwachsen lassen.", antwortete Ray knapp. Sie biss sich kurz auf die Unterlippe, vielleicht aus Schmerz, vielleicht weil sie scharf nachdachte. Doch sogleich lächelte sie wieder. Sie lächelte und schaute dabei zu Marianna Timmond. "Danke, dass sie sich so sehr um mich sorgen." "Ach, keine Ursache!", lachte Mrs.Timmond. Dann versank sie in Gedanken an das Abendessen oder an den vergangenen Tag. Sie bemerkte gar nicht, wie Ray sich verabschiedete. Nun gingen Marianna und ihre Tochter alleine, ohne Ray, zu ihrem Haus zurück.

Sheila und Marianna sassen auf Sheilas Bett. Sheila schwieg ein Weilchen, dann rang sie sich dazu durch, ihrer Mutter doch eine Frage zu stellen. "Aber warum hast du das getan, warum hast du Ray zum Arzt geschleppt?" "Ach, Ray heisst sie... Nun, ich wollte ihr etwas Gutes tun." Sheila kniff kurz ihre Augen zusammen und schaute dann verwirrt zu Marianna. "Etwas Gutes?" "Ja, die Arme hat eine so schwere Verletzung und macht keinen Wank! Sie gibt sich so stark, dabei braucht auch sie jemanden, der sich um sie kümmert." "Und ihre Eltern?" "Ich bin mir da gar nicht so sicher, ob sie überhaupt welche hat." Sheila schluckte und blickte wieder, als ob sie etwas geblendet hätte. Marianna lächelte, wünschte ihrer Tochter eine gute Nacht und verliess das Zimmer.

Sheila lag noch längere Zeit wach und grübelte über die Worte ihrer Mutter nach. Hatte Ray wirklich keine Eltern? Haben Albe keine Familie? Schliesslich erkannte Sheila, dass Ray für sie ein grosses Rätsel war.
Gut versteckt auf dem Schrank lag das Schwert mit der silbernen Klinge und dem schwarzen Griff. Auch dieses bereitete Sheila Kopfschmerzen. Was hatte es mit dem Schwert auf sich? Und was bedeutete der eingravierte Spruch?
Your soul will bleed for life or death of Goodness.
Langsam war Sheilas Müdigkeit stärker als der Wille, all die Rätsel um Ray und das Schwert noch in dieser Nacht zu lösen.
 
Am nächsten Tag liess sich Ray nicht blicken, nicht an Sheilas Fenster und nicht an der Vordertüre. Und so schwirrten all die Fragen vom Vorabend unbeantwortet in Sheilas Kopf umher. Auch war sich Sheila ziemlich sicher, dass sie es nicht fertig bringen würde, Ray nach ihrer Familie zu fragen. Zwar war sie im Kampf entschlossen und ehrgeizig, doch in solchen Dingen war sie dann zu sensibel. Sie wollte Ray einfach nicht wehtun oder ihr unangenehme Fragen stellen. Aber nach dem Schwert wollte sie sie fragen, ja, ganz bestimmt!
Abends stand Sheila in ihrem Zimmer, drehte das Schwert in ihren Händen und tat, als würde sie damit gegen einen unsichtbaren Gegner kämpfen. Das Fenster stand zum Lüften weit offen. Sheila war so vertieft in ihren "Kampf", dass sie Ray gar nicht wahrnahm, die durchs Fenster geflogen kam. Erst der laute Knall, den die Albin bei ihrer Vergrösserung von sich gab, liess das Mädchen gespannt erschrocken aufhorchen. Die Vierzehnjährige senkte das Schwert und wandte sich zu Ray. Diese schaute sich mit gespielter Langeweile um. Ihr linkes Auge war noch immer eingebunden. "Hallo. Wie schön, dass du mich besuchst...", sagte Sheila. Ray funkelte sie aus dem rechten ihrer hellgrünen Augen an. Nicht bösartig, bloss neugierig. Sie schien zu spüren, dass Sheila einige Fragen auf der Zunge brannten. Und das erwähnte sie auch, nachdem sie ihre Fledermausflügel hatte verschwinden lassen. "Du willst doch sicherlich noch etwas wissen.", sagte die Albin und lächelte freundlich hilfsbereit. Wie schon des öfteren kniff Sheila ihre Augen wie geblendet zusammen. Dann fiel ihr die Frage wieder ein und sie stellte sie, bevor sie sich über Rays gutes Gespür Gedanken machen konnte.

"Was hat es mit diesem Schwert auf sich?", fragte Sheila schliesslich. Erst zuckte Ray nur mit den Schultern, dann sagte sie: "Ich weiss es nicht so genau, bloss aus Gerüchten oder Legenden, so alt bin ich nun auch wieder nicht." Sheila zog eine Augenbraue hoch. Wenn das nun ein Scherz war- Ray war bestimmt nicht viel älter als Sheila- dann hatte Ray zweifelsohne einen sehr seltsamen Humor. "Doch ich weiss, dass es über viele, viele Jahrhunderte das Blut einer Frau gesammelt hat." "Das Blut einer Frau? Gesammelt?" "Ja, das heisst, vor vielleicht tausend Jahren hat das Schwert einer Kämpferin gehört, die es sich selber aus heruntergefallenen Streifen aus Mondlicht geschmiedet haben soll." Als Sheila noch verdutzter dreinsah als zuvor, erzählte Ray schnell weiter. "Es soll eine Zeit gegeben haben, in der die Mondgöttin sehr geschwächt war und jede Nacht geweint hat. Die Tränen schillerten erst als helles Licht auf die Erde, dann fielen sie herunter und übrig blieben silberne, metallähnliche Streifen. Aus denen hat sich dann die Kämpferin dieses Schwert gemacht. Anscheinend sollen die Tränen der Mondgöttin die Eigenschaft haben, die Seele eines Jeden bis in alle Ewigkeit zu erhalten. Deshalb waren viele hinter ihnen her, doch sie alle bezahlten mit ihrem Leben. Alle, bis auf die Kämpferin. Die Kämpferin hatte die Tränen für gute Zwecke eingesetzt, etwa um Schwächere zu beschützen. Sie soll sehr oft mit ihrem Schwert gekämpft haben und als sie dann besiegt wurde, sog es ihr Blut ein, um so ihre Seele aufzubewahren.
Und so wurde die Seele der Frau wiedergeboren und auch die Wiedergeburt kämpfte mit dem Schwert. Doch diese kämpfte für das Böse, schikanierte die Armen und Notleidenden, um sich zu bereichern. Auch ihr Blut wurde vom Schwert aufgesogen." Ray legte eine kurze Pause ein. Sie atmete tief durch und schien zu überlegen, wie sie nun weiterfahren sollte. Sheila hatte bis jetzt gespannt gelauscht und schien auch vorzuhaben, dies weiterhin zu tun. Und doch ahnte sie, worauf die Geschichte wahrscheinlich hinauslaufen sollte.
Noch einmal seufzte Ray, dann sprach sie weiter: "Wieder und wieder kam die Seele der Kämpferin zur Welt, mal um Gutes zu tun und mal um anderen zu schaden. Und jedes Mal forderte das Schwert das Blut der Wiedergeburten.
Du, Sheila Timmond, du bist eine Reinkarnation der Kämpferin, die vor tausend Jahren die Armen beschützt hat!" Sheila schluckte. Das hatte sie vermutet und doch war es etwas ganz anderes, ein komisches Gefühl, es jetzt wirklich zu hören.
 
Auf einmal wurde der Ausdruck in Rays Gesicht sehr ernst. Aus dem Auge, welches nicht eingebunden war, blitze etwas Warnendes, fast Drohendes. "Sheila, das ist dein Schwert, mit deinem Blut und deiner Seele. Es darf nicht in die Hände eines Unbefugten fallen!" Abermals schluckte Sheila und nickte dabei. Sogleich lief ein kalter Schauer über ihren Rücken. Sie wusste nicht so recht, ob sie die Geschichte nun glauben sollte oder nicht, da sie ja bloss auf Legenden und Gerüchten basierte. Und doch war da dieses Vertrauen, das Sheila während der kurzen Zeit, die sie Ray nun schon kannte, in die Albin gewonnen hatte.

Nach ein paar Tagen trainierte Sheila wieder mit Constantin Clark unter einer grossen Eiche. Diesmal schien Constantin nicht haushoch überlegen, er hatte sogar ernsthafte Probleme damit, sich gegen das Mädchen mit ihrem neuen Schwert zu wehren. Der Junge keuchte und schwang seine Waffe. Auch Sheila schien etwas ausser Atem zu sein, doch längst nicht so sehr, wie sie das noch vor einer Woche immer gewesen war, wenn sie sich mit ihrem besten Freund im Schwertkampf übte.
Im Geäst der Eiche sass eine kleine Gestalt, etwas grösser als eine Libelle. Sie hatte erdfarbenes Haar und hellgrüne Augen. Über dem linken Auge war eine blutverkrustete Schnittwunde zu sehen. Die kleine Gestalt beobachtete die beiden Kämpfer. Sie schien jedoch nur das rechte Auge dafür zu benutzen, das linke folgte nicht den Bewegungen der beiden Menschen, die unter dem Baum ihre Schwerter schwangen. Plötzlich flog eine Meise von links auf die Gestalt zu und landete laut piepsend neben ihr auf dem Ast. Die kleine Gestalt erschrak ziemlich heftig, fast wäre sie von ihrem Ast gefallen. "Sag mal, spinnst du eigentlich? Ich habe dir schon x-mal gesagt, dass ich auf dem Linken blind bin, also schleich dich nicht so an!" Die Meise piepste leise zustimmend. Nun konnte sich das kleine Wesen, das stark an eine Fee aus einem Bilderbuch erinnerte, bloss dass diese hier die Flügel einer Fledermaus zu haben schien, wieder dem Geschehen unter der Eiche widmen.
Nach etwa einer Viertelstunde war der Kampf zuende, Sheila hatte gewonnen und stemmte voller Freude über ihren ersten Triumph das Schwert in die Höhe. Constantin war etwas geknickt und doch schien er sich über die Fortschritte seiner Freundin zu freuen.
"Geh du ruhig schon mal vor. Ich komme dann später nach.", verkündete Sheila, als Constantin wie üblich auf sie wartete um mit ihr gemeinsam nach Hause zu gehen. Der braunhaarige Junge nickte und schlenderte in Richtung Dorf davon.

Sogleich kam die kleine Gestalt aus den Ästen der Eiche hervorgeflogen und steuerte direkt auf Sheila zu. Ray landete elegant auf Sheilas Schulter und flüsterte ihr ehrfürchtig ins Ohr: "Das war erste Klasse! Hätte nie gedacht, dass du wirklich so gut bist, meine Güte... Wenn du so weitermachst, haben wir den Sieg in der Tasche!" Sheila stutze. "Was für ein Sieg? Über wen?" "Der König plant, die Weltherrschaft zu übernehmen, aber du kannst das verhindern, Sheila Timmond!" "Aber... woher weißt du das so genau?" "Der König plant das schon seit rund fünfzig Jahren. Damals habe ich ihn und seine Zauberer im Schloss belauscht..." "Vor fünfzig Jahren?", rief Sheila empört und rief sich sogleich Rays jugendliches Aussehen in Erinnerung, da sie ihren Kopf nicht so weit drehen konnte, damit sie die Albin hätte ansehen können, die auf ihrer Schulter sass. "Wie alt bist du eigentlich?" "Bei Hundert habe ich aufgehört zu zählen..." Sheila kniff wieder einmal ihre Augen zusammen und schaute, als ob sie etwas geblendet hätte. "Und wieso siehst du so jung aus? Altern Albe etwa nicht so schnell wie Menschen?" "Aber nicht doch.", lachte Ray und flog von Sheilas Schulter runter um sich mit einem lauten Knall auf Menschengrösse zu vergrössern. "Vor viel zu langer Zeit, als ich wirklich noch so jung war, überfielen listige Zauberer den Wohnort der Albe. Meine Eltern und meine Geschwister, fast alle meine Freunde wurden getötet. Doch ich kämpfte verbittert weiter. So ein bisschen zaubern können Albe auch, sie bringen den Menschen schlechte Träume und so, aber während dem Krieg mit den Zauberern verlagerte sich meine ganze Magie auf meinen Wunsch, zu leben und das Böse zu bekämpfen. Und plötzlich bin ich einfach nicht mehr gealtert, ich blieb so jung, wie ich es damals war. Ich bin nicht wirklich unsterblich, wenn man es so sehen will", Ray deutete auf ihre Wunde an ihrem linken Auge, "ich bin nicht unverwundbar, man könnte mich bestimmt spielend umbringen...und wenn ich plötzlich den Willen verlieren würde, weiterzukämpfen um Ungerechtigkeit zu vertreiben, da bin ich mir sicher, würde ich einfach tot zusammenklappen, auf der Stelle sofort!" Sheila brauchte einen Moment, bis ihr alles klar war. Ray alterte also nicht, weil sie kämpfen wollte? Doch wie lange war nun der Krieg zwischen den Alben und den Zauberern schon her? Hundert, vielleicht hundertfünfzig Jahre? Es gibt doch inzwischen wieder ganz viele Albe, oder etwa nicht? So viele Fragen schwirrten in Sheilas Kopf umher, dass sie gar nicht bemerkte, dass sie nun alleine unter der grossen Eiche stand und die Dunkelheit langsam über ihr hereinbrach. Sheila blickte sich um. Ray war wohl vorhin wieder in den Wald zurück gegangen.
Schliesslich machte sich Sheila selbst auf den Weg zum Dorf.
Sie wusste es selber nicht, wie es ihr gelungen war, unbemerkt an ihrem Vater vorbei zur Treppe und ohne einen prüfenden Blick ihrer Mutter in ihr Zimmer zu gelangen, das "Schwert des weinenden Mondes" fest mit den Fingern der rechten Hand umklammernd. Als sie in ihrem Bett lag, grübelte Sheila noch lange über Ray nach. Nach einer kurzen weile dachte sie laut: "Darleen Rainbow, du bist echt stark!" und wünschte sich, Ray hätte ihre bewundernden Worte vernommen.
 
Viele Male sah man auf den prächtigen Wiesen rund um das kleine Dörflein die Blumen blühen und wieder welken, den Schnee ansteigen und wieder schmelzen. Und wenn man sich nun, nach sieben Jahren im Dorf umschaute, so erblickte man ein junges Paar, das Arm in Arm durch die Strassen spazierte.
Die Frau hatte langes, glänzend schwarzes Haar und dunkle Augen, welche vor Freude funkelten. Der Mann war schlank und gross gewachsen, hatte braunes Haar und leuchtende, graubraune Augen, deren Blick fast schmachtend auf die junge Frau an seiner Seite gerichtet war.
Hie und da hörte man hinter ihrem Rücken jemanden Tuscheln. "Constantin, der Sohn des legendären Schwertkämpfers Thomas Clark, gibt sich mit der Tochter des Schmiedes ab? Unglaublich." "Nein, ist es nicht, ihre Mütter sind befreundet..." "Ich habe gehört, dass die beiden am selben Tag im selben Jahr geboren worden sind."
Meist hörten die beiden Verliebten das Getuschel gar nicht, und falls doch, konnte es ihnen nur ein kleines, mitleidig wirkendes Lächeln entlocken.
An der Tür zur Stahlschmiede hielten sie an. "Warte kurz!", sagte die Frau und ging hinein. Nach einer Minute kam sie wieder hinaus und überreichte Constantin fast feierlich ein Schwert mit schwarzem Griff und silberner Klinge. Ein wenig unbehaglich war der jungen Frau schon dabei, hatte ihr doch vor sieben Jahren jemand strikt verboten, das Schwert wegzugeben.
"Das ist doch... das Schwert mit dem du mich damals besiegt hast, nicht wahr?" Die junge Frau nickte. "Ich schenk es dir, wenn du mir versprichst, lebend aus dem Krieg zurückzukehren, verstanden?" Constantin schmunzelte, doch wirkte er nicht wirklich vergnügt. Der Gedanke, in den Krieg ziehen zu müssen, den ihr König vor rund zwei Tagen begonnen hatte, behagte dem jungen Mann gar nicht.

Am nächsten Tag standen sie da. Alle Männer aus dem Dorf waren bereit, in den Krieg zu ziehen. Hinter ihnen befand sich eine Schar weinender Frauen, die ihren Männern, Freunden, Verlobten oder Söhnen unter Tränen viel Glück wünschten. Die junge Frau mit dem langen schwarzen Haar war auch unter ihnen, doch sie weinte nicht. Sie schaute nur mit leicht trübem Blick in ihren grossen, dunklen Augen auf ihren Freund Constantin, wie er da stand und den Griff des "Schwertes des weinenden Mondes" fest mit seinen Fingern umklammerte. Etwas weiter hinten in der Menge stand ein Mädchen, sechzehn, vielleicht siebzehn Jahre alt mit erdfarbenem, nackenlangem Haar, hellgrünen Augen und einer deutlich sichtbaren Narbe, die sich von oberhalb der linken Augenbraue über das darunterliegende Auge bis in die Mitte der linken Wange zog. Das Mädchen beäugte das Geschehen interessiert, wandte sich dann ab und ging af den Wald zu, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Ein paar Wochen waren vergangen. Ein leichter Nebel legte sich über das Land. Nur schwach konnte man in der Ferne zwei Gestalten erkennen. Das fahle Mondlicht beleuchtete ihre Körper.
"Können wir da einfach zusehen?!", fragte der König, der oben im Schloss auf seinem Stuhl sass und alles durch die Kristallkugel von Nr.2 beobachtete. "Ja.", sagte Nr.2. "Aber wir könnten doch wenigstens die Frau am Leben lassen, die ist doch harmlos!" "Seid doch nicht so ungeduldig, Eure Herrlichkeit. Alles wird zu seiner Zeit geschehen."

Die eine der beiden Gestalten war eine junge Frau. Ihr schwarzes, langes Haar wehte im leichten Wind und ihre dunklen Augen blickten voller Traurigkeit auf die andere Gestalt, einen jungen Mann, der zu ihren Füssen lag. Er war schwer verwundet, sein Schwert lag neben ihm auf der kalten, mit Blut und Tränen getränkten Erde. Er streckte seinen Arm nach der Frau aus. Diese ergriff die zitternde Hand und hielt sie fest. Sie sagte etwas und küsste zögerlich seine Finger. Sogleich spürte sie, wie die Hand des Mannes an Leben und Wärme verlor. Keine einzige Träne floss über die zarten Wangen der Frau. "Nein, ich werde nicht weinen! Du würdest es nicht wollen, nicht wahr, mein Constantin!?" Langsam kniete die Frau nieder und legte die leblose Hand ihres Geliebten zu Boden.

"Seht nun, wie ich das Schicksal in Bewegung setze, mein Herr! Diese Menschen werden uns nie wieder in die Quere kommen." "Ja, ich vertraue dir."

Wie aus dem Nichts stand plötzlich ein anderer Mann bei der Frau. Erschrocken fuhr sie herum. "Wer seid Ihr?" Ein hämisches Grinsen umspielte den von Bartstoppeln umrandeten Mund des Fremden. "Ich bin ein mächtiger Zauberer und kann Euch sicherlich behilflich sein!" Die Frau schaute ihn mit fragendem Blick an. "Und wie gedenkt Ihr das zu tun?" "Nun, ich kann bewirken, dass Ihr, Mylady, wiedergeboren werdet und somit Euren Geliebten im nächsten Leben wiedertrefft!" Das Herz der Frau klopfte wild. Sollte sie dem Fremden etwa trauen? Nein! An Scharlatane durfte sie ihr Vertrauen nicht verschwenden! "Nein, ich traue Euch nicht. Bitte geht und lasst mich alleine!" Noch immer war das Grinsen nicht aus des Fremden Ausdruck gewichen. "Wie Ihr wollt. Doch bedenkt..." Sogleich starrte die Frau wie gebannt auf den Mann. "Was? Sagt es mir!" "Hmm, nun ich bin ein Hofzauberer des Königs, Ihr könnt mir also ruhig vertrauen!" Die dunklen Augen der jungen Frau weiteten sich und Hass stieg in ihnen empor. "Ihr... Ihr seid ein Handlanger dieses... dieses Monsters, das den Krieg begonnen und meinen Constantin in den Tod geschickt hat?!" Der Zauberer schluckte.

"Was geht da vor sich?" "Nr.4 scheint Probleme zu bekommen!" "Probleme?!" "Ach, so schlimm wird es schon nicht werden! Keine Angst, mein Herrscher, der Mann wird seinen Auftrag ganz zu Eurer Zufriedenheit erfüllen." Schallendes Gelächter erfüllte den Raum.

Inzwischen hatte die Frau das Schwert ihres Geliebten vom Boden aufgehoben und richtete seine lange, scharfe Klinge auf den Zauberer. Dieser wich mit wild gestikulierenden Händen ein paar Schritte zurück. Die Augen der Frau funkelten angriffslustig. Immer wieder schluckte der Zauberer leer und angestrengt. Er überlegte krampfhaft, wie er sich wohl aus dieser misslichen Lage herauswinden könnte. Dies erkannte die Frau in seinem Ausdruck, doch sie störte sich nicht daran. "Ihr habt wohl mit meinem geliebten Constantin den falschen Schwertkämpfer umgebracht!", schrie sie. Ihre Stimme bebte vor Zorn, doch ihre Hände umfassten den Griff des Schwertes sicher und fest, ohne auch nur das kleinste Zucken erkennen zu lassen. Erschrecken und Verwunderung schlichen sich in den Blick des Zauberers. "Wie meint Ihr das?"
 
"Oje, das Problem scheint doch grösser zu sein, als ich dachte!" "Was soll das heissen?" "Diese Frau birgt doch eine grössere Gefahr, als alle anderen Menschen zusammen! Und sie weiss etwas!" "Grr, dann tut doch etwas!" "Das ist nicht so einfach, Eure Mächtigkeit. Ich hatte damit gerechnet, dass die Frau harmlos wäre und wir sie spielend überlisten könnten, doch sie hat uns hinters Licht geführt!" "Inwiefern? Ist sie etwa diejenige, von der der alte Hellseher gesprochen hat?"

Der Zauberer sah sich inzwischen einer überlegen scheinenden Gegnerin gegenüber. Die Spitze der Schwertklinge befand sich bedrohlich nahe an seiner Kehle. Angstschweiss rann ihm über die Stirn. Wieso bloss hatte sich diese Frau, die doch erst so harmlos und schwach gewirkt hatte, plötzlich in eine zu allem entschlossene Kriegerin verwandelt? Wieso musste ihm das nur passieren? Er wollte sie doch nur verfluchen, nur ein kleiner Fluch und nun sollte er sterben?
Langsam begann er in seiner Todesangst Zauberformeln zu murmeln. "Seid still, oder ich durchbohre Euren Hals mit meinem Schwert!" Wieder schluckte er. Er musste einfach weitermachen, nur noch zwei Worte und diese Frau und ihr Mann könnten niemals wiedergeboren werden und ihm und allen anderen nie mehr in die Quere kommen! Nur noch zwei kleine Worte!
Nachdem er schon das erste Wort leise vor sich hin gesagt hatte, ritzte ihm die Frau eine kleine Schnittwunde in den Hals. Wie ein roter Fluss rann das Blut schier unaufhörlich der Kehle des Zauberers und der Klinge des Schwertes entlang. Vorsichtig führte die Frau die eiserne Klinge zu ihrem Gesicht und leckte nahezu genüsslich des Zauberers Blut von der scharfen Waffe. "Noch ein Wort und Ihr könnt des Lebens abdanken!", knurrte sie.
Ha, ich brauch auch nur noch ein Wort! Mein Herrscher, bitte steht mir bei!

"Hmm, er scheint es nicht zu schaffen." "Doch, doch, wartet es ab, mein Herrscher. Ich habe da schon so ein gutes Gefühl!" "Na, wenn du das sagst. Doch ich fühle mich so machtlos hier!" "Habt Geduld. Bald werdet Ihr mehr Macht haben, als Ihr verantworten könnt" Wieder füllte sich der Raum mit dem Klang erheiterter Stimmen.

Voller panischer Hoffnung schrie der Magier der Frau das letzte Wort entgegen. Schnell stiess sie zu und durchbohrte den Hals des Mannes mit ihrem Schwert. Mit einem ächzenden Geräusch sank er zu Boden.
Plötzlich entstand eine Schockwelle und schleuderte die Frau einige Meter zurück. "Ein Fluch?!", keuchte sie. Hass stieg in ihr empor und liess ihren wütenden Blick hinter aufsteigenden Tränen verschwimmen. Mit einem lauten Schrei rammte die junge Frau ihr Schwert in den spärlich mit Gras bewachsenen Boden. Dünne Risse taten sich rings um die senkrecht in der Erde steckende Klinge auf. Noch immer hielt die Frau mit dem langen, schwarzen Haar den schwarzen Griff des Schwertes mit beiden Händen umklammert. Auf einmal rann ein kleiner Strom einer roten Flüssigkeit am Schwertgriff entlang. Die Frau schreckte auf und starrte auf ihre Hände. Sie waren voller Blut, beide Handflächen völlig damit bedeckt. Ein Schwall von Tränen tropfte auf die zitternden Hände der jungen Frau, doch er vermochte den Blutstrom nicht zu stoppen. Schwer atmend griff die Frau mit beiden Händen in die Klinge des immer noch im Boden steckenden Schwertes. Der rote Strom floss über die Klinge und vermengte sich währenddessen mit angstvollen Tränen. Das Schwert sog die beiden Flüssigkeiten auf. Die Tränen und das Blut verschwanden restlos in der Waffe. Ein letztes kleines Lachen liess ein klein wenig Blut aus ihrem Mund hervorspritzen, bevor die junge Frau leblos in sich zusammensank.

"Seht, mein Herr. Alles lief nach Plan. Der Fluch ist gesprochen und die Frau tot, was wollen wir mehr?" "Hmm, ihr Schwert bereitet mir Kopfschmerzen." "Was ist denn damit?" "Hast du das nicht gesehen? Es hat das Blut der Frau aufgesogen!" "Was?! Nun, dann haben wir ein Problem, Eure Geduldigkeit." "Was denn nun wieder?" "Ähm, es könnte unter Umständen sein, dass sie nun doch wiedergeboren werden." "Und wann soll das sein?" "Keine Ahnung. Auf jeden Fall können wir den Plan nicht fertig umsetzten, bis diese Wiedergeburten nicht auch tot sind, sonst könnten sie ihn doch noch vereiteln." "Ahhhrg! Das ist so schrecklich!! Ich will nicht warten! Immer heisst es warten, warten und nochmals warten, ich kann bald nicht mehr! Ich lebe auch nicht ewig, verstehst du..." "Aber Eure Jähzornigkeit, Ihr seid doch unsterblich! Solange Ihr Euch im Bannkreis, das heisst, in diesem Schloss befindet, sterbt Ihr keines natürlichen Todes. Auch wenn diese Frau und ihr Freund in 10'000 Jahren erst wiedergeboren würden, wäret Ihr zu diesem Zeitpunkt immer noch so jung und majestätisch wie heute!" "Oh, hab ich ganz vergessen." "Und nun lasst uns einen neuen Plan ausdenken, die nächsten Wiedergeburten zu vernichten..."

Die beiden bemerkten nicht, wie sich unten auf dem Schlachtfeld, das einst eine prächtige Blumenwiese gewesen war, eine Gestalt den leblosen Körpern von Constantin und Sheila näherte. Die Gestalt hatte erdfarbenes, zerstrubbeltes Haar und aus ihrem Rücken ragten schwarze, ledrige Flügel, die denen einer Fledermaus glichen.
Der junge und doch alte Erdgeist schlug sich beim Anblick der toten Sheila die Hände vors Gesicht und weinte bitterlich. Dann, nach dem nicht allzu lange anhaltenden Moment der Trauer hob das weibliche Traumgespenst das Schwert mit dem schwarzen Griff und der silbernen Klinge vom Boden auf, schlug ein paar mal kräftig mit den Flügeln und schwebte davon. Einzig die Sterne, der Mond und der Nebel waren Zeuge, als Darleen Rainbow, die doch lieber Ray genannt werden wollte, ins schützende Geäst des naheliegenden Waldes abtauchte...
 
Ende

Dies ist mein einziges Werk, das länger ist als eine bis drei Seiten und auch wirklich zu ende ist... Es ist schon ziemlich alt, daher bitte ich um Verständnis, sollte der Schreibstil sehr von neueren Werken wie "Weisse Flügel" oder "Kopfüber" abweichen. Inzwischen habe ich mich- so finde ich- sehr weiterentwickelt, jedoch ist es die Geschichte meiner Meinung nach trotzdem wert, hier veröffentlicht zu werden.
Der Schluss ist der älteste Teil am Ganzen, ihn habe ich als erstes als eigentlich in sich abgeschlossene Kurzgeschichte geschrieben, doch später entstand die Story drumherum.
Ich hoffe, sie gefällt euch...

Eure Jasmin Räbsamen
Jasmin Räbsamen, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.08.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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