Michael Thiele

Sentry - Die Abenteuer des Jack Schilt


SENTRY - Die Abenteuer des Jack Schilt
Kapitel 1
Wir waren schon in viele Stürme geraten und hatten alle miteinander mehr oder weniger gut gemeistert. Doch diesmal war es etwas anderes. Die wütende, aufgepeitschte See schien sich zum Ziel gesetzt haben, uns hier und heute für all die glücklichen Male, die wir sie überlistet hatten, zu bestrafen. Meterhohe Wellen türmten sich um uns auf, ein nicht enden wollender Ablauf von kochenden Wogen, die den Untergang unseres kleinen Fischerbootes wollten.Rob und ich kämpften mit Händen und Füßen gegen die drohende Zerstörung unserer kleinen Nussschale, bis das Steuerruder brach und uns ganz und gar hilflos der üblen Laune des Ozeans aussetzte. Das Entsetzen im Gesicht meines älteren Bruders war für mich niederschmetternder als die entfesselten Elemente. Ich konnte mich nicht erinnern, ihn je ratloser gesehen zu haben, ich glaube auch, dass es das einzige Mal gewesen sein musste, wo ich ihn so erlebte.
Wie hatte es nur so weit kommen können? Wir waren eigentlich mit den Gesetzen der See vertraut und wussten um die Vorzeichen eines Wetterumsturzes. Auch heute Mittag noch, als wir unsere bevorzugten Fanggründe in der Nähe der Tiefen Rinne zwischen den Inseln Radan und Auckland erreichten und die Netze auswarfen, hätte ich alle möglichen Eide auf bestes Wetter bis in die späten Abendstunden geschworen. Nur so ist es zu erklären, dass wir uns beide gleichzeitig ein Mittagsschläfchen im Schatten des sich leise im lauen Wind bewegenden Sonnensegels gönnten, das jäh endete als eben jenes laut flatternd herab fiel und uns einhüllte wie ein überdimensionales Bettlaken. Eine Bö hatte es in zwei Teile zerfetzt, das kleinere davon war auf Nimmerwiedersehen davongeflogen und wer weiß wo gelandet.
Wir sprangen auf unsere Füße und warfen überraschte Blicke in den bezogenen Himmel. Dunkelgraue Wolken waren aufgezogen, der Horizont in tiefstes Schwarz getaucht, das Meer aber noch verhältnismäßig ruhig und gelassen. Noch …
Wir konnten nicht lange geschlafen haben, vielleicht eine oder anderthalb Stunden, keinesfalls länger. Doch die Welt um uns herum hatte sich in dieser kurzen Zeitspanne dramatisch verändert. Wir holten hastig die Netze ein, was sich als nicht ganz einfach erwies, denn zu allem Überfluss hatte sich auch noch ein großer Auregu in den Maschen verfangen. Auregus zählen zu den weniger geschätzten Überraschungen im Netz eines Fischers, nicht etwa, weil ihr Fleisch ungenießbar ist, im Gegenteil, doch Geschenke dieser Art nimmt man eher mit der Angel an, als sie mühsam aus den Netzen zu schneiden, denn letzten Endes bleibt einem nichts anderes übrig. Die langen und überaus scharfen Widerhaken an allen Flossen dieses Tieres sind geradezu prädestiniert, sich hoffnungslos in einem Netz zu verheddern, vor allem dann, wenn der Fisch in Panik versucht, sich mit ruckartigen Bewegungen loszureißen, was seine missliche Lage nur noch verschlimmert. So mancher unerfahrene Jungfischer hat seine ersten unangenehm schmerzvollen Erfahrungen bei dem Versuch gemacht, einen Auregu zu befreien und das Netz dabei weitgehend zu schonen. Eine durchaus verständliche Reaktion, jedoch ein Fehler, den man nur einmal begeht. Die tückischen Stacheln bleiben mit Vorliebe in der Haut stecken, was zu tiefen Wunden führt, die sich vorzüglich entzünden, schwer abheilen und unvergessliche Narben hinterlassen.
  „Es kommt schwerer Sturm auf", sagte ich zu meinem Bruder, der eifrig begonnen hatte, die Maschen aufzutrennen, um sich des unliebsamen Fanges zu entledigen. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich das Netz einfach ins Boot gezogen und da liegen lassen, mit dem Auregu darin oder nicht. Rob setzte aber andere Prioritäten, ich ließ mich auch nicht auf Diskussionen ein, wusste ich doch um seine verschiedene Betrachtungsweise bei so manchen Dingen. Immerhin handelte es sich bei dem Fangnetz um eine seiner letzten Arbeiten, an der er mehrere Wochen gesessen hatte. Verständlicherweise wollte er den Schaden so gering wie möglich halten. Ich kümmerte mich also um das andere Netz, holte es, so schnell es alleine ging, ein und nahm dabei keine Rücksicht auf die gefangenen Tiere, die darin zappelten. Ich wollte so rasch wie möglich zurück, ein ausgewachsenes Unwetter auf offener See konnte unserem kleinen Boot sehr gefährlich werden und ich verspürte nicht die geringste Lust, seine Belastbarkeit auszutesten. Während Rob nun doch laut vor sich hin fluchend sein geliebtes neues Netz zerschnitt, setzte ich das Segel so gut es unter diesen Umständen ging, und brachte den Kahn in den immer stärker werdenden Wind. Wir nahmen zügig Fahrt auf, doch selbst bei günstigem Wind würden wir gute zwei Stunden benötigen, um Port West zu erreichen.
  "Sieht so aus, als zöge das Unwetter an uns vorbei", mutmaßte Rob, der den herausgeschnittenen Auregu mitsamt den unbrauchbar gewordenen Teilen des Netzes achtlos über Bord warf.
 „Was tust du denn?" fragte ich ihn fassungslos. Einen Auregu dieser Größe einfach so aufzugeben, passte nicht so ganz in mein Weltbild eines ehrgeizigen Fischers.
  „Eine Gefahrenquelle weniger", erklärte Rob trocken. „Wer weiß, was da auf uns zukommt. Ich übernehme!" Er nahm mir das Steuerruder aus der Hand und änderte unverzüglich und kommentarlos den Kurs in westliche Richtung und damit auf Radan zu. Ich ärgerte mich, nicht selbst auf diesen Gedanken gekommen zu sein, wo er doch eigentlich am Einleuchtendsten war.
  Die drohenden pechschwarzen Wolken hatten uns inzwischen eingeholt und es mochte vielleicht eine gewisse Zeit so aussehen, als würden sie das Gebiet, in dem wir uns befanden, nur berühren, aber als die ersten heftigen, überraschend kalten Böen aufkam, die unser Segel auf eine arge Zerreißprobe stellten, mussten wir diese Hoffnung begraben. Also blieben wir erst einmal sitzen, zogen wärmende Kleidung über unsere noch nackten Oberkörper und hofften, dass alles gut gehen würde. Das Boot schipperte über die immer stärker werdende Dünung in Richtung Westen auf Radan zu. Bei guter Sicht hätte die Insel bereits in Sichtweite sein müssen, doch verbarg sie sich vor unseren Augen hinter einem düsteren Horizont, der keine Rettung versprach. Rob umklammerte das Steuer mit eisernem Griff, während ich das gereffte Segel im Auge behielt, bereit, es gänzlich einzuholen, sollte der Wind noch an Kraft zulegen. Und das tat er. Eine mächtige Bö raste über uns hinweg, riss an unseren Körpern, peitschte das Seewasser auf, das an Bord schwappte, und mit einem garstigen, geradezu höhnisch klingenden Peitschenknall riss sie das Segel entzwei, das wie ein entfesseltes Gespenst wild flatternd um sich zu schlagen begann.
  „Segel einholen!" hörte ich Rob rufen. Der Wind heulte inzwischen so laut, dass ich seine Stimme nur noch wie durch einen Schleier vernahm. Er zerrte an seinen Worten und entführte sie aufs Meer hinaus, bevor sie mein Ohr richtig erreichen konnten. Mit flinken, tausendfach geübten Handgriffen holte ich die Fetzen, die einmal unser Segel gewesen waren, ein, was sich jedoch als sinnlos erweisen sollte, denn ein erneuter heftiger Windstoß griff mit unheimlicher Gewalt nach ihnen, riss sie aus meinen Händen und zusammen mit Teilen der Takelung in die immer dunkler werdende Nacht, die sich um uns herum ausbreitete. Innerhalb weniger Sekunden war unser einst seetüchtiges Boot schwer beschädigt und am Rande der Manövrierunfähigkeit. Seewasser wogte überall herein, die rasante Fahrt über Wellenkämme und hinunter in immer tiefere Täler nahm unerträgliche Ausmaße an. Ich spürte Übelkeit aufkommen und schauderte bei dem Gedanken, gegen Todesangst und Brechreiz gleichzeitig ankämpfen zu müssen. Rob tat sein bestes, uns vor dem Kentern zu bewahren und hing mit aller Kraft am Ruder, riss es fluchend mal nach backbord, mal nach steuerbord. Das geschundene Boot tanzte eigensinnig wie eine tollwütige Ballerina auf und ab und hin und her, rotierte dabei um seine eigene Achse, drohte mehrmals umzuschlagen, richtete sich ächzend und stöhnend wieder auf, schlug dabei immer mehr voll Wasser und raste auch schon den nächsten Kamm hinauf, um auf der anderen Seite wiederum in ein tiefes Tal zu stürzen. Mit aller Kraft, die meine müden Arme noch hergaben, schöpfte ich Wasser aus dem bereits so gut wie voll gelaufenen Kahn, wissend, dass meine Bemühungen vergeblich waren. Fast zeitgleich mit dem ersten ohrenbetäubenden Donnerschlag verlor ich den von Anfang an aussichtslosen Kampf gegen meinen rebellierenden Magen und fing hemmungslos an zu kotzen, was mir trotz der körperlichen Anstrengung wie eine Befreiung vorkam. Doch das heftige Schaukeln des um sein Leben kämpfenden Bootes wollte so gar nicht im Rhythmus mit den Konvulsion! en, die mich schüttelten, ablaufen, und als ich mit der Stirn gegen den Bootsrand prallte, wurde mir schwarz vor Augen. Einen Augenblick dachte ich, ich verlöre die Besinnung. Ein ganzes Farbenmeer explodierte hinter meiner Schädeldecke. Ich spürte meinen eigenen Pulsschlag mit der Wucht eines Hammerwerks durch mein Gehirn jagen. Robs überraschten Aufschrei, als das Ruder den entfesselten Naturgewalten nachgab und brach, bekam ich nur am Rande mit. Ich hielt mich krampfhaft am Bootsrand fest, um nicht über Bord gespült zu werden, denn eines war mir trotz allem äußerst klar und bewusst: in diesem angeschlagenen Zustand würde ich keine fünf Minuten in der aufgewühlten See überdauern. Festhalten hieß die Devise und das war auch alles, auf was ich mich noch zu konzentrieren in der Lage war. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich mich festklammerte, mir die Frage stellte, wie viel Zeit es noch dauern konnte, bis das Boot auseinanderbrach oder versank, oder beides, es mochten wohl nur wenige Minuten gewesen sein, als es plötzlich mit einem völlig unerwarteten Ruck zum Stillstand kam. Ich schrie überrascht auf, verlor den Halt und stürzte mit dem Kopf voran über Bord in die erzürnte See. Ein starker Sog, dem ich rein gar nichts entgegenzusetzen wusste, erfasste mich augenblicklich. Wie Treibgut wurde ich nach allen Seiten hin und her geworfen – und spürte plötzlich Sandboden unter meinem gebeutelten Körper. Benommen blieb ich  prustend auf dem Bauch liegen, spie Salzwasser, Sand und Erbrochenes aus und versuchte mich instinktiv auf allen Vieren krabbelnd aus der Gefahrenzone zu bringen. Um mich herum tobte ein fürchterlicher Sturm – oder war es nur das ohrenbetäubende Getöse der wütenden Wellen? Wir mussten gestrandet sein, womöglich auf Radan, und der nahe liegende Gedanke, von der Strömung doch noch erfasst und aufs Meer hinaus gezerrt zu werden, verlieh mir neue Kräfte. Weit sollte ich nicht kommen, denn plötzlich war wieder überall Wasser. Die Brandung schleuderte und schleifte mich mit Urgewalt einen unbekannten Küste! nabschni tt hinauf. Ich erwartete, jeden Augenblick gegen einen Felsen zu schlagen und schützte meinen Kopf so gut wie unter diesen Umständen möglich mit beiden Armen. Doch nichts dergleichen geschah. Einem Stück Treibholz gleich fand ich mich in tiefem Sand halb eingegraben wieder, nachdem sich das Wasser erneut zurückgezogen hatte – wer wusste wie lange. Schwer atmend und am Ende meiner Energie angelangt nahm ich alle Reserven zusammen und robbte umständlich wie ein gejagter Seehund fern seinem natürlichen Element blindlings los, nur weg von den heranrollenden Wellen, raus aus der Gefahrenzone. In meinem Schädel dröhnte und hämmerte es. In all dem Chaos fiel mir mein Bruder ein… ob er es auch geschafft hatte? Einen kurzen Moment zögerte ich, hin und her gerissen von der Angst um mein eigenes und Robs Leben, kroch dann aber weiter und kämpfte mich schließlich sogar auf die Füße. Der Orkan zerrte wie besessen an meinem Körper, offenbar fest entschlossen, mich wieder zu Boden zu werfen, wo ich seiner Meinung nach hingehörte. Ich rang entschieden dagegen an und wagte endlich einen ersten Blick über meine rechte Schulter den Strand hinunter. Ich befand mich bereits außerhalb der Reichweite der zusammenfallenden Wellenberge, ging dennoch auf Nummer sicher und stolperte einige Meter weiter, bis meine Beine ihren Dienst versagten, einfach einknickten und ich mit dem Gesicht zuunterst in nassem, kaltem Sand landete. Benommen blieb ich liegen und rappelte mich wieder hoch, als sich Regen wie aus Tausenden von Kübeln über mich ergoss. Ich setzte mich auf, wandte den Kopf um und versuchte vergeblich durch den dichten Niederschlag zu spähen. Es war unmöglich. Die Schleusen des Himmels hatten sich geöffnet. Wie ein dichter Vorhang fiel der Regen herab, hüllte mich in sich ein und nahm mir jegliche Sicht. Vehement überkam mich die Angst um meinen Bruder. Wo war er nur? Wo war das Boot? Ich verzweifelte. Was konnte ich nur tun? Ich fühlte mich so verdammt hilflos. Tränen der Hoffnungslosigkeit und des Schmerzes rannen aus mein! en Augen und verloren sich in den Sturzbächen aus Regenwasser, die mir literweise ins Gesicht liefen.
  Was war das?
  Hörte ich da nicht jemanden meinen Vornamen rufen?
  Oder war es nur das Heulen des wütenden Sturms?
  Halluzinierte ich schon?
  Mit letzter Kraft schrie ich verzweifelt Robs Namen anklagend in Richtung Meer. Dann gingen sämtliche Lichter aus. Mein ausgelaugter Körper hatte kapituliert, ich kippte nach hinten weg und verlor das Bewusstsein.
  In einer veränderten Welt kam ich wieder zu mir. Ich schlug die Augen auf und blinzelte heftig. Über mir nahm ich so etwas wie die natürliche Decke einer Höhle wahr. Ich schluckte mehrmals und neigte meinen heftig pulsierenden Schädel erst nach rechts und dann nach links.
  Okay, ich lebte. Mit diesen Kopfschmerzen musste man noch unter den Lebenden weilen. Mit schwachen, zitternden Händen tastete ich meinen Kopf ab und bemerkte Stoff, der um selbigen gewickelt oder gebunden war. Jemand hatte mir einen Verband angelegt. Ich stützte mich auf die Ellenbogen und blickte mich in der Höhle um. Sie war nicht sonderlich geräumig, bot aber genügend Schutz vor der sengenden Sonne, die draußen wieder das Regiment übernommen hatte. Das blendende Licht, das in die Höhle drang, schmerzte in den Augen und verstärkte das Pochen unter meiner Schädeldecke. Neben mir erspähte ich ein zerfetztes Hemd auf dem weichen, trockenen Sandboden liegen.
  Robs Hemd.
  „Rob?" Ich erkannte meine eigene Stimme nicht wieder. „Rob, wo bist du?"
  Nur das leise, beruhigende Rauschen irgendwelcher Bäume antwortete mir von draußen. Ich setzte mich auf. Da es besser ging als erwartet, wagte ich, mich auf die eigenen Füße zu stellen. Zwar nahmen die Kopfschmerzen wie auf ein geheimes Kommando hin an Intensität zu, doch den pulsierenden Schmerz ignorierend machte ich die ersten unsicheren Schritte und trat vor die Höhle hinaus ins Freie. Xyn, die gute alte Sonne, stand bereits tiefer als angenommen und tauchte die Umgebung in warmes, goldenes Licht. Ich konnte das Meer sehen, glatt und glänzend wie ein Spiegel lag es da. Nichts erinnerte mehr an das Unwetter, das hier vor kurzem noch tobte. Nach einigen weiteren Schritten drehte sich mir der Kopf und ich lehnte mich gegen den kräftigen Stamm einer willkommenen Palme. Dann vernahm ich die Stimme meines Bruders.
  „Hey, du bist wieder unter den Lebenden!" Vor mir stand ein lächelnder, kerngesunder Robert Schilt jr. Keine Schramme, keine Blessur war in seinem tief gebräunten Gesicht sowie am Rest seines von der Sonne gegerbten Körpers auszumachen, der nur in einem alten Paar zerschlissener kurzer Hosen steckte. Wieder einmal stellte ich fest, wie verblüffend ähnlich wir uns sahen. Manchmal war mir so, als blickte ich in einen Spiegel, wenn ich sein Gesicht dicht vor meinem gewahrte. Gut, er war drei Jahre älter und sah mit seinen Siebenundzwanzig reifer und erwachsener aus als ich – jedenfalls empfand ich es so – aber das war natürlich eine rein subjektive Ansichtssache. In Port West konnte man uns schon als Kinder nur schwer voneinander unterscheiden. Natürlich war Rob als der Ältere auch immer der Größere gewesen und neben ihm verriet mich stets mein geringerer Wuchs. Tatsächlich sollte ich ihn später einmal einholen und sogar um wenige Zentimeter überragen. Dennoch, die erstaunliche Ähnlichkeit blieb, und getrennt voneinander waren wir uns tatsächlich zum Verwechseln ähnlich. Ich mochte vielleicht ein paar Haaresbreiten größer sein als er, dafür verfügte Rob über einen kräftigeren Körperbau. Er glich seine geringere Körpergröße durch breitere Schultern aus, ein für das ungeübte Auge durchaus markantes Unterscheidungsmerkmal.
  Rob reichte mir einen hölzernen Becher. „Hier, trink! Du hast bestimmt Durst."
  Ich bemerkte erst jetzt, wie durstig ich war, ergriff das Gefäß und trank. Das Wasser war kühl und süß, und ich verlangte sogleich nach mehr. Rob ging in die Knie und schöpfte aus einem alten Holzeimer nach. Ich erkannte den Eimer sofort wieder, genau wie den Becher. Das letzte Mal hatte ich beide in unserem Boot gesehen. Bevor ich etwas sagen konnte, ergriff ich gierig das Trinkgefäß und stürzte seinen köstlichen Inhalt in mich hinein. Ah, das tat gut.
  „Du hast es also geschafft. Und in deutlich besserer Verfassung als ich", sagte ich endlich. Die Erleichterung darüber war mir vielleicht nicht anzuhören, aber in unserer langjährigen Kommunikation untereinander spielten vor allem die für Außenstehende nur schwer wahrnehmbaren Untertöne eine wichtige Rolle. Und Rob bekam sehr wohl mit, dass mir eine tonnenschwere Last von der Brust gefallen war. Er grinste. „He, kleiner Bruder, in deinem Alter habe ich mich auch noch sehr ungeschickt benommen. Da machen wir eine kleine Bootsfahrt, als wäre es deine erste, und der erste Luftzug weht mein Brüderchen über Bord. Und wie sieht er aus, wenn ich ihn wieder finde? Er liegt halb eingegraben und bewusstlos im Schlamm, hat ein Loch im Kopf und spielt toter Mann. Mensch, Junge!" Er machte einen Schritt nach vorne, legte beide Arme um meine Schultern und drückte mich fest an sich. Der Ton in seiner Stimme veränderte sich dramatisch. „Ich bin vor Angst um dich fast gestorben. Als wir strandeten warst du plötzlich verschwunden. Ich bin verrückt geworden vor Sorge."
  „Ich flog über Bord geflogen als das Boot auf Grund lief", erinnerte ich mich und schauderte bei der zurückkehrenden Erinnerung an das Geschehene.
  „Das habe ich sehr wohl mitbekommen. Die Brandung muss dich sofort ergriffen haben, du warst auf jeden Fall nicht mehr zu sehen." Dann berichtete er mir, wie ihn eine der nächsten Wellen mitsamt Boot umgeworfen hatte. „Ich schwamm um mein Leben, versuchte, mich aus der Strömung zu befreien. Irgendwann muss es mir gelungen sein, auf jeden Fall spülte mich ein enormer Brecher den Strand hinauf. Da lag ich nun, du warst fort, das Boot ebenso, und um mich herum herrschte das heftigste Unwetter, das ich bis dato erlebt habe. Ich hätte heulen können. Ich schrie wieder und wieder deinen Namen. Und dann hast du geantwortet. Nur einmal, aber es hat gereicht. Ich lief in die Richtung, aus der dein Ruf kam, und habe dich gefunden. Ich dachte erst, du wärst tot. Nun ja, den Rest kannst du dir ja denken. Ich habe dich hochgenommen und uns diese Höhle hier gefunden. Sie bot immerhin Schutz gegen den Regen." Rob betrachtete mich prüfend. „Wie geht es dir? Du musst mit dem Kopf irgendwo dagegen geschlagen sein. Zum Glück ist es nur eine Platzwunde. Du hast einen Tag und zwei Nächte durchgeschlafen."
  Ich betastete mit allen zehn Fingern die verpackte Wunde, als könnte ich ihre Ausmaße unter dem Stoff spüren. „Hämmert noch immer ganz schön. Ich bin mit dem Kopf gegen den Bootsrand geknallt. War kein angenehmes Gefühl."
  „Bestimmt nicht. Übrigens habe ich das Boot wieder gefunden. Es liegt ein ganzes Stück den Strand hinunter. Ziemlich lädiert, aber noch schwimmfähig. Teile des Masts, an dem noch immer die Fetzen des Segels hängen, sind auch angetrieben worden. Alles reparabel. Bei dieser ruhigen See können wir bald zurückkehren. Wir sitzen hier also nicht für alle Ewigkeiten fest."
  Das waren gute Neuigkeiten.
  „Sind wir auf Radan?"
  „Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit. Keine andere Insel liegt näher an der Tiefen Rinne. Wir hatten verdammtes Glück. Besser, du schonst dich noch ein wenig. Ich brauche dich spätestens, um das Boot zu wassern. Ich glaube nicht, dass es mir ganz alleine gelingen wird."
  Ich kehrte also einstweilen in den angenehm kühlen Schatten der Höhle zurück, während sich Rob daran machte, unseren Kahn wieder schwimmfähig zu machen, und legte mich nieder. Meine Gedanken wanderten im Kreis. Was mochten Vater und Mutter nur denken? Sie machten sich bestimmt schreckliche Sorgen um ihre beiden einzigen Söhne. Mir lag daran, so schnell wie möglich die Heimreise anzutreten, aber wir saßen mindestens noch zwei bis drei Tage fest. Ich hoffte inständig, dass ich morgen bereits in der Lage sein würde, Rob tatkräftig bei der Reparatur des Bootes zu helfen. Im Augenblick sah ich mich außerstande auch nur den Strand hinunter zu laufen, geschweige denn irgendwelche handwerklichen Tätigkeiten aufzunehmen. Die Xyn sank tiefer und tiefer und schickte ihre letzten Strahlen durch den Höhleneingang. Mit einem Mal wurde die ganze Höhle bis in den letzten Winkel in goldenes Licht getaucht.
  Was sich nun ereignete, sollte mein Leben und das Leben aller Menschen Gondwanas für immer verändern. Manchmal frage ich mich heute noch, was geschehen wäre, hätte ich die Entdeckung, die ich drauf und dran war zu machen, schlichtweg nicht gemacht. Ein bewölkter Horizont hätte gereicht, um die Sonnenstrahlen daran zu hindern, mir etwas zu zeigen, was vielleicht besser für alle Zeiten verborgen geblieben wäre. Ich hätte auch nur einfach einschlafen und die wenigen Augenblicke des enthüllenden Lichts versäumen können. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wäre es weder mir noch Rob in den Sinn gekommen, die Höhle genauer in Augenschein zu nehmen. Warum auch? Wir hätten vielleicht noch eine oder zwei Nächte in ihr verbracht, bevor wir wieder aufgebrochen wären, um nie wieder zurück zu kommen. Womöglich aber musste es so sein, vermutlich war die Zeit einfach reif dafür gewesen.
  Heute bin ich überzeugt davon, dass es kein Zufall war, dass ich am 33. Oktober des Jahres 621 nach Beginn der menschlichen Zeitrechnung auf Gondwana diesen Fund machen sollte. Ob die Ermeskul ihre nicht vorhandenen Finger im Spiel hatten, sei dahingestellt. Im Rückblick tendiere ich jedoch zu dieser Theorie.
  Was meine Wissbegier erregt hatte, war ein Stück der hinteren Höhlenwand, die von meinem Ruhelager so aussah, als bestünde sie aus vielen Reihen aufgeschichteter Steine. Die Sonnenstrahlen fielen so günstig darauf, dass ich einfach gezwungen wurde, es zu bemerken. Meine Augen verengten sich und konzentrierten sich sogleich auf diese unerwartete Entdeckung. Tatsächlich. Es konnte sich um keine natürliche Erscheinung handeln, dieser Haufen Steine war von welcher Hand auch immer irgendwann aufgetürmt worden. Jetzt war meine Neugier geweckt. Doch gerade als ich mich erheben wollte, um der Sache auf den Grund zu gehen, war der magische Moment vorüber. Die Sonne ging unter und zog ihre verräterischen Strahlen aus der Höhle ab, die wieder im Dunkel versank, als hätte jemand die einzige Kerze im Raum ausgeblasen. Ich erstarrte in der Bewegung, meine Augen immer noch auf die Stelle fixiert, über die sich erneut der Mantel der Finsternis ausgebreitet hatte.
  Doch war es zu spät.
  Ich hatte gesehen, was ich gesehen hatte. Das Wissen, dass sich in dieser Höhle etwas Ungewöhnliches befand, etwas, das einfach nicht hierher gehörte, ließ mich fortan nicht mehr los. Ich entspannte mich zunächst wieder, veränderte jedoch meine Position, so dass mein direkter Blick auf die Rückwand der Höhle fiel, ohne den Kopf drehen zu müssen. Was mochte sich hinter der steinernen Mauer befinden? Radan war, soweit ich es wusste, nie von Menschen besiedelt worden; besucht ja, lag die Insel doch direkt vor der Haustür Avenors und damit im unmittelbaren Einzugsbereich von Port West. Womöglich waren Rob und ich nicht die ersten, die diese Kaverne vorübergehend als Behausung nutzten, durchaus denkbar, dass es vorher schon einmal Menschen hierher verschlagen hatte. Es juckte mich, ins Dunkle hineinzurobben, aufs Geratewohl zu versuchen, die wieder unsichtbar gewordene steinerne Mauer mit den Händen zu ertasten. Doch ich blieb liegen. Ich wollte erst meinem Bruder davon berichten.
  Rob kehrte kurz nach Einbruch der Dunkelheit zurück. Ebrod, der größere der beiden Monde Gondwanas, war über dem Meer aufgegangen und sein mystisches Licht tauchte die noch junge Nacht in geheimnisvollen Glanz. Ich bekam davon nichts mit, innerhalb der Höhle war es nun stockdunkel.
  „Jack! Schläfst du?" hörte ich ihn vom Eingang her rufen.
  „Nein", antwortete ich wahrheitsgemäß.
  „Bist du hungrig?"
  „Wie ein Tier."
  „Ich befürchte, es gibt nicht viel. Steht dir der Sinn nach Tichinas?"
  „Nicht unbedingt. Aber besser als ein weiterer Schlag auf den Kopf." Ich stand auf und schwankte nach draußen. Erleichtert stellte ich fest, dass das Schwindelgefühl bereits nachgelassen hatte. Rob saß im Schneidersitz direkt vor der Höhle, eingehüllt in silbernes Mondlicht, und schnitt Tichinas auf. Der starke Schein Ebrods war faszinierend, soweit das Auge reichte, schimmerte die ganze Umgebung in irrealem Licht. Die bizarren schwarzen Schatten der Palmen setzten sich deutlich vom hellen Silber des Sandbodens ab und wirkten schier bedrohlich.
  „Geht es dir besser? Was macht das Köpfchen?" erkundigte sich Rob. „Setz dich. Du musst etwas zu dir nehmen."
  Ich nahm neben ihm Platz. Rob reichte mir eine geschälte Tichina, die ich protestierend entgegennahm. „Du musst mich nicht füttern! Ich bin ja nicht invalid."
  Rob überging meine Bemerkung. „Ich war hinter einem jungen Moa her, aber leider hatte ich kein Glück. Sonst gäbe es jetzt einen Festschmaus."
  Der Gedanke an das saftige Fleisch eines am offenen Feuer gebratenen Moas ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Stattdessen mussten wir uns mit schon leicht faulig schmeckenden Tichinas zufrieden geben, deren faseriges Fruchtmark nicht gerade zu meinen Leibspeisen zählte. Dennoch war ichdankbar, überhaupt etwas in den knurrenden Magen zu bekommen und beschwerte mich nicht weiter. Nachdenklich kaute ich auf der Frucht herum. Was mochte sich hinter den aufgeschichteten Steinen befinden? Ich brannte darauf, Rob davon zu erzählen.
  „Das Segel ist in schlechterem Zustand als ich annahm", erzählte Rob. Seine Stimme klang aber zuversichtlich. „Wir haben zwar nichts hier, um es zu flicken, aber ich denke, es wird auch so gehen. Wir müssen uns eben mit stark verminderter Segelfläche auf den Weg machen."
  Ich konnte es nicht länger zurückhalten. „Ich hatte Gelegenheit, die Höhle genauer zu untersuchen, Rob."
  Mein Bruder kaute ohne aufzusehen unbeeindruckt weiter. „Und?"
  „Im hinteren Teil befindet sich ein Wall aus aufgeschichteten Steinen. Ungewöhnlich, nicht wahr? Leider wurde es zu dunkel, bevor ich mir das ganze genauer ansehen konnte."
  Rob hielt inne. „In der Tat kurios", fand er. „Gemauert?"
  „Ich weiß es nicht. Sah aber so aus."
  „Wir können es ja morgen bei Tageslicht einmal ansehen." Damit war das Thema für ihn erledigt und er widmete seine ganze Aufmerksamkeit wieder den Tichinas. Mit etwas Abstand betrachtet glaubte auch ich nicht mehr an etwas Besonderes im Zusammenhang mit meiner Entdeckung.
  Wie sehr ich mich täuschen sollte.
  Am nächsten Morgen machten wir uns daran, meine Entdeckung genauer unter die Lupe zu nehmen. Es drang genug Helligkeit ein, um den größten Teil der Höhle mit Licht zu fluten, dennoch war das Mauerwerk so raffiniert angelegt, dass es im Schatten eines vorspringenden Felsens lag, der es komplett vor neugierigen Blicken verbarg. Selbst jetzt, direkt davor stehend, war es so gut wie nicht auszumachen.
  „In der Tat faszinierend", kommentierte mein Bruder. „Es ist gemauert. Allerdings nicht sehr fachmännisch, wenn du mich fragst." Er tastete die mannshohe, etwa gut drei Meter breite steinerne Wand mit den Händen ab. Ich tat es ihm gleich. Der Mörtel zwischen den Steinen stand teilweise fingerdick hervor und bröckelte uns bei der leisesten Berührung entgegen.
  „Diese Wand ist in Eile hochgezogen worden. Und nicht erst gestern."
  Ich sprach aus, was wir beide dachten. „Wenn du mich fragst, auch nicht erst vorgestern. Diese Arbeiten hier wurden vor langer Zeit verrichtet. Das erinnert mich an die Überreste von Van Dien. Erinnerst du dich? Die Jahrhunderte alten Ruinen unserer Ahnen? Die Reste der Grundmauern waren in so schlechtem Zustand, dass man sie mühelos zum Einsturz bringen konnte. Beinahe so wie hier."
  Rob nickte. „Du hast Recht, Jack. Diese Mauer ist mehrere hundert Jahre alt. Was sich wohl hinter ihr befindet?" Wir wechselten kurze Blicke. Trotz des verhältnismäßig schlechten Lichts sah ich Robs Augen funkeln. Auch seine Neugier war geweckt, und wenn etwas nicht zu unterdrücken war, dann sein Wissensdurst.
  „Wir brauchen mehr Licht." Ich wurde ganz sachlich. Ohne weitere Wort stand für mich fest, die Mauer abzutragen, auf welche Weise auch immer. Und ich wusste genau, dass Rob meiner Meinung war.
  „Wir haben kein Licht", erwiderte mein Bruder mit Ungeduld in der Stimme. „Die Fackeln und Kerzen sind mit all unseren anderen Sachen über Bord gespült worden. Wie auch immer, wir werden diese Wand erst einmal einreißen, dann sehen wir weiter. Sieht nicht mehr sonderlich stabil aus. Ein paar Tritte genügen unter Umständen. Geh ein Stück zurück. Es könnte sein, dass das Teil nicht kollabiert sondern im Ganzen umkippt."
  Typisch Rob! Natürlich übernahm er sofort das Kommando und drängte mich in die Rolle des Zuschauers. Ich wollte widersprechen, besann mich aber eines anderen und trat ein paar Schritte zurück. Womöglich war es besser, ihm den Vortritt zu lassen. Ich war noch angeschlagen und körperliche Arbeit mit Sicherheit nicht die richtige Rezeptur zu einer schnellstmöglichen Genesung. Rob machte sich sofort an die Arbeit. Zunächst versetzte er der maroden Wand genau in der Mitte einen kräftigen, gezielten Tritt, der sie erzittern ließ. Teile des protestierenden Mauerwerks bröckelten ab. Auch hörte es sich so an, als hätten sich erste Steine begonnen, sich aus ihrer Verankerung zu lösen. „Die widersteht nicht lange", kommentierte er seinen ersten Versuch. „Ein paar weitere Tritte müssten das übrige tun." Und so war es auch. Nach exakt vier weiteren Gewaltakten gegen das spröde, alte Mauerwerk stürzte es ohne jede weitere Vorwarnung in sich zusammen. Rob hatte bereits zum nächsten Schlag angesetzt, als er die Bewegung in der einstürzenden Mauer wahrnahm und stattdessen einen großen Satz nach hinten machte. Mit einem letzten dumpfen Ächzen kollabierte die jahrhundertealte Arbeit. Das Herunterstürzen der vielen Steine dauerte nur wenige Augenblicke und verursachte dabei überraschend wenig Lärm. Unangenehmer war da schon die dichte Staubwolke, die sich explosionsartig in der ganzen Höhle ausbreitete und uns hustend nach draußen zwang. Wir stürzten hinaus und rangen nach Luft.
  Rob grinste mich atemlos aber triumphierend an. „Na, wie habe ich das gemacht?"
  „Wie ein echter Profi", lobte ich ihn anerkennend. „Einen Augenblick dachte ich, die ganze Höhle stürzt über uns zusammen."
  „Jetzt müssen wir nur noch warten, bis sich der Staub etwas gesetzt hat. Dann werden wir sehen."
  Wir ließen einige endlos lange Minuten verstreichen, bis wir uns erneut in das Innere der Höhle wagten. Die Luft flimmerte von Tausenden herumfliegender Partikel, doch das sollte uns nicht weiter stören. Das Mauerwerk war ziemlich exakt in der Mitte zusammengestürzt. Zu beiden Seiten standen noch die stark in Mitleidenschaft gezogenen Restwände. Zu unseren Füßen dagegen lagen die traurigen Trümmer, die kein Hindernis mehr darstellten. Die nicht mehr vorhandene Wand machte den Blick frei auf ein gähnendes, schwarzes Loch im Fels, das natürlichen Ursprungs zu sein schien. Wir spähten neugierig hinein, konnten aber außer tiefster Dunkelheit nichts erkennen. Das vor uns liegende Gewölbe schien auch nicht all zu tief zu sein, womöglich war unsere ganze Mühe umsonst gewesen und es befand sich rein gar nichts dahinter. Eine Kerze hätte jetzt Wunder bewirkt, doch wir hatten keine. Die einzige Möglichkeit, die uns blieb, bestand darin, hineinzugehen und im Schein des von außen hereinströmenden Lichts den bisher verborgen gewesenen Teil der Höhle so gut wie unter den gegebenen Umständen möglich zu ertasten.
  „Ich gehe rein", sagte ich kurz entschlossen und schlüpfte bevor Rob noch etwas einwenden konnte durch die Öffnung. Etwas zu eilig, in der Tat, denn sogleich stolperte ich über tückische, im Dunkel verborgene Gesteinsbrocken und schlug der Länge nach hin. Dabei fiel ich auf etwas Hartes, das sich ganz und gar nicht nach Stein anfühlte und unter meinem Gewicht zu krümeln begann.
  „Bist du verletzt?" Die Umrisse von Robs Körper zeichneten sich schwarz gegen das einfallende spärliche
Tageslicht ab.
  „Nein." Ich ärgerte mich über mein Unvermögen und kam wieder auf die Knie. Mit beiden Händen untersuchte ich die Unterlage, auf die ich gefallen war. Fühlte sich an wie ein Haufen miteinander verbundener, modernder Holzpflöcke. „Was ist das?" fragte ich niemand bestimmten und tastete mich weiter voran. Der vermeintliche Haufen Holz klapperte hohl unter meinen forschenden Fingern und wollte sich so gar nicht mehr nach Holz auf Holz anhören. Meine Finger erfühlten eine runde Form, welche einige verräterische Vertiefungen aufwies, die in meinem Gehirn ein makabres Bild formten. Ein unheimlicher Verdacht beschlich mich, der sich nach einigen weiteren prüfenden Tastbewegungen auch sogleich bestätigte.
  Ich lag, oder kniete vielmehr, auf den sterblichen Überresten eines Toten!
  Meine erste  Reaktion war wohl durchaus verständlich. Mit einem heißeren Schrei warf ich mich nach hinten und rutschte auf allen Vieren von diesem grausigen Fund weg in Richtung Rob, der noch immer am Eingang stand und mich verständnislos beobachtete.
  „Was ist denn mit dir los?" fragte er, als er mich auf sich zurobben sah.
  „Da drin liegt ein Skelett", entfuhr es mir und deutlich schneller als ich hinein gegangen war, kam ich wieder heraus.
  Rob ließen diese Neuigkeiten relativ kalt. „Ja und? Ein Skelett kann dir doch nichts tun. Jetzt nimm dich mal zusammen!" Kopfschüttelnd marschierte er hinein, wich der Stolperfalle aus, die mich ins Straucheln gebracht hatte, und verschwand aus meinem Blickfeld. Es knackte nur leicht, als die alten Knochen des Toten unter seinen beschuhten Sohlen barsten.
  „Und?" rief ich ihm hinterher. „Kannst du was erkennen?"
  Es raschelte gedämpft, als wühlte jemand in einem Haufen Papier, und ohne ein weiteres Wort Robs flogen die ersten Gegenstände, derer er habhaft wurde, wie aufgescheuchte Vögel aus der Öffnung heraus.
  „Sieh selbst", rief er, die Enttäuschung in seiner Stimme nicht verbergen könnend. Ich zog meinen Kopf ein und wich damit einem der Geschosse aus, das verdächtig einem Buch ähnelte, nur um vom nächsten mitten im Gesicht getroffen zu werden. Bei der Kollision löste sich der lederne Einband und hunderte von vergilbten Blättern landeten lose in meinem Schoß. Ein weiterer Umschlag rauschte dicht an meinem rechten Ohr vorbei und knallte irgendwo hinter mir lautstark gegen die Höhlenwand.
  „Hey, Rob, was soll das?" rief ich ungehalten. „Hör auf damit! Du machst ja alles kaputt!"
  „Nur alte Schriften. Alte Schriften und ein Skelett. Ich weiß nicht, was ich jetzt aufregender finden soll."
  Die Unzufriedenheit meines Bruders konnte ich ganz und gar nicht teilen. Schriftliche Aufzeichnungen welcher Art auch immer hatten mich stets in ihren Bann gezogen, vielleicht deswegen, weil es nur so wenige davon gab. Und während Rob stapelweise Schriften heranschleppte und sie – deutlich behutsamer – in meiner Nähe ablegte, begann ich ehrfürchtig durch die ersten Seiten zu blättern. Die Lichtverhältnisse erwiesen sich jedoch als gänzlich ungeeignet um irgendetwas entziffern zu können, also verzog ich mich mit meinem Schatz nach draußen, um ihn genauer zu untersuchen. Nun war es an mir, enttäuscht zu sein. Hunderte Seiten fleckiger, vergilbter und zum Teil vergammelter Schriften, geschrieben in einer Sprache, die ich nicht verstand. Allein die energische Handschrift faszinierte mich, mit vielen schwungvollen Bögen, die, auch wenn eindeutig erkennbar zuweilen hastig geschrieben, nie ihre kontinuierlich klare Gestalt verlor. Mit der gebotenen Vorsicht, das angegriffene Material nicht noch weiter zu ruinieren, schlug ich Seite um Seite um, in der Hoffnung, irgendwann auf Textzeilen zu stoßen, die ich entziffern konnte. Doch dieser Wunsch sollte sich zunächst nicht erfüllen.
  „Irgend etwas anderes als diese Schriften?" fragte ich Rob, der begonnen hatte, sämtliche Funde vor die Höhle zu tragen und zu Haufen aufzuschichten.
  Er schüttelte den Kopf. „Bis jetzt nicht. Weißt du, was ich glaube? Das ganze Zeug ist in der Endphase des Großen Krieges von Port West aus hierher geschafft worden, um es vor der Vernichtung durch die Opreju zu bewahren."
  Ich bezweifelte diese Theorie. „Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich meine, wer nimmt sich die Zeit, irgendwelche Aufzeichnungen hier einzumauern, wo es doch nicht einmal gelungen wäre, Port West rechtzeitig zu evakuieren."
  „Nun, dass es sich hier offenbar um wichtige Dokumente handelt, dürfte außer Frage stehen, oder denkst du, der arme Kerl da drin hat sich für nichts ermorden lassen?"
  „Du willst sagen, er ist getötet worden?"
  „Davon gehe ich aus. Wer lässt sich schon bei lebendigem Leib einmauern? Wer immer er war, er musste sterben, damit dieses Versteck geheim bleiben konnte."
  Ich nickte nachdenklich. „Klingt plausibel. Das bedeutet aber auch, dass es noch jemand gegeben hat, der um diesen Ort wusste."
  „Natürlich", führte Rob mein Gedankenspiel fort. „Derjenige, der die Mauer hochgezogen hat. Der Mörder."
  „Unheimlich." Ich wandte mich bedeutend respektvoller einem weiteren der vielen Stapel zu, die Rob aufgeschichtet hatte. „Bis jetzt werde ich nicht recht schlau aus dem ganzen. Alles geschrieben in einer fremdartigen Sprache." Wahllos ergriff ich einen großformatigen, ledernen Umschlag, der sich in noch schlechterem Zustand befand, als der erste. Sein Inhalt bestand aus verschiedenartigem Kartenmaterial, das so aussah, als wäre es einmal mit Wasser in Berührung gekommen, schwer lädiert, zerschlissen, mit bis zur Unkenntlichkeit verblasster oder verwischter Schrift.
  „Sieht aus wie eine Sammlung von Landkarten", murmelte ich und gab es Rob weiter, der sich mehr für Pläne aller Art interessierte.
  „Das sind detaillierte Karten von Aotearoa", rief er fasziniert aus. „Vater besitzt eine kleine Sammlung alter Landkarten von Gondwanaland. Diese hier sind ähnlich, nur in größerem Maßstab… und detaillierter… sieh nur, sogar welche von der Bay of Islands. Apago, Wentland, Ewas, Radan… ich erkenne sie genau wieder. Nur stehen hier völlig andere Bezeichnungen neben den Inseln. Radan heißt hier offensichtlich – ich kann es kaum entziffern – ‚Eyllo-essudi’ oder so ähnlich. Interessant. Sieh mal, die Namen für jede Insel beginnen alle mit ‚Eyllo’…"
  Ich hörte ihm nur mit einem Ohr zu, denn ich hatte mich bereits anderen Aufzeichnungen zugewandt, begierig, welche zu finden, die ich lesen konnte. Es sollte einige Zeit dauern, bis ich auf etwas stieß, was in einer mir verständlichen Sprache geschrieben war, doch ich wurde schließlich fündig. Es handelte sich um eine kleinformatige, vom Zahn der Zeit angenagte Sammlung loser Blätter, beschrieben mit verblassender grünlich-grauer Tinte. Zwei Umschlagseiten aus altem, zerbröckelndem Leder umgaben mehr oder weniger schützend den zerfallenden Inhalt von schmutzig-gelbem bis braunem, pergamentartigem Papier. „Na also!" rief ich erleichtert. „Sieh mal, endlich Aufzeichnungen in unserer Sprache. Sieht aus wie ein Tagebuch…"
  Was ich in den Händen hielt, sollte das Bild von der Welt, in der wir lebten, seitwir denken konnten, für immer verändern.
 
 
- Fortsetzung folgt -
 
Mehr Infos unter www.jackschilt.de

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Michael Thiele).
Der Beitrag wurde von Michael Thiele auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.09.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  Michael Thiele als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Nacht der Gefühle – Tag voll Leben von Karin Keutel



Gefühlvolle Gedichte und spannende Geschichten, Gedankenspiele aus dem Leben, der Natur, Liebe, Leidenschaft und Vergänglichkeit, facettenreich eingefangen.

Ein Lesevergnügen, das Herz und Seele berührt in Text und Bildern.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Fantasy" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Michael Thiele

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Halloween von Rüdiger Nazar (Fantasy)
Stanniolvögel von Ingrid Drewing (Liebesgeschichten)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen