Kim von Bargen

the Feeling to see an Angel

Müde und abgekämpft streckte Jason sich auf dem bett aus. Der Tag war mehr als gemein und schwer gewesen. Der Junge fuhr sich durch seine schwarzen Haare und blickte auf ein altes Foto.  Na ja, so alt war es doch nicht.  Es zeigte ihn mit seiner Zwillingsschwester. Jeanny.  Er seufzte. Seit einem Jahr war sie Tot und seine Eltern gaben ihm die Schuld. Nun hauste er in einem Heim in das sie ihn abgeschoben hatten und kümmerten sich um seine kleine Schwester, in der sie ihre perfekte Jeanny sahen.
 
Ja, Jeanny war perfekt gewesen... immer sehr gute Noten in der Schule, viele Freunde, eine perfekte Figur und eine reine Seele. Jeder andere wäre Eifersüchtig gewesen, doch Jason nicht. Jason sah Jeanny wie sie wirklich gewesen war. Gutmütig, rein und für alles und jeden da. Ihr fiel nie etwas in den Schoss, sondern sie arbeitete hart und stetig an ihren Erfolgen.  Jason vermisste seine Schwester und er stand jeden Tag vor ihrem Grab und brachte ihr weiße Rosen mit. Jeanny liebte weiße Rosen.
 
„Jason!“ Der Junge blickte mit seinen Moosgrünen Augen auf. Die Heimleiterin stand in seiner Zimmertür. „Du scheinst wirklich taub zu sein...“ „Was wollen Sie?!“ giftete er. „Nicht so einen Ton!“ „Ich hab meinen eigenen Ton! Verschwinden sie!“ Jason hasste sie. Er hasste seine Eltern, seine Lehrer.. er hasste die Erwachsenen.  Sie waren dafür verantwortlich! Sie hatten Jeanny in den Tod getrieben, das wusste er.  Sie war so rein und so strahlend gewesen.. doch dann erlosch ihr Licht. Jason konnte sehen wie sie zerfiel als die Prüfungen bevorstanden. Sie lernte Tag und Nacht, doch seinen Eltern war das nie genug. Sie konnte nicht raus, denn sie war ja perfekt. Jason wusste, sie hasste es. Sie hasste es perfekt zu sein und immer alles richtig zu machen. „Jason!“ „Was, verdammt noch mal, wollen Sie?!“ Er war aufgestanden und sah der, um einen Kopf kleineren, Heimleiterin in die Augen. „Schon wieder ein Beschwerdebrief von der Schule!“ „Na und?“ „Jason Winter! Dein Benehmen ist das Allerletzte!“ „Und was wollen sie dagegen machen?!“ Jason hatte es satt brav und nett zu sein. Mit Prügeleinen und anderen miesen Dingen konnte er Jeannys Tod verarbeiten und es tat gut Erwachsene und Jugendliche leiden zu sehen. „Jason, wenn du dich nicht besserst, werde ich dich aus dem Heim schmeißen!“ Die untersetzte, kleine Dame blickte ihn ernst an und verließ das Einzelzimmer.
 
Jason kümmerte es wenig. Er zog seine blaue Jeans aus und tauschte sie gegen eine schwarze Baggy. Ein enges schwarzes T-Shirt und den Ledermantel über, dann ging es hinaus in den kalten Dezember Nachmittag.. Ihn interessierte es nicht, ob er in wenigen Tagen auf der Straße lebte oder nicht. Er vermisste seine Schwester, ihr Tod war zu schwer zu tragen.  Er steuerte geradewegs auf den Friedhof zu. Immer dann, wenn er wusste das seine Eltern schon da waren. Sie wollten ihn nicht am Grab ihrer Tochter, die seine Schwester gewesen war, sehen. Jason hasste sie. Alle gaben ihm die Schuld an ihrem Tod. Als ob er den Busfahrer hätte aufhalten können mit dieser Alkoholfahne. Alle haben ihn dafür verantwortlich gemacht, dass er nur mit einer Gehirnerschütterung und einem gebrochenen Arm aus dem Buswrack kam und Jeanny nie. Jason wusste, dass sie ihm das Leben gerettet hatte, denn eigentlich hätte er durch die Frontscheibe fliegen sollen.. und nicht sie. Er sah immer noch wie sie ihn runterdrückte als der Bus ins schleudern kam, sah wie sie die Augen aufriss als sie von den Füßen gezogen und durch das Glas flog, Spürte den Schmerz von ihr, als sich tausende kleine Glassplitter in ihren Rücken rammten und fühlte das Blut an seinen Händen. Jason verkrampfte sich und lief den Kiesweg zu ihrem Grab empor.  Langsam wurde sein Schritt, als er in Sichtweite ihres Grabes kam. Seine Eltern standen dort. Einmal die Woche kamen sie und rissen die weißen Rosen aus dem Grab, die Jason ihr jeden Tag mitbrachte. Es zerriss ihm das Herz, als er sah wie sein Vater mit wütendem Blick die weißen Rosen in den Müll warf und stattdessen rote Tulpen in die Vase steckte. „Sie hasst rote Tulpen..“ murmelte Jason leise und erblickte seine kleine Schwester. Alexandra.  Sie blickte mit trüben Blick und völlig apathisch auf das Grab ihrer Schwester. Die so perfekte Jeanny, die der 6 jährigen jeden Wunsch immer von den Augen abgelesen hatte und die ihr immer bei den Hausaufgaben geholfen hatte. Jason schlich sich leise an die Kleine heran und tippte ihr auf die Schulter. Sie stand in Entfernung zu dem Grab und drehte sich nun erschrocken um. Aus dem erschrockenen Gesichtszug wurde ein erfreuter und sie fiel ihrem großen Bruder um den Hals. Jeanny mochte ihr zwar in Sachen Schule und zuhause immer zur Seite gestanden haben, aber wenn es fies wurde, war Jason da.  „Hallo mein Engel.“ Wisperte Jason und nahm die Kleine in den Arm. „Wann kommst du wieder Heim?“ „Weißt du doch.. wenn du groß bist!“  „Alexandra!“ Jason ließ die Kleine los. „DU! Willst du deine Schwester jetzt auch in den Tod reißen? War dir deine Zwillingsschwester nicht genug?! Verschwinde!“  Der Vater ließ sich nicht davon abbringen, Jason am Kragen zu packen und ihn weg zu schubsen. „Komm mir nie wieder unter die Augen!“ Damit packte er Alexandra am Arm und zerrte sie mit den Worten „Du musst jetzt noch Mathe lernen!“ hinter sich her. Aus den Augen der kleinen sprach der unbändige Wunsch frei zu sein. Jason sah seiner kleinen Schwester nach und ging dann zu Jeannys Grab. „Sie machen mit ihr das Gleiche wie mit dir..“ Er strich sanft über den Grabstein in den die Worte „Ich weine Tränen.. tränen in der Nacht“ eingemeißelt waren. Jason hatte seine Tante, die ihn mochte und die einzige war die ihm nicht die Schuld an dem Tod seiner Schwester gab, dazu gebracht, dass sie den Grabsteinspruch aussuchen durfte. Sie bat Jason darum. Er wusste das Jeanny mal ein Gedicht geschrieben hatte das mit diesem Satz endete und welches ihr sehr am Herzen gelegen hatte.
 
 
Mehrere Tage später hatte die Heimleiterin wieder einen Brief von der Schule bekommen. Jason hatte einen Jungen lebensgefährlich verletzt, indem er ihm Salzsäure über das Gesicht geschüttet hatte, da dieser sich über seine tote Schwester lustig gemacht hatte.
Jason drohte nun eine Anzeige wegen schwerer Körperverletzung und mehrere Jahre Jugendgefängnis.  Ihm war es egal. Er durfte seine kleine Schwester nicht sehen, wieso dann sich sorgen machen? Leise stand er aus seinem Bett auf. Die Tür war verriegelt, aber das war nicht das Problem. Jason hielt es in dieser Welt einfach nicht mehr aus. Es ekelte ihn an, immer wieder die Menschen zu sehen, die ihn beschuldigten etwas getan zu haben, was gar nicht wahr war! Einzig der Gedanke an Alexandra schien ihn daran zu hindern von der nächsten Brücke zu springen, doch diese Mauer fiel in sich zusammen, als die Kleine zwei Tage nach dem Grabbesuch in sich zusammenbrach. Nun lag sie im Koma und sollte vielleicht nie wieder aufwachen. Jason war wütend. Wieso waren seine Eltern so Karierregeil??? Er musste zu Alexandra. Also schlich er sich aus dem Fenster und rannte den ganzen Weg durch den schneebedeckten Park und die Straßen zum Krankenhaus. Es war ende der Besuchszeit, doch etwas sagte Jason das er zu Alex sollte.
 
Als er ankam wollte ihn die Krankenschwester zurück halten, doch Jason lief an ihr vorbei. Eine Stimme sagte ihm, das er wüsste wo sie liegen würde. An einer Tür angekommen, klopfte er an und trat ein. Obwohl dies eine überwachte Intensivstation war, ließen ihn die Schwester und der Arzt rein. In dem bett lag  Alex wie ein Strich. Dürr und blass, sah sie völlig verloren auf dem weißen Bettlaken aus und schien damit zu verschmelzen. Die Atmungs- & Herzgeräte piepten gleichmäßig und irgendwie beruhigend. Jason nahm Alexandras Hand und streichelte sie. „Ich bin da.:“  lange Zeit verstrich und immer wieder murmelte Jason das er da sei. Bis die Hand von Alex zuckte. „Alex?“ Die Augen des 6 jährigen Mädchens flackerten. „Jason?“ Mit dem Beatmungsgerät fiel es ihr schwer zu sprechen doch sie redete tapfer weiter. „Jason, ich hab Jeanny gesehen.. Sie hat weiße Flügel.. und lächelt.. ist sie frei?“ „Ja Alex.. Jeanny ist jetzt frei.“ Jason standen die Tränen in den Augen. „Jeanny will das ich mit ihr gehe..“ „ hat sie dir das gesagt?“ „Ja, und du sollst nicht weinen.. hat sie gesagt.. du sollst stark sein..“ Alex’ Augen flackerten wieder und die Ärzte stürmten in den Raum. „Jeanny sagt, du sollst weglaufen.. sonst kommst du ins Gefängnis..“ die Kleine lächelte noch mal und ihre Augen glühten. Sie lief auf die Freiheit des Todes zu und lachte einfach.
 
Jason sah für einen kurzen Moment ein Bild: Eine junge Frau mit rabenschwarzem Haar und Moosgrünen Augen.. sie trug ein langes, weißen Kleid und aus ihrem Rücken erstreckten sich weiße, schwanengleiche Schwingen. Er sah Alex wie sie in ihrem Krankenhausnachthemd auf die Frau zulief und immer wieder „Jeanny, ich bin Frei!“ rief.  Dann verschwand das Bild und Jason ging aus dem Zimmer seiner toten Schwester.
Im Heim angekommen packte er nur das Foto und ein Taschenmesser ein um dann wieder zu verschwinden.
„Ihr habt mich allein gelassen.. warum..“ Jason lief an seinem Elternhaus vorbei, sah seine Mutter die weinend auf dem Sofa saß. „Sie wissen das Alex tot ist..“ Jason blieb stehen und sah seine Eltern leiden.. Seine Mutter weinte bitterlich und Jason ging wie automatisch durch den Garten und trat durch die Balkontür ins Wohnzimmer. Sein Vater war nirgends zu sehen. Langsam ging er auf seine Mutter zu und nahm sie in den Arm.  Diese, erschrocken darüber, riss sich los und starrte in die moosgrünen Augen ihres Sohnes, die den ihrer beiden Töchter so ähnlich sahen. „Was machst du hier? Du Mörder, ich weiß das du bei Alex gewesen bist! Du elender Mörder!“ schrie sie und Jason war nicht erstaunt über diese Unwissenheit. Er ging so wie er gekommen war, nur die wütenden Beschimpfungen verfolgten ihn auf dem Weg zur Brücke.  Jason wollte nicht mehr.. Er würde eh im Gefängnis landen und er hatte nichts mehr, was sich lohnte um weiter zuleben. Er blickte auf den Abgrund, der sich unter der Brücke erstreckte. Nur eine dunkle, schwarze Tiefe, die ihn einladend anlächelte. In seinem Kopf hörte er wieder eine Stimme und ein warmes Gefühl durchströmte ihn. Ein Gefühl von Geborgenheit und Verständnis. Ein Gefühl des Vertrautseins und der Treue. Jason kannte dieses Gefühl. „Jeanny?“ leise flüsterte er ihren Namen und  das Gefühl in seinem Körper wurde stärker. „Ist dass das gleiche Gefühl was Alex hatte?“ Jason sah wieder in den Abgrund und zitterte. „hilf mir doch..“ Dieses Gefühl wurde immer stärker, als ob es ihn bewegen wollte und gleichzeitig aber zurückhalten wollte. Ein hin und hergerissen sein der Gefühle. Jason spürte wie dieses Gefühl mit sich kämpfte.  Jason sah wieder ein Bild. Eine traurige, junge Frau. Die gleiche die er in Alex’ Zimmer gesehen hatte. „Jeanny?“ Die Frau blickte auf und lächelte. „Jeanny...“ Sie nickte und streckte ihre Hand aus.  Jason sah auf ihre Hand, stellte sie ihn auf die Probe? Dieses Gefühl.. Was es das Gefühl einen Engel zu sehen. „Jason.“ Ihre Stimme klang wie die schönste Melodie in seinem Ohr. „Jason.. komm..“ Ihre Hand streckte sich ihm mehr entgegen. „Ja, Komm Jason!“ Alex erschien neben ihr. „Alex...“ Jason streckte seine Hand aus und griff zu. Er spürte einen starken Luftzug und einen kurzen, starken Schmerz. „Jason! Du bist frei..“ „Ist dass das Gefühl einen Engel zu sehen?“ „Ja, Jason.. das ist es.“
 

Ende

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.09.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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