Jasmin Räbsamen

Gedanken

„Was tust du hier? Willst du dich nicht zu mir setzen?“ Nein. Nein, ich... ich gehe weiter. Gehe weiter und denke darüber nach, was mein Leben ist, wenn nicht ein Haufen von Scherben aus Vergangenheit und Zukunft, den ich zusammenzukleben versuche. Mit einem Leim aus tun und lassen, aus träumen und denken, aus umarmen und fallen.
 
Deine Augen. Mitleid trieft förmlich aus ihnen hervor. Mitleid. Dein Mitleid. Ich brauche es nicht, nein, ich will es nicht. Es gibt viele, die es wollen, und die es wollen sind feige. Zu feige sich den Gefühlen hinter der Mauer aus Mitleid zu stellen. Ich will dein Mitleid nicht, ich will eine Umarmung. Nimm mich in die Arme und beschütze mich.
Das will ich, doch ich sage es dir nicht, gehe weiter und klebe meine zerbrochenen Erinnerungen und mein Schicksal zusammen.
Nicht ein Wort dringt aus den Tiefen meiner verwirrten und doch klaren Gedanken zu dir, in deine Ohren, in deinen Kopf. Und doch ist es da, dieses Verlangen, dieser Zwang zu glauben, du könntest meine Gedanken lesen und darauf reagieren.
 
Mein Verstand, er ermahnt mich. Natürlich kannst du nicht sehen, nicht hören was ich denke, was ich will. Selbstverständlich könnte ich es dir sagen.
Ja, ich könnte es dir wirklich sagen. Es würde alles vereinfachen.
Ich halte inne. Jede Bewegung, jeder Atemzug verlangsamt sich, bis schliesslich das rhythmische Schlagen meines Herzens für einen Moment zu erstarren scheint.
Bin ich tot? Oder bloss stehen geblieben? Habe ich aufgehört, die Bruchteile meines Seins aufzusammeln und mir damit in die Finger zu schneiden, bis sie bluten?
 
Nein. Nichts von alledem. Ich gehe immer noch, kitte das Ich aus Kindertagen und aus schier greifbarer Zukunft zu einem Gebilde zusammen, welches mir halbwegs sinnvoll erscheint.
Der blosse Gedanke an eine Vereinfachung des auch so schon viel zu komplizierten Daseins im Hier und Jetzt liess all mein Tun und Lassen erstarren, meine Sinne erblinden und doch ist nichts geschehen. Nichts, das den Lauf der Geschichte ändern könnte, sei es nun positiv oder negativ.
Es ist einfach nichts.
 
Die da drüben, winken sie mir zu? Ich sehe es nicht. Nein, ich will es nicht sehen, habe es schon lange abgelehnt, zu sehen. Scharf zu sehen, und übrig bleiben verschwommene Umrisse des Hier und Jetzt. Ich strecke meinen Blick schon lange nicht mehr danach.
Wonach?
Nach den Freuden und Leiden des im Moment Vorhandenen. Vielleicht.
Mache ich es mir mit meiner selbst erwählten Schwäche nur leichter? Erleichtert meine Einstellung in irgendeiner Weise die harte Wirklichkeit? Vielleicht.
Ich schwäche sie ab, all die guten und bösen Wahrheiten meiner Welt.
Es tut mir leid, dass es nun vielleicht leichter ist für mich und für dich nicht. Doch ich weiss, es stört dich nicht. Ich weiss, du bemerkst es nicht, dass ich nicht sehen kann, wer da läuft und ob er mir zuwinkt.
Du lebst einfach weiter deine Gedanken und Träume und manchmal bemerkst du sogar, dass ich auch in deiner Welt lebe. Ja, du lebst auch in meiner. Zwei Welten, zwei verschiedene Wirklichkeiten im Hier und Jetzt.
Ja, es ist eigentlich nur eine Welt, doch wen kümmert das?
Dich nicht.
Und mich nicht.
Na und?
 
 
„Nimm mich in den Arm. Beschütze mich.“
Wie lächerlich das doch klingt.
Das wuchernde Gefühl der Verlegenheit keimt in mir.
Ich hatte mich dir schon oft auf diese Weise mitgeteilt, stumm, mit blossen Gedanken. Doch du hast es nie verstanden.
Wie sollst du auch? Wie konnte ich auch nur eine Sekunde meiner Zeit an den Gedanken verschwenden, du würdest mich verstehen?
Und trotzdem lodert der Wille in mir, eines Tages mit kämpfen aufzuhören und nur noch zu leben, nie mehr Scherben aufsammeln!
 
Auf keinen fall heute, sicher nicht morgen, wahrscheinlich nicht nächste Woche und vielleicht nicht nächstes Jahr, doch ganz bestimmt noch während meiner Zeit in deiner und meiner Welt, werde ich es fertig stellen. Das sinnvolle Gebilde aus den Scherben meines einstigen und noch bevorstehenden Ichs. Das Geblide, der Spiegel.
Er wird eines Tages wieder ganz sein und mir zeigen, was mein Leben ist, wenn nicht ein Haufen von Splittern aus Erinnerung und Vorstellung.
Ich sehe dann hinein in den Spiegel, welchen ich so mühsam, unter Tränen, Blut und Schweiss zusammengeflickt habe und werde mich fragen, ob das Heut und Jetzt in unserer Welt es wert war, dass ich mich nicht von dir umarmen liess....

Dieser Text entstand in seinen Grundzügen auf einem Spaziergang. Vor einiger Zeit ging ich immer spazieren, wenn es mir schlecht ging um meinen Gedanken freien Lauf zu lassen, das habe ich auch da getan und dieser Text kam dabei raus. Ich mag ihn sehr, obwohl er schon über ein Jahr alt ist, sind die Gedanken noch immer aktuell und meine Einstellung ist dieselbe geblieben.
Ich hoffe, er gefällt euch und würde mich über Kommentare sowie Kritik freuen.
Jasmin
Jasmin Räbsamen, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.09.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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