Christin Müller

Doch das Leben geht weiter

Als man mir mitteilte, dass ich nur noch einen Tag zu leben hatte, brach eine Welt für mich zusammen. Ein Tag, 24 Stunden, plötzlich kam mir mein ganzes voriges Leben nutzlos, verschwendet und leer vor. 16 Jahre lang hatte ich mehr oder weniger sorglos vor mich hingelebt und nun sollte alles binnen einem Tag zu Ende gehen. Ein ungeheurer Druck lastete jetzt auf mir, ich wollte die letzten 24 Stunden nicht genauso verschwenden wie mein Leben davor. Leben?- Konnte man das überhaupt Leben nennen? Die Bezeichnung " Dahinvegetieren" trifft es wohl eher. Und nun? Wie soll es weitergehen? Ich entschließe mich dazu einfach nur noch dass zu tun worauf ich Lust habe. Morgen gehe ich erstmal wieder wie gewohnt in die Schule, aber niemand soll wissen dass es mein letzter Schultag ist.
Es ist 7 Uhr, ich habe soeben gefrühstückt und mich angezogen, gleich werde ich mich auf den Weg zur Schule machen.
Der Weg kommt mir heute viel länger und ungewohnter vor, ich bemerke Dinge die ich vorher nicht beachtet hatte, wie zum Beispiel das quitschgelbe Haus an der Straßenecke. Ich frage mich wieso es mir früher nicht ins Auge gefallen ist.
Ich betrete die Schule, alles ist wie immer, dort stehen die Raucher und dort sitzen die 7-Klässler auf einem Haufen. Sie erinnern mich irgendwie an Hühner, Hühner die auf der Stange sitzen und vor sich hin gackern. Ich gehe die Treppe nach oben und zähle die Stufen, ganze 192 an der Zahl sind es, ich betrete den Flur in dem sich die Klassenräume befinden, 9.1, 10.2, ah da ist sie die 10.3, der gewöhnliche Geräuschpegel schwebt vor den Klassenzimmern umher. Ich lege meine Hand auf die Klinke meines Klassenraumes, atme tief durch und drücke sie langsam nach unten, ich ziehe die Tür auf und betrete, wie in Trance, das Klassenzimmer. Alle Köpfe erheben sich, um zu sehen, wer dort grade über die Schwelle getreten ist. "Morgen!" sage ich und setzte mich auf meinen Platz vorne in der ersten Reihe. "Na Süße, wie war dein Wochenende?" Ich drehe mich um, da steht Sylvi vor mir "Danke, gut.",antworte ich mit nicht grade überschäumendem Enthusiasmus. Sie setzt sich vor mir auf den Tisch, und beginnt zu erzählen was sie wundervolles erlebt hat. Ich höre ihr überhaupt nicht zu, ab und zu ein Nicken und ein Lächeln, und sie glaubt sie hätte meine Aufmerksamkeit. Immer mehr Leute quatschen mich mit ihren Problemen voll, aber ich höre ihnen ein letztes Mal zu, bevor ich ihnen allen, anhand eines Briefes meine Meinung über sie unter die Nase reibe. Aber nicht nur meine Klassenkameraden bekommen solch einen Brief, auch mein meist gehasster Lehrer ist im Besitz eines solchen. Der restliche Schultag verläuft normal, um 1 Uhr nehme ich zum Abschied meine Freunde in den Arm und drücke sie. Ob sie mich wohl vermissen werden? Ich gehe nach Hause, esse ein bisschen was, hole eine Tasche hervor und verstaue darin meine Tagebücher. Damit gehe ich nun zu meiner besten Freundin, ich habe zu ihr am Meisten vertrauen, sie wundert sich zwar wieso ich ihr die Tasche gebe, aber nimmt sie dennoch an sich. In einem der Tagebücher ist ein Brief, nur für sie geschrieben,in dem ich ihr dafür danke, dass sie immer für mich da war. In der Tasche befindet sich auch der Teddy, den ich schon immer über alles geliebt hab, und um den sie mich schon immer beneidet hatte. Ich verbringe noch ein paar schöne Stunden bei ihr. Um vier Uhr fahre ich dann nach Hause, wo mich mein Freund schon sehnlichst erwartet. Ohje, er weiß ja auch nicht was los ist. Ich überlege ob ich es ihm sagen sollte, und entschließe mich schließlich dafür. Nach ca. 1 Stunde liegen wir uns weinend in den Armen, ich fühle dass ich mich langsam von meinem irdischem Dasein löse, die Minuten verstreichen, ich fühle mich so leer. Ich gebe ihm einen Kuss, einen Innigen, einen Letzten, dann fallen mir die Augen zu. Alles dreht sich, ich sehe mich plötzlich im Bett liegen, in den Armen meines Freundes, der sich über mich gebeugt hat. Über sein Gesicht laufen Tränen, Tränen der Verzweiflung. Er ruft meine Eltern, sie kommen, versuchen meinem leblosen Körper wieder Leben einzuhauchen.Ein Arzt kommt, fühlt den Puls und schüttelt den Kopf.
Meine Mutter fällt meinem Vater in die Arm, ein Meer aus Tränen. Plötzlich klingelt es, meine beste Freundin steht mit Tränen in den Augen in der Tür, sie hat wohl den Brief gefunden. Sie hetzt in mein Zimmer, bei meinem Anblick bricht sie zusammen.
Alles scheint still zu stehen, die Zeit hält an, vollkommene Ruhe, nichts. Doch das Leben geht weiter.

Mittlererweile ist viel Zeit vergangen, seitdem ich diese Geschichte schrieb, ich stelle mir immer wieder die Frage warum ich so etwas verfasst habe, die Antwort ist:ich habe einen Menschen verloren den ich sehr lieb gehabt habe...

PS.:Ich bitte von den Fehlern abzusehen, werde diese bald bearbeiten
Christin Müller, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.04.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Das kleine Mädchen Brigitte wächst wohlbehütet in einer Großfamilie im katholischen Oberschlesien auf. 1938 siedeln die Eltern mit Brigitte nach Kiel um. Dort wird Ihre Schwester Eva-Maria geboren. 1939 beginnt der Krieg und Kiel wird besonders gebeutelt. Entsetzliche Jahre für das kleine Mädchen. Tag und Nacht Bombenangriffe. Hungersnot und immer die Angst um den Vater. Das Mädchen ist seelisch in einem so schlechtem Zustand, dass die Eltern Brigitte nach Oberschlesien zur Schwester der Mutter schicken. Dort wird sie eingeschult und geht auch in Schomberg zur ersten heiligen Kommunion. In den nächsten Jahren pendelt sie hin und her. Kinderlandverschickung nach Bayern, Kriegserlebnisse in Kiel, danach wieder zurück nach Oberschlesien zur Erholung. Dort aber hat sie große Sehnsucht nach ihrer Schwester und den Eltern und fährt deshalb Weihnachten 1944 nach Kiel zurück. Das ist ihr Glück, denn im Januar 1945 marschieren die Russen in Beuthen ein.
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