Johannes Schlögl

„Mehanika“ oder Einmal Urknall und zurück bitte!

„Mehanika“
oder
Einmal Urknall und zurück bitte!




Der Quantenmechaniker begann in dem Moment die Orientierung in der 6. Dimension zu verlieren, als der Heisenberg Kompensator auf Grund einer Redundanz die Wahrscheinlichkeiten in der 7. Dimension dekompensierte und das Betriebssystem sich dadurch derart in Programmierungsfehlern titanischen Ausmaßes verhedderte, dass es einen „Red Screen of Death“ nach dem anderen produzierte. Selbst ein 75 Jahre altes in C++² geschriebenes Sicherheitsprogramm konnte da nicht mehr helfen. Kurzum – im Wahrscheinlichkeitskernel des Lichtrechners gab es ein gewaltiges Problem, das auf der Netzhaut des Mechanikers nur mehr die Farbe Rot produzierte. Aber der am Kopf angeflanschte Netzhautadapter ließ sich nicht so leicht vom abstürzenden Computersystem trennen, da er schließlich mit den Ohren und dem Gleichgewichtssinn gekoppelt war. In einem solchen Fall sollte ein alter herkömmlicher Ersatzrechner die Kontrolle übernehmen und den Quantenmechaniker aus seiner misslichen Lage befreien. Aber anstatt dies zu tun, produzierte die Recheneinheit selbst einen so gewaltigen Absturz, dass das Rot auf der Netzhaut des Quantenmechanikers durch das Blau eines sogenannten „Blue Screen of Death“ überlagert wurde. Nun befand sich der Mechaniker aber in einer verdammten Zwickmühle – aber noch war die Sch.... nicht am dampfen! - Während er nämlich dabei gewesen war, den Multidimensionenrechner zu reparieren, stürzte dieser ab und riss auch gleich den Hilfsrechner mit in den Abgrund. Und nun mischte sich die Farbe Rot mit der Farbe Blau auf der Netzhaut des Mechanikers, während eine Schrift in weißer Farbe sich deutlich davon abhob: „schwerer Ausnahmefehler im Adressbereich xxl zu xxm“. Zwischendurch wurde ein weiterer Text eingeblendet: „Wahrscheinlichkeiten falsch berechnet – Neustart nicht möglich, da schwerer Ausnahmenfehler in ... usw..“ In der Zwischenzeit war man auf der Brücke des Reparaturraumschiffs „Mehanika“ auf einen eigenartigen Sachverhalt aufmerksam geworden. Im Prinzip war es ja unmöglich, dass der Navigator durch die Steuereinheit hindurch greifen konnte. Aber aufgrund einer Fehlberechnung irgendwo im Raumschiffsystem war die Wahrscheinlichkeit dafür dermaßen erhöht worden, dass der Navigationsoffizier mit seiner Hand durch die Steuerkonsole hindurchgriff, als wäre sie nur eine Illusion. Geistesgegenwärtig zog er die Hand sofort wieder heraus. Lediglich die Spitze des rechten Zeigefingers war in Mitleidenschaft gezogen worden. Sie war nicht mehr mit dem Rest des Fingers verbunden, sondern steckte in der Konsole. Der Kapitän wusste, dass etwas nicht stimmte – mehr nicht! Warum sollte er über Raum- und Wahrscheinlichkeitsdynamik Bescheid wissen? Schließlich handelte es sich bei der „Mehanika“ um ein Reparaturschiff und nicht um einen Dimensionenkreuzer. Wenn ein Raumschiff sich in einer temporalen Möbiusschleife verfing, weil ein Lichtrechner zwei Koordinatenpunkte in verschiedene Raumzeiten setzte, kam die „Mehanika“ zu Hilfe und setzte dem temporalen Spuk mit einer gezielten Ladung Quantrazit ein Ende. Während sich der Navigator seinen verletzten Zeigefinger in den Mund steckte und auf den Notarzt wartete, überlegte sich der Quantenmechaniker im Maschinenraum einen Befreiungsversuch aus seiner misslichen Lage. Er konnte zwar nur mehr zwei Farben in ihrer vermischten Form sehen, seine Ohren hörten nichts und der Gleichgewichtssinn war momentan im Eimer, jedoch sollte mit den Händen und Beinen noch etwas anzufangen sein. Aber wie kann man den Händen begreiflich machen, dass sie den Stecker an der rechten Schläfenseite heraus ziehen müssen? Der Quantenmechaniker war ja immerhin mit seinem Geist und seiner restlichen Intelligenz immer noch in der 6. Dimension gefangen. Vielleicht würde es genügen, wenn er versuchte, aus seinem Arbeitssessel aufzustehen. Weil er zur Zeit kein Gleichgewichtsgefühl besaß, würde er hinfallen. Da das Anschlusskabel zu seinem Kopf relativ kurz war, würde sich durch den Sturz die Verbindung zum Schädel des Mechanikers lösen. Gedacht, nachgedacht – und getan. In der Zwischenzeit war auch die Betriebsamkeit auf der Brücke des Raumschiffs deutlich erhöht worden. Der Schiffsarzt versorgte den Navigator. Durch den Ausfall des Antriebs musste sich der Kapitän erst einmal Klarheit verschaffen, wo sie sich befanden und wie dies überhaupt geschehen konnte. Jedenfalls funktionierte kein einziges Zeitmessgerät – und die Sterne waren auch abhanden gekommen. Außerhalb des Schiffes war es „zappenduster“ und selbst die Sensoren konnten nichts finden, nicht einmal Materie – und schon gar keine von der dunklen Sorte. Nur der Multidimensionenchronograph zeigte eine eigenartige Zeit an. Minus 48 Stunden! Der Kapitän warf einen fragenden Blick zum wissenschaftlichen Flugberater. Auch er wusste sich keinen Rat und zuckte nur mit den Schultern. In der Zwischenzeit massierte der Quantenmechaniker seinen Schädel, mit dem er kurz zuvor heftig auf den Metallboden geknallt war. Er konnte wieder einigermaßen sehen, hören und das Gleichgewichtsorgan erholte sich ebenfalls recht rasch. Ein kurzer Blick auf die Bildschirme im Maschinenraum zeigte ihm mit aller Deutlichkeit der Farben Rot und Blau, dass sämtliche Recheneinheiten neu gestartet werden mussten. Doch bevor der Quantenmechaniker einen Neustart machen wollte, brauchte er mehr Endorphin in seinem Kopf. Die letzten Minuten hatten beinahe seinen gesamten Vorrat im Hirn aufgebraucht. Also versuchte er erst einmal diesen Stoff vom Schiffsarzt zu bekommen. Er drückte die rote Notfalltaste an seinem Handgelenk und wartete. Der Kapitän auf der Brücke schnappte wie seine Kollegen recht angestrengt nach Luft. Es dauerte seine Zeit, bis das Lebenserhaltungssystem sich von einem plötzlich auftretenden Wahrscheinlichkeitsschock erholt hatte und die Brücke wieder mit genügend Sauerstoff flutete. Das war nun schon der vierte Systemausfall innerhalb kürzester Zeit. Nur ein paar kräftige Hiebe des wissenschaftlichen Flugberaters mit seinem Notfallhammer auf die Innereien des Wahrscheinlichkeitskompensators hatten das Ärgste verhindert. Leider wurde dadurch auch das Eindämmungsgitter des quantrazithaltigen Prozessorkerns beschädigt. Nun berechnete diese hypermoderne Art von CPU nicht mehr die Wahrscheinlichkeiten für das Schiff, sondern nur mehr für sich selbst. Womöglich hätte dies die Frage aufwerfen sollen, was die Crew nun zu tun hätte. Aber der Kapitän hatte andere Sorgen, als sich um eine Frage solcher Art zu kümmern. Die Möglichkeit, dass sich Leder mit Metall ganz grundlos verbindet, ist äußerst minimal. Doch wenn die Wahrscheinlichkeit einmal verrückt spielt, kann es mitunter passieren. Jedenfalls hatte sich, so undenkbar es sein mag, die schwarze Lederhose des Kapitäns mit dem Metall seines Kommandostuhls vereinigt. Somit saß der Kommandant fest und musste sich mühsam seiner ledernen Beinkleider entledigen. Inzwischen hatte der Notarzthelferroboter mit einer Kortikalinjektion dem Quantenmechaniker die benötigte Endorphinration verabreicht. Dadurch wurde sein Selbstwertgefühl soweit wieder in Ordnung gebracht, dass er guten Mutes und ein kleines Liedchen vor sich hinträllernd mit der Reparatur des Antriebs beginnen konnte. Trotzdem quälte ihn eine Frage: Was hieß „schwerer Ausnahmefehler in xxl zu xxm – sichern Sie die Daten und starten sie den Computer neu“? Wie sollte das vor sich gehen? Das ganze Raumschiff war eine einzige Rechenmaschine die mit Raumdynamik, Dimensionen und Wahrscheinlichkeiten jonglierte und sich dadurch durch Raum und Zeit bewegte. Der Quantenmechaniker konnte nicht so einfach die „Mehanika“ rebooten. Das würde heißen, dass Raum, Zeit und jede Wahrscheinlichkeit auf Null gesetzt werden würden. Die Schaffung einer Singularität erschien dem Quantenmechaniker also nicht erstrebenswert, zumal der Heisenberg Kompensator seinen Dienst verweigerte. Vielleicht würde Quantrazit helfen. Bei Dimensionenkreuzern bewirkten diese kleinen schwarzen Kugeln wahre Wunder. Es handelte sich bei diesen runden Objekten um das Abfallprodukt von schwarzen Löchern die ein Gewicht von sechs Milliarden Sonnenmassen überschritten hatten. Diese implodierten und kapselten sich vom Rest des Universums und dessen Raumzeit ab. Was übrig blieb war eine 3,14 cm kleine schwarze Kugel mit der man allerhand anstellen konnte, wenn man wusste, was man tat! 314 Stück davon hatte man vor ein paar hundert Jahren im „Amigo Dei“ Nebel gefunden und ein besonders schönes Exemplar war unter einer Polkappe des Mars entdeckt worden. Der Quantenmechaniker holte eine dieser ominösen Kugeln aus dem Vorratsbehälter neben dem Antriebsaggregat des Raumschiffs und überlegte, was damit zu tun sei. Auf der Brücke war inzwischen das blanke Entsetzen ausgebrochen, nachdem der wissenschaftliche Flugberater seine Überlegungen zum Zustand des Schiffs und wo sie momentan verweilten in schlichten Worten dargebracht hatte. Demnach befanden sie sich mit der „Mehanika“ ungefähr 48 Stunden vor einem kommenden sogenannten „Urknall“. Der Grund dafür dürfte bei den Quantrazitkugeln liegen. Dem wissenschaftlichen Flugberater war vor einiger Zeit zu Ohren gekommen, dass bei einer Lagerung von mehr als 20 Stück dieser Dinger es zu irgendeiner Reaktion kommen dürfte. Anscheinend waren mehr als 20 Kugeln an Bord gebunkert worden und hatten dadurch eine Kettenreaktion ausgelöst. Demnach, so der Flugberater, war es zu einem Unfall gekommen. Und da die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Raumschiff an einem Ort 48 Stunden vor dem Urknall befand, wirklich äußerst gering war, vermutete er, dass es weder das Raumschiff noch sonst etwas mehr gab und die „Mehanika“ mit seiner Mannschaft nur mehr das „Nachglühen“ sei, das aus einer Katastrophe her resultierte. Die Materie hatte sich schneller verabschiedet als die darin befindlichen Informationen. Während der Kapitän mit offenem Mund und ohne Beinkleider auf der Brücke stand und nichts von dem Gesagten begriff, schoss der Quantenmechaniker eine Ladung Quantrazit in den Rachen des Antriebsaggregats. Und dann knallte es aber gewaltig. Es scheint aber eher unwahrscheinlich zu sein, dass die in einer Quantrazitkugel enthaltene Informationsmasse eine vor der Zeit initiierte Initialzündung hervorbringen konnte. Nichts desto Trotz verschafften sich 1080 Energieeinheiten innerhalb von sehr sehr kurzer Zeit Platz und schickten die „Mehanika“ dorthin zurück, wo sie hergekommen war. Es dauerte nur etwas...
*

Der Quantenmechaniker kratzte sich 15 Milliarden Jahre später an der Stirn, als er die Informationen auf den Bildschirmen des Maschinenraums las: „Unautorisierter Systemeingriff. Lizenzen wurden entzogen.“ Dabei hatte er doch noch gar nicht mit der Routineinspektion der Lichtrechner begonnen. Der Kapitän saß indessen gemütlich auf seinem Kommandosessel und schlürfte heißen Kaffeeersatz – Kaffee, während der wissenschaftliche Flugberater seinen silbernen Notfallhammer auf Hochglanz polierte. Nebenbei machte er sich Gedanken, was es wohl mit der eigenartigen Meldung auf sich hatte, die auf dem Display des Wahrscheinlichkeitsrechners stand. Demzufolge war das Universum um 48 Stunden älter, als es Wissenschafter mit ihren Berechnungen gewissermaßen erwiesen hatten. Es war für den wissenschaftlichen Flugberater eher unwahrscheinlich, denn wahrscheinlich, dass der Bordcomputer die Wahrheit mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit anzeigte. Also gab er dem Quantenmechaniker im Maschinenraum die Anweisung, dieses Fehlverhalten des Schiffscomputers zu reparieren. Nachdem er dies getan hatte befiel ihm ein ganz merkwürdiger Verdacht. Wenn nun das Universum wirklich um 48 Stunden älter war als vermutet, dann würde eine Synchronisation der Computer des Schiffs mit der „normalen“ Raumzeit zu einem Problem führen und die Lichtrechner abstürzen lassen. Die Folge wäre eine 15 Milliarden Jahre und 48 Stunden andauernde Möbiusschleife. Während der Flugberater so dahin dachte, wollte der Navigator eine Taste auf seiner Konsole drücken, griff aber ins Leere, als wäre sie nur eine Illusion. In der Zwischenzeit vermischten sich wieder einmal die Farben Rot und Blau auf der Netzhaut des Quantenmechanikers. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass dies alles wahrscheinlich ist, wäre äußerst unwahrscheinlich – es sei denn ......

Anm. d. Autors:
Die Geschichte sowie alle darin vorkommenden Namen, Personen und die vom Autor verwendete „spezielle“ Quantenphysik sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Namen und Menschen wären deshalb rein zufällig und nicht im Sinne des Autors - außer Heisenberg Werner (1901-1976).

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.09.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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