Ingrid Grote

LOve-StOry Teil 1

Irma sah ihn verstohlen von der Seite an. Es war immer wieder ein Genuss für sie, ihn anzusehen, und sie fühlte sich unbeschreiblich zu ihm hingezogen. Er war vielleicht in Wirklichkeit nicht schön, aber er war überaus attraktiv, und vor allem bewunderte sie seine Selbstsicherheit, vielleicht war es diese Selbstsicherheit, die ihn so attraktiv machte, dazu kam noch seine gute Figur, seine Größe, die Eleganz seiner Bewegungen, denn sogar nackt lief er vollkommen unbefangen daher, und es stand ihm. Viele Männer sahen nackt ziemlich blöde aus, liefen ungeschickt und tölpisch daher, vielleicht hatten sie irgendwelche Komplexe, aber er nicht. Er hatte bestimmt keine Komplexe, er war einfach perfekt. Und außerdem war er auch in anderer Hinsicht perfekt. Er war einfach zu perfekt. Wie konnte sich ein Mann wie er, der jede Frau haben konnte, sich für eine relativ unscheinbare Person wie sie interessieren. Nein, nicht nur interessieren, er hatte sie sogar gebeten, bei ihm einzuziehen. Und jetzt wohnten sie tatsächlich schon drei Monate zusammen, und diese drei Monate waren wunderbar gewesen.

Während sie auf der langweiligen Autobahn gen Osten fuhren, blickte sie wieder nach rechts auf die Autos, die sie überholten. Sie wollte ihn nicht zu offenkundig anschauen. Er war schon eingebildet genug. Sie griff nach der Zigarettenschachtel auf dem Armaturenbrett des Volvos, wollte sich eine Zigarette herausnehmen, überlegte es sich dann aber anders. Irgendwie hatte sie keine Lust zu rauchen. Sie hatte in letzter Zeit auch keine Lust mehr, Alkohol zu trinken, es schmeckte ihr nicht mehr, und sie hatte das nicht mehr nötig. Wenn sie allerdings an die Zeit vor vier Monaten zurückdachte, erschrak sie vor sich selber. Sie hatte manchmal soviel getrunken, dass sie Sachen getan hatte, die sie immer noch schwer bereute. Wieder schaute sie ihn verstohlen von der Seite an. Er fuhr äußerst konzentriert, und doch schien er zu spüren, dass sie ihn ansah. Er lächelte und blickte sie kurz an.

Aber jetzt brauchte sie das Trinken nicht mehr, eigentlich hatte sie es nie gebraucht, vielleicht manchmal, um in Stimmung zu kommen, um mit einem Mann schlafen zu können. Himmel, sie war wirklich pervers. Und seltsam, mit Hardy war sie immer in Stimmung gekommen, ohne Alkohol trinken zu müssen. Und er hatte von Anfang an diese Wirkung auf sie gehabt. Er hatte sie wütend machen können, und er hatte sie in dieser ersten Nacht so wütend machen können, dass sie ihn aus ihrer Wohnung hinauswerfen musste. Blödmann! Dieser Hai in der Maske des guten lieben Freundes! Noch immer fühlte sie den Groll von damals, sein blödes Geschwätz, die dämliche Anmache, dieser Spruch, dieser verdammte Spruch von ihm! Er war so eingebildet gewesen!
Ob er mit anderen Frauen schlief? Sie glaubte es eigentlich nicht, sie wohnte bei ihm, er hatte sie gebeten, bei ihm einzuziehen, sie hatte ihre beiden Katzen mitgebracht, und er liebte die Katzen. Aber liebte er sie, Irma? Gute Frage. Obwohl, Liebe, Blödsinn, Quatsch, okay, sie mochte ihn sehr gerne, er war fantastisch im Bett, er sah überaus attraktiv aus, und manchmal verursachte er ein seltsames Gefühl in ihrem Magen, aber Liebe? Sie hatte noch nie zu einem Mann gesagt, dass sie ihn liebte, weil es einfach nicht wahr war. Und Liebe war doch nur ein Wort, und sie war glücklich mit ihrer jetzigen Situation, sie musste nicht unbedingt das Wort Liebe dafür benutzen. Sie zeigte Hardy mit Hingabe, Leidenschaft und Zärtlichkeit, dass sie ihn mochte und versuchte in der übrigen Zeit, ihm nicht auf die Nerven zu gehen. Es war gut, wenn man sein eigenes Leben und seine eigenen Interessen hatte, dann konnte man sich viel besser in die Leidenschaft stürzen, als wenn man den ganzen Tag zusammen war. Sie freute sich, wenn Hardy mit seinen Kumpels zusammen Fußball im TV anschaute, und sie hatte nichts dagegen, wenn er danach mit den Kumpels in seine Stammkneipe ging. Seltsamerweise vertraute sie ihm. Sie wusste, sie konnte jederzeit in diese Kneipe gehen, ihn kurz auf die Wange küssen, sich neben ihn setzen und ihm beim Knobeln zuschauen. Sie wusste einfach, dass er nie mit einer anderen Frau dort irgendwie rummachen würde.
Haaa! Er hatte schließlich genug mit anderen Frauen rumgemacht. Er war so gut im Bett, dass er mit jeder Menge Frauen herumgemacht haben musste. Das wusste sie. Aber mittlerweile war es ihr egal, denn sie war ja auch kein Unschuldslamm gewesen...
„Am besten fährst du jetzt rechts über die Bundesstraße in Richtung Brilon.“ Sie wusste aus jahrelanger Erfahrung, wie man am besten nach Daarau kam. Daarau war ihr Heimatdorf, das Dorf, in dem sie geboren wurde und das Dorf, in dem ihre Eltern lebten. Ihr Vater feierte Geburtstag, und sie hatte eigentlich alleine nach Daarau fahren wollen, aber Hardy wollte mitkommen. Na gut, wenn er unbedingt wollte. Sie hatte ihren Eltern zwar gesagt, dass sie wieder mit einem Mann zusammenlebte, hatte es aber nicht sehr dramatisch dargestellt. Schließlich hatte sie fast acht Jahre mit ihrem Exfreund (im Geiste nannte sie diesen Exfreund ‚Mörder meiner Jugend’) zusammengelebt, und es war auseinandergegangen. Sie hatte ihren Exfreund zweimal in all den Jahren mit nach Daarau genommen, und er hatte sich dort immer aufgeführt wie der letzte blöde Macker. Wie würde Hardy wohl mit ihren Eltern klar kommen? Ihre Mutter – verächtlich rümpfte sie ihre Nase – war dumm, hatte schlechte Angewohnheiten und gab mit ihren Krankheiten an, sonst hatte sie wohl nichts, um damit angeben zu können. Und dennoch hatte ihre Mutter sie geprägt, alles was sie war, so schien es Irma, war sie durch das Verhalten ihrer Mutter geworden. Denn ihre Mutter hatte sie nie geliebt. Stets hatte sie gegeneinander gekämpft, vielleicht um Daddy, sie wusste es nicht mehr, aber sie wusste mit Sicherheit, dass sie irgendwann in ihrer Kindheit einen Knacks bekommen hatte, vielleicht durch die Schläge, die sie sinnlos von ihrer Mutter einstecken musste, vielleicht durch die allgemeine Lieblosigkeit, mit der ihre Mutter sie behandelte und die sie ihr postwendend zurückzahlte... Sie wusste nicht mehr, wie es angefangen hatte, sie wusste nur, dass sie Angst hatte, verletzt zu werden. Ach, es war schlimm irgendwie. Kein Wunder, dass sie nie ein Kind haben wollte, denn vielleicht hätte sie ein Kind so misshandelt, wie sie von ihrer Mutter misshandelt worden war. Und dieses Risiko wollte sie nicht eingehen. Aber Hardy hatte sie natürlich nichts von ihrer Kindheit erzählt. Warum sollte sie auch? Es würde sie zu sehr entblößen.
 
Hardy war sich ihrer Gegenwart sehr wohl bewusst. Seltsam, dass jemand, der von sich selber meinte, total unbedeutend auszusehen, so eine so starke Wirkung auf ihn hatte. Und sie war nicht wirklich hübsch, dafür waren ihre Gesichtszüge zu unregelmäßig, aber ihren Körper konnte sie nicht schlechtreden, er hatte Ähnlichkeit mit dem einer nubischen Prinzessin, abgesehen von der Hautfarbe natürlich. Ihr Körperbau war so perfekt wie selten bei einer Frau, und die Haut unterhalb ihrer Brust war so samtweich, dass er unablässig das Verlangen spürte, sie dort zu streicheln. Sie hatte ihn verhext. Ihn! Himmel noch mal, er hatte wirklich Erfahrung mit Frauen, er liebte es, sie zum Höhepunkt zu bringen und ihnen dabei zuzusehen, bis er sich dann selber in die Lust hineinstürzte...
Aber sie hatte ihn auch von Anfang an aufgebracht, dieses blöde Geschwätz von wegen: Jeder, der mit mir schläft, verliebt sich in mich. Oh ja, das hatte ihn aufgebracht! Vielleicht würde sich jeder Trottel in diese Tussi verlieben, aber er doch nicht! Er war schließlich nicht wie jeder andere Mann. Er konnte mit Frauen umgehen, er konnte sie trösten, er konnte sie verstehen. Er konnte sie perfekt befriedigen. Hmmm, ja alle... Aber bei ihr versagte sein Verständnis. Sie ließ ihn nicht in sich hineinblicken, sie erzählte ihm nichts über ihre Probleme, sie gestand ihm nicht ihre Liebe, und wenn sie sich geliebt hatten und erschöpft nebeneinander lagen, gab es keine Liebeserklärungen sondern andere Gespräche. Sie versuchte nicht, ihn krampfhaft zu Hause zu halten oder ihn von den Kumpels fernzuhalten, fast fühlte er sich schon vernachlässigt von ihr, weil sie ihn immer so leicht gehen ließ. Hatte sie überhaupt kein Verlangen, in seiner Gesellschaft zu sein? Er fühlte sich verunsichert, weil sie alle seine Dogmen auf den Kopf stellte. Liebte sie ihn etwa nicht? Sie hatte ihr eigenes Zimmer, er hatte gedacht, es wäre besser, wenn sie sich zurückziehen könnte, aber für seinen Geschmack zog sie sich viel zu sehr zurück. Und manchmal, wenn er im großen Wohnraum fernsah, dann vermisste er sie, er ging dann nach nebenan in ihr Zimmer, wo sie meistens lesend auf ihrem alten Bett lag, hievte sie ohne zu fragen hoch, trug sie in das andere Zimmer und legte sie auf das große Sofa. Sie musste dann lachen, legte sich bäuchlings über seinen Schoß und las weiter, denn das Buch hatte sie natürlich mitgenommen. Aber sie war da, und er streichelte ihren Hintern, der so aufreizend zu sehen und zu fühlen war, bis sie sich schließlich umdrehte und das Buch weglegte...
Er erinnerte sich an das Kleid aus weißer Spitze, er hatte sie dabei ertappt, als sie es in die Altkleidersammlung geben wollte:
„Wirf das nicht weg“, hatte er gesagt und das Kleid aus der Plastiktüte gefischt. Es war ein wunderschönes Kleid oder war es ein Nachthemd? In der Mitte hatte es einen hauchzarten Gummizug, und das Oberteil bestand nur aus zwei nicht sehr breiten Stoffbahnen, und es hatte keine Ärmel.
„Zieh es doch mal an.“
„Na gut, wenn du willst“, sagte sie ein wenig unwillig. Sie ging ins Badezimmer, um es anzuziehen, seltsam, normalerweise hatte sie keinerlei Hemmungen, sich vor ihm aus oder anzuziehen.
Als sie wieder ins Zimmer zurückkam, stand er da und starrte sie an, er war sprachlos, die weiße unschuldige Spitze war mehr als durchsichtig, sie verbarg nichts, ganz im Gegenteil, sie enthüllte gewisse Stellen ihres Körpers, vor allem ihre Brüste, und er konnte seinen Blick nicht von ihr abwenden, während sie ganz ruhig vor ihm stand.
Er konnte sehen, wie sich ihre Brustwarzen aufrichteten, vielleicht aus Erregung, aber vielleicht auch nur, weil sie so engen Kontakt mit der etwas groben Spitze des Kleides hatten. Sie trug absolut nichts unter diesem... Kleid. Ihre schmale Taille war umschmeichelt von diesem dämlichen Gummizug, Herrgott, sie hatte eine Taille wie Scarlett O'Hara, und ihre schmalen Hüften und ihre langen Beine raubten ihm den Verstand.
Er stand ein paar Sekunden sprachlos da, bevor er drei langsame Schritte auf sie zu machte und sie vorsichtig und tastend an ihren Brüsten berührte. Sofort erschauerte sie.
Während seine linke Handfläche flach und zart über ihre rechte Brust hin und her glitt und er spürte, wie ihre Brustwarze sich steif aufgerichtete, was ihr heftige Atemzüge entlockte, streifte seine rechte Hand lässig den einen Träger ihrer Kleides über ihre Schultern, so dass nun ihre andere Brust total entblößt war. Sie starrte ihn mit leicht geöffnetem Mund und halb geschlossenen Augen an. Er genoss ihren Anblick. Wo hatte er ähnliches gesehen, es war wie ein Gemälde, ihre linke mittlerweile vollkommen entblößte Brust und ihre rechte, unzüchtig verhüllt durch den Spitzenstoff, er wusste es nicht mehr, aber das, was er hier in Wirklichkeit sah und auch fühlte, war viel fantastischer als dieses Gemälde.
Sie drängte sich an ihn, und er begann ihren Mund zu küssen, während seine Hände weiterhin ihre Brüste streichelten, die eine nackte Brust und die andere verhüllte.
Sie bog sich ihm keuchend entgegen, und er hatte das Gefühl, der Reißverschluss seiner Hose würde platzen. Er nahm bedauernd seine Hände weg von ihr, hob sie hoch und setzte sie auf ihren Schreibtisch, der in der Ecke des Zimmers stand, diese Aktion hatte nicht viel Zeit gekostete, nichts von ihrer Erregung gedämpft, nein im Gegenteil sie war so fasziniert von seinem Tun, dass sie womöglich noch heftiger atmete.
Er zwängte seinen Oberschenkel zwischen ihre Beine, und sie hielt sich an ihm fest, drängte sich eng an ihn und rieb sich an ihm... nur der hauchdünne Spitzenstoff war zwischen ihrer Scham und seinem Oberschenkel.
„Es juckt“, sagte sie mit leicht zitternder Stimme.
„Süße, du weißt doch, immer wenn’s dich juckt, kannst du zu mir kommen.“
„Ooooh... Verdammt...“ Ihr Gesicht verzerrte sich, und er starrte ihr ins Gesicht, um es in aller Deutlichk...

„Ich muss mal pinkeln“, Irmas Stimme holte ihn aus seinen Tagträumen. Gut, auch ihre Stimme war schön, manchmal dunkel, manchmal nicht so dunkel.
„Was zum Teufel ist los mit dir? Hast du ’ne Blasenentzündung oder was?“ Es war schon das zweite Mal, dass Irma ihn anhalten ließ, nur weil sie pinkeln musste.
„Weiß nicht. Ich glaub, ich hab mir einen Virus eingefangen. Also bitte halt an!“
Als er endlich irgendwo anhalten konnte, verschwand sie eilig im Buschwerk und kam erst nach einer Weile wieder zurück. Irgendwie sah sie schlecht aus. Ihr blondes glattes Haar war ein wenig strähnig, als ob sie geschwitzt hätte, und ihr Gesicht sah sehr blass aus.
„Du siehst nicht gut aus“, sagte er besorgt.
„Ich schätze mal, es ist die Vorfreude. Es wird bestimmt grauenhaft werden...“
„Wir werden’s schon überleben“, sagte er vage, obwohl er nicht viel Hoffnung auf ein Überleben hatte. Ihre Eltern würden sich wahrscheinlich auf ihn stürzen, wahrscheinlich würden sie ihn als potentiellen Schwiegersohn ansehen, der ihr Töchterchen heiraten würde. Seltsamer Gedanke, heiraten? Als ob Irma jemals einen Mann heiraten würde, das war lachhaft. Sie war ja so versessen auf ihre Unabhängigkeit, vor allem in finanzieller Beziehung, sie würde es nie dulden, wenn ein Mann für sie sorgte. Herrgott, warum sollte er auch für sie sorgen müssen, sie hatte einen guten Job, arbeitet nur sechs Stunden am Tag, sie war wirklich so gut, dass sie diese Teilzeitarbeit ihrem Chef abgetrotzt hatte, als einzige in ihrer Firma, und sie schien gerne zu arbeiten. Aber er hatte noch nie eine Frau gekannt, die so versessen auf ihre Unabhängigkeit war. Warum also hatte er unbedingt mitfahren wollen? Er hatte keine Ahnung. Er wusste nur, dass er neugierig darauf war, ihre Familie kennen zu lernen. Vielleicht würde er dadurch Irma besser verstehen können.
 
Himmel Herrgott, diese Übelkeit war wahnsinnig lästig. Das war doch nicht normal! Dauernd war ihr schlecht, sie musste oft kotzen, so wie eben, sie sah mies aus, ihre Haare waren strähnig, und sie würde sie gleich in Daarau waschen müssen, denn so konnte sie sich unmöglich auf dieser Familienfeier blicken lassen.
Nein, diese Übelkeit war lästig. Es war mit Sicherheit ein Virus, irgend etwas magen-darmmäßiges. Wenn sie es allerdings nicht besser wüsste, würde sie meinen, sie wäre schwanger. Aber das konnte absolut nicht sein, denn sie hatte schon seit Jahren eine Spirale in sich, und die hatte noch nie versagt. Aber wenn doch? Irma fühlte, wie ihr der kalte Angstschweiß ausbrach..
Auch ihre Brüste waren voller geworden. Und diese Übelkeit. Dann fiel ihr siedendheiß ein – wie passend zum kalten Angstschweiß, dachte sie ironisch – dass sie schon zweimal ihre Periode nicht gehabt hatte. Sie war so froh darüber gewesen, denn mit der Spirale war ihre Periode immer ziemlich unangenehm verschärft, dass sie den Gedanken an die ausgebliebene Kacke verdrängt hatte.
Aber sie hatte doch die Spirale, und eine Schwangerschaft kam absolut nicht in Frage. Nein, nein, nein. Niemals! Es konnte nicht sein, es war ein Virus, und nach ihrer Rückkehr aus Daarau würde sie endlich zum Arzt gehen und sich behandeln lassen, denn so konnte es nicht weitergehen.
Allerdings würde sie zur Sicherheit ihren Onkel mal befragen, der war nämlich Frauenarzt und der Mann ihrer Tante Lisa. Die beiden würden auch zur Feier kommen. Nur so zur Sicherheit, denn... nein, alles Quatsch, es durfte nicht sein, und es konnte nicht sein.
 
Der Empfang im Hause ihrer Eltern fiel nicht peinlich aus, vielleicht deswegen, weil so viele Leute schon im Haus waren. Irma hatte kurz ihre Eltern umarmt, ihren Vater liebevoll und ihre Mutter flüchtig, und sie hatte ihnen Hardy vorgestellt als neuen Freund. Ihr Vater war natürlich hochbegeistert, sie mal wieder mit einem Kerl zusammen zu sehen. Na klar, Väter! Und sie stellte Hardy auch den anderen vor, die schon da waren. Und vor allem die Frauen natürlich, egal welchen Alters waren schwer beeindruckt von Mister Oliver Hartmann, seines Zeichens Mathelehrer, an die 1,95 groß und so attraktiv, dass man es kaum glauben konnte.
Von weitem sah Irma ihre Tante Lisa mit Onkel Norbert, und sie winkte ihnen zu, nahm Hardy bei der Hand und führte ihn zu ihnen. Denn Hardys Vater, der Proff, wie sie ihn nannten, hatte mit Onkel Norbert zusammen studiert, das war durch Zufall herausgekommen, als sie sich mit dem Proff am Billardtisch des Hauses unterhalten hatte, irgendwann, als sie noch nicht richtig mit Hardy zusammen war, sondern nur mit ihm schlief. Seitdem hatten der Proff und ihr Onkel wieder regen Kontakt miteinander. Der Proff war unwahrscheinlich nett, und sie hoffte, dass er die Katzen während ihrer Abwesenheit gut versorgte. Es war ja auch nur für eine Nacht.
Tante Lisa war hocherfreut, den blendend aussehenden Mathelehrer endlich in Persona kennen zulernen. Lisa war immer noch sehr hübsch, obwohl sie jetzt schon weit über vierzig war. Und Onkel Nobby hatte tatsächlich Hardy als Baby gesehen und auch seine früh verstorbene Mutter gekannt.
 
Der Abend verlief gar nicht übel. Hardy amüsierte sich mehr, als er erwartet hatte. Sogar mit Irmas Vater verstand er sich gut. Der alte Knabe erzählte interessante Geschichten aus der Politik in der Gemeinde, er war nämlich vor kurzem in den Gemeinderat gewählt worden.
„Mein Alter ist ein Arbeiterverräter“, sagte Irma zu ihm, als sie sich wieder trafen. „Der wechselt die Partei wie eine Hose. Und jetzt meint er, dass ich automatisch seine neuen Weisheiten übernehme.“
„Er ist intelligent“, meinte Hardy und schaute sie aufmerksam an. sie sah nicht mehr so schlecht aus wie auf der Fahrt. Sie hatte ihre Haare gewaschen, und sie fielen hell und glänzend auf ihre Schultern, ihr Gesicht sah klar aus, sie trug kaum Make Up und hatte nur ihre blauen Augen mit blauem Lidstrich betont. Lippenstift brauchte sie nicht, sie fand immer, dass ihre natürliche Lippenfarbe an schönsten war. Und das stimmte. Sie trug eine einfache schwarze Hose und dazu eine kurze taillierte Jacke, so eine Jacke hatte Hardy noch bei keiner anderen Frau gesehen, und schließlich stellte er fest, dass sie die Jacke wohl selber genäht haben musste. Darunter trug sie ein weißes T-Shirt aus Spitze, und das brachte ihn wieder zu dem weißen Spitzenkleid...
„Er ist zwar intelligent, aber er ist irgendwie ein Bastard, dreht sein Mäntelchen immer nach dem Wind und so... Und wie findest du meine Mutter?“
Hardy wusste nicht recht, was er darauf antworten sollte. Er hatte bemerkt, dass Irma sich mit ihrer Mutter nicht verstand, die beiden führten keine vertraulichen Mutter-Tochter-Gespräche, sondern hielten sich auffällig fern voneinander.
„Die ist wohl nicht so intelligent“, brachte er schließlich heraus und überlegte, ob er vielleicht etwas Falsches gesagt hatte.
„Haha, das stimmt!“
 
Einer von Irmas Onkeln nahm ihn daraufhin in Beschlag, und sie wurden voneinander getrennt. Irma sah ihm lächelnd nach. Er konnte sich wirklich überall behaupten, kam mit fast jedem klar, und sie konnte sehen, dass er sich Mühe gab mit diesen Leuten, die er noch nie gesehen hatte. Wollte er ihr damit einen Gefallen tun?
Dann fiel ihr wieder ein, dass sie ihren Onkel Norbert etwas fragen wollte. Über Spiralen und so weiter... Allerdings war die Übelkeit weg, und sie fühlte sich blendend. Sogar die Zigarette, die sie zögernd rauchte, schmeckte ihr wieder, und das leichte Bier, das hier in der Umgebung gebraut wurde, war köstlich. Und es war wirklich sehr leicht. Von dem Zeug konnte man bottichweise trinken, man wurde einfach nicht besoffen. Sie ging langsam in Richtung Onkel Norbert, dem Frauenarzt, der gerade alleine herumstand.
 
Während Hardy mit einem von Irmas Onkeln plauderte, konnte er sehen, wie Irma sich mit ihrem angeheirateten Onkel Norbert unterhielt. Er mochte Nobby gut leiden, der Typ war echt witzig, er erzählte lustige Sachen aus seiner Praxis, unter anderem eine Geschichte, wie er nachts von einer Patientin angerufen wurde. Er sollte unbedingt bei ihr vorbeikommen, und es stellte sich heraus, dass nicht sie der Patient war sondern ihr Freund. Der hatte sich nämlich einen Vibrator in den Hintern gesteckt, das Ding hatte sich irgendwie festgefräst, und er kriegte es nicht mehr raus... Hardy hatte sich köstlich über diese Geschichte amüsiert.
Er sah zu, wie Irma sich mit Nobby unterhielt, und er sah auch, dass ihr Gesicht plötzlich wieder blass wurde und dass sie Nobby ungläubig anstarrte. Dann sagte sie etwas, und Nobby nickte mit dem Kopf, und ihr Gesicht wurde womöglich noch blasser. Sie schaute suchend umher, bis ihre Blicke ihn fanden, er wollte ihr zulächeln , aber sie schaute schnell wieder weg.
Was zum Teufel war denn jetzt schon wieder los? Er würde gleich mal bei Nobby vorbeigehen und ein bisschen auf den Putz klopfen.
 
Fortsetzung folgt


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.09.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Den Wind jagen: Haiku von Heike Gewi



Alle Haiku-Gedichte in "Den Wind jagen" von Heike Gewi sind im Zeitraum von Januar 2008 bis 2012 entstanden und, bis auf einige Ausnahmen, als Beiträge zur World Kigo Database zu verstehen. Betreiberin dieser ungewöhnlichen Datenbank ist Frau Gabi Greve. Mit ihrer Anleitung konnte das Jemen-Saijiki (Yemen-Saijiki) systematisch nach Jahreszeitworten für Bildungszwecke erstellt werden. Dieses Jahr, 2013, hat die Autorin die Beiträge ins Deutsche übersetzt, zusammengefasst und in Buchform gebracht. Bei den Übersetzungsarbeiten hat die Autorin Einheimische befragt und dabei kuriose Antworten wie "Blaue Blume – Gelber Vogel." erhalten. "Den Wind jagen" heißt auch, Dinge zu entdecken, die sich hoffentlich nie ändern. Ein fast unmögliches Unterfangen und doch gelingt es diesen Haikus Momente und zeitlose Gedanken in wenigen Worten einzufangen und nun in dieser Übersetzung auch für deutschsprachige Leser zugänglich zu machen.

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