Ana Logie

deutsch sein

Die Deutschen - ein Volk von Wuerstchenessern und Biertrinkern, das mit BMW, Audi und Mercedes stets puenktlich zu Verabredungen erscheint, lebt um zu arbeiten und sich ohne die enthemmende Wirkung von Alkohol ueberhaupt nicht paaren und fortpflanzen wuerde?
 
Deutschland, ein Land der Gegensaetze? Ossis gegen Wessis, Preussen gegen Bayern, alleinerziehende Muetter gegen tuerkische Grossfamilien, Humboldt'sches Bildungsideal gegen PISA-Pleite, Hartz IV gegen fuenf vor zwoelf? Wer oder was ist deutsch?
 
Diese Frage stellt sich dem Deutschen gemeinhin erst, wenn er fuer laengere Zeit im Ausland weilt und seine Nationalitaet ploetzlich zum ersten Kriterium wird, nach dem er klassifiziert wird: vorher war er Mann oder Frau, hetero oder homo, Single oder liiert, arbeitslos oder nicht, gluecklich oder ungluecklich und auf einmal konfrontiert man ihn damit, dass er deutsch ist.
 
Vier Wochen bin ich nun in Chile, wo ich einige Monate im Rahmen meines Studiums verbringen werde, und es verging in dieser Zeit kaum ein Tag, an dem ich mich nicht als Deutsche geoutet habe. Zumal die Chilenen an sich sehr kommunikativ, Deutschen gegenueber sehr herzlich, offen und gastfreundlich sind und immer wieder gerne mit mir in Bus oder Taxi, beim Baecker oder in der Mittagspause ein Schwaetzchen ueber Hitler, Honecker oder den Papst halten.
 
Ja, Hitler, immer wieder. Anfangs fuehlte ich mich zutiefst gekraenkt, wenn mir ein Busfahrer auf mein "soy alemana" ein "aaah, Alemanía...Hitler, no?" erwiderte. Mittlerweile weiss ich, dass das kein Vorwurf ist und ich mich nicht staendig fragen muss, wie viel Schuld mir persoenlich an Massenmord und zig Millionen Toten gegeben wird, sondern dass die Nazis oft das markanteste sind, was Chilenen mit Deutschland assoziieren. Und sicher gibt es nicht wenige Deutsche, die auf den Begriff "Chile" spontan ein "aaah, Chile, da war doch dieser Pinochet oder wie der hiess" in den Raum stellen wuerden. Profunde Kenner der Historie eben...
 
Ich rede mit meiner chilenischen Gastfamilie, bei der ich wohne und mit Studienkollegen ueber das Deutschlandbild der Chilenen. Zumal es hier nicht wenige Familien mit deutschen Vorfahren gibt. Und Hitler doch nicht das einzige sein kann, woran eine Deutsche wie ich, die im Ausland ohnehin meist phaenotypisch als Russin oder Tschechin gehandelt wird, einen chilenischen Bus- oder Taxifahrer erinnert.
 
Man erklaert mir, dass es hier Deutsche und sehr Deutsche gibt. Erstere kamen im 19. Jahrhundert und haben vor allem den Sueden besiedelt. Letztere kamen nach dem 2. Weltkrieg...Und es waere ignorant nicht anzuerkennen, dass die Exil-Nazis hier ein Deutschlandbild gepraegt haben, dass meinem Empfinden als Demokratin UND Deutscher zutiefst zuwider laeuft.
 
Einem Zoegling sehr deutscher Herkunft bin ich auch schon begegnet. Er erklaert mir, dass die Deutschen in Chile sowieso viel deutscher sind als die Deutschen in Deutschland - i m p r e s s i o n a n t e - dass er erst kuerzlich am Brandenburger Tor vorbeimarschiert ist - die Fahnen hoch.... - fragt mich ob ich schon mal in Laboe und anderen Kriegsschauplaetzen war, die mir allesamt unbekannt sind - na klar, und waren Sie schon mal in Auschwitz oder Dachau - und erzaehlt, dass sein Grossvater unter dem grossen E. Rommel gedient hat. Es reicht, ich hab die Schnauze voll und ueberlege, ob ich ihm sagen soll, ich sei Juedin. Ich bin katholisch, aber im Moment angewidert. Und wuetend, dass jemand mit mir als vermeintlicher Landsmaennin das Dritte Reich hochleben lassen will.
 
Ich bin deutsch, aber ich bin keine Faschistin. Ich suche unter http://www.wikipedia.org/ nach dem Begriff Faschismus, weil ich im Grunde gar nicht weiss, was faschistisch sein bedeutet und stelle fest, dass der Begriff made in Italy und nicht made in Germany ist.
 
Ein Studienkollege fragt mich beim Kaffee in der Mittagspause ob ich Rassistin sei. Er habe mal ein Interview mit einer koreanischen Familie gelesen, die behauptet hat, sie wuerde es nicht dulden, wenn sich eines der Kinder mit einem Nicht-Koreander liieren und vermehren wuerde, da die koreanische eine sehr reine Rasse sei. Reine Rasse? Reden wir ueber Zuchthunde? Ich antworte, dass ich mich mit dem Mann fortpflanzen werde, den ich liebe. Aber ein chilenischer Macho liebt sich genauso schlecht wie ein deutscher, koreanischer oder russischer...und seitdem das Mutterkreuz abgeschafft wurde macht Kinder kriegen nur noch halb so viel Spass. Ob wir Ironie verstehen? Ironie? Was ist das...? Ein Patient im Krankenhaus fragt, ob ich etwas mit den Nazis zu tun habe. Leider habe ich genau an diesem Tag meine Armbinde zu Hause liegen lassen. Sind wir politisch korrekt? Immer...
 
Was habe ich mit den Nazis zu tun? Ich war nie im BDM und kenne die Nazipropaganda aus dem Geschichtsunterricht, Doku-Filmen und den trefflichen Parodien meines frueheren Bekanntenkreises intellektueller Zyniker.
 
Eine andere Deutsche soll mal behauptet haben, Hitler waere sehr intelligent gewesen und haette deswegen an die Macht gelangen koennen, erzaehlt mir ein Studienkollege im Bus, waehrend wir ueber den holprigen Asphalt rattern. Ich muss an die Autobahnen denken, die Hitler zu Kriegszwecken bauen liess und an die Worte des Kabarettisten Erwin Pelzig: Hitler war ja nicht allein, sie waren zu zweit: er und das Volk. Freilich seh ich mich genoetigt, meinem Studienkollegen einen geschichtlichen Diskurs ueber das Deutschland der 20er und 30er Jahre auf's Auge zu druecken. Und darueber, dass denken und Zivilcourage noch nie die Staerke des gemeinen Volkes war. Weder in Deutschland noch anderswo. Hitler sehr intelligent und das Volk sehr dumm? Nein, das ist zu einfach, so funktioniert Geschichte sicher nicht.
 
Es gibt hier ein deutsches Restaurant, in dem Bilder von Pinochet an der Wand haengen und verschiedene Militaer- und Kriegsdevotionalien deutscher und chilenischer Herkunft in Glasvitrinen und im Fenster ausgestellt sind. Es haengen Zeitungsartikel der Lokalpresse an der Wand, die dokumentieren wie 1989/90 hier Kameraden und Hermanos den Fall der Mauer zelebriert haben. Der deutsche Dueño des Lokals ist offensichtlich Faschist und isst mit seinen Faschistenbruedern gerne deutsches Essen.
 
Ich esse auch gerne, aber ich einige mich mit meinen Studienkollegen darauf, dass Essen und Faschismus nicht kausal zusammen haengen. Und dass Faschismus, diese seltsame Mischung aus Xenophobie, Gewalt, Respektlosigkeit gegen Schwaechere und Minderheiten und Entwuerdigung des Individuums genauso deutsch wie chilenisch oder italienisch sein kann.
 
Der Himmel ueber Chile ist so blau, ich laufe ueber einen der vielen Huegel, auf die diese Hafenstadt gebaut wurde, blicke auf's glitzernde Meer und frage mich, worueber ich mir gerade den Kopf zerbrochen habe. Ueber Wuerstchenesser und Biertrinker? Reinrassige Zuchthunde?
 
Naechste Woche ist hier Nationalfeiertag. Schon jetzt wehen ueberall Fahnen und die Vorfreude auf zwei, drei Tage mit viel gutem Essen, Trinken, chilenischer Musik und Tanz ist gross. Die Chilenen feiern sich selbst und haben ungemein viel Spass dabei. Trotz Pinochet und trotz der Probleme, die sie haben. Und ich werde an meinem freien Sonntag auch feiern. Trotz Hitler und trotz der Probleme, die wir Deutsche uns gerne machen.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.09.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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