Marianne Reepen

Das Märchen vom Bruder Tag und seiner Schwester, der Nacht

 
 
Wenn der Tag, beladen voller Ideen und Energien in der Dämmerung zur Ruhe kommen darf, geht er zu einem sanften Hügel, dahin, wo seine Schwester, die Nacht, schon auf ihn wartet.
 
Sie umarmen sich,  setzten sich und schauen in die Ferne.
 
Schweigend weilen sie nebeneinander. Sie müssen sich nicht viel sagen.
Sie spüren miteinander, wie ihre Herzen schlagen – und was sie sich sagen möchten, das erleben sie in geschwisterlicher Liebe zueinander, denn sie sind ja miteinander alt geworden und kennen  Millionen von Erlebnissen der Menschen.
 
Nur manchmal, wenn eine ungeheuerliche Neuigkeit geschehen ist, dann sprechen sie miteinander,  dann müssen sie einander ihre Herzen ausschütten.
 
Wir sehen es nicht, weil wir so sehr beschäftigt sind. Wir ahnen es, wie ein Wetterleuchten, so, wie wir es wohl bei weit entfernten Gewittern kennen.
 
Schließlich kommt dann doch eine geborgene Ruhe über sie. Sie  sitzen noch etwas nebeneinander und warten auf den langsamen Abschied, der jeden Abend und jeden Morgen sich erneut vollzieht.
Und während der Tag immer müder wird und vollends im Traum versinkt, entfernt sich die Nacht schweigend und geht in ihre unendlich tiefe, dunkle Weite, dahin, wo das rege Leben in all seinen Farbnuancen  pulsiert.
Sie erkennt, wo das Schweigen regiert und wo die Trauer lebt, wo ein Schrei in mitternächtlicher Stille durch das Dunkel hallt, wo Tod und Leben duldend nebeneinander liegen.
 
Sie nimmt alles in sich auf und schweigt zu dem Geschehen. Sie ist neutral, so, wie ihr Bruder, der Tag. Sie sind beide einfach nur da.
 
Und wenn sich beide zu Beginn der blauen Stunde  wieder auf dem Hügel treffen,
sitzen sie wieder da und übergeben sich schweigend ihre Aufgaben, die dort ineinander fließen, immer und immer wieder.
 
Ich möchte sie nicht missen, nicht den Bruder Tag und auch nicht seine  Schwester, die Nacht.
 
 © Marianne Reepen

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Marianne Reepen).
Der Beitrag wurde von Marianne Reepen auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.09.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

Bild von Marianne Reepen

  Marianne Reepen als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Elfchen und der Menschenmann von Heike M. Major



Entspannung pur

Gehört eine gemütliche Lesestunde zu Ihrem Wellness-Programm?
Haben Sie eine romantische Ader?
Lieben Sie die Natur?
Schmunzeln Sie gerne?

Dann lesen Sie dieses Buch.
Lehnen Sie sich zurück und lassen
Sie sich davontragen in eine Welt wohliger Entspannung und vertrauter Geborgenheit.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (2)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Fantasy" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Marianne Reepen

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Es weihnachtet wieder... von Marianne Reepen (Weihnachten)
Halloween von Rüdiger Nazar (Fantasy)
Ein Milchbad für die Bohrmaschine von Christine Wolny (Wahre Geschichten)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen