Aarton Adenreich

Der Lauf der Dinge

Noch etwas benommen und mit leichten Kopfschmerzen erhob er sich
von seinem Feldbett aus kuscheligen Seidenkokons und Baumwollsamen
und blinzelte müde in die Landschaft. Irgendjemand oder etwas hatte
ihn ungebetenerweise geweckt. War es wieder eines dieser geistes-
kranken Eichhörnchen mit seinem buschigen Schwanz gewesen oder diesmal
vielleicht eine Kuh die ihren Mageninhalt etwas zu lautstark wieder-
gekäut hatte? Jedenfalls erschien er auf einen ersten prüfenden Blick
unversehrt, anders als ein paar Tage zuvor, als ein an Durchfall
erkrankter Elephant seinen Darminhalt über seinem maklelosen Gesicht
entleert hatte und dann freudig und erleichtert trompetent von dannen
gezogen war. Er hatte sich daraufhin fest vorgenommen den Vorfall der
zuständigen Instanz vorzutragen, war dann jedoch auf seinem Weg zur
Badestelle über eine Ansammlung kleiner farbenfroher Pilzchen gestolpert, die im bislang noch nicht aufgefallen waren. Neugierig hatte er gekostet was zu Folge hatte, daß sich sein Zorn mit dem Rest
seiner Vernunft in Luft aufgelöst hatte und er für den Rest des Tages
dämlich grinsend und stark besudelt durch den Garten geschippert war.
 
Nachdem er jetzt einsehen musste, daß er die Ursache seines ausserplanmässigen Erwachens nicht so ohne weiteres rekonstruieren würde
können, reckte er sich Adonishaft der Sonne entgegegen und begann dann
damit ,wie jeden Morgen, seinen noch stark bewölkten Schädel ziellos durch das goldenene Reich zu schleppen. Hier und da kickte er ein Kaninchen oder ähnliches Säugetierchen, welches zufällig seinen Weg kreuzte, und freute sich wie ein Kind wenn das Geschoß in hohem Bogen in das anvisierte Ziel, meist ein Baumstamm oder ein Fels, traf. Das Spiel
stimmte ihn rasch wieder fröhlich und als er schließlich auf eine Lichtung trat, begrüßte ihn dort ein anmutig wippendes Geßäß zwischen einer Reihe von Mohnblumen.
 
"Rippchen" nuschelte er, denn sein Mund war noch gefüllt mit einer Hand
voll Stechäpfeln, die er sich auf dem Weg noch hurtig zugeführt hatte.
Er sollte auf sein Rufen keine Anwort erhalten und als er sich näherte
offenbarte sich ihm auch der Grund für die seltsamen Verrenkungen seiner Freundin: Sie war emsig beschäftigt mit ihrer Zunge den klebrigen Saft
von den Mohnblumenkapseln zu sammeln, wobei ihre Augen ähnliche  Bewegunsmuster vollführten wie ihr Gesäß. Er beobachtete den skurilen Schwänzeltanz noch ein wenig, beschloß dann aber daß die Frau aus seiner Seite ihr heutiges Pensum bereits erfüllt haben mußte und das ein erfrischendes Bad im kühlen Fluß einen gelungenen Abschluß der Orgie bilden sollte. Suchend schaute er sich um und entdeckte am anderen Ende der Waldlichtung ein schüchtern graßendes Roß, welches er sogleich zu sich befahl. Mit einer eleganten Bwewegung wuchtete er den mittlerweile
völlig narkotisierten Körper seiner Freundin auf den bereitstehenden
Pferderücken und setzte den Gaul durch einen Klaps in Bwegeung.
Nach einer Weile erreichte das merkwürdige Ensemble das Gewässer und er
machte sich sich daran die bewusstlose Frau in die wiederbelebenden Fluten zu tauchen als  ein seltsamer Gong über die grüne Aue schallte
und ihn in seiner Bewegung inne halten ließ. In einer Wolke erschien
ein geplättetes Gesicht mit geröteten, von tiefen Ringen umrandeten
Augen und musterte mit geweiteten Pupillen die Menschen.
 
"Ach Gott" murmelte Adam in die Hüfte seiner besseren Hälfte. Er wagte
nicht Evas schlaffen Körper angesichts der Person in der Wolke von seiner Schulter gleiten zu lassen und so blieb er einfach stehen und
wartete ab welche Botschaft Gott diesmal zu verkünden hatte. Vielleicht
ging es ja nur wieder um die Bekanntgabe einer neuen Schöpfung, so wie
letztens als der Herr ihnen stolz daß Gold präsentiert hatte, eine Kreation die sich im Paradies bald als nutzlos erwiesen hatte. Außer Eva, die  von Zeit zu Zeit einen solchen Klumpen auf ihrem Kopf balancierte und dann behauptete sie sei schön, wußte niemand so recht etwas mit dem glänzenden Gestein etwas anzufangen.
 
"Nau lissen to mie verie goog mahn end wuhman...",
 
 sprach das Wolkengesicht mit schleppender Stimme und dem unverwechselbahrem Dialekt der im Paradies immer wieder zu verstohlenem Gelächter und auch Adam und Eva stets ein sauer verzogenes Lächeln entlockte.
 
"Juh kan iet ohl de fruts of ohl de tries ohl ohva de garden, Andastent?"
 
Adam nickte eifrig und schüttelte zur Bekräftigung Evas Leib, so daß von
weitem der Eindruck entstehen konnte sie nicke auch, gleichwohl sie gerade erst das Bewusstsein wiedererlangte.
 
"Bat...!"
 
Adam und Eva starrten nun beide gespannt auf die Wolke.
 
"Der is won trie ded is not for juh piepel. De won in de middel of de
garden. Ded won is onlie for mie, is onlie for god andastent? No man, no
wuhman iet fruts of ded won, andastent?"
 
Adam lugte ungläubig hinauf zur Wolke. Im passte es garnicht das hier was verboten wurde, noch dazu solch eine geheimnissvolle Frucht. Er dachte einen Augenblick über eine geeignete Formulierung nach und rief dann gen Himmel:"Wei is ded frut no good for as Mahsta of de Juhnivörs?"
Die Wolke verformte sich kurzzeitig zu einer Sanduhr. Dann fuhr Gott fort:
 
"Det staff is far tuh hevie for juh geis! Ha Ha Ha Ha Ha Ha..."
 
Mit diesem Lachen verpuffte das Gesicht in der Wolke. Adam und Eva, die mittlerweile wieder vollständig zur Schöpfung zurückgekehrt war, standen noch für eine ganze Weile Seite an Seite am Flußufer, bis Adam sich schließlich umständlich räusperte und mit zweifelndem Tonfall sprach:
"Also den Baum in der Mitte lassen wir dann mal besser sein...!?" Eva nickte langsam und zögerlich, entgegnete dann aber leise: "Neugierig bin ich ja irgendwie schon...?!" Das Paar blickte sich tief in die Augen und beide mußten gleichzeitig anfangen zu lachen. Die Menschen fassten sich an den Händen und torkelten begleitet von intensivem Gekichere und verschwörerischem Augenzwinkern zurück in den Wald.
 
 

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