Judith Hoffmann

Schicksal

Destin ( Schicksal )

 

 

 

Dicke Schneeflocken fielen vom Himmel und bedeckten den dichten Waldboden. Der Wind heulte in den kahlen Ästen der Bäume wieder. Der Mond strahlte wie ein Edelstein am Himmel. Nebelschwaden bildeten sich und schlängelten sich um die Bäume.

 

 

 

Barfuss rannte sie über den kalten Schneeboden . Sie rannte durch das dichte Dornengestrüpp und zerkratzte sich Arme und Gesicht . Blut rang ihren Wangen und Armen entlang und fielen in dicken Tropfen in den Schnee .Wölfe heulten hinter ihr auf. Sie rannte schneller, um den Bestien zu entkommen. Hinter einem großen Baum versteckte sie sich. Ihr Atem ging unregelmäßig. Ihr Herz raste. Das Mädchen zitterte am ganzen Körper. Tränen der Verzweiflung stiegen in ihr auf. Was sollte sie jetzt noch machen? Sie kann ihnen nicht entkommen. Irgendwann würden sie, sie kriegen. Es war nur eine Frage der Zeit.

 

Ein lautes Knurren holte sie aus ihren Gedanken. Ein grauer Wolf stand genau vor ihr und blickte sie an. Seine kristallblauen Augen beobachten jeden ihrer einzelnen Bewegungen. Plötzlich griff er sie an. Das Mädchen schrie. Der Wolf fletschte die Zähne und schnappte nach ihrem Arm und biss zu. Sie fiel nach hinten und versuchte sich zu befreien. Knochen brachen. Ein gellender Schrei durchbrach die Ruhe des Waldes. Ein Stein, sie fühlte einen Stein in der rechten Hand. Mit ganzer Kraft schleuderte sie den Stein auf die Nase des Wolfes, der daraufhin laut aufheulte und umfiel. Keuchend, nach Luft ringend blickte sie eine Minute lang den toten Wolf an.

 

Mit wankenden Schritten stand sie auf. Ihr Arm war Blut überströmt. In ein paar Minuten würden die anderen durch ihr Blut ebenfalls die Spur aufgenommen haben . Der Tod ihres Kameraden würde das Rudel noch wütender machen.

 

 

 

Endlich am Ende des Waldes angekommen, blickte sie auf einen halbzugefrorenen See.

 

Der Schnee glitzerte auf der Eisoberfläche und der Wind wirbelte den Schnee auf. Etwas geheimnisvolles umgab den See. Bezaubert von der Schönheit des Sees bemerkte sie nicht, dass sie langsam umzingelt wurde. Ein schneeweißer Wolf stand vor ihr. Die Anderen blieben regungslos stehen. Das Mädchen ließ sich auf die Knie fallen, wohlwissend, dass ihr Leben jetzt zu Ende ist. Der Wolf kam langsam auf sie zu und stoppte kurz vor ihrem Gesicht. Vor Angst hätte sie fast laut auf geschrieen. Sie starrte ihn an. Würde sie jetzt sterben? Wenn ja, dann hatte sie wenigstens nicht kampflos aufgegeben. Der Wind hatte aufgehört. Völlige Stille breitete sich aus. Sie schauten sich beide tief in die Augen und ihr war, als lasen sie ihre ganz persönliche Lebensgeschichte von jeweils dem Anderen ab.

 

Auf einmal trat der Wolf einen Schritt zu Seite und starrte auf den See. Die Kleider vom Mädchen waren von ihrem Blut getränkt und hinterließen eine Spur im Schnee. Sie fühlte sich kraftlos und müde. Trotzdem hatte sie das Gefühl, dass der Wolf ihr helfen wollte. Der See war ihre einzigste Hoffnung. Schmerzen durchzuckten ihren kleinen kindlichen Körper, als sie zum See kroch.

 

Wieso haben ihre Eltern das getan? Warum haben sie es getan? Liebten sie, sie nicht mehr?  

 

Sie ging ins eiskalte Wasser und tauchte unter. Ihre blutbeschmierten Hände glitten an der Eisoberfläche entlang. Bald würde sie keine Luft mehr bekommen. Sie schaute zum Vollmond, der ein letztes Mal seinen hellen Schein auf sie richtete. 

 

Das eiskalte Wasser betäubte ihren Körper und lies sie tiefer in den See hinab sinken.

 

Das Letzte was sie sah, waren die eiskalten blauen Augen des Wolfes, der auf sie herab sah.             

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.09.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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