Maren Frank

Die Pferdefee

 
„Elisabeth, beeil dich doch, wir kommen noch zu spät.“ Anklagend und leicht ängstlich war der Blick der große braunen Augen Annes. Nervös trippelte sie von einen Fuß auf den anderen.
„Ich komm ja schon.“ Elisabeth Leary seufzte, strich der grauen Stute noch einmal schnell über die Nüstern und lief zu ihrer Schwester.
Gerade in diesem Moment schlug die Glocke in der Kirchturmspitze sieben mal.
Anne zuckte zusammen und sah aus, als wäre sie dem Weinen sehr nahe. „Habe ich es nicht gesagt, habe ich es nicht gesagt? Wir sind zu spät, bestimmt wird...“
Elisabeth packte die Jüngere im Laufen beim Arm. „Nun reg dich doch nicht so auf. Mrs. Pomfrey wird uns schon nicht den Kopf abreißen.“
Anne wand sich wie ein Aal, kam schließlich frei und hechtete zwei Stufen auf einmal nehmend die Holztreppe zum Hintereingang hinauf.
Elisabeth beschleunigte nun ebenfalls ihre Schritte und kam etwa zwei Sekunden nach ihr in der Küche an. Wie ein einzeln in einem Grasland aufragender Felsbrocken stand Mrs. Pomfrey in der Mitte der Küche. Ihre aufgesteckten blonden Haare verschwanden fast vollständig unter der Haube, die runden Wangen waren wie immer gerötet und die kleinen Augen funkelten ärgerlich. Ihr gewaltiger Busen wogte bei jedem Atemzug und Elisabeth überlegte insgeheim, ob die Knöpfe ihres schlichten, graubraunen Kleides dieser Belastung wohl lange standhalten würden.
„Ihr seid zu spät, das dulde ich nicht, merkt euch das“, zischte sie.
„Ich wär ja rechtzeitig gewesen, doch Elisabeth...“, plapperte Anne drauf los.
Mit einer schroffen Handbewegung unterbrach die Köchin sie. „Es interessiert mich nicht, was deine Schwester gemacht hat. Ich habe nur zugestimmt, euch in die Küche zu nehmen, weil mir eure Mutter leid tut. Also gebt euch Mühe.“
Ärgerlich ballte Elisabeth die Hände zu Fäusten. Sie hatte Mrs. Pomfrey noch nie gemocht, ihr aber bisher gut aus dem Weg gehen können. Doch nachdem ihr Vater bei einem Grubenunglück ums Leben gekommen war, reichte das wenige Geld, das ihre Mutter verdiente, nicht mehr für ihre vierköpfige Familie und so mußten die Älteren sich ebenfalls eine feste Arbeit suchen.
„Was soll ich machen?“ wollte Anne eifrig wissen.
Mrs. Pomfrey überlegte kurz und musterte das schmächtige, siebenjährige Mädchen. „Bring die Abfälle da weg. Schaffst du das?“
Leicht enttäuscht, denn sie hätte viel lieber eine wichtigere Aufgabe bekommen, ging Anne zu den beiden Eimern und hob sie an. „Natürlich.“
„Und du.“ Mrs. Pomfrey nestelte an der Tasche ihrer Schürze herum und zog dann einige Münzen hervor. „Du gehst auf den Markt und kaufst Kartoffeln, einen großen Sack. Und laß dich ja nicht übervorteilen und wag es ja nicht, das Geld zu verlieren.“
Elisabeth nickte und steckte die Pennys ein. Zum Markt war sie schon oft allein gegangen, das war für ein Mädchen von elf Jahren nichts ungewöhnliches. Sie war gerade ein paar Meter von dem Haus weg, da sprang ein kleiner Junge auf sie zu.
Seine Wangen waren vom laufen gerötet und seine dunklen Augen glänzten erwartungsvoll. „Nimmst du mich mit, nimmst du mich mit?“
Elisabeth legte ihm eine Hand auf die Schulter und lächelte beruhigend zu ihm herab. „Du weißt doch gar nicht, wohin ich gehe.“
„Egal, ich möchte trotzdem mit“, erklärte ihr Bruder und trat dabei von einem Fuß auf den anderen.
„In Ordnung Willy, du kannst mit zum Markt kommen. Aber versprich mir, daß du bei mir bleibst. Eigentlich solltest du nämlich zu Hause sein.“
„Da ist es so langweilig, ganz allein.“
In Gedanken stimmte Elisabeth ihm zu. Sie selbst langweilte sich ja schon, wenn sie zu Hause war, wie schrecklich mußte das dann erst für einen energiegeladenen Vierjährigen sein? Zumal das einzige kleine Zimmer, aus dem ihre Wohnung bestand, keinerlei Möglichkeiten für Spiele bot. Willys einziges Spielzeug war ein grob geschnitztes Holzpferd, das er von seinem älteren Bruder David letzte Weihnachten bekommen hatte. Bei dem Gedanken an ihren zwei Jahre älteren Bruder krampfte sich Elisabeths Herz zusammen. David stand seit fünf Monaten in den Diensten eines Advokaten, der mehr als eine Tagesreise von hier entfernt lebte. Seit er dort arbeitete, war er nur ein einziges mal nach Hause gekommen, für drei Tage, zu Weihnachten. David war Elisabeths Ansprechpartner gewesen und er verstand ihre Pferdeliebe. Oftmals hatte er ihr ein Stück hartes Brot für Jenny, die graue Stute des Milchmannes zugesteckt.
„Kaufst du mir was Schönes?“ fragte Willy in ihre Gedanken hinein.
„Dafür habe ich leider kein Geld, mein Schatz“, erwiderte Elisabeth. Zu ihrer Erleichterung wirkte der kleine Junge nicht enttäuscht.
„Dann erzähl mir eine Geschichte, ja?“
„Na gut, eine Geschichte. Was möchtest du hören?“
Willy überlegte kurz und deutete dann mit dem nicht mehr ganz sauberen rechten Zeigefinger auf ein Plakat, das an einer Mauer angeschlagen war. Es zeigte drei Frauen in pompösen, bunten Roben und einen elegant gekleideten Herren. „Was steht da?“
Elisabeth konnte nicht lesen, denn zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es in England Luxus, eine Schule zu besuchen. Doch sie wußte, daß es sich bei dem Anschlag um ein Theaterplakat handelte. „Es weist auf eine Aufführung im Theater hin.“
„Und was wird da aufgeführt?“ wollte Willy sogleich wissen.
Elisabeth lächelte, das war ein altes Ritual zwischen ihnen; Willy zeigte oft auf Bilder und sie dachte sich dann Geschichten dazu aus. „Also, drei schöne reiche Damen möchten gern heiraten...“
„Nur drei Damen, wie langweilig, kommen keine Pferde in der Geschichte vor?“
Gegen ihren Willen mußte Elisabeth lachen, auch Willy liebte Pferde über alles und stahl sich wann immer möglich zu Jenny. Manchmal ließ Edward, der Milchmann, ihn für einige Minuten auf Jennys breitem Rücken sitzen. „Also gut, dann eine andere Geschichte“, lenkte sie ein, denn sie wußte wirklich nicht, wie sie Pferde und die Personen auf dem Plakat miteinander vereinigen konnte.
Willy hob das Holzpferd hoch, daß er wie immer bei sich trug. Selbst wenn seine Mutter ihn in den Waschzuber steckte und abschrubbte, bestand er darauf, es in der Hand zu halten und natürlich nahm er es abends auch mit in sein Bett, wo es dann neben dem flachen Kopfkissen lag.
„Jeden Abend, wenn der Nebel aufzieht, streift die Pferdefee durch das Moor. Sie hat die Gestalt eines weißen, wunderschönen Pferdes, anmutig und elegant. Sie schwebt über den Boden und wenn jemand sie sieht, erfüllt sie demjenigen seinen größten Wunsch“, erzählte Elisabeth. Willy hing an ihren Lippen und umklammerte ihre Hand mit seinen kleinen Fingern noch fester. Sie schmückte die Geschichte noch etwas weiter aus, bis sie am Marktplatz angekommen waren, hatte die Pferdefee bereits vielen kleinen Mädchen und Jungen ihre sehnlichsten Wünsche erfüllt.
Elisabeth versprach Willy nachher weiter zu erzählen und bat ihn, still zu sein. Sie kontrollierte die Kartoffeln in dem grob gewebten Sack, denn viele Händler legten Steine dazu, um eine größere Menge vorzutäuschen. Die mißbilligenden Blicke des Händlers störten Elisabeth nicht, sie suchte sich einen Sack mit besonders großen Kartoffeln ohne keimende Stellen und zählte ihm die Pennys dann in die Hand.
Elisabeth schulterte den Sack und nahm wieder Willy an die Hand. Sie hatte bemerkt, wie sehnsüchtig er zu dem Stand mit Süßigkeiten hinüberschaute und um ihn abzulenken, spann sie die Geschichte um die Pferdefee weiter.
Dann brachte sie Willy nach Hause, wies ihn an, artig auf ihre Rückkehr zu warten und versprach, ihm am Abend eine weitere Geschichte zu erzählen. Er schien nicht enttäuscht, sondern setzte sich sogleich vor den kleinen Kamin und spielte mit seinem Holzpferd, das er nun „Pferdefee“ nannte.
Zufrieden lieferte Elisabeth die Kartoffeln ab und sah zu, wie Mrs. Pomfrey sie einzeln kontrollierte. Die Köchin schien zufrieden, doch sie hatte kein Wort des Lobes für das Mädchen. An einem Tisch weiter hinten saß Anne und putzte Gemüse. „Hilf ihr“, befahl Mrs. Pomfrey Elisabeth und deutete hinter sich.
Mit den Kartoffeln, die Mrs. Pomfrey ihr in die Hand gab, ging Elisabeth zu ihrer Schwester und setzte sich ihr schräg gegenüber. Für die nächste Stunde waren die Mädchen mit schälen und schneiden beschäftigt. Die Arbeit erforderte nicht so viel Konzentration und so unterhielten sie sich leise dabei. Elisabeth erzählte vom Markt, mit Pferdegeschichten konnte Anne nichts anfangen. Ihre kleine Schwester sprach lieber von feinen, wohlhabenden jungen Ladys.
Zum Mittagessen stellte Mrs. Pomfrey einige Schüsseln mit gekochten Gemüsen und ein paar dünne Scheiben Schinken, so wie einen halben Laib Brot vor die Mädchen. „Stärkt euch nur, ihr könnt´s brauchen und außerdem müßt ihr nachher noch im Garten arbeiten.“
Die Schwestern benötigten keine zusätzliche Aufforderung, bedankten sich jedoch vorher artig.
Mrs. Pomfrey nickte und deutete dann auf den Schinken und das Brot. „Vergeßt nicht, heute Abend auch etwas für euren kleinen Bruder und eure liebe Mutter mitzunehmen.“
So gestärkt gingen sie mit neuer Energie an die Gartenarbeit. Mrs. Pomfrey zeigte ihnen, was Unkraut war und auf den Knien zupften sie es zu dritt aus. Es dämmerte bereits, als die Köchin sich mit leisem Stöhnen aufrichtete. „Das habt ihr gut gemacht, aber das erwarte ich auch.“
Elisabeth und Anne klopften sich die Erde von ihren Kleidern. Sie waren beide froh, diese Stellung bekommen zu haben. Allzu anstrengend und schwer war die Arbeit nicht, doch was sie verdienten, würde für ihre Familie reichen. Mrs. Pomfrey gab Ihnen Brot und Schinken, betrachtete die Mädchen für einen Moment von oben bis unten und legte noch ein großes Eckstück Käse dabei.
„Das war wirklich nett von Mrs. Pomfrey“, sagte Anne auf dem kurzen Heimweg.
Elisabeth nickte, reckte sich gleichzeitig ein bißchen, um zum Stall hinüber sehen zu können. „Ja, das finde ich auch.“
Anne wußte, wem ihre Gedanken wirklich galten. „Die Droschke ist noch nicht da, wahrscheinlich ist Edward noch in einem Pub.“
Elisabeth war zu zufrieden mit dem Ablauf des Tages, als daß Anne sie ärgern konnte. „Dann gehe ich eben später noch mal rüber.“
Anne öffnete die Tür und lief mit den Lebensmitteln auf den Armen voraus. „Willy, wo bist du?“
„Nicht so laut, wenn er geschlafen hat, weckst du ihn sonst auf“, rügte Elisabeth sie. Ihr Blick fiel auf das Feuer, es mußte dringend Holz nachgelegt werden und damit beauftragte sie Anne, ehe sie zu der Schlafnische hinüber schlich. Doch Willys Bett war unberührt.
„Du hast doch gesagt, daß du ihn nach Hause gebracht hast“, wunderte Anne sich, die, nachdem sie einige Scheite in den Kamin gelegt hatte, neben Elisabeth getreten war.
„Das habe ich auch.“ Elisabeth sah aus dem einzigen kleinen Fenster, denn manchmal spielte Willy auch im Hinterhof. Doch dort hing nur ihre wenige Wäsche zum Trocknen und auslüften. Sicherheitshalber rief sie ein paarmal laut seinen Namen.
„Vielleicht ist Mommy ja früher nach Hause gekommen, hat ihn geholt und ist mit ihm unterwegs“, überlegte Anne laut.
„Ja wahrscheinlich“, erwiderte Elisabeth, doch sie hatte kein gutes Gefühl.
Eine halbe Stunde später kam Hope Leary nach Hause. Sie arbeitete in einer Näherei, am anderen Ende des Dorfes. Sie war erst Anfang dreißig, doch harte Arbeit und Entbehrungen hatten sie vor ihrer Zeit altern lassen. „Habt ihr Mrs. Pomfrey brav gehorcht?“
Elisabeth ging nicht auf die Frage ein. „Ist Willy etwa nicht bei dir?“
Überrascht schaute ihre Mutter sie an. „Nein, warum? Habt ihr ihm etwa gesagt, daß er zu mir gehen soll? Ihr wißt doch ganz genau, daß er den Weg gar nicht kennt.“
Rasch erklärte Elisabeth, daß sie mit Willy zum Markt gegangen war und ihn anschließend nach Hause gebracht hatte.
Erschrocken griff Hope nach ihrem Schultertuch, das sie eben erst abgelegt hatte. „Kommt, wir müssen ihn suchen.“
Gemeinsam traten sie in die Dunkelheit. Zuerst gingen sie zum Stall, doch dort war nur Edward, der gerade nach Hause gekommen war und nun seine Stute versorgte. Auch er hatte Willy nicht gesehen.
„Aber ich helfe euch gern suchen“, bot er sofort an.
Hope war den Tränen nah. „Wo kann er bloß sein, mein armer kleiner Junge.“
Beruhigend legte Edward ihr eine Hand auf die Schulter. „Willy ist doch ein pfiffiger Bursche, bestimmt ist er nicht weit weg gelaufen.“
„Aber es ist schon dunkel, wie soll er da bloß nach Hause finden?“ Mit zitternden Händen strich Hope sich die ins Gesicht gefallenen langen Haare zurück. „Und sicher friert er auch.“
Edward war ein sehr praktisch veranlagter Mann und so zögerte er auch jetzt nicht. Er holte mehrere Petroleumlampen und Decken aus einer Kammer neben dem Stall und verteilte sie. „So seht ihr mehr und habt was warmes, in das ihr Willy einwickeln könnt, wenn ihr ihn findet.“
„Wenn wir doch nur einen Anhaltspunkt hätten, wohin er gelaufen sein könnte“, klagte Hope.
Ein kalter Schauer kroch plötzlich über Elisabeth Rücken und sie fürchtete sich, ihre Überlegung laut auszusprechen, Doch vielleicht war es Willys einzige Chance. „Möglicherweise ist er im Moor.“
„Im Moor?“ Ungläubig sah Hope ihre älteste Tochter an. „Was um alles in der Welt sollte er denn dort?“
In so wenig Worten wie möglich erzählte Elisabeth ihr von der Pferdefee-Geschichte und wie begeistert Willy davon gewesen war.
Edward nickte. „Wir sollten nicht ausschließen, daß er nach der Pferdefee sucht.“
Hope war so blaß geworden, daß sie einer Ohnmacht sehr nahe schien. „Mein armer Junge.“
Edward legte Jenny Halfter und Strick an. „Wir nehmen besser das Pferd mit, das Moor ist tückisch und wenn wir ihn aus dem Sumpf ziehen müssen, kann Jenny uns helfen.“
Hope nickte nur, dann umfaßte sie die Schultern ihrer jüngeren Tochter und sah ihr eindringlich in die Augen. „Anne, du bleibst hier, falls Willy doch noch von allein nach Hause kommt. Geh ja nicht aus dem Haus, ja.“
Anne versprach es und sah, wie die kleine Gruppe schon nach wenigen Schritten von der Dunkelheit verschluckt wurde. Sie fröstelte und lief schnell zu ihrem kleinen Haus zurück. Es war erst Anfang März und die Nächte noch sehr kalt.
Edward hatte mehrere dicke Äste aufgehoben und gab sie seinen Begleiterinnen. „Kontrolliert damit den Boden, wenn ihr einsinkt, wird es schwierig und zeitaufwendig, euch zu befreien. Am besten ist, wir trennen uns, bleiben aber in Rufweite. Elisabeth, nimm Jenny.“
Bevor sie recht wußte, wie ihr geschah, hatte Edward sie schon auf den Rücken des grauen Pferdes gehoben. Elisabeth schob ihre eiskalten Hände in die dichte lange Mähne. „Brave Jenny“, flüsterte sie und beugte sich leicht vor. „Wir müssen Willy finden.“
Die Stute hatte einen wiegenden, leicht schaukelnden Gang und schien zu wissen, welche Bereiche des Moores zu sumpfig waren, um sie zu durchqueren. Das schwache Licht der Petroleumlampe an Elisabeth Seite reichte kaum aus, zwei Schritte weiter zu sehen. Die Dunkelheit schien undurchdringlich, doch der aufkommende Wind vertrieb zumindest die Wolken und enthüllt einen fast vollen Mond. In seinem fahlen Licht konnte Elisabeth ab und zu einen abgestorbenen Baumstumpf gespenstisch aufragen sehen. Die Luft war sehr feucht und kalt, der Nebel so hoch, daß Elisabeth ihn auch auf Jennys Rücken noch spürte.
Immer wieder rief sie so laut sie konnte nach Willy, doch alles, was sie hörte, waren die Echos ihrer eigenen Rufe und in der Ferne ab und zu die Stimmen ihrer Mutter und Edward. Einmal glaubte sie, ihn endlich gefunden zu haben, doch es war nur ein Baumstumpf, der von einigen Steinen umgeben kalt dort stand.
Die Flamme in ihrer Lampe wurde immer kleiner und Elisabeth schätzte, daß sie in wenigen Minuten ganz ausgehen würde. Ihr war kalt, der Nebel klebte ihr dünnes Kleid feucht an ihren Körper. Ohne Jennys Trost spendende Wärme wäre sie wohl in Tränen ausgebrochen, doch der große, kraftvolle Pferdekörper unter ihr gab ihr neuen Mut. Jenny ging einfach voran, manchmal platschte Wasser unter ihren eisenbeschlagenen Hufen und hin und wieder sank sie ein wenig ein, doch sie blieb nicht stehen.
Elisabeth lauschte, war das der Wind, der da zwischen den wie Händen, die jeden Moment nach ihr greifen wollenden Ästen, heulte? Sie hatte schon so oft gedacht, ein Schluchzen zu hören, doch stets hatte es sich als eine Täuschung herausgestellt. „Willy! Willy, bist du da?“
Es kam zwar keine Antwort, doch das leise, einem Schluchzen ähnliche Geräusch blieb.
Elisabeth glitt von Jennys Rücken, blieb aber dicht neben ihrem Hals, während sie voranging. Ihre Lampe glomm nur noch, doch die an einen morschen Baumstamm gelehnte Gestalt, konnte sie dennoch erkennen. „Willy!“
Mit verweinten Augen sah er auf, an seiner Schwester vorbei und der Tränenstrom versiegte schlagartig. „Die Pferdefee. Sie ist doch noch gekommen.“
Elisabeth hob ihn auf, drückte ihn an sich, doch er wand sich in ihren Armen. Sie setzte ihn auf Jennys Rücken, legte ihm die Decke um die schmalen Schultern.
Selig lächelte er. „Das habe ich mir gewünscht, auf der Pferdefee zu reiten.“
Elisabeth antwortete nicht darauf, sie war viel zu froh, ihren Bruder endlich gefunden zu haben. „Komm Jenny, nach Hause gehen.“
Die Stute spitze ihre Ohren, diesen Befehl kannte sie gut.
Elisabeth rief nach den anderen und wenige Minuten später stießen sie zu ihnen. Weinend wollte Hope ihren Sohn in die Arme schließen, doch er protestierte. „Nein, ich will auf der Pferdefee reiten, das habe ich mir gewünscht und die Pferdefee erfüllt mir diesen Wunsch.“
Edward nickte Hope zu und so ließ sie ihn gewähren. Elisabeth führte Jenny am Zügel und als sie schließlich am Stall ankamen, bemerkte sie, daß Willy vor lauter Erschöpfung eingeschlafen war. Vorsichtig löste Hope die Finger ihres Jungen aus der Mähne und trug ihn ins Haus.
Elisabeth und Edward versorgten Jenny, bedankten sich und gaben ihr eine große Extraration Hafer und alle Karotten und Äpfel, die Edward noch in der Kammer neben dem Stall hatte. Dann gingen sie herüber zu Hope, die sie bereits mit heißem Tee erwartete.
Willy wachte nur kurz auf, lächelte in die Runde. „Ich habe von der Pferdefee geträumt und bin auf ihr durch das ganze Moor geritten.“
Erleichtert blickte Elisabeth auf ihren schlafenden Bruder herab. Sie war ebenfalls erschöpft. Hope umarmte ihre Tochter. „Ich bin so froh, daß wir ihn gefunden haben“, flüsterte sie. „Ich weiß gar nicht, wem ich am meisten zu danken habe, dir oder Edward.“
„Jenny“, sagte Elisabeth sofort.
Ihre Mutter wußte von ihrer Pferdeliebe und lächelte. „Ja, auch Jenny. Morgen früh bringe ich ihr einen großen Kanten hartes Brot, versprochen. Und du Elisabeth, bitte erzähl Willy nie mehr solche Geschichten, jedenfalls nicht, bis er alt genug ist, um sie richtig zu verstehen.“
Elisabeth betrachtete ihren Bruder, er schlief auf der Seite liegend und eine Hand lag auf dem kleinen Holzpferd neben seinem Gesicht. Darüber würde sie sich die nächsten Geschichten ausdenken, war sie sich ganz sicher.
 
 
 

ENDE

 
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.10.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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