Sila Schuler

Ehre, Würde & Pflicht 1

Ach, ich möchte wieder zurück, auf meine alte Schule, dort hatte ich wenigstens noch Freunde. Aber dass kann ich meinen Eltern nicht antun, für sie ist es ein Segen, ein riesiger Hoffnungsschimmer, dass ich diese Chance erhalten habe. Doch was nützt es mir? Ich sitze nun in diesem beschissenen Internat, habe keine Freunde, ok mit einigen komme ich einigermassen aus, aber alle halten Abstand von mir. Und warum? Ganz einfach, ich bin keine von Ihnen!! Alle die hier im Internat haben irgend einen hohen Titel, oder einfach massenhaft Geld, doch wir, wir sind Arm, wir müssen schauen, wie wir so über die Runden kommen. Daher ist es für meine Eltern schön, dass ich diese Chance erhalten habe. Sie wissen, dass ich eine Top Ausbildung erhalt und sie müssen nicht noch ein hungriges Maul stopfen. Also zwei Fliegen auf eine Klappe geschlagen. Na ja, ich werde es schon überleben.
 
Samantha Parker hetzt die Treppe  hinunter. Sie hatte verschlafen, das Frühstück verpasst und bemerkt, dass sie an diesem Freitag eine Doppelstunde Chemie hat. Sie hatte die falschen Bücher eingesteckt, also sprintete sie zurück in ihr Schlafzimmer, holte die richtigen und macht sich nun wieder auf den Weg.
Sam verlangsamt ihr Tempo, als sie Professor Lammer’s Türe erreicht. ‚Vielleicht merkt er nicht, dass ich zu spät bin...' Langsam und vorsichtig stieß sie die Tür auf. Sie spähte hinein und sah, dass Professor Lammer bereits mit dem Unterricht begonnen hat. Sie schlich auf Zehenspitzen in den Raum, bemüht kein Geräusch zu machen. Doch dann riss der Tragriemen ihrer Tasche. Der Haufen landete mit einem lauten Aufschlag auf dem Boden.
„Sie sind fünf Minuten zu spät, Ms Parker", bemerkte Professor Lammer höhnisch, immer noch den Notizen zugewandt, die er an die Tafel schrieb. „Das schreit, glaube ich, nach einer Stunde nachsitzen, heute Abend um sieben. Jetzt setzen Sie sich... ich bin sicher, wenigstens das wird Ihnen gelingen."
Sam errötete. Ihre Mitschüler, die sie einwenig mochten schenkten ihr mitfühlende Blicke. So viel zu ‚er hat es nicht gemerkt'...
 
Sam ass mit den anderen das Abendbrot, welches man immer zwischen 17.30 und 19.00 Uhr erhielt. Danach machte sie sich auf, um das Nachsitzen bei Professor Lammer anzutreten, in der Hoffnung, die Stunde würde schnell vorübergehen.
Sie erreichte das Zimmer und trat ein, er war noch nicht da. Hinten im Raum, war jedoch eine Türe offen, sie lief darauf zu und rief nach dem Lehrer.
„Professor Lammer. Hallo?"
Langsam schritt sie hinein. „Professor?" Als sie eintrat stieß sie mit dem Fuß gegen etwas, ein schmerzhaftes Gefühl zog ihr Bein hinauf. Sie blickte nach unten und erkannte, dass sie gegen den Stein gestoßen sein musste, der gegen die Tür gelehnt war. Das blöde Ding verdiente einen Tritt, also tat Sam genau das und war zufrieden, als der lose Stein davon rollte.
Sie ging um einige Regale der Vorratskammer, bis sie plötzlich stehen blieb.
Ein junger Mann mit schwarzen Haaren stand da. Sie erkannte Ihn sofort, es war der Schulsprecher höchstpersönlich. Ein eingebildetes, selbstherrliches Arschloch. Sein Name ist Marc van Heyne. Er stand inmitten der Regale und sah hinab auf ein Blatt, auf dem er schrieb. Er sah auf und seine dunklen Augen verengten sich.
„Ach", begann er, „sieh mal an, was wir hier haben."
„Ich will nur wissen, wo Professor Lammer ist", informierte Sam ihn.
„Er wird bald zurück sein. Er hat mir gesagt, dass jemand nachsitzen würde, aber ich hatte keine Ahnung, dass du das sein würdest, Parker."
Wow, ging ihm langsam sein geistreicher Vorrat aus, oder was ist geschehen, dass seine Beleidigungen nachgelassen haben, die er ihr einst täglich nach gerufen hatte.
„Ich hab einen Vornamen, Heyne."
„Ich auch, aber jeder scheint das zu vergessen", bemerkte Marc beiläufig, während er sich Notizen machte.
Sie waren beide still, bis Sam murmelte: „Entschuldige. Was machst du da?"
„Inventar, Professor Lammer hat mich darum gebeten." Er zeigte auf ein Fenster in der Nähe. „Mach dich nützlich und lass ein bisschen Luft rein."
‚Sam, sei doch so nett und öffne das Fenster.' Sam schnitt innerlich eine Grimasse. Sie zerrte das festgeklemmte Fenster auf und ein Luftzug wehte durch den Raum... und die Tür schlug zu. Marc’s Kopf flog Richtung Eingang herum. Er legte Schreiber und Papier ab und ging zur Tür.
„Was zur Hölle ist passiert? Hast du den Stein bewegt?"
Sam machte einen Schritt auf die Tür zu. Sie sah auf den Boden.
„W... welcher Stein?" ‚Tu so als hättest du keine Ahnung, Sam, tu so als hättest du das dämliche Ding nicht getreten...'
„Dieser." Marc’s Fuß zeigte auf den allzu bekannten Stein. „Einfach klasse. Jetzt sind wir eingesperrt."
Eingesperrt auf engem Raum? Mit Heyne? Unmöglich! „Wieso das?"
„Die Türe hat nur auf der Aussenseite eine Klinke!! So einfach!!!“
„Warum um alles in der Welt sollte man eine Türe mit nur einer Klinke einbauen?"
„Um Diebstähle zu verhindern."
Sie rüttelte an dem Knauf, aber die Tür bewegte sich nicht. Widerstrebend drehte sie sich um.
„Hast du dich jetzt lange genug lächerlich gemacht?", fragte er entnervt.
Sie seufzte frustriert. „Wann kommt der Professor zurück?" Sie sah, wie er mit den Schultern zuckte. „Also, was machen wir bis dahin?"
Marc lächelte unheilvoll. Er machte einen Schritt auf sie zu. Erschrocken wich sie zurück, bis sie mit dem Rücken fest an die Tür gepresst stand. Er lehnte beide Hände an die Tür, eine neben jeder ihrer Schultern. Er war ihr so nahe. Er berührte sie nicht, aber er war nah genug, dass sie seinen Atem auf ihrer Stirn spüren und sein leichtes Aftershave riechen konnte. Sie war vollkommen erstarrt, betäubt von der Art wie er über ihr lehnte.
„Ich bin sicher, wir können etwas finden, um uns zu amüsieren", stöhnte er.
Sam schluckte den trockenen Kloß in ihrem Hals herunter. „Das... das würdest du nicht wagen", warnte sie, aber aus ihren Augen blitzte die Angst. Sie war weit davon entfernt, zart oder schwach zu sein. Aber wie lange würde sie die Annäherungsversuche von Marc van Heyne abwehren können?
Sein Grinsen wurde nur noch breiter.
„Du hast Recht, würde ich nicht. Schmeichel’ dir nicht selbst, Parker, das ist unkleidsam." Er wich zurück und wandte sich wieder seiner Feder und dem Pergament zu.
Erleichterung durchflutete Sam. „Nicht Parker, es heißt Sam."
Marc schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, so kann ich dich irgendwie nicht nennen. Hast du noch einen anderen Namen?"
„Na ja, mein richtiger Name ist Samantha, aber der passt nicht wirklich..."
„Samantha klingt edel, zierlich und schön", meinte Marc. War das ein Kompliment? „Sam klingt albern und einfältig... hm... Du hast Recht, Samantha passt nicht zu dir."
Sam war danach, ihm den Hals umzudrehen. „Ich gebe auf, ich kann nicht gegen dich gewinnen", murmelte sie. Sam ging in die Hocke und setzte sich auf den Boden. „Das hier ist garantiert nicht meine Vorstellung von Nachsitzen."
„Wieso denn? Ich dachte, du würdest dich freuen mich mal so ganz aus der Nähe zu sehen", neckte er sie. „Mich aus der Ferne zu beobachten wird mir nicht gerecht, wenn ich das mal so sagen darf."
Hatte er sie erwischt, als sie ihn beim Essen angesehen hatte? Es war nichts so, dass sie ihn anglotzte oder so etwas! Manchmal schweiften ihre Augen umher, zu seinem Tisch, und blieben an ihm haften. Ihr Blick fiel ganz einfach ohne besonderen Grund auf ihn, das war jedenfalls, was sie sich selbst gesagt hatte.
Maximilian Miller und Marc van Heyne lagen gleichauf im Wettbewerb um den Titel „Begehrenswertester Junge vom Internat". Maximilian ist ehrgeizig, mutig, großzügig und fürsorglich(er sorgt sich sogar um sie), was ihm eine jungenhafte Anziehung verlieh und ihn zu dem Typ machte, den man seiner Familie vorstellen wollte. Marc ist gewandt, intelligent, hatte Adonisqualitäten und eine süffisante Art. Er war der „böse" Junge, den jedes Mädchen wollte, ob sie es nun zugab oder nicht. Marc zu wollen verhielt sich wie Diabetiker zu Schokolade, man wusste, es war nicht gut für einen. Sam schüttelte den Kopf.
„Schmeichel dir nicht, Heyne. Das ist unkleidsam."
„Touche", murmelte er.
Sie wippte mit dem Fuß und schwieg. Irgendwann sah sie auf und rief:
"Heyne?" Keine Antwort. „Heyne?" Ignorierte er sie? „Marc?"
„Ja?" Er sah aus als würde er ihr nur seine halbe Aufmerksamkeit widmen.
„Fährst du über die Ferien nach Hause?" versuchte Sam ein Gespräch anzufangen. Das war ein sicheres Thema, die Weihnachtspause war noch über einen Monat entfernt.
„Unglücklicherweise, ja", stöhnte er. „Meine Eltern wünschen meine Anwesenheit in den kommenden Ferien."
„Sie wünschen? Du willst nicht?"
„Nicht alle Familien sind so blind in Liebe verbunden wie vielleicht deine!!", antwortete er und tippte die Behälter an. „In manchen Familien zählen eher Pflicht und Ehre."
Sam stand auf und strich ihren Rock glatt. „Würde und Pflicht, was meinst du damit? Bist du mit deinem Leben nicht zufrieden? Ich meine du kannst ja alles haben, was du willst!!“
„Du bist gut andere Menschen in Schubladen zu stecken, nicht?"
„Gleichfalls!! Na gut, dann erzähl mir doch etwas von dir."
Er sah von seinem Blatt hoch und sah direkt in ihre Augen. „Und warum sollte ich das tun?“
„Na ja, du willst ja nicht, dass man dich einfach in eine Schublade steckt.“ Antwortet sie.
„Ich bin Schulsprecher, Kapitän der Fussballmannschaft, der beste Schüler meines Jahrgangs und habe noch andere wichtige Pflichten. Doch niemand frag mich, ob ich das auch alles sein will!!“
„Warum auch nicht?"
Er zuckte lässig die Schultern. „Ehre und Pflicht, sind zwei bedeutsame Wörter!!“
„Dein Vater? Weiss er denn nicht davon?"
„Ja, las es uns ihm sagen. Er wird freudig zum Notar gehen, mich enterben und mich für immer in die Wüste schicken." Marc schnaubte. „Es wäre als würde ich mein Todesurteil unterzeichnen, wenn ich nein sagen würde."
„Warum dass?", protestierte Sam.
„Tja, für meine Familie ist das wichtigste die Würde und das Ansehen nicht verlieren, was würde wohl geschehen, wenn der Erstgeborene sich nicht an dieses Muster oder sich an seine Pflichten hält!! Es wäre eine Katastrophe!! Glaub mir, ich darf mir keinen Fehltritt erlauben, mein ganzes Leben wäre verwirkt. Ok, eigentlich ist es das jetzt schon!!", antwortete Marc langsam doch mit scharfem Ton.
Mitgefühl überkam sie. Daran hatte sie nie gedacht.
„Also, ähmm... , wenn dir nach reden ist oder einfach nur nach Abreagieren... Ich werde zuhören", bot sie an.
Er blickte zu ihr hoch. Bevor er antworten konnte öffnete sich die Tür mit einem Knarren und Professor Lammer trat ein.
„Was ist passiert?"
„Ein starker Windstoß hat die Tür zufallen lassen, Professor", antwortete Marc.
Lammer’s Blick fiel auf Sam, die dicht bei ihm stand. „Und was machen Sie hier?" fragte er mit einem abschätzigen Ton.
„Ich dachte, dass hier drinnen wären Sie", erklärte sie. „Dann ist die Tür ins Schloss gefallen."
Lammer’s Augen richteten sich auf Marc. Der nickte zustimmend.
„Nun gut." Er reichte ihr eine schmutzige, braune Kinderzahnbürste. „Ms Parker, reinigen sie die Tische, aber bitte sauber!!"
Widerstrebend und mit einem säuerlichen Gesichtsausdruck nahm sie die Bürste und ging hinüber in den Klassenraum. Marc beobachtete wie Sam davonging, außer Sichtweite.
„Wie weit sind Sie, Mr van Heyne?"
Marc wendete sich seinem Lehrer zu. „Oh... nur noch das letzte Regal an der gegenüberliegenden Wand."
„Sehr gut."
Lammer las den Stein auf und ließ ihn in den Türspalt fallen. Er ließ Marc allein, damit der seine Aufgabe beenden konnte.
Marc war in weniger als einer Stunde fertig. Mit einem letzten Blick auf den Rotschopf ging er. Es sollte nicht das letzte sein, was er von ihr sah.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.10.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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