Sila Schuler

Ehre, Würde & Pflicht 2

Marc van Heyne hatte keinen angenehmen Morgen. Er überlegte und überlegte, bis ihm das Hirn zu den Ohren herauszukommen drohte. Weshalb hatte er dem kleinen Rotschopf sein Problem anvertraut? Warum?
Er beobachtete sie durch halb gesenkte Wimpern hindurch. Sie trug die vorgeschriebene Schulkleidung wie alle, doch irgendwie sah sie anders aus. Ihr Haar war am Hinterkopf in einem Pferdeschwanz zusammengefasst. Keine Accessoires, kein Make-up... sie sah so schlicht aus. Sicher, Sam könnte sich ganz gut zurechtmachen, wenn sie es nur versuchen würde...
‚Grossartig', spöttelte Marc, ‚jetzt findest du die kleine Parker attraktiv...' Ihm war nicht mehr nach Essen, und er entschloss sich, spazieren zu gehen... irgendwo hin, weg... weit, weit weg.
„Heyne", sagte Sandro, ein Freund von Heyne, „warte eine Minute..." Marc war schon weg.
„Was ist mit ihm?" fragte Franco, ein weiterer Freund. Sandro zuckte mit den Schultern.
Marc wanderte umher, bis er zwei bekannte Personen auf einer Fensterbank im Flur nahe des Nordturms sitzen sah. Die Schulsprecherin, Sandra Martin, und ihr Freund, der beliebte Maximilian Miller, genossen zusammen den Morgen.

„'So grenzenlos ist meine Huld, die Liebe
So tief ja wie das Meer. Je mehr ich gebe,
Je mehr auch hab ich: beides ist unendlich...'."

Sandra lächelte den Jungen an, der an ihren Lippen hing. Urgh, sie las ihm aus einem Buch vor. Und nicht aus irgendeinem Buch, „Romeo und Julia". Sie las die berühmte Balkonszene, direkt nachdem das Paar sich zur Heirat entschlossen hatte.
„Langweilst du dich, Maximilian?" fragte Sandra.
Maximilan schüttelte den Kopf und nahm ihre Hand in seine. Er strich langsam seinen Daumen über ihre Fingerknöchel. „Ich höre gern deine Stimme. Es ist beruhigend."
Hätte Marc etwas gegessen, hätte er sich jetzt übergeben. Er schwor sich, nie wieder Shakespeare zu lesen. Er wandte sich ab und ging Richtung Bibliothek.

Die Bibliothek war nahezu bis auf den letzten Platz besetzt, was für einen Samstag ungewöhnlich war. Alle Plätze in den vorderen Reihen waren belegt, und auch die Seitentische an den Fenstern waren besetzt.
Er fand einen leeren Tisch mit sechs Plätzen am hinteren Ende der Bibliothek, an einer kalten Wand und von Bücherregalen umgeben. Es war ein ziemlich verdeckter Platz. „Perfekt", murmelte er. Das letzte, was er wollte, war, belästigt zu werden... von einem gewissen Rotschopf. Er ließ sich auf den Stuhl am Kopfende fallen.
Wenn man vom Teufel spricht... in dem Moment als er aufblickte sah er besagten Rotschopf zwei Plätze entfernt an seinem Tisch sitzen. Sie war vollkommen versunken in das Buch, das sie in der Hand hielt. Sie bemerkte ihren Tischnachbarn nicht. Als Sam den Kopf hob, sah sie Marc, der sie mit einem tödlichen Blick anfunkelte. Gerade als er gedacht hatte, er wäre davongekommen, tauchte sie auf...
„Überall sonst ist besetzt", erklärte sie.
„Ich weiß!" schnauzte er sie an.
Aber warum saß sie hier bei ihm? Musste sie ihr Buch wirklich hier lesen? Und warum genoss sie nicht ihren freien Tag? Seine Augen richteten sich auf den Buchrücken. In dünnen Lettern war dort „Romeo und Julia" zu lesen. Marc rollte mit den Augen. ‚Was war heute los??'
„Werde ich diesen verdammten Romeo und diese beschissene Julia denn nie loswerden?" fuhr er sie an.
Sie blickte erstaunt zu ihm auf. „Wenn dir mein Literaturgeschmack nicht gefällt, dich zwingt niemand hinzusehen."
„Vergiss es", murrte er und stützte das Kinn auf seiner Faust ab.
„Du kennst Romeo und Julia? ", fragte Sam.
Er sah sie einen Moment an, bevor er die Augen abwandte und antwortete: „Wer kennt dieses Werk nicht?“ Fragte er spöttisch, doch er wartete keine Antwort ab sondern fuhr mit ruhiger Stimme fort: „Meine Mutter, ist ein riesiger Fan von Shakespeare."
Sie konnte ihn nicht ganz verstehen, daher rückte sie auf den Platz direkt neben ihm vor. „Wie bitte?"
„Meine Mutter hat mir vorgelesen, als ich klein war: Gedichte, Sonetten und Theaterstücke. Sie hat damit aufgehört, als ich ungefähr acht war."
„Weshalb?" fragte sie, aber der Blick, den er ihr zuwarf, sagte ihr, sie sollte ihn besser nicht drängen. Sie konnte nur vermuten, warum Dinge in seinem Leben geschahen.
„Hat sie die Bücher noch?"
„Nein", gab er zu, „ich hab sie. Ich nehme sie mit zur Schule... und lese sie, wenn ich das Bedürfnis nach intelligenter Gesellschaft habe."
„Also hast du das Stück gelesen?"
Marc beugt sich zu ihr und sah ihr in die Augen. Mit leiser Stimme sagte er:

„Zu hoch, zu himmlisch dem Verlangen!
Sie stellt sich unter den Gespielen dar
Als weiße Taube in einer Krähenschar.
Schließt sich der Ganz, so nah ich ihr: ein Drücken
Der zarten Hand soll meine Hand beglücken.
Liebt ich wohl je? Nein, schwör es ab, Gesicht:
Du sahst bis jetzt noch wahre Schönheit nicht..."


Sam spürte, wie sie rot anlief, als sie erstarrte, in Marc’s Blick gefangen. Ihre Umgebung war vollkommen ausgeblendet, sie konnte nur noch seine Stimme hören, als ob er damit etwas in ihr auslöste. Sie war unfähig sich zu bewegen, als sie sich noch einen Augenblick länger ansahen.
Sie erwachte aus ihrer Trance, als Marc sich wieder aufrecht setzte und von ihr wegrutschte.
„Akt 1, Szene 5, als Romeo Julia beim Festmahl sieht."
Eilig blätterte Sam zu der besagten Stelle und fand Romeos Zitat.
„Oh..." Sie schluckte und hoffte, dass die Röte in ihrem Gesicht nicht auffiel. „Du hast ein gutes Gedächtnis."
„Ich hab es schon etwa zehnmal gelesen", sagte er. Obwohl er sich nicht ganz sicher war, ob er es noch einmal lesen würde, jetzt wo das Traumpaar Sandra und Maximilian einen schnulzigen Moment mit einem seiner Lieblingsstücke hatte.
„Ich selbst hab nur ein paar von Shakespeares Stücken gelesen", sagte Sam. „Ich hab auch ein bisschen was von Jane Austen gelesen, ich wünschte sie hätten hier eine bessere Auswahl."
„Wirklich eine Schande, Parker." Marc stand auf. Er wusste, sie versuchte zu plaudern. Er wusste, dass er schnell gehen musste.
„Ich heiße Sam", korrigierte sie ihn.
„Was auch immer", sagte Marc im Gehen über die Schulter. Er warf einen Blick zurück und sah, dass Sam wieder auf den Tisch hinuntersah. Er verzog innerlich das Gesicht, als sie das Buch zuknallte und sich zurücklehnte.
Das würde ein langes Wochenende werden. ‚Hoffentlich taucht sie nicht wieder aus dem Nirgendwo auf...'

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.10.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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