Tilman Frank (+)

Auf vertrautem Weg?

Schwerfällig ziehen die ersten Nebelschwaden wie die Tentakel eines Wesens, das nicht aus unserer Welt sein kann, durch das Gras auf den schmalen Weg zu. Waren sie eben noch so dünn wie die Fäden der Herbstspinnen, so scheint ihnen nun mit dem schwinden Licht des Tages eine Stärkung zu widerfahren.
Jetzt schon eher wie sie sich träge windende Schlangenleiber anmutend, erahnt man im letzten Zwielicht des Tages, daß sie wohl aus jenem schmalen Rinnsal aufsteigen müssen, das die geordneten Karrees der Zechensiedlungshäuser trennt von dem weiten, unübersichtlichen Feld des Trümmergrundstücks. Hier stand einstmals jenes stolze Bergwerk, das den Mensch rundum Jahrzehnte lang Arbeit und Auskommen verschaffte.
Doch das ist längst Vergangenheit. Dahin sind die Tage, als sich im stolzen Turm die großen Räder drehten, als Bergleute aus den tiefen Flözen den Schatz der Erde förderten und endlos lange Züge tagein tagaus über die blankgefahrenen Schienen ratterten.
Nach dem zweiten großen Krieg, in dem das Bergwerk seltsamerweise kaum Schaden genommen hatte, schien das Glück ihm und den Menschen umher mehr hold denn je. Groß war der Hunger nach dem schwarzen Gold. Doch die Zeiten sollten sich ändern.
Nach und nach starb eine Zeche nach der anderen und eines Tages wehte die schwarze Fahne des Unterganges auch über dieser einst so stolzen Zeche.
Mit diesen Gedanken im Kopf überquert sie, von der Freundin, die in der Zechensiedlung wohnt, kommend schnellen Schrittes die schmale Brücke, die den Bach überspannt. Sie zählt wie immer jeden ihrer Schritte; von Carolas Tür bis hin zur Brücke - 151; dann über die knarrenden Bohlen des Steges - nicht ganz 22; den gewundenen Weg entlang, vorbei an den dunklen Ruinen - 1313 insgesamt bis zur ersten Laterne des Neubauviertels; schließlich nur noch schnelle 77 bis zu ihrer Haustür!
Ihr Blick wandert mitten auf dem Steg kurz zurück zu den alten Zechenhäusern; hier und da erglüht dort ein Licht, erzählt ein Fenster von der Ruhe und der Beschaulichkeit die hinter seinem Glas die Bewohner umfängt. Sie blickt schnell wieder nach vorn, dorthin, wo ein sich seltsam träge windender Nebelstrang fast kniehoch über die verwitterten Bohlen der Brücke zu kriechen beginnt.
Komisch, denkt sie, zu dieser Jahreszeit schon Nebel? Seltsam dicht scheint er zu sein, ganz anders als jener Sommerdunst, der sonst am frühen Morgen über der Erde zu schweben pflegt.
Zwei, drei dumpf und eigentümlich hohl klingende Schritte ist sie ihm jedoch voraus. Dumpf knirscht  dann auch der Schotter des Weges wieder unter ihren Sohlen. Verstohlen blickt sie nach links und recht.
Hier stand einstmals ein stolzes Bergwerk, doch heute ragen nur noch die Skelette der Anlagen in den sich schnell verdunkelnden Himmel zu ihrer linken und die ausgebrannte Ruine des Malakow-Turms beherrscht drohend das weite Areal recht von ihr.
Nach 13 hastigen Schritten wirft sie den ersten Blick zurück; - nichts, ein graues Nichts, kein Haus, kein Steg, nur noch eine schier undurchdringliche Nebelwand; wallend, sich brodelnd vorwärtsschiebend,  langsam noch, doch unaufhaltsam wird sie wie eine haushohe Woge das in der Dunkelheit versinkende Areal des aufgelassenen Bergwerks mit ihrem namenlosen Selbst bedecken.
Sie beschleunigt ihren Schritt, - 113 - ahnt, ja fühlt fast körperlich die amorphe Hand des Nebels nach ihr greifen, wagt nicht zurück zu schauen, blickt stur nach vorn. Nun gabelt sich der Weg, - 444 Schritte - sie muß nach rechts! Im diffusen Licht des niedrig am Horizont stehenden Mondes meint sie schon die Gabelung verfehlt zu haben!
Ein kurzes Zögern nur, da umfließt schon wie eine schleimige Ranke der erste Nebelschwaden ihre Waden,  feuchtkalte Nebelfinger liebkosen ihre Knöchel. Schnell, schnell, im Laufschritt jetzt die kleine Anhöhe hinauf - der Nebel bleibt ein wenig mehr zurück.
Gott sei Dank, denkt sie, doch nur 121 Schritte noch, dann kommt die Senke beim alten Löschteich,  - 33 Schritte hinab - der Weg wird schmal dort, kaum noch meterbreit, führt zwischen hohen Büschen entlang dort unten, 66 lange Schritte bevor es endlich wieder - 33 Schritte - aufwärts geht bis hinauf auf den alten Bahndamm, der das dunkle Zechengelände zum Neubauviertel hin abgrenzt.
Endlich hat sie die Anhöhe geschafft, sieht, kaum nur ein paar dutzend Meter entfernt, die Gleise der Zechenbahn im Mondlicht schimmern. Jetzt nur noch durch die Senke!
Doch vor dem ersten Schritt schon stockt ihr da der Atem! Nur einen Meter weiter den Abhang hinab wogt der Nebel, füllt die ganze Senke, hebt und senkt sich wie die Brust eines lautlos atmenden Ungeheuers aus einer Welt jenseits unserer Vorstellungskraft. Nur die Spitzen des kleinen Birkenwäldchens dort unten ragen noch bleich aus diesem Meer von brodelndem Grau.
Sie verharrt reglos, hält den Atem an, bis ihr schier das Herz zu zerspringen droht, wagt sich nicht noch einen Schritt zu tun. Alles in ihr schreit nach Flucht, zurück, fort von hier, weg von diesem brodelnden Kessel voller grauem Nichts!
Schon wendet sie sich um, will den Weg zurück, einfach nur fort, da greift die Angst sie umso fester! Verschwunden ist der Weg, verschwunden auch die Gabelung, die Kohlenwäsche und die Kaue, der umgestürzte Kran ebenso wie der Steg, versunken, verschluckt vom wogenden Grau des schier undurchdringlichen Nebels, der ihr gefolgt zu sein scheint!
Nahe ist er nun, näher als je zuvor, kriecht unaufhaltsam auf die Anhöhe zu! Sie blickt sich um, rechts und links das gleiche Bild und vor sich, fast zum Greifen nah, die Gleise, dahinter das Licht der ersten Laternen, die Sicherheit der Häuser, die Wärme ihrer ahnungslosen Bewohner. Doch dazwischen liegt die Senke, gefüllt mit jenem namenlosem Grauen, das begierig scheint, sich mit seinem bleichen Bruder zu vereinen, der rings um sie herum nun langsam und doch stet die Anhöhe erklimmt.
Ihr Gedanken überschlagen sich; wohin, was tun, hinein in die Nebelwand, hinab in die nicht minder drohende Senke! Da meint sie verzerrte Gestalten zu erkennen, Schemen, die der sie verfolgende Nebel fast verhüllt! Namenloses Entsetzen erfaßt sie, die Angst kann nicht mehr wachsen. Sie starrt hinab in die Senke, verzweifelt auf ein Wunder hoffend, auf einen Retter oder nur ein Zeichen, welches der richtige Weg sein mag!
Da erschaudert sie; Hände, feucht und kalt, so scheint es ihr, greifen scheinbar nach ihrem Nacken, eisiger Hauch umspielt ihr Haar, und sie, sie kann sich nicht rühren, ist starr vor Entsetzen, gelähmt ob dieser widerwärtigen Liebkosung.
Sind es Sekunden nur oder Minuten, die sie reglos dort verbringt, sie weiß es nicht! Schon will der Nebel sie rücklings umfassen, greift mit fahlen Fingern stumm nach ihr, da fällt die Starre von ihr ab. Voller Verzweiflung zählt sie im Kopf die Schritte, - 33 hinab, 66 hindurch, 33 hinauf - steigt in den brodelnden Pfuhl hinab!
Der wogende Nebelsee umspielt träge den dritten Schritt, weiter nur, immer weiter! 11 Schritte jetzt, der Nebel erreicht ihre Brust! Ein Gefühl von unsagbarer Kälte dringt nicht nur durch ihr leichtes Kleid, durchdringt die Haut, saugt alle Wärme auf. Jetzt ragen nur noch Kopf und Schulter aus der fahlen, feuchten Nebelfläche, da reißt die Wolkendecke auf und der Mond läßt das verfallene Gemäuer des nahen Malakow-Turmes einen makaberen Schatten direkt vor ihr Gesicht auf den wogenden Nebelsee werfen. Ihr Mund öffnet sich wie zu einem stummen Schrei, dann versinkt sie im brodelnden Nebelnichts!
Seltsame Schatten umtanzen sie im konturlosen Grau; sinds Bäume, Büsche, Menschen oder Ungeheuer? Sie weiß es nicht, wills nie erfahren, zählt eisern ihre Schritte nur! 33 sind es jetzt, der Grund wird eben, 66 nun noch am Grunde dieses unheimlichen Nebelsees. Gleich kommt der Kreuzweg, bloß dann nicht die Richtung verlieren!
Hier streift sie ein Ast oder war es etwas anderes? Ein sanfter Hauch umspielt ganz kurz ihren Hals, greift in ihr Haar, eine Hand scheint nach ihrem Fuß zu langen oder ist es nur die Wurzel, über die sie schon so oft bei Tag gestolpert ist?
Jetzt endlich steigt der Weg nun wieder an, jeder Schritt scheint ihr plötzlich eine Qual. Fast, so scheint es ihr, hat sich der Nebel an ihr festgesaugt, will sie nicht aus seiner kalten Umarmung lassen. Endlich durchbricht sie den Spiegel des unheimlichen Sees, jeder Schritt ist nun eine wahre Pein.
Jetzt ragt ihr Kopf hinaus, sind ihre Schultern frei, dann die Arme - 15 Schritte noch - und die Brust, sie fühlt die Kälte langsam nur - 9 Schritte noch - und widerwillig von ihren Schenkeln zurückweichen, - 5 Schritte noch - dann ist der linke Fuß endlich frei, - 3 Schritte noch - den rechten zieht sie mühsam nach, der letzte Schritte läßt sie fast über die Gleise stolpern.
Sie atmet auf und blickt sich zögernd um. Der Nebel liegt nun hinter ihr und fast scheint es so, als habe er nun seine Kraft erschöpft. Sanft nur noch und nicht bedrohlich bewegt sich die Oberfläche dieses unheimlichen Sees aus grauem Dunst. Dahinter die Nebelwand scheint nun auch an Dichte zu verlieren; hier und dort kann man bereits wieder die fernen Lichter der Zechensiedlung durch das jetzt schon filigrane Grau erkennen. Warum hat sich bloß so gefürchtet?
Erleichtert lacht sie auf, denkt bei sich wie dumm der Mensch doch ist, dass er sich vor ein bißchen Nebel ängstigt. Dann geht sie beschwingt die letzten Meter bis zur ersten Laterne, weiter bis zu ihrer Tür und hinauf in ihr gemütliches Zimmer.
Ein wenig erschöpft noch von diesem absurden kleinen Abenteuer beschließt sie sofort zu Bett zu gehen und sich in Zukunft nicht mehr von ein bißchen harmlosem Nebel ängstigen zu lassen. Ein vernünftig denkender Mensch kann schließlich mit ein wenig Logik all das, was sie soeben gemeint hat zu sehen und zu fühlen ganz einfach erklären. Alles nur Aberglauben! Jetzt kann sie sogar schon über ihre eigene Angst lachen.
Nachlässig wirft sie ihre Sachen über einen Stuhl, schlüpft unter die Bettdecke, stellt den Wecker, fährt sich einmal kurz mit den Fingern durch ihr langes, lockiges Haar und löscht das Licht. Jedenfalls hat sie nun keine Angst mehr vor irgendwelchen unheimlichen Sachen; denkt sie noch und ist ein paar Sekunden später auch schon tief und traumlos eingeschlafen.
Nur ein ganz aufmerksamer Mensch könnte jetzt im trüben Zwielicht der Straßenlaterne vor ihrem Fenster etwas doch irgendwie Seltsames beobachten. Zwischen den üppigen Haarlocken über ihrem linken Ohr scheint sich etwas verfangen zu haben. Wahrscheinlich ein paar Löwenzahnsamen oder eine Fluse, obwohl man eher meinen könnte es wäre ein winziger, sich langsam im Rhythmus ihres ruhigen Atems ausbreitender Nebelschwaden . . . . . . . . . . . . . .

Subtiler Horror aus dem Ruhrgebiet, wo ab und an aus den längst aufgegebenen Schächten der alten Zechen anscheinend etwas aus den dunklen Tiefen der Erde aufzusteigen versucht ............

Eine Kurzgeschichte um spezielle Computeranwender von Tilman Frank erscheint am 21.November 2005 in
"DIE DÜMMSTEN ANWENDER DEUTSCHLANDS"
Lerato-Verlag / Herausgeber: Gärtner/Auer/Mothe
Illustrationen: Tobias Thies / www.tobiasthies.de
Paperback - ca.170 Seiten - ca. 25 Illustrationen
ISBN: 3-938882-04-02
Preis: 9,95 Euro
Tilman Frank (+), Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.10.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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