Karl-Heinz Fricke

Eine Reise ins Ungewisse

Hauptbahnhof Hannover im Oktober 1945.  Eine Steinwüste wohin das Auge blickt. Ein kur

Aufenthalt im Bahnhofsbunker, wo Schwarzhändler ihre Geschäfte betätigten. Die stickige Luft ließ mich nicht lange dort verweilen, und obwohl es noch sechs Stunden bis zur Abfahrt des Zuges zum Westen dauern sollte, begab ich mich schon auf den Bahnsteig, um sicher zu machen, dass ich auch einen Platz bekam. Andere Züge führen nicht in die Richtung. Nur dieser eine alle 24 Stunden. Meine Marschverpflegung war recht dürftig. Ich musste unbedingt mit. Als der Güterzug kurz vor Mitternacht eintraf, begann sofort eine rücksichtslose Drängelei. Glücklich, ganz vorn zu stehen, verschwand ich im Nu in dem Wagen vor mir. In Minutenschnelle war dieser gefüllt und wir kamen uns wir Sardinen in der Dose vor.
Plötzlich ertönte eine amtliche Stimme: "Dieser Waggon ist für die Fracht vorgesehen, alle wieder aussteigen.
Flüche wurden laut, denn es war klar, dass alle anderen Waggons besetzt waren. Mein sechsstündiges stures Ausharren auf dem zugigen Bahnsteig erwies sich als vergeblich. Wieder auf dem Bahnsteig sah ich, was ich befürchtet hatte. Mehrere Passanten standen auf den Puffern und Trittbrettern. Es gab nur noch eine Lösung:
Das Dach. Die fast flachen Dächer dann auch schnellstens erklommen. Frauen, Kinder und Greise hatten sich schon einen Platz gesichert. Ich ließ mich neben zwei Landsern nieder, die wegen Krankheit von den Engländern entlassen worden waren. Einer von den beiden stöhnte nur. Als uns englische Besatzungssoldaten in Hamm/Westfalen von den Dächern befahlen, war der stöhnende Soldat tot. Man hatte einen Zug mit dritter Klasse Abteilen bereitgestellt. der uns über Duisburg nach Köln brachte. Auch diese Stadt war ein riesiger Trümmerhaufen. Um erstmal nach Neuwied zu kommen, musste ich zurück über den Rhein. Als ich mich anschickte die Behelfsbrücke zu überqueren, riet mir ein alter Mann, der eine Angel in der Hand hatte, es nicht zu tun. Am anderen Ende befände sich eine Entlausungsstation der französischen Besatzung. Dort würde jeder aus Schikane entlaust. Da ich auch keine Läuse hatte, nahm ich gern den Rat an, mich über den Fluss rudern zu lassen. Das tat ich dann auch. Neuwied war nur eine Zwischenstation für mein Reiseziel Boppard. Dort wohnte meine erste Liebe, die ich in Goslar kennengelernt hatte, und die mir laufend schrieb,
ich möchte sie nicht vergessen und an den Rhein kommen. Weil sie mit ihren Eltern nur dürftig bei der Großmutter untergekommen war, bat sie mich für eine Weile bei ihren Verwandten in Neuwied zu bleiben.
Diese waren sehr nett, und ich hatte das Gefühl, dass sie mich für immer behalten wollten, denn sie hatten beide Söhne im Krieg verloren. Nach einer Woche jedoch trieb mich die Unruhe nach Boppard. Der Zug fuhr nur bis nach Oberlahnstein. Die Eisenbahn- und Hauptverkehrsbrücken über die Lahn waren zerstört worden. Eine Behelfsbrücke für Fussgänger hatte man über den Fluss geschlagen. Über diese schritt ich hinweg in der Hoffnung in Niederlahnstein einen Anschlusszug vorzufinden. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Von dort fuhren keine Züge südwärts. Es blieb mir nichts anderes übrig. die etwa 10 Kilometer bis zu dem Städtchen Kalb auf Schusters Rappen zurückzulegen. Dort müsste ich den Rhein nochmals überqueren um nach Boppard zu gelangen. Ich trottete mit meinen drei Gepäckstücken dahin und schaute weder nach rechts noch links und schon gar nicht nach oben. Kurz vor dem Ortsausgang umringten mich plötzlich drei französische Negersoldaten. Sie deuteten mir an ihnen zu folgen. Ein Sandpfad führte auf eine Anhöhe, auf der ein einziges Haus stand. Die Trikolore wehte davor im Wind.  Die drei Soldaten führten mich in das Zimmer eines Offiziers. Im leidlichen Deutsch verlangte er zu wissen, ob ich wüsste, warum man mich heraufgeführt hatte. Dieses musste ich verneinen. Ich hatte auch nicht die geringste Ahnung. Der Offiizier, augenscheinlich ein Deutschenhasser, erklärte, ich hätte versäumt der Trikolore meine Achtung zu erweisen. Ich erwiderte, ich hätte als Fremder aus der britischen Zone die Fahne nicht gesehen, und ich wüßte auch nicht, dass dieselbe zu grüßen sei. Ich entschuldigte mich höflich für meine Unwissenheit und glaubte, dass man mich gehen lassen würde. Mir wurde erklärt meine Entschuldigung reiche nicht aus. Alle, die versäumen die französische Fahne zu salutieren, würden eingesperrt. Der Offizier befahl mir mein Gepäck in der Ecke des Zimmer abzustellen. Man führte mich in einen großen Raum. der als Unterkunft für etwa 20 Soldaten diente. Einige von ihnen lümmelten sich auf ihren Betten herum. Bei meinem Eintritt wurden hämische Bemerkungen laut. Ich verstand nur das Wort "Boche", das Schimpfwort für uns Deutsche. Vollkommen in der Gewalt dieser Kerle schwante mir Schreckliches. Die Franzosen, die vier Jahre unter der Naziherrschaft in Frankreich gelitten hatten, wollten sich mit Schikanen an uns rächen. Kein Hahn würde danach krähen, wenn sie mir etwas antäten, oder gar in der Fremdenlegion verschwinden ließen. Man wies mir ein Bett zu. Ich sollte also über Nacht festgehalten werden. Ein Schwarzer führte mich an einen großen Eisenhofen, der in der Mitte des Raumes stand. Davor lag ein riesiger Haufen Asche. Um Platz im Ofen für ein Feuer zu haben,
hatten die Faulpelze die Asche einfach aus dem Ofen gekratzt. Unwillkürlich musste ich an meine Ausbildung bei der Luftwaffe denken, wo man uns für ein Staubkörnchen geschliffen hatte. Diese Soldaten lebten in einem Saustall und fühlten sich offenbar wohl dabei. Der Neger gab mir zu verstehen, ich solle die Asche hinaustragen. Man gab mir einen Eimer, aber keine Schaufel. Mit bloßen Händen füllte ich den Eimer mehrmals. Jedesmal klatschten die Burschen Beifall, um mich zu verhöhnen. Ich ignorierte es. Nachdem diese Arbeit beendet war, trat ein Soldat nah dem andern mit seinen dreckigen Schuhen vor mich hin. Für die nächste Stunde putzte ich Schuhe. Gegen Abend setzte ich mich auf das Bett. Ich hoffte immer noch, man ließe mich gehen. Als es völlig dunkel war, gab ich die Hoffnung auf. Ein Soldat warf mir eine übelriechende Wolldecke zu. Lange konnte ich nicht einschlafen. Ich hatte so einiges über sexuelle Gewohnheiten der Schwarzen gehört und ich rechnete mit einer Belästigung. Schließlich schlief ich vor Müdigkeit ein. Am Morgen führte man mich wieder in das Zimmer des Offiziers. Höflich erkundigte er sich, ob ich gut geschlafen hätte. Er zeigte sich freundlicher und fragte nach dem Ziel meiner Reise. Ich log, dass ich Verwandte in Boppard aufzusuchen gedächte. Dringlich riet er mir, die Trikolore auf meinen Wegen zu salutieren. Ich durfte meine Gepäckstücke aufnehmen und gehen. Fast hätte ich mich noch für die Wiedererlangung meiner Freiheit bedankt. Nach knapp zwei Stunden erreichte ich den kleinen Ort Kalb.
      Karl-Heinz Fricke 07.10.2005
 
     Anmerkung: Was in Boppard geschah erzähle ich in der nächsten Kurzgeschichte im November. Dieses ist ein Ausschnitt meines unveröffentlichen Buches "Nicht auf der Strecke geblieben."
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.10.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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