Engelbert Blabsreiter

Geh ins Licht......Geh

 

Es war einmal ein kleiner Junge,

ein neugieriges Kerlchen im Alter von gerade einmal vier Jahren.

Das Haus seiner Eltern wurde umgebaut und so ergab es sich,

dass sich hinter dem Haus ein großer Haufen voller Abbruchholz befand.

 

Hervorstehende Balken, Bretter und Stangen,
welche Herausforderung für einen abenteuerlustigen Jungen.
Da der Vater die Abenteuerlust seines Sohnes kannte, warnte er ihn eindringlich davor sich dem Holzhaufen zu nähern.
Geh da nicht hin, da sind noch viele Nägel drin, du tust dir damit weh, sprach er mit ernstem Ton.
Doch kaum war der Vater nicht mehr in Sichtweite, kletterte der Junge auf den Stapel Altholz, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen.
Ein Berg ist eben da um erstiegen zu werden.
Stolz und aufrecht stehend auf dem höchsten Punkt des Haufens verweilte er kurz, um den Erfolg zu genießen.
Sogleich machte er sich wieder auf, den Haufen zu verlassen, da sein Vater jeden Moment wieder in Sichtweite kommen konnte.
Er war nur einen kleinen Augenblick unachtsam, doch da bohrte sich ein Nagel durch sein kleines gelbes Stiefelchen.
Der Nagel bohrte sich tief in die Fußsohle des Jungen und der sich einstellende Schmerz ließ ihn sofort erkennen, dass es sich nicht nur um einen kleinen Kratzer handelte, sondern um eine ernsthafte Verletzung.
Da er sich sofort wieder an die warnenden Worte seines Vaters erinnerte überlegte er kurz,
ob er seinen Schmerz stumm ertragen sollte, oder ihn laut hinaus schreien.
Schließlich entschied er sich für letzteres und stiefelte mit vielen kleinen Schritten in Richtung Haus, worin er seine Mutter vermutete.
Jeder Schritt wurde ihm zur Qual und der Schmerz schien mit jedem Schritt zuzunehmen.
Seine Mutter hörte das Schreien in der Küche und ging ihm eilig entgegen.
Die Tränen kullerten wie in einem Sturzbach über seine Wangen und sein schmerzverzerrtes Gesicht sprach für die Mutter eine eindeutige Sprache.
Es brauchte nicht viele Worte um ihr klar zu machen, dass ein Nagel durch den Stiefel in die Fußsohle eingedrungen war, und so zog sie ihm vorsichtig den kleinen Stiefel aus.
Als bereits beim Ausziehen Blut aus dem Stiefel lief und die blutgetränkten Socken zum Vorschein kamen, steigerte sich das Schmerzempfinden des Jungen.
Erschrocken über die Schwere der Verletzung wimmerte er ganz armselig ohne seinen verletzten Fuß aus dem Blick zu verlieren.
Seine Mutter desinfizierte die Verletzung, verband den Fuß fachgerecht, setzte sich neben ihn,
hob ihn auf ihren Schoß und umarmte ihn fest.
Er spürte die Wärme Ihres Köpers als sie ihn umarmte und ihm in beruhigenden und tröstenden Worten den Schmerz nahm.
Ja es war wirklich so....
Das Gefühl der Geborgenheit und Liebe war so mächtig, dass der Schmerz keine Macht mehr über ihn hatte.
Ein einzigartiges Gefühl dass sich in seine Seele einbrannte.

 

34 Jahre später saß dieser Junge der inzwischen zum Mann geworden war am Sterbebett einer Frau.

Ihr Körper war schwer von den Folgen einer Krebserkrankung gezeichnet und ihr Gesicht schien leblos.

Nur das Heben und Senken ihres Brustkorbs und die Wärme ihrer Hand ließen erkennen, dass noch Leben in ihrem Körper war.

Seit Wochen wechselten sich die Familienmitglieder bei der Nachtwache ab

und versuchten der Frau das Gefühl von Geborgenheit und Liebe zu geben.

So war es auch an diesem Tag, als der Mann auf einem Stuhl am Bett sitzend die Hand der Frau hielt.

Es war sehr anstrengend ihr die ganze Nacht die Hand zu halten, doch wenn er die Hand zurückzog spürte er eine Veränderung in der Frau und so hielt er ihre Hand weiter.

In den Morgenstunden fiel er in einen dämmrigen Halbschlaf, bis er von einem extrem intensiven Gefühl erfüllt wurde.

Sofort erkannte seine Seele das Gefühl von damals, als er auf dem Schoß seiner Mutter getröstet wurde, damals vor 34 Jahren.

Er hatte es seit damals nie mehr in dieser Intensität gefühlt.

Doch jetzt war es nicht nur stärker,

es war auch gepaart mit einem unglaublichen Gefühl der Leichtigkeit und des Loslassens.

Der Mann schwebte in einem hellen Licht, und die Probleme der Menschheit erschienen ihm lächerlich.

Ein wunderbares Gefühl der Entspannung und Vollkommenheit endete mit einem sein Herz ausfüllendes Dankeschön.

Als er wieder Kontrolle über seinen Körper hatte, öffnete er langsam seine Augen und erkannte, dass er noch immer in dem Krankenzimmer saß und die Hand der Frau hielt.

Ihr Körper versuchte gerade krampfhaft noch einige male Luft zu holen, aber es gelang ihr nicht mehr, denn ihre Seele hatte bereits ihren Körper verlassen.

Da flüsterte der Mann leise zu ihr...

Geh ins Licht Mama geh....

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Engelbert Blabsreiter).
Der Beitrag wurde von Engelbert Blabsreiter auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.10.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Nemashim: Ein arabisch-hebräisches Theaterprojekt von Uri Shani



Nemashim ist ein hebräisch-arabisches Theater- und Kommuneprojekt aus Israel, das jungen Menschen aus beiden Gruppen Gelegenheit gibt, ein Jahr miteinander in einer Kommune zu leben und miteinander Theater zu machen.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (10)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Lebensgeschichten & Schicksale" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Engelbert Blabsreiter

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Flucht von Engelbert Blabsreiter (Spannende Geschichten)
Befreiungsschläge von Elke Lüder (Lebensgeschichten & Schicksale)
Abschied von einer Großstadt. von Ulla Meyer-Gohr (Trauriges / Verzweiflung)