Er war 16 Jahre alt, von mittlerer Statur, besuchte das Staatliche Gymnasium Neuburg und konnte ein immerhin durchschnittliches Zeugnis aufweisen. Kein Einser fand sich darin wieder, jedoch verirrte sich keine schlechte Bemerkung auf seinem Bewertungsbogen. Die Lehrer waren durchaus mit ihm zufrieden, nur über etwas mehr Mitarbeit hätten sich alle gefreut. Marcel war ein ruhiger, zurückhaltender, aber recht angenehmer Schüler. Er hatte keine großen Feinde, war aber nicht sonderlich beliebt, geschweige denn bekannt. Keine Peiniger passten ihn auf dem Schulweg ab, niemand erpresste ihn. Alles schien normal. In Mathematik und Physik schwankte er zwischen vier und fünf, gefährdet war er dennoch nicht, denn den seltenen Lerneifer, den er im Notfall an den Tag legte, sprach für sich. Wenn er wollte, konnte er alles Wissenswerte in sich aufnehmen und zu Papier bringen. Durch Fleiß zeichnete er sich nicht unbedingt aus, dennoch erledigte er seine Hausaufgaben konsequent und beanspruchte genügend Zeit, um sich auf Schulaufgaben vorzubereiten. Seine Lieblingsbands „Evanescence“ und „Within Temptation“ gehörten zwar in die Gothik-Ecke, aber Marcel hielt sich von Grufties fern. Das war nicht seine Welt. Die Musik gefiel ihm, die dazugehörigen Leute und deren Trends dagegen nicht. Alternativ hörte er auch laute Rockmusik, wenn er gut drauf war. Und so selten war das nicht. Warum ich das alles erwähne? Erstens sollen Sie als Leser einen Einblick in den Alltag dieses „Psychos“, als der er später hingestellt wird, bekommen, andererseits versuche ich damit, dem Vorurteil vorzubeugen, dass seine Tat von der dunklen Musik beeinflusst wurde.
Also, Marcel hatte keine wirklichen schulischen Probleme, war eher Außenseiter, kaum geachtet aber respektiert, und hatte ein gutes Verhältnis zu seinen Eltern. Sein Vater war Bankangestellter, seine Mutter Hausfrau. Sie kochte hervorragend und kümmerte sich gut um ihn. Wenn er in Ruhe gelassen werden wollte, entfernte sie sich. Brauchte er jemanden zum Reden, egal ob über Politik, aktuelle Vorfälle etc., dann hörte seine Mutter ihm zu, gab ihm Ratschläge, unterhielt sich mit ihm. Sie hatten ein gutes Verhältnis zueinander. Die Beziehung zu seinem Vater war ähnlich. Zwar bekam er das fürsorgliche Familienoberhaupt, von dem er ein solides Taschengeld von 30€ pro Monat erhielt, erst abends zu Gesicht, doch dann beschäftigten sie sich miteinander. Entweder zockte er mit seinem Vater ein Computerspiel – gelegentlich auch brutale Ego-Shooter wie sie von Tausenden gespielt werden, bei denen Blut floss und geschossen wurde – oder sie spielten eine Runde Basketball auf dem Hof. Manchmal versammelte sich die ganze Familie am runden Wohnzimmertisch, versunken in gemütlichen Sesseln, schaute einen Film oder spielte Karten. Es war also ganz eine harmonische Familie. Niemand hatte an einem anderen etwas auszusetzen. Natürlich stritten sie sich auch mal. Aber so etwas kommt in den besten Verhältnissen vor. Lange dauerte die Auseinandersetzung allerdings nie. Sportlich war Marcel im örtlichen Fußballverein aktiv. Talent hatte er nicht allzu viel -zumeist saß er auf der Bank-, im Training strengte er sich nicht übermäßig an; er war kein Stammspieler, wurde aber bei Matches häufig eingesetzt und spielte meist mindestens eine Halbzeit auf der linken Abwehrseite, seiner Lieblingsposition. Niederlagen kassierte sein Team genauso oft wie es Siege einfuhr. Seine Mitspieler beachteten ihn wenig, wie seine Klassenkameraden, doch er suchte die Kontakte zu ihnen nicht. Er wurde anerkannt und nicht ausgeschlossen. Wenn die Jungs ein Treffen auf dem Sportplatz vereinbart hatten, wurde auch der schüchterne Marcel verständigt. Neben Fußball, Basketball und Ego-Shootern beschäftigte er sich in seiner Freizeit noch mit PC-Rollenspielen, Tischtennis und Fernsehen. Krimiserien und Agentenfilme waren sein Metier, doch er zog sich auch Gerichtsshows, Quizsendungen, Comedy und tiefgehende Meisterwerke der Filmgeschichte rein. Durchschnittlich sah er 14 Stunden in der Woche fern. Umgerechnet zwei pro Tag. Normal. Am Computer verbrachte er die selbe Zeit, Surfen im Internet und Aufenthalte in Chatrooms mit eingeschlossen. Normal. Frische Luft bekam er durch seine sportorientierten Hobbys, zu denen im Winter auch Hockey zählte, genug. Sein Leben verlief ohne nennenswerte Zwischenfälle. Nur zwei Dinge machten dem gebrechlichen Gymnasiasten schwer zu schaffen. Er hatte keine Freundin, noch nie gehabt. Zweimal hatte er versucht, ein Mädchen anzusprechen, mit dem er zusammen sein wollte, und einzuladen und jedes Mal bekam er einen Korb. Die kichernden Mädchen zogen von dannen, Marcel errötete, war peinlich berührt und verhielt sich eine Woche lang noch zurückgezogener als sonst. Alle Termine wie Training oder den Besuch bei seiner Oma ließ er entfallen, auch seine vernünftige Einstellung verschwand vorübergehend. Er vernachlässigte seine schulischen Pflichten und lag grübelnd den ganzen Tag über auf dem Bett. Nach einer Woche war in beiden Fällen der Spuk vorbei, die Mädels vergessen, die Krise überwunden und er kehrte ins öffentliche Leben zurück. Man würde meinen, dass ein solch höflicher, zuvorkommender, umsorgter, aufgeschlossener und intelligenter Teenager keiner Fliege etwas zu Leide tun könnte und dennoch hat Marcel ein Verbrechen begangen. Ein Nichtraucher, der an keiner erkennbaren Krankheit leidet, der zweifellos nicht unter Einfluss von Drogen steht, der mit der Gesamtsituation zufrieden ist – politisch wie privat – und der sein spontanes Vorhaben schließlich geplant in die Tat umsetzt. Eine Geiselnahme, ein Massacker, nennen Sie es, wie Sie wollen. Welche Gründe kann er gehabt haben? Langeweile war es sicher nicht. Er war glücklich. Seine Leistungen und sein Engagement waren anerkennenswert und wurden gewürdigt. Seine familiäre, finanzielle und schulische Situation war genauso hervorragend wie seine private Lage. In seinem geräumigen Zimmer in der Vierzimmerwohnung eines einzeln stehenden Hauses, in dem vier komfortable Wohnungen und insgesamt elf Leute untergebracht waren, fühlte er sich wohl. Mit den Nachbarn hatte er keinerlei Probleme. Wenn er der alten Frau aus der Wohnung gegenüber auf der Straße begegnete und bemerkte, wie sie sich an den prall gefüllten Einkaufstaschen abschleppte, nahm er ihr eine ab und trug sie bis vor ihre Eingangstür. Sowohl die alte Dame als auch ihr Ehemann lobten seine Eltern häufig über ihre Erziehung und schenkten Marcel aus Dankbarkeit Süßigkeiten, Geldmünzen oder andere Dinge, die er gerne hatte oder die er verwenden konnte, wenn sie für ihre Besitzer nicht mehr von Nöten waren. Das Paar von oben empfand Marcel ebenfalls als einen angenehmen Nachbarsjungen, der keine gefährlichen Freunde hatte, die negativen Einfluss auf ihn haben können hätten. Die vierköpfige Familie im ersten Stock auf der Seite des älteren Ehepaares, vermittelte ihm ebenfalls das Gefühl von Zuneigung. Marcel hatte das alles verdient. Er grüßte freundlich, unterhielt sich mit seinen Nachbarn, hielt ihnen die Türen auf, und so weiter. Das 7-Jährige Mädchen von oben war hellauf begeistert von ihm, denn er verbrachte gerne und auf spaßige Weise etwas Zeit mit ihr. Ihr 10-jähriger Bruder spielte häufig mit Marcel und seinem Vater Basketball oder lud Marcel ein, mitzuspielen, wenn er mit seinen Kumpels den Ball in den Korb warf. Alle Anwohner der Akazienallee kamen super mit Marcel aus und unterstützten ihn, wenn er offensichtliche Probleme hatte, was selten vorkam. So legte vor drei Jahren die Schwarzhaarige von oben ein nettes Wort bei seiner Mutter ein, als sie diese beim Treppenkehren sah. Denn sie hatte mitbekommen, dass Marcel an jenem Tag eine Sechs in Mathe zurückbekommen hatte und Angst hatte, diese Blamage zu beichten. Derweil hatte er doch ausgiebig gelernt. Noch am Abend teilte er seinen Eltern sein Versagen mit, die es nüchtern aufnahmen, hatten sie doch einfühlsame Worte von ihrer Nachbarin bekommen. „Marcel ist so ein guter Junge. Er hat schon genug Stress mit dem vielen Lernen, da braucht er keinen Anschiss für eine schlechte Note. Das passiert jedem einmal und es geht garantiert wieder aufwärts.“ Seine Mutter war sich im Klaren, was sie erwartete, informierte ihren Gatten und da Marcel den Mut aufbrachte und seinen Eltern von seinem Missgeschick berichtete, beließen sie es bei einem zwinkerndem „Kann ja mal vorkommen. Ist nicht so schlimm. Hauptsache, nächstes mal wird’s besser.“ Zur Kontrolle warfen sie einen prüfenden Blick auf das unheilvolle Dokument und da sie schon bei der ersten Aufgabe mit der Materie überfordert waren, scherten sie sich nicht weiter darum. Trotz dem Verständnis, das ihm entgegengebracht wurde, beging er diese riesige Dummheit. Obwohl er bislang in allen Bereichen innerhalb der Legalität gelebt hatte. Er brannte nicht einmal urheberrechtlich geschützte CD’s.
Krank war Marcel auch nicht übermäßig oft. Dreimal ging es ihm wirklich schlecht. Zum einen im zarten Kindesalter wegen einer Lungenentzündung. Mit zehn Jahren litt mehrere Wochen lang an schrecklichen Magenkrämpfen. Der dritte große Krankheitsfall war eine leichte Gehirnerschütterung, die sein Kopf nach der unfreiwilligen Begegnung mit einem im Weg stehenden Laternenpfahl davongetragen hatte. Um die Amnesie verschwinden zu lassen, verschrieben ihm die Ärzte ein Psychopharmaka, welches er laut Beipackzettel viermal täglich einnehmen sollte. Das Gedächtnis war zwar ohnehin schon wieder vollständig, doch zur Sicherheit schluckte er die Medizin über zwei Wochen lang.
Aber kommen wir doch zum Tag, an dem das Massacker geplant war. Hinzufügen möchte ich hier noch, dass Marcel die Tage davor überhaupt nicht am Computer war, folglich seine Brutalität nicht mit Ego-Shootern trainiert hat und sich nicht durch etwaige Kill-Spiele angeregt hatte. Seine Hausaufgaben hatte Marcel bereits am Vorabend ausnahmslos erledigt. Um 6.30 Uhr stand der Teenager wie gewöhnlich auf. Sein Wecker schrillte los, Marcel rieb sich verschlafen die Augen, schlug die Decke zurück und setzte seine Füße auf den Boden. Zuerst den linken Fuß, dann fand der rechte das Schlupfloch in die Pantoffeln. Er zog den verschwitzten Schlafanzug aus, sprühte sich mit Deo voll und bekleidete sich mit einer blauen Jeans und einem schwarzen Pullover. Schwarz, die Farbe der Trauer. Eine dunkle Farbe. Die Farbe des Todes. Müde schlurfte er in die Küche. Seine Mutter hatte den Tisch schon am Vorabend gedeckt, also standen drei Teller mit zugehörigem Besteck bereit. Er schnitt sich ein Stück Brot auf, belegte es mit Schinken und Ei, und verspeiste es schmatzend. Anschließend fischte Marcel ein Müslischüsselchen aus dem Schrank, füllte es mit Zimtflocken, Cornflakes und Schokopops, goss Milch dazu und beendete mit dem Verzehr der Ceralienration sein Frühstück. Das benutzte Geschirr stellte er neben die Spüle. Dann trappelte er ins Bad, putzte sich die Zähne tatsächlich drei entspannte Minuten lang, fuhr sich mit einem nassen Waschlappen durchs Gesicht, richtete seine Frisur zurecht, indem er seine Haare kämmte und etwas Gel hinein schmierte, betrachtete sich noch mal zufrieden im Spiegel und machte seine Morgentoilette. Nachdem er seine hygienischen Bedürfnisse gestillt hatte, kehrte er in sein Zimmer zurück. Als vorbildlicher Schüler warf er einen letzten, aufnehmenden Blick in seine heutigen Fächer. Dann verstaute er die Hefte und Schreibutensilien in seinem Ranzen. Er ließ die Rollläden hoch, spazierte zum Nachttisch, schnappte sich eine täuschend echt wirkende Revolverattrappe, steckte sein Taschenmesser ein und nahm das bereitliegende Schulgeld für Verpflegung vom Kästchen im Flur. Ein abschließender Blick in die Wohnung. Kein Abschiedskuss von Mama. Kein letztes Wort zu Papa. Keine Begründung, kein Abschiedsbrief. Nichts, was auf seine Tat schließen könnte. Er schloss die Haustüre. Den Schlüssel hatte er auf dem Kästchen im Flur liegen gelassen. Sein Weg führte an einer einsamen Bushaltestelle vorbei, Mülleimer kreuzten seinen Weg, der Bäcker hatte seinen Laden schon geöffnet. Hin und wieder fuhr ein Auto an ihm vorbei. Ein Radfahrer und ein Jogger waren um fünf nach sieben bereits auf den Beinen. Obwohl kaum Verkehr floss, drückte Marcel die Ampel. Bei Grün lief er über die Straße. Es war neblig. Die Kirchturmspitze in der Ferne war nur verschwommen sichtbar. Neuburg war eine schöne Stadt, mit vielen alten Bauwerken aus Zeiten der Renaissance und der Gotik. Seine Hände steckten in den Hosentaschen. In der rechten Hand bestärkte ihn sein Taschenmesser in seinem Vorhaben. Es fühlte sich gut an. Richtig warm und scharf. Der Revolver lag verstaut unter den Schulbüchern im Ranzen. Geladen mit einem ganzen sechs Platzpatronen. Das restliche Magazin hatte er letzte Woche zu Übungszwecken verschossen. Nicht auf Menschen, nicht auf Tiere, nicht auf die Natur. Sein Ziel war jeden Tag ein anderes. Immer spontan, immer nur ein Schuss pro Tag. Ein Papierkorb wurde zur Zielscheibe, blieb aber natürlich unbeschädigt. Er wollte auf nichts zielen. Nur das Gefühl für den Abzug bekommen.
Ein Mann mit einem Hund prallte fast mit Marcel zusammen. Entschuldigend gebärdete sich das Herrchen, doch Marcel winkte nur lächelnd ab. Das wäre doch nicht weiter schlimm gewesen. Es ist ja auch gar nichts passiert. Er beugte sich zu dem struppigen Collie herunter und tätschelte ihm zärtlich den Rücken. Noch ein sanftes Kraulen hinter den Ohren und Marcel ging weiter. Jetzt konnte er den hässlichen, grauen Grundriss des Gymnasiums sehen. Wie eine verschlingende Mauer ragte die Schule vor ihm auf. Erst fünf vor halb acht. Die Pausenhalle durfte betreten werden, doch die Glastüren zu den oberen Stockwerken, in denen die Klassen, - und Fachräume untergebracht waren, waren noch verschlossen. Bald würde er sein vollkommen sinnloses Vorhaben in die Tat umsetzen. Nichts bedrückte ihn, niemand bedrängte ihn. Wieso wollte er so eine Riesendummheit begehen? Er wusste es selbst nicht. Keine Halluzination, kein Spiel, kein Film, nichts hatte ihn dazu getrieben, geschweige denn auf die Idee gebracht, so etwas Schwachsinniges zu tun.
Ohne zu zögern stieß er die Eingangstüre des Schulgebäudes auf. Die geräumige Pausenhalle wirkte noch relativ leer. Kleine Grüppchen von Frühankömmlingen saßen verstreut auf dem Linoleumboden. Sie kamen von entfernten Dörfern, von denen aus nur ganz früh am Morgen ein Zug oder Bus zur Schule fuhr. Und sie konnten auch nur um viertel nach eins oder um viertel nach drei wieder nach Hause fahren. Noch dazu hatten sie nicht die geringste Möglichkeit eine vergleichbare Schule mit der selben Integration und Leistungsförderung zu besuchen. Nach dem anstehenden Drama würden sie dem Gymnasium entweder fern bleiben und eine Berufsausbildung anfangen oder weiterhin auf dieses Bildungsinstitut gehen. Vielleicht nicht unbedingt verängstigt, aber mit Sicherheit mit einem flauen Gefühl im Magen oder zumindest mit einem veränderten, reiferen Gemüt. Marcel zog sich eine Flasche Cola aus dem Getränkeautomaten. Dann setzte er sich vor der Glastüre zum zweiten Treppenaufgang auf den kalten Boden. Er hantierte am Reißverschluss seines Ranzens. Dann zog er sein Geschichtsheft hervor und versuchte fieberhaft, sich den tintengetränkten Hefteintrag der vergangenen Stunde einzuprägen. NS-Regime. Welch ein langweiliges, durchgekautes Thema. Mit der schrecklichen Vergangenheit seiner Vorfahren hatte er nichts am Hut. Außerdem konnte der Großteil der damaligen Bevölkerung nicht wirklich etwas für das grausame Regime. Nur die oberen Militärs, die Anhänger der NSDAP und der deutsche Diktator Adolf Hitler, der obendrein noch nicht mal Deutscher sondern Österreicher war, hetzte gegen ausländische Minderheiten, rief zum Krieg auf und rottete Juden scharenweise aus. Nein, mit dieser Zeit verband Marcel nichts. Zwar würde er bald als Verbrecher oder als Geistesgestörter gelten, es würde ihn fertig machen, wenn er am Leben bliebe, doch er war unschuldig. Ein spontaner Gedanke, ein Massacker zu veranstalten, wurde langfristig geplant. Die Pausenhalle füllte sich. Der Lärmpegel stieg ins Unermessliche. Die Türen wurden aufgesperrt. Das braun eingebundene Geschichtsheft verschwand zwischen dem roten Mathematikheft und dem gelben Umschlag des Französisch-Vokabelhefts. Marcel schloss sich dem Tross Jugendlicher an, der quatschend die Stufen in die oberen Etagen erklomm. Im zweiten Stock bog er links ab und stiefelte zu seinem Klassenzimmer. In wenigen Minuten würde die Mathestunde anfangen. Für den anschließenden Geschichtsunterricht war er mittlerweile vorbereitet. Die Ereignisse nahmen ihren Lauf.
Mathe artete in Langeweile aus und die meisten Klassenkameraden kämpften krampfhaft gegen die überfallende Müdigkeit an, die sich wie ein seichter Nebel in den tristen grauen Betonwänden der wochentäglichen zu besuchenden Folteranstalt ausbreitete. In Geschichte gedachte Oberstudienreferendar Krautberger doch tatsächlich, eine unangekündigte kleine Ex zu schreiben. Marcel bemerkte kaum, dass der als vielleicht sadistisch veranlagte Schülerterrorist die vorgedruckten Aufgabenblätter austeilte. Es kümmerte ihn auch nicht sonderlich. Mit den Gedanken war er wo ganz anders. Nämlich nirgendwo. Gähnende Leere machte sich in seinem Kopf breit. Er wusste nur, dass er keine Probleme mit all seinen Lehrern hatte. Mit keinem einzigen von ihnen. Spielerisch leicht fiel ihm die Beantwortung der durchaus sorgfältig ausgewählten und durchdachten Fragen. Nachdem Krautberger nach einer geschlagenen Viertelstunde die Blätter einsammelte, setzte er seinen quälend strapaziösen Unterricht fort. Über was es genau ging, weiß ohnehin keiner, denn wer achtet schon auf schnöde Wortfetzen, die ungehört an den kahlen Betonwänden abprallen. Pause war angesagt. Gemächlich schloss sich Marcel einem Tross Unterstufler an, die lärmend die Treppen hinunterstürmten. Ohne Hektik zog er sich eine Cola aus dem Automaten und wendete seinen Kopf ungewollt nach links. Was er dort sah, rief ihm unverhofft seinen bisher einzigen wirklich schlimmen Tag ins Gedächtnis zurück. Drei türkische Halbstarke unterhielten sich unverschämt laut miteinander. Sie lästerten über irgendwelche Bekannten ab, mehr nicht. Aber in Marcel medizindurchtränktem Gehirn machte es klick. Das war die Gelegenheit. Während er schnellen Schrittes zielstrebig auf die drei Jungs zuging, pochte sein Kopf von innen erschütternd heftig. Die Pausenhalle um ihn herum verschwamm, nur noch die Türkengang vor ihm konnte er sehen. Damals in der Stadt, auf einer unbetagten Einkaufstour. Vier Türken, eine echte Abzockergang. Aus heiterem Himmel waren sie aufgetaucht. Zwar hatten sie nichts mit den intelligenten Jungs vor ihm zu tun, aber das war egal. Seine schweißnassen Finger umklammerten den kalten Griff des Messers in seiner Hosentasche fester. Seine Schritte wurden hastiger. Die Zeit der Rache war gekommen. Ausgeraubt hatten sie ihn. Der elende Anführer baute sich mit verschränkten Armen vor ihm auf. Und er griff verbal an. Marcel erwiderte nichts, was sollte er auch auf eine aussichtslos dreiste Provokation antworten, die ohnehin nur den Sinn hatte, der Gang einen fragwürdigen Grund zu geben, ihr Opfer zu attackieren. Daraufhin bespuckte der große Gangster den jüngeren Marcel während seine Mittäter wie die Geier um ihr Futter kreisten. Ein kurzer Wink an seine Kollegen und ein erster herausfordernder Tritt in die Lenden setzten die Zeichen. Dann prasselten die Schläge nur so auf Marcel ein. Mitten in einer durchschnittlich bewanderten Fußgängerzone. Niemand griff ein oder verständigte die Polizei. Aber es blieb auch niemand stehen um dem schändlichen Treiben zuzuschauen. Vier jugendliche Türken verprügelten einen unschuldigen, wehrlosen Knaben im Alter von 12 Jahren. Es wurde schwarz um seine Augen und er fiel auf die Knie. Als er wieder völlig aufnahmebereit war, hatte er kein Geld mehr. Die zerrissenen Kleider hingen in Fetzen an seiner verkratzen und teilweise blutigen Haut. Unzählige Prellungen drückten gnadenlos auf seine verletzten Knochen. Ein Auge war veilchenblau geschlagen. Das war der mit Abstand schlimmste Tag seines Lebens. Und hier und heute sollte es Vergeltung geben. Zwar waren es nicht die selben Typen, die für ihre Volksgenossen bestraft wurden, aber das hinderte Marcel nicht daran, dass Messer zu ziehen und unbarmherzig zuzustechen. Ein tiefer Schnitt ragte blutend aus dem Arm des Türken vor ihm. Ein wilder Schmerz durchfuhr den Ahnungslosen und sogleich hallte ein markerschütternder Schrei durch die Pausenhalle. Neugierig hatten sich die ersten Schüler umgedreht und sahen, wie ein tobender Schüler grauenvoll zustach. Immer und immer wieder. Aber er spürte keine Gegenwehr. Der Verwundete kniete längst am Boden. Zu seinem Glück. Denn die kraftvollen Stiche, die ziellos gegen die drei Jugendlichen gerichtet waren, trafen auf kein Fleisch. Entsetzt waren die beiden anderen zurückgewichen und verharrten nun ängstlich und verwundert in einer abwehrenden Position. Doch die blinde Wut, die sich spontan in Marcels Empfinden induziert hatte verwandelte sich in Rage. Ursprünglich sollte niemand zu Schaden kommen. Alles hing vom Schicksal ab. Und das Medikament wirkte. Eine kräftige Hand krallte sich schließlich in seine linke Schulter. Doch Marcel bemerkte gar nicht, wie Professor Neumann ihn packte. Weiterhin sauste seine linke Hand in die Richtung, in denen vermeintlich diejenigen standen, denen der Anschlag galt. Plötzlich knackte es laut und alle Umstehenden sperrten erschrocken die Münder auf. Die Mädchen wendeten sich spätestens jetzt zitternd ab, sofern sie nicht schon zu Beginn des Blutbads schreiend davongerannt waren. Marcels Arm hatte es verrissen. Der feste Griff des Professors ließ nicht locker. Sehnen wurden überdehnt, das Schultergelenk ausgekugelt. Erst da ließ Marcel das Messer fallen und drehte sich um. Die Sicht wurde wieder klarer. Marcel erkannte nicht nur die Konturen und Umrisse des Lehrkörpers sondern sah ihn mit einem unfassbar leidenden Blick an. Ruhig sprach der Lehrer zu ihm, während sich Marcels Gedanken ordneten. Er hatte gerade auf einen Wehrlosen eingestochen, wurde es ihm bewusst. Und er war zutiefst entsetzt darüber. Neumann deutete seinen Gesichtsausdruck richtig während er sanft entwaffnende Sätze an seinen Schüler richtete. So weit war Marcel nach seiner blinden Achterbahnfahrt des Erinnerungsrausches aber noch nicht, dass er die gesprochenen Töne als Daten in seinem Rechner verarbeiten konnte. Scheinbar funktionierte er nicht mehr ganz korrekt. Und da tat Marcel etwas unerwartetes und schrecklich Dummes. Er verspielte seine letzte Chance und zog mit einem bereuenden Blick auf Professor Neumann, die Pistole aus der rechten Hosentasche. In dem unerfreulich überraschten Gesichtsausdruck lag dennoch das, was Marcel gesucht hatte: Vergebung. „Hände hoch!“ schoss es aus ihm heraus und Neumann, der als Einziger sein möglichstes getan hatte, wich behutsam zurück. Weiterhin versuchte er, den aufgebrachten, bereits durchdrehenden Jungen zur Umkehr zu zwingen, die Waffe niederzulegen. Psychologisch wertvoll. Sehr elegant und ruhig versuchte er das innerste Zentrums Marcels zu erreichen. Leider erfolglos, denn selbst wenn er rangekommen wäre, so hätten die törichte Menge seine leistungsstarken Versuche zunichte gemacht. Denn die brüllenden Dilettanten ermunterten Marcel zum Schießen. Entweder direkt oder durch ihr sinnloses Geschrei. Hilfloses „Tut doch was!“, mutloses „Entwaffnet ihn doch jemand!“, schwachsinniges „Wir werden alle Sterben!“, provozierendes „Alder leg disch doch mit mir an!“ oder „Komm her, du feige Sau!“ wechselten sich die Rufe der Menge an. Einige Idioten schienen die ganze Sache noch als Spaß zu sehen. Oder als Gelegenheit, sich durch ihr zweifellos dummes Verhalten in den Vordergrund zu drängen. Warum holte denn niemand die Sanitäter. Schon allein Marcel brauchte einen. Auch wenn er der Täter war, so tat sein linker Arm sichtlich höllisch weh. Die Qualen veranlassten ihn dazu, Forderungen zu stellen. Mensch, er konnte doch unmöglich so viele Leute auf einmal kontrollieren. Alle liefen frei herum und sogar die Türen waren noch offen. Aber niemand hatte das Schulgebäude seit Anfang des Dramas verlassen. Und obwohl Marcel so etwas keineswegs geplant hatte, schon gar nicht, dass alles so ausarten würde, war es jetzt zu spät dazu. Er befahl. Wie Sklaven wurden die Horden zusammengepfercht. Von ganz allein. Nur weil er es lautstark und bestimmt verordnet hatte. Dabei ein bisschen mit der Waffe gewedelt hatte. Wieso versuchte niemand zu fliehen, wieso gehorchten ihm alle, wieso tat keiner etwas, wieso waren die älteren Mitschüler und Lehrer so feige und hilflos, wieso war seine Anweisungen gebende Stimme noch so verdammt klar und keineswegs brüchig? All diese Fragen standen im Raum. Ein Lehrer händigte ihm die Schlüssel des Gebäudes aus und Marcel sperrte alle Ausgänge von innen ab. Er war mitgefangen und früher oder später, spätestens nach Schulschluss würde die Sache gelaufen sein. Jemand musste doch misstrauisch werden und nach dem Rechten sehen. In den oberen Stockwerken waren die Fenster weit offen und Kinder schrieen um Hilfe. Hörte sie den niemand. Marcel war plötzlich gefasst und Herr der Lage. Ihm war jetzt alles egal. Er hätte nur veranlassen müssen, dass die Fenster geschlossen würden und es wäre geschehen. Doch er tat es nicht, denn es war ihm egal. Er setzte sich an eine Wand der großen Halle und zählte, wie die Zeit verstrich. In seiner rechten Hand eine gar nicht mal wirklich echt aussehende Spielzeugpistole, vor ihm am Boden ein Messer, von dessen Spitze türkisches Blut tropfte. Eigentlich müsste jemandem auffallen, dass von der Schusswaffe keinerlei Gefahr ausging. Platzpatronen. Damit hatte schließlich jeder Junge schon mal hantiert. Aber es lag wohl keinem daran, auf Details zu achten. Einem Attentäter, der zuerst mit einem Messer angriff, dem glaubte man ohne zögern, dass er auch eine Schusswaffe dabei hatte, die genauso echt wie der blanke Stahl war. An einer anderen Wand verarzteten die Schulsanitäter den angefallenen Zehntklässler, dessen Wunde klaffte. Rote Blutschwalle schossen aus seinem Arm heraus und wurden mühselig versorgt. Scheinbar hatten die Sanitäter noch nie eine solche Situation erlebt und waren dementsprechend verunsichert. Wie weit durfte man bei diesem Wahnsinnigen gehen? Was lässt er zu, was nicht? Bloß in angespannter Ruhe die notwendige Arbeit verrichten. Nichts passierte. Marcel bat seinen Geschichtslehrer, der sich zusammen mit den anderen Lektoren in eine separate Ecke gehockt hatte, anstatt in mitten der Schüler für Ruhe und Geborgenheit zu sorgen, um ein bisschen Kleingeld für den Automaten und nervös nestelte der Gefangene an seiner Geldbörse und reichte Marcel die ganze Brieftasche. „Ich werde die Stegreifarbeit nicht korrigieren, wenn du willst,“ stotterte er. Daraufhin kramte er mit gesenktem Blick in seiner Aktentasche, zog eine Mappe hervor und reichte sie dem unbeeindruckten Marcel. „Hier nimm, verbrenn die ganze Mappe, wenn dir danach ist.“ Unsicher war er, der gute Oberstudienreferendar, der sonst so sicher und blasiert vor der Klasse stand und unsäglichen Lernstoff verbreitete. Verängstigt, wenn nicht gar verstört. „Brauch ich nicht. Ich hab ein ganz gutes Gefühl bei dem Test,“ gab Marcel gelassen zurück und kehrte dem potentiellen Gefahrenherd den Rücken. Die Mappe hatte er direkt zurückgegeben, ohne auch nur einen winzigen Blick hineinzuwerfen. Und weil ihm nichts Besseres einfiel, fragte er in die Runde, ob denn jemand Hunger habe. Allerdings galt dies offensichtlich nur für die zusammengerückten Schüler, zwischen denen übrigens Neumann wieder einmal als einziger Lehrer eine unglaublich beruhigende Kraft ausstrahlte. Sicher wussten seine Schüler, das zu schätzen. „Ich habe Hunger,“ kamen vereinzelte Kinderstimmen zum Einsatz und Marcel ging zum Automat. Die Pistole steckte er zurück in die Hosentasche, das Messer ließ er ganz bewusst liegen. Sie hatten Chancen. Sie nutzten sie nur nicht. Selbst schuld. Aus dem Augenwinkel nahm er war, wie ein sportlicher Mittelstufler katzenartig nach der am Boden liegenden Waffe hechtete. Die Hände voller Nahrungsmittel und nicht im Stande, die Pistole zu ziehen, drehte Marcel seinen Kopf in Richtung des Helden und der erstarrte. Langsam und um Verschonung flehend, krabbelte er an seinen Platz zurück. Er würde erwähnt werden. Jetzt jedenfalls schmiss Marcel das Knabberzeug diskret in die Runde und genehmigte sich selbst noch zwei Schokoriegel und einen Jogurt zum Verzehr, ehe er die, um einige wenige Euro geraffte, Geldbörse ihrem Besitzer zurückgab. Unpraktisch war so ein Jogurt. Man brauchte eine Hand für den Becher und eine für den Löffel und konnte damit nicht verhindern, dass die ganze Aktion durch die Wachsamkeit und den Mut einer Person oder Gruppe beendet werden konnte. Aber niemand versuchte ernsthaft, ihn zu entwaffnen. Dabei saß er in einer Haltung an der Wand, seinen Jogurt verspeisend, die es ihm schwer möglich machte, im Notfall nach dem Messer zu greifen und etwaige Angreifer abzuwehren. Nur Neumanns beruhigende Worte schwebten leise durch die Halle. Die Direktorin musste diesen Zeitraum des Entsetzens streng genommen genießen, denn noch nie war es so ruhig in der Schule gewesen wenn jemand drin war. Nicht einmal die Hilferufe der Panik machenden Schülern in den oberen Etagen drangen bis in die Pausenhalle. Wie sollten sie dann draußen gehört werden? Marcel war ja kein Killer und das veranlasste ihn trotz seiner derzeitigen psychisch labilen Lage dazu, etwas edelmütiges zu tun. Er spazierte auf die Direktorin zu, die wie auf dem Präsentierteller an der Spitze des Lehrerhaufens saß und keineswegs gedeckt wurde. Er streckte die Hand aus und bat sie ohne drohenden Unterton um ein Blatt Papier und einen Stift. Ja genau, er bat sie darum. Genauso sachte wie er Krautberger um ein bisschen Kleingeld gebeten hatte. Eilig machte sie sich daran, ihm das Gewünschte zu liefern. Fieberhaft griff sie zielstrebig in ihre Tasche, zog hastig einen Block heraus und wühlte im Seitenfach nach einem Kugelschreiber. Innerhalb von höchstens fünf Sekunden drückte die alternde Frau ihm die Büromaterialien in die Hand. Nur keinen Grund geben, ihn zum Schießen zu bewegen. Dankend zog sich Marcel wieder an seinen Platz zurück und kritzelte wichtige Notizen auf das leere Blatt Papier. Er schrieb nieder, dass ihm der Vorfall leid täte und er nicht wisse wieso er das getan habe. Ausführlich beschrieb er das bemerkenswert respektable Verhalten von Professor Neumann. Er erwähnte flüchtig, aber immerhin, den Versuch eines braunhaarigen athletischen Mittelstuflers, das Messer an sich zu bringen. Aber was hätte das genutzt, wo doch der „Killer“ eine geladene Schusswaffe hatte. Er ließ sich ohne große Worte oder gar Empörung über die Dummheit der Schüler und die Feigheit und Unfähigkeit der Lehrer aus, entschuldigte sich im darauffolgenden Satz allerdings dafür und gab an, dass es mehrere Momente gegeben habe, in denen er zu Fall gebracht werden konnte. Belege führte er keine an. Er notierte, dass er sich bei dem Jungen entschuldigt habe, den er verletzt hatte, bat um Vergebung und verwies am Schluss noch einmal auf das ehrwürdige Engagement des Professors. Bislang stimmte alles außer die Entschuldigung, doch die würde er gleich einholen. Zuerst musste er noch einen versiegelten Umschlag auftreiben. Mit seiner Unterschrift beendete Marcel den Brief. Hochachtungsvoll reichte er der verdutzten Direktorin, der eine immense Anzahl an Schweißperlen auf der Stirn Kopfzerbrechen bereitete, den Stift und fragte höflich und zurückhaltend, ja man könnte es sogar als schüchtern auslegen, wäre er nicht in dieser vorteilhaften Lage, nach einem Kuvert. Ängstlich deutete sie auf das Direktorat und mit einer aufmunternden Kopfbewegung wies er sie an, zu gehen und zu holen, was er brauchte. Minuten später kehrte sie zurück. Zu lange, um ein Kuvert zu holen. Selbst wenn sie es hätte suchen müssen. „Sie haben die Polizei gerufen,“ entwendete Marcel besonnen den Umschlag. „Nein.“ Wie aus dem Nichts herrschte Neumann sie an, sie solle doch nicht eine so unglaubwürdige, risikoreiche Lüge erzählen. „Wie lang kann man denn brauchen, um einen Briefumschlag zu holen? Der Junge ist doch nicht blöd.“ Ich nahm das Gespräch innerlich genau auf während der Brief im Umschlag verschwand. Wer sollte meine Botschaft den Befreiern geben? Neumann war ungeeignet, weil gelobt wurde. Also die Direktorin. Ich steckte ihr den Brief zu und warnte sie davor, ihn zu öffnen. „Geben sie ihn dem vernünftigsten Polizisten, der in geraumer Zeit zur Tür reinkommt.“ Sie triefte inzwischen vor Schweiß, hatte Marcel doch ihre lächerliche Lüge durchschaut. Sie sackte zusammen, in Erwartung des grausamen Todes. Natürlich geschah nichts dergleichen. Stattdessen stolzierte Marcel davon. Minuten später überwand er sein in dieser Hinsicht hartknäckiges Ego und schlenderte demütig zum an der Wand lehnenden Verletzten. Die Aushilfssanitäter kuschten sofort, ohne dass Marcel in irgendeiner Weise bedrohlich gewirkt hätte, geschweige sie dazu veranlasst hatte. „Er ist verletzt. Lass ihn bitte in Ruhe,“ drang ein kümmerliches Flüstern in sein Ohr. „Ich hatte nicht vor ihn zu verletzten,“ brachte Marcel ihnen Respekt einflößend entgegen. Er beugte sich reumütig zu dem türkischen Mitschüler hinunter, auf den er so rasend eingestochen hatte und der vermutlich Zeit seines Lebens eine tiefe Narbe behalten würde. „Ich wollte dir nicht weh tun.“ oder „Ich kann nichts dafür. Die Medikamente sind schuld;“ zu sagen hätte wohl wenig Sinn und wären nicht nur unglaubwürdig sondern zusätzlich verächtlich rübergekommen. Man konnte doch nicht einfach einen beliebigen Türken für ein Verbrechen bluten lassen, dass Menschen seiner Rasse begangen hatten. Wahrscheinlich kannte er sie nicht einmal. In dem Moment als Marcel dieser letzte vorbereitende Gedanke durch die Nervenfasern schoss, trafen sich zwei Augenpaare aus entgegengesetzten Perspektiven. „Es tut mir wirklich aufrichtig leid, was ich dir angetan habe. Vergib mir irgendwann einmal, wenn du es kannst. Bitte.“ Das war alles, was der unschuldige Veranstalter eines Fast-Massakers zu seinem Opfer zu sagen hatte. Dann kroch Marcel geduckt zu seinem Platz zurück und wartete. Wartete auf die Polizisten. Mögen sie doch schleunigst kommen und der Sache eine Ende setzten. Immer wieder wagte Marcel den Blickkontakt zu seiner Uhr. Die Zeit verstrich. Und dann kamen sie endlich. Die Befreier rückten an. Zwar leise, aber Marcel fühlte es. „Es ist soweit. Sie holen euch raus,“ richtete er seine letzen Worte an die Menge. Jetzt würde auch im zweiten und dritten Stock wieder Ruhe einkehren. Vorsichtig spähte ein Polizist durch die Glastür. Besonders geschickt tarnte er sich nicht. Dass er nicht frontal gegen die Scheibe lief, war das einzig positive zu Vermerkende an seinem Auftreten. Bestimmt dachten sich die wuseligen Polizisten gerade einen genialen und wirkungslosen Plan aus, wie man der verzwickten Situation beikommen könnte ohne junge Menschenleben zu gefährden. Marcel wollte es ihnen leicht machen. Entspannt hob er das Messer vom Boden auf. Jetzt hatte er die volle Aufmerksamkeit der Anwesenden. Egal. Vollkommen egal. Vermutlich würde die halbe Welt über den Vorfall reden, aber höchstens eine Handvoll würde die hintergründigen Umstände kennen. Irgendwann, wenn Forscher herausbekämen, dass dieses verfluchte Medikament, dass ein verschreibungswütiger Arzt seinem Patienten verordnete, ohne dass dieser es im Entferntesten brauchte. Wer von den nicht eingreifenden Passanten würde sich noch an damals erinnern oder es gar wollen. Damals, als eine skrupellose Schlägergang grundlos einen späteren Geiselnehmer verprügelte. Er setzte das Messer an seine Kehle. Sein Herz schlug schneller als vorher, aber gleichmäßig, in regelmäßigen Abständen. Er fröstelte. Eine unbekannte Substanz hatte ihn zu etwas gemacht, was er nie wollte, aber nicht aufhalten konnte. Halt, er durfte noch nicht zum tödlichen Schnitt ansetzen. Nicht Neumann war es, der ihn aufhielt, Selbstmord zu begehen, sondern die Überzeugung der Richtigkeit der Dinge. Der Brief musste übergeben werden. Neumanns vorzügliche Handlungsweise musste für die Nachwelt festgehalten werden. Er kramte in seiner Hosentasche nach dem Schlüssel. Als er dabei das kalte Metall der Spielzeugpistole berührte, musste er unweigerlich schmunzeln. Wenn in wenigen Minuten bekannt werden würde, dass sich eine ganze Schule vom Träger eines Kinderspielzeugs in Schach halten hat lassen, wie würden sich diejenigen vorkommen, die sich in einer so aussichtslosen Lage befunden hatten? Er zog den Schlüssel hervor und warf ihm mit einem kurzen Zwinkern auf die Direktorin dem stellvertretenden Chef zu. Der armen Frau konnte man diese Belastung nicht mehr zumuten. Es klirrte, als der Messingschlüssel Bekanntschaft mit dem gefließten Marmorboden des Schulhauses machte.
Da das letzte Wort schon gesprochen war und der Empfänger des Geschenks keineswegs Anstalten machte, sein Präsent aufzuheben, bedeutete Marcel ihm mit einem Kopfnicken, die gläserne Eingangstür risikolos zu öffnen. Als sich der zum Aushilfshausmeister degradierte Schulvize gerade aufgerappelt hatte, fiel Marcel der Brief ein. Er gab dem neu gesendeten Boten der Nachricht anhand seiner eindeutigen Mimik zu verstehen, den Brief mitzunehmen und zu übergeben. Hoffnungslos trottete der gute Mann zum Eingang und blickte sich ständig voller Furcht um, ob Marcel ihn nicht plötzlich die Waffe auf ihn richten würde. Aber der setzte sich nur und als der erste Polizist Anstalten machte, einzutreten, fuchtelte Marcel fahrig mit der Waffe umher. Der grün Uniformierte verstand zehnmal schneller als sein kraftloser Gegenüber und machte Herr Lautenbacher auf meine Gesten aufmerksam. Scheinbar traute sich der Einzelne nicht, die günstige Gelegenheit beim Schopf zu packen, seine Dienstwaffe zu ziehen und auf Marcel zu schießen, war der doch gerade mit Gestikulieren beschäftigt. Entweder konnte oder wollte Lautenbacher meinen Versuch, ihn an die Übergabe des Briefes zu erinnern, nicht als solchen interpretieren. Ratlos stand der Polizist neben der Geisel, die er locker hätte befreien können. Damit würde er die restlichen Gefangenen aber gefährden und das war gegen die Vorschriften. Die Feuerwehr war mittlerweile angerückt und es lag auf der Hand, dass sie die Schüler evakuierte, die an den geöffneten Fenstern standen. Ein Lehrer, der mein Gefuchtel verstanden hatte, rief Lautenbacher zu, er solle dem Polizisten den Brief geben und Marcel nickte. Als die verheißungsvolle Übergabe stattgefunden hatte, widmete ich meinem Abgang. Das Messer, von dem noch immer Blutspritzer träufelten, berührte erneut meine Kehle und schnitt sie durch. Das „Nein!!!!!!!!“ von Professor Neumann hörte Marcel bereits nicht mehr.
© Michael Stauner
Vorheriger TitelNächster TitelDiese Geschichte richtet sich gegen machthungrige Pharmakonzerne, die Medikamente auf den Markt bringen, obwohl bei Testreihen gravierende Gesundheitsschäden festgestellt wurden. Damit zerstören solch skrupellose Firmen mutwillig und aus reinem Profit das Leben von tausenden Unschuldigen. Daher hab ich die Geschichte, die immerhin neun Seiten umfasst und damit keine Kurzgeschichte mehr ist (wollte sie dennoch unbedingt veröffentlichen) unter "Gesellschaftskritisches" gestellt. Die Anschuldigungen richten sich selbstverständlich nicht gegen seriöse Unternehmen und deren Wissenschaftler und Verantwortliche sondern ausschließlich gegen die "schwarzen Schafe" der Branche.Michael Stauner, Anmerkung zur Geschichte
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.10.2005.
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