Maren Frank

Nächtliche Abenteuer

 
„Um Mitternacht am Eulenfelsen.“ Die Worte klangen immer noch in Lisas Ohren nach, hatten sie bei der Reitstunde begleitet, beim anschließenden Abendessen und auch noch, als sie mit den anderen Mädchen zusammen im Aufenthaltsraum Mensch ärger dich nicht gespielt hatte. Immer wieder hatte sie verstohlene Blicke zu Kristin hinüber geworfen, die diese nur mit überheblicher Genugtuung erwidert hatte.
Lisa knipste unter der Bettedecke die Taschenlampe an und schaute auf ihre Armbanduhr. Noch nicht mal halb elf. Aber an Schlaf war nicht zu denken, dazu hatte sie viel zu viel Angst, nicht rechtzeitig aufzuwachen. Und wie Kristin über sie spotten würde, wenn sie nicht um Mitternacht am Eulenfelsen war, konnte sie sich nur zu gut vorstellen.
Lisa lag reglos auf dem Rücken und lauschte auf den Atem der drei anderen Mädchen, die mit ihr im Zimmer schliefen. Keine von ihnen wusste von der Vereinbarung zwischen Kristin und ihr und das sollte auch so bleiben. In der einen Woche, die sie bereits hier auf dem Reiterhof war, hatte Lisa eher wenig mit ihren Mitbewohnerinnen gesprochen. Katja und Laura waren zwei Freundinnen aus Berlin, die den ganzen Tag nur aneinander klebten und kein Interesse daran hatten, mit den anderen Mädchen zu spielen oder etwas zu unternehmen. Und Adrienne, die in dem Bett über ihr schlief, war so still und schüchtern, dass sie sich schon erschreckte, wenn Lisa sie nur fragte, ob sie gut geschlafen hatte.
Quälend langsam strichen die Minuten dahin. Lisa fragte sich, ob in den anderen Zimmern unter den Mädchen wohl mehr Gemeinschaft herrschte. Natürlich kannten sich die meisten nicht, fast alle kamen wie Lisa zum ersten mal auf den Friesenhof Pferdeglück. Von Freundschaft konnte nach ein paar Tagen noch keine Rede sein, aber das gemeinsame Interesse an den Pferden verband doch. Aber obwohl sie sich bisher nicht von den gemeinsamen Unternehmungen in ihrer Freizeit ausgeschlossen hatte, hatte Lisa noch keinen rechten draht zu einem der Mädchen gefunden. Bis auf Kristin vielleicht, aber das war so eigenartig. Kristin war so groß und wirkte so stark. Sie hatte erzählt, schon letztes Jahr vier Wochen Reiterferien hier verbracht zu haben und prahlte mit ihrer Reiterfahrung. Inwieweit die vorhanden war, konnte Lisa nicht beurteilen, aber sie hatte bemerkt, dass die Reitlehrerin Kristin in etwa genauso oft kritisierte wie die anderen Mädchen.
Ein plötzliches Geräusch ließ Lisa den Atem anhalten. Ein dunkler Schatten tauchte vor ihr auf, glitt vorbei, dann öffnete sich die Tür und kurz fiel das licht vom Gang ins Zimmer. So lautlos, wie sie verschwunden war, kehrte Adrienne auch zurück, kletterte flink wieder in ihr Bett.
Lisa blickte auf ihre Armbanduhr. Gleich halb zwölf. Aber sie musste noch warten, bis Adrienne eingeschlafen war. Als sie endlich die gleichmäßigen Atemzüge vernahm, stand sie still auf, zog die Kleidung hervor, die sie bereits unter dem Bett deponiert hatte und schlich auf Zehenspitzen hinaus.
Auf der Toilette zog sie sich an, band ihr schulterlanges braunes Haar zu einem Pferdeschwanz und kletterte über die Feuertreppe nach draußen. Unten angekommen blickte sie an dem großen Haus hoch. Alle Fenster waren dunkel, nur vor der Tür brannte die große Laterne, erhellte den Hof und ließ die Umrisse der hohen Eichen erkennen. Irgendwo aus dem Wald erklang der Ruf einer Eule.
Lisa betrat den Pfad, der zum Eulenfelsen führte. Der fast volle Mond reichte aus, um den Weg erkennen zu können. Nach einigen Metern wollte sie auf ihre Uhr blicken und stellte fest, dass sie die Taschenlampe unter ihrem Kopfkissen vergessen hatte. Aber zurück zu klettern, um sie zu holen, wagte sie nicht.
Ihre Augen gewöhnten sich rasch an die Dunkelheit und bald konnte sie den Eulenfelsen sehen, der sich vor einer Baumgruppe erhob. Davor standen einige Gestalten. Lisa fröstelte, trotz der Wärme der Sommernacht. Was, wenn es gar nicht Kristin war? Wenn irgendeine Bande aus dem nahen Dorf den Felsen als mitternächtlichen Treffpunkt nutzte?
Ein plötzlich aufkommender leichter Wind wehte bei der einen Gestalt langes Haar zur Seite. Lisa lief schneller. Unter ihren Füßen knackte das trockene Gras und einzelne Halme kitzelte an ihren Waden.
„Hätte nicht gedacht, dass du wirklich kommst.“ Kristin grinste breit. Neben ihr stand Belinda, ein behäbig wirkendes Mädchen, dass ihr stets wie ein Schatten folgte. Und hinter Belinda, halb von dem Felsen verborgen, stand ein Pferd.
Lisa blieb fast der Mund offen stehen. Wie hatten die beiden Mädchen es nur geschafft, den großen Friesen ohne bemerkt zu werden bis hierher zu bringen? Die Pferde blieben zwar auch nachts auf den weitläufigen Weiden, doch wenn man eines holte, wieherten die anderen ihm hinterher. Und auf dem Hof verursachten die Hufe Geräusche. „Ich bin hier. Was willst du also von mir?“
Kristin lachte und deswegen lachte Belinda ebenfalls. „Mund halten“, herrschte Kristin sie daraufhin sofort an und das Mädchen verstummte.
„Das ist ja Kasper.“ Lisa trat zu dem Wallach, dessen schwarzes Fell ihn fast unsichtbar machte. Sie hatte ihn schon mehrmals geritten und war begeistert von seinen weichen Gängen und der Eleganz, mit der er sich bewegte.
„Ja. Er schien mir am besten geeignet.“
„Geeignet wofür?“ fragte Lisa verwirrt und streichelte die samtweichen Nüstern. Der Friese schnaubte leise.
„Na, zum Reiten natürlich du Dummerchen.“ Kristin lachte wieder, doch diesmal gab Belinda keinen Ton von sich.
„Aber wir reiten doch oft auf ihm. Du hattest ihn gestern in der Stunde und ich heute. Außerdem ist er gar nicht gesattelt.“
„Gut beobachtet“, lobte Kristin in spöttischen Ton. „Genau darum geht es nämlich. Wir werden, natürlich nacheinander, auf Kasper reiten. Bis zur umgestürzten Eiche, über den Bach und hierher zurück. Wenn du das schaffst, gehörst du zu uns.“
Lisa schluckte. Sie war noch nie ohne Sattel geritten und zu hause hatte sie noch nicht so sonderlich viele Reitstunden gehabt. „Das sollten wir besser nicht machen. Was, wenn uns jemand sieht oder etwas passiert?“
„Hast du das gehört? Die Kleine hat Angst!“ Kristin brach in Gelächter aus, stieß Belinda an und diese lachte laut mit.
Versteckt unter Kaspers langer Mähne ballte Lisa die Hände zu Fäusten. Es war nicht das erste mal, dass sie so verspottet wurde. Oft genug hatten die anderen Kinder sie auf dem Abenteuerspielplatz damit aufgezogen, dass sie sich nicht traute bis ganz nach oben in die Kletterburg zu steigen. Oder auf der Kirmes, dass sie mit ihren zwölf Jahren immer noch auf die Kinderkarrussels ging und sich nicht auf die Achterbahn traute. Gar nicht auf den Spott zu reagieren war am besten, das wusste sie aus Erfahrung. Irgendwann wurde es den anderen dann langweilig.
„Ich freue mich ja schon so darauf, den anderen zu erzählen, was du für ein Angsthase bist.“
Lisa zuckte zusammen, doch dann fiel ihr etwas ein. „Du solltest dir lieber überlegen, was du sagst. Denn wenn jemand erfährt, dass du mit Kasper mitten in der Nacht hierher gelaufen bist, bekommst du richtig Ärger.“
Mit einem großen Schritt war Kristin bei ihr, packte sie und drückte sie gegen den Felsen. Ihre Augen, die zu schmalen Schlitzen verengt waren, glitzerten gefährlich auf. „Wenn du es wagst, auch nur einen Ton zu sagen...“
In dem festen Griff konnte Lisa kaum atmen. Schmerzhaft drückte ihr der Stein in den Rücken. „Ich verrate kein Wort, versprochen.“
„Das will ich dir auch geraten haben.“ Kristin ließ sie los. „Also, was ist nun?“
„Ich hab doch gesagt, dass ich nichts verrate. Ich schleich mich einfach ins Bett zurück und wenn mich doch jemand bemerkt, sag ich, dass ich auf dem Klo war.“
„Ach, so einfach stellt sich unser kleiner Angsthase das also vor. Ich weiß nur nicht, ob ich dir glauben soll.“
„Bitte, ich verrate wirklich nichts.“ Lisa hoffte, dass ihre Stimme nicht verriet, wie viel Angst sie hatte. Obwohl Belinda und Kristin auch erst zwölf waren, waren sie viel größer und schwerer als sie. Wenn Kristin beschloß, sie nicht gehen zu lassen, hätte sie keine Chance.
„Was meinst du, Belinda. Kann man ihr glauben?“
Das übergewichtige Mädchen hob die breiten Schultern. Lisa fühlte, wie ihr Herz noch eine Etage tiefer sank.
Kristin trat wieder nah zu ihr. „Wovor hast du eigentlich mehr Angst? Das ich dich nicht gehen lasse, allen erzähle, was du für ein Angsthase bist oder das wir erwischt werden?“
Das wusste Lisa selbst nicht so genau. Natürlich hatte sie panische Angst davor, dass jeden Moment eine der Betreuerinnen auf dem Pfad auftauchte und sie morgen in den ersten Zug nach hause setzte. Aber fast genauso unerträglich erschien ihr der Gedanke von allen für die restlichen zwei Wochen als der größte Angsthase, den der Friesenhof Pferdeglück je gesehen hatte angesehen zu werden. „Ich mach´s.“
„Was?“
„Ich reite.“ Lisa sah ihr fest in die Augen. Ihr Herz war zwar inzwischen etwa bei ihren Füßen angekommen, doch irgendwie stand sie immer noch auf beiden Beinen, trotz des Puddings darin.
„Schau an, schau an.“ Mit Genugtuung tätschelte Kristin Kaspers Hals. „Dann mal rauf auf den guten Jungen.“
Lisa schluckte und ging zu Kasper. Der Friese erschien ihr plötzlich viel größer. Sie konnte nur über seinen Rücken gucken, wenn sie sich auf die Zehenspitzen stellte und gleichzeitig streckte. „Ohne Sattel komme ich nicht hoch.“
Kristin nickte knapp und gab Belinda einen Wink. Die kniete sich sogleich hin, so dass Lisa auf ihren Rücken steigen konnte. Mit dieser Hilfe war es zwar immer noch nicht ganz leicht sich hoch zu ziehen, aber zumindest schaffte sie es recht zügig. Wenn es nur um Geräteturnen ging, war Lisa gut und das zahlte sich nun aus.
Kristin löste die Zügel, die sie um einen Baumstumpf geschlungen hatte und reichte sie Lisa. „Also wie abgemacht. Bis zur Eiche, über den Bach und hierher. Und keine Tricks, klar? Wir behalten dich im Auge.“
Lisa nickte und legte ganz leicht die Schenkel an. Es war ein ungewohntes Gefühl auf dem blanken Pferderücken zu sitzen. Kasper ging mit gleichmäßigen Schritten voran. Ihn schien es nicht zu stören, dass seine Reiterin die Hände fest in seine Mähne geklammert hatte.
Im Mondlicht konnte Lisa den Weg gut erkennen. Um nichts in der Welt wäre sie von ihm abgewichen, denn sie hatte im theoretischen unterricht gelernt, dass es gefährlich war in offenem unbekannten Gelände zu reiten. Überall konnten Maulwurfslöcher sein und wenn ein Pferd da rein trat, konnte es sich leicht ein Bein brechen.
Leichter Wind ließ die Blätter der wenigen Bäume rauschen. Es duftete nach feuchter Erde und frischem Gras. Langsam gelang es Lisa sich zu entspannen und ihre verkrampfte Haltung zu lösen. Eigentlich war es ganz schön so in der Stille der mondhellen Nacht zu reiten.
Die Eiche tauchte vor ihr auf und ein leichter Modergeruch kitzelte ihr in der Nase. Kasper schien es ebenfalls zu riechen, denn er schnaubte kurz. Lisa ließ ihn in großzügigem Abstand um den alten Baum herum gehen und hielt dann auf den Bach zu.
Das Wasser plätscherte munter dahin und reflektierte das Abbild des Mondes. Eine kleine Brücke aus Holz führte hinüber und Kaspers Hufe verursachten ein, so schien es zumindest Lisa, ohrenbetäubend lautes Pochen. Sie hielt die Luft an, doch da niemand auf dem Weg vor ihr erschien und sie zur Rechenschaft zog, wagte sie schließlich weiter zu atmen.
Vor sich konnte sie den großen Felsen erkennen und daneben die Gestalt eines Mädchens. Von der Größe her musste es Kristin sein. Lisas herz klopfte zwar immer noch ziemlich rasch, doch dazu mischte sich ein Gefühl von Stolz. Sie hatte es geschafft!
Glücklich zügelte sie Kasper vor Kristin und glitt von seinem Rücken. Das Weiche war aus ihren Knien vollständig verschwunden und auch herz und Magen an ihre ursprünglichen Plätze zurück gekehrt. Hinter sich hörte sie Schritte und wandte sich rasch um.
Doch es war nur Belinda, die Kristin zunickte. Ihr Atem ging rasch, vermutlich war sie gelaufen.
„Nicht schlecht“, befand Kristin. „Du hast es also einmal um die Eiche und zurück über den Bach geschafft. Aber mit einem Pferd wie Kasper im Schritt zu reiten schafft jedes Kleinkind.“
Lisa taten die Worte weh und sie begegnete fest Kristins Blick. „Das war es doch, was du wolltest. Bis zur Eiche.“
„Ja sicher, aber nun die ganze Strecke schneller und vor allem querfeldein.“
„Nein. Da mache ich nicht mit“, erklärte Lisa sofort. „Du weißt ganz genau, was wir gestern noch gelernt haben. Über ein unbekanntes Feld zu galoppieren ist lebensgefährlich. Kasper könnte in ein Maulwurfsloch treten.“
Kristin nagte überlegend an ihrer Unterlippe. Ihre Hände spielten mit den Zügeln des Rappen, der ruhig neben ihr stand. „Hm, nun ja, ich gebe zu, da ist was dran. Aber der Weg ist ungefährlich, bei Ausritten wird da immer galoppiert.“
Die Vorstellung ohne Sattel zu traben oder gar zu galoppieren versetzte Lisa in neuerliche Angst. „Ich mache das nicht. Erzähl den anderen meinetwegen was du willst, aber ich gehe jetzt zurück.“
„Angsthase“, sagte Kristin. „Aber das soll uns egal sein, was Belinda.“
„Genau. Wir haben keine Angst.“
„Stimmt, wir reiten.“ Kristin deutete ihr, sich auf den Boden zu knien. Zwar war sie größer als Lisa, aber nicht besonders sportlich.
Lisa wandte sich ab und begann langsam zum Hof zurück zu gehen. Sie versuchte sich einzureden, dass es nicht feige, sondern vernünftig gewesen war. Mit ihrer Reiterfahrung wäre ein Galopp ohne Sattel der reine Leichtsinn. Trotzdem war ihr zum heulen zumute und ärgerlich wischte sie einige Tränen weg, die ihr ohne das sie sie hatte zurück halten können, über die Wangen rollten. Ob Kristin wohl tatsächlich etwas erzählen würde? Vermutlich nicht, denn jede Andeutung würde Fragen aufwerfen, die sie und Belinda in Gefahr brachten, sich zu verraten. Wobei es aber schon schlimm genug war, dass die beiden es wussten und sie garantiert noch oft daran erinnern würden.
Plötzliches rascheln riß sie aus ihren Gedanken und sie verharrte. Das waren doch Schritte, sehr rasche Schritte. Furcht überfiel sie. Sie war ganz allein mitten auf dem Weg, kein Haus weit und breit. Hinter den wenigen Bäumen, die an den Seiten wuchsen, würde sie keine Deckung finden können. Sie könnte sich höchstens in die Gerste, die hüfthoch auf den Feldern wuchs schlagen und sich da irgendwo hinkauern.
Schon waren die Schritte heran und Lisa konnte eine dunkle, kräftige Gestalt erkennen. Keuchender Atem erklang. „Lisa.“ Belindas Stimme. Die Erleichterung, die Lisa empfand, schlug fast sofort in Mißtrauen um. War Belinda etwa abkommandiert worden sie zurück zu bringen?
„Ich habe gesagt, dass ich nicht mit Kasper galoppieren werde.“
Belinda schüttelte den Kopf, japste nach Luft. Sie hustete und keuchte, beugte sich vor und stemmte ihre Hände auf die Knie. „Kristin...“
„Richte ihr aus, dass ich das nicht machen werde.“ Lisa trat einige Schritte zurück. Auch wenn es noch so feige war, sie wusste, dass sie Belinda im Dauerlauf locker schlagen würde. Sie mochte ja nicht die schnellst sein, aber Belinda war garantiert in weit schlechterer Konstitution als sie.
„Warte, bitte.“
Das sie bitte gesagt hatte, ließ Lisa stehen bleiben und sich ihr zuwenden. Da war so ein Flehen in ihrer Stimme gewesen. „Was ist denn? Ist etwas passiert?“
Belinda nickte und holte tief Atem. „Kristin ist gestürzt. Bitte komm mit.“
„Was? Und Kasper? Jetzt rede doch, was ist passiert.“ Lisa hatte sie an den Schultern gepackt.
„Sie ist galoppiert und dann ist sie plötzlich runter gefallen. Kasper geht es gut, ich hab ihn an einem Baum festgebunden. Aber Lisa...“
„Komm, wir müssen zum Hof und Hilfe holen.“
„Nein.“ Jetzt war es Belinda, die Lisa fest hielt. „Bitte, wenn die das erfahren, schicken sie sie nach hause.“
„Besser nach hause als verletzt im Wald“, befand Lisa und versuchte, sich aus Belindas Griff zu befreien.
„Nein. Du kennst ihren Vater nicht. Der würde sie halb tot prügeln.“
„Ach Blödsinn.“ Lisa wusste schließlich, wie oft ihre Mutter genervt am Telefon Äußerungen wie „wenn du nicht um zehn zu hause bist, bring ich dich um“ und ähnliches zu ihrer vier Jahre älteren Schwester gesagt hatte. Doch Daphne hatte, genauso wie sie selbst, in ihren ganzem Leben noch nicht mal eine Ohrfeige bekommen. Stubenarrest, ja, das gab es schon mal. Oder Fernsehverbot, aber so schlimm war das doch nicht. Sicher, in den Ferien Stubenarrest zu haben, wünschte sie nicht mal Kristin, aber wenn sie verletzt war, würde sie sowieso nicht raus gehen können.
„Das ist kein Blödsinn. Ich habe es oft genug miterlebt und die blauen Flecke gesehen. Kristin kommt aus einer anderen Familie als du.“
Lisa schluckte. Sie hatte schon davon gehört, dass es Eltern gab, die Schläge als Erziehungsmaßnahme ansahen. In ihrer Klasse gab es einen Jungen, über den getuschelt wurde, dass sein Vater ihn schlug, wenn er keine guten Noten nach hause brachte. So richtig hatte sie es nie glauben wollen, aber wenn sie jetzt daran dachte, fiel ihr ein, dass Jonas erstaunlich oft erzählte, vom Fahrrad gefallen zu sein, wenn ihn wieder mal jemand auf seine Blessuren ansprach. „Na gut. Aber wenn sie schwer verletzt ist, dann müssen wir Hilfe holen, ja.“
„Ja.“ Belinda zog sie mit sich, doch es fiel Lisa nicht schwer, mit ihr Schritt zu halten.
Kurz hinter dem Eulenfelsen vernahm Lisa leises Schluchzen. Sie sah Kaspers mächtige Gestalt neben einem Baum aufragen. Wenn er einmal kräftig zog, würde die junge Birke umknicken. Lisa hoffte, dass der Friese weiterhin so ruhig stehen bleiben würde.
„Belinda, bist du das?“
„Ja. Und Lisa ist bei mir.“ Belinda ging neben ihrer Freundin auf die Knie. Kristin lag lang ausgestreckt auf dem weichen Boden.
„Kannst du aufstehen?“ wollte Lisa wissen.
„Nein. Mein Knöchel tut so weh.“
„Bleib so liegen. Ich werde Hilfe holen.“
Lisa wollte sich aufrichten, doch mit einer blitzschnellen Bewegung hatte Kristin ihren Arm gepackt. „Nein, bitte, wenn die erfahren, was passiert ist, schicken sie mich doch sofort zurück.“
„Willst du hier liegen bleiben bis sie dich morgen früh vermissen und eine Suchmannschaft losschicken?“
Kristin schluchzte und zog die Nase hoch. Sie wirkte plötzlich gar nicht mehr so stark und Lisa empfand Mitleid für sie. „Bitte, helft mir doch.“
Lisa kniete sich neben ihre Beine und versuchte in dem wenigen Licht was zu sehen. Der Fuß war zwar nicht unnatürlich abgewinkelt, doch als Lisa ihn nur ganz leicht berührte schrie Kristin schon laut auf. „Meinst du, das du mit unserer Hilfe aufstehen kannst?“
„Versuchen wir es.“ Kristin legte je einen Arm um die Schultern der Mädchen und biß die Zähne fest zusammen. Doch als sie ihre linke Fußspitze vorsichtig auf den Boden setzte, entrang sich ihrer Kehle ein Schmerzenslaut. Sie keuchte und blinzelte Tränen weg. „Es geht einfach nicht. Ich schaffe es nie bis zum Hof.“
Lisa blickte zu Kasper. Der Friese hatte ihr seinen Kopf zugewandt und die schwarzen Augen glänzten klug und freundlich. Er hatte einen ausgeglichenen zuverlässigen Charakter und war zudem an unsichere Reiter gewöhnt. „Und wenn du reitest?“
„Wie soll ich denn auf ihn rauf kommen?“ fragte Kristin verzweifelt.
„Das schaffen wir schon“, erklärte Lisa mit mehr Zuversicht, als sie empfand. Langsam dirigierte sie Belinda und Kristin an Kaspers Seite. „So, nun halt dich an der Mähne fest. Belinda, knie dich hin, dann kannst du mit deinem gesunden Bein auf ihren Rücken steigen. Und ich werde dich hochwerfen.“
„Das schaffst du nie, so dünn und schwach wie du bist.“
„Ach halt doch einfach deinen Mund“, sagte Lisa. Weil es Kristins linker Fuß war, der verletzt war, musste sie von der falschen Seite aufsteigen, doch Kasper schien sich daran nicht zu stören. Er stand wie eine eins und beobachtete die Vorgänge mit aufmerksam gespitzten Ohren.
Irgendwie, Lisa hätte später nicht genau sagen können wie, schafften sie es mit vereinten Kräften Kristin auf Kaspers Rücken zu bugsieren. Lisa fuhr sich über die Stirn, auf der sich Schweißperlen gebildet hatten. Dann ging sie an Kaspers linke Seite und nahm die Zügel, um ihn zu führen. Belinda blieb neben ihm, damit sie eingreifen konnte, falls Kristin das Gleichgewicht verlor.
So erreichten sie die erste Weide. Eines der Pferde dort trabte gleich an den Zaun und wieherte seinem Gefährten freudig zu.
„Oh verdammt!“ fluchte Belinda.
„Hier, nimm mal.“ Lisa drückte ihr die Zügel in die Hand und lief zum Zaun. Der hübsche Rappe streckte ihr seinen Kopf entgegen. „Wirst du wohl still sein, du weckst noch alle auf. Warte.“ Sie wühlte in ihren Taschen und brachte ein Pfefferminzbonbon zum Vorschein, das sie dem Pferd rasch zwischen die Lippen schob. Es bedankte sich mit leisem Brummeln und schmatzte.
Lisa ließ ihren Blick über die Weide gleiten. Die anderen Pferde standen ganz hinten unter den Bäumen, durch ihr schwarzes Fell kaum erkennbar. Sie kehrte zu Kasper zurück.
„Was ist?“ wisperte Belinda. „Wenn wir noch länger hier stehen, bemerkt uns womöglich jemand.“
„Ich denke nach, wie wir nun am besten vorgehen. Irgendeine Erklärung für deinen Knöchel müssen wir uns einfallen lassen. Tut er noch weh?“
„Ja. Aber nicht mehr ganz so schlimm.“
Lisa nahm wieder Kaspers Zügel und führte ihn an die Rückseite des Wohnhauses. Die Feuertreppe war etwa fünf Meter entfernt. „Meinst du, du schaffst es von hier aus und die Treppe hoch?“
Kristin tastete den Weg mit den Augen ab. „Wird schon gehen“, meinte sie dann. „Helft mir nur runter.“
Vorsichtig ließen die beiden Mädchen sie von Kaspers Rücken gleiten. Auftreten konnte Kristin noch nicht, doch auf Belinda und Lisa gestützt kam sie bis zur Treppe und dann Stufe für Stufe hoch. Zum Glück war es nur ein Stockwerk, doch mehr hätten die Mädchen auch nicht geschafft.
„Danke.“ Kristin ergriff Lisas Hand und drückte sie fest. „Ich werde morgen früh erzählen, dass ich im Bad umgeknickt bin. Kümmerst du dich um Kasper?“
„Klar.“ Geschwind kletterte Lisa die Feuertreppe wieder herunter, darauf bedacht, kein Geräusch zu verursachen. Sie hatte Kasper an einem der Bäume festgebunden, löste nun den Knoten und führte ihn zur Weide. Dort nahm sie ihm die Trense ab und umarmte ihn. „Du warst wunderbar. Ohne dich wären wir echt aufgeschmissen gewesen.“
Kasper rieb leicht seinen Kopf an ihrer Seite. Lisa suchte in ihren Taschen und förderte ein weiteres Pfefferminzbonbon zutage. „Hier, das hast du dir mehr als verdient. Mehr habe ich leider nicht, aber ich versprech dir, dass ich dir morgen früh tolle Leckerlis bringe.“
Lisa lief zur Sattelkammer, schlüpfte hinein und hängte die Trense auf. Zum Glück wusste sie auswendig, dass Kaspers Sattelbock gleich der erste links war. Sie gönnte sie einen kurzen Moment zum Luftholen, dann schlich sie im Schatten des Hauses zur Rückwand und kletterte die Feuertreppe hoch.
Still und verlassen lag der gang vor ihr. Alle Türen waren geschlossen. Im Schein des kleinen Lichts konnte sie endlich auf ihre Armbanduhr sehen und stellte mit Schrecken fest, dass es kurz vor drei war. Das bedeutete, dass sie über drei Stunden weg gewesen war. So lange saß niemand auf dem Klo und die Behauptung, dort eingeschlafen zu sein, würde ihr niemand abnehmen. Sie konnte nur hoffen, dass ihre Mitbewohnerinnen keine Schlafprobleme hatten.
Lisa hatte eine Hand schon an der Klinke, als ihr etwas anderes einfiel. Sie trug ja immer noch Hose, Turnschuhe und T-Shirt! Damit ins Bett zu gehen würde sie sofort verraten, also huschte sie zu den Toiletten, zog eine der Türen hinter sich zu und schloß ab. Sie hatte ihr Nachthemd beim Umziehen hinter dem Wasserkasten deponiert, doch ihre tastenden Finger konnten nichts finden.
Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. War ihr Verschwinden etwa schon entdeckt worden? Aber dann hätte doch eine Suchmannschaft unterwegs sein müssen. Und wer hatte das Nachthemd gefunden und sich darüber gewundert? Das konnte ja nur eines der anderen Mädchen gewesen sein.
Lisa zwang sich zur Ruhe und dann fiel ihr etwas anderes ein. Sie war eben einfach in die erste Toilette gegangen, aber das hier war nicht die, in der sie sich umgezogen hatte. Die Erkenntnis ließ sie fast laut lachen. Sie huschte in die Nachbarkabine und dort hinter dem Spülkasten klemmte auch ihr Nachthemd, genauso, wie sie es versteckt hatte.
Erleichtert zog Lisa sich um, versteckte ihre Kleidung unter dem Nachthemd und ließ nur die Turnschuhe an. Sollte sie doch jemand fragen, war das leicht damit zu erklären, dass sie auf den blanken Fliesen immer kalte Füße bekam und deshalb Schuhe anzog, wenn sie nachts mal raus musste.
Doch niemand wachte auf und so schlüpfte Lisa unter ihre Decke. Kaum lag sie, überfiel sie eine bleierne Müdigkeit und sie fiel in tiefen traumlosen Schlaf.
 
„Mensch, bist du vielleicht eine Schlafmütze!“ Die Stimme drang zu Lisa durch und sie rieb sich verschlafen die Augen.
„Was ist denn los?“ murmelte sie und gähnte ausgiebig.
Das grinsende Gesicht von Katja tauchte in ihrem Blickfeld auf. „Du hast echt ne Show verpasst.“
„Show? Was für eine Show?“
„Was glaubst du, was hier schon für eine Aufregung war. Kristin hat es irgendwie geschafft, sich auf der Toilette den Knöchel zu verstauchen. Kannst du dir das vorstellen?“
„Sehr gut, wenn ich daran denke, wie glatt die Fliesen sind“, antwortete Lisa. Sie richtete sich auf und rieb sich über die Augen. Das Licht erschien ihr viel zu grell. Dann bemerkte sie, dass es von der Sonne stammte, die durchs Fenster herein schien.
„Beeil dich lieber, wenn du vorm Reiten noch frühstücken willst“, meinte Laura.
In Windeseile zog Lisa sich an, doch sie ging nicht runter in den großen Speisesaal, sondern nebenan in das Zimmer, in dem Belinda und Kristin schliefen. Kristin lag in ihrem Bett, den linken Fuß bandagiert. Doch sie lächelte bei Lisas Anblick. Auch Belinda, die auf einem Stuhl neben ihr saß, sah ihr freundlich entgegen. „Wie geht es dir?“
„Ganz gut. Ich darf zwar nicht reiten und muß den Fuß ruhig halten, aber die Ärztin, die sie heute morgen gleich geholt haben, hat gesagt, dass er nicht gebrochen ist. Nur verstaucht.“ Kristin deutete auf einen der freien Stühle. „Setz dich doch. Oh und bitte mach vorher die Tür zu, damit wir ungestört reden können.“
Lisa kam der Aufforderung nach. „Ich hab Kasper auf die große Weide gebracht. Und seine Trense in der Sattelkammer aufgehängt.“
„Danke.“
Sie schwiegen alle drei, dann fragte Lisa: „Schicken sie dich nach hause? Wegen dem Fuß, meine ich.“
„Sie haben mich gefragt, ob ich lieber nach hause möchte, weil ich ja jetzt erst mal nicht reiten kann.“
„Und?“ fragte Lisa gespannt.
„Ich möchte bleiben. Ob ich zu hause oder hier den Knöchel hoch lege ist ja im Grunde egal. Nur das es hier viel unterhaltsamer ist. Wobei ich schon ein bisschen traurig bin, wenn ich daran denke, dass nachher die Gruppe ausreitet. Richtig lange, etwa drei Stunden, sind geplant.“ Sie wurde sehr ernst. „Aber ich denke, das habe ich wohl verdient.“
Lisa wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Sie blickte zu Boden. Gestern noch hätte sie sich gewünscht, dass Kristin abreiste. Doch nach den Erlebnissen in der Nacht und dem, was sie über sie erfahren hatte, hatte sich ihre Ansicht über Kristin geändert.
Kristin berührte sie leicht am Arm. „Ich war ziemlich ätzend zu dir und das tut mir leid. Ich hoffe, du nimmst meine Entschuldigung an. Aber wenn du nichts mehr mit mir zu tun haben willst, kann ich das auch gut vorstehen.“
Verblüfft starrte Lisa auf die Hand, die sich ihr entgegen streckte. Dann wurde ihr bewusst, was Kristin gerade gesagt hatte und sie nahm die Hand mit festem Griff. „Ich verzeih dir.“
„Verzeihst du mir auch?“ fragte Belinda mit leiser Stimme.
Lisa gab auch ihr die Hand.
„He Lisa, ich würde mich echt freuen, wenn wir Freundinnen werden könnten. Du bist echt in Ordnung und das mutigste Mädchen, das ich je kennen gelernt habe“, sagte Kristin.
Lisas Augen wurden groß. Das hatte noch niemand zu ihr gesagt. Und da diese Worte von Kristin kamen, zählten sie doppelt. „Meinst du das im Ernst?“
„Klar.“ Sie lächelte und wies mit einer Kopfbewegung zur Tür. „Aber nun solltest du besser zusehen, dass du los kommst. Sonst reiten sie ohne dich.“
„Ich bleib hier, bei dir.“ Lisa hatte bemerkt, dass auch Belinda keine Reitkleidung trug.
„Quatsch, du reitest mit. Schließlich muss mir doch jemand erzählen, wie es ist auf Kasper durch Feld und Wald zu galoppieren. Außerdem bin ich nicht allein, Belinda ist ja bei mir. Sie wollte nicht mitreiten und nichts, was ich sagte, konnte sie dazu bringen.“
Belinda grinste ein bisschen. „Ist mir egal, was die anderen nun über mich reden, warum ich nicht mitreite. Ich bleibe lieber bei Kristin.“
„Oh halt, bevor du gehst, geh bitte mal kurz an den Schrank, ja, da, das obere Fach“, dirigierte Kristin. „Links, hast du sie?“
Lisa zog die Packung Pferdeleckerli mit Pfefferminzgeschmack hervor. „Ich nehme an, dass du die hier meintest?“
„Genau. Gib bitte Kasper davon, nicht alle auf einmal natürlich, aber so nach und nach. Die hat er sich wirklich verdient.“
„Mach ich. Bis nachher.“ Lisa lief los und genoß das glückliche Gefühl, das sich in ihr ausbreitete.
 
Ende
 
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.10.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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