Juergen Bambach

Der alte Säufer.

Krachend schlug sein Kopf mit den kurzgeschorenen, grauen Haaren auf die Tischplatte. Für einen Augenblick stockte die Unterhaltung, in der verrauchten, kleinen Wirtschaft. Jemand rief: „Ach das ist doch nur der alte Jansen! Wieder mal einen über den Durst geballert! Weitermachen.“ Die Gespräche am Tresen gingen in gewohnter Lautstärke weiter.

Er sah nur, wie vor seinen Stiefelspitzen ein Loch in den Schnee gerissen wurde.

 

ANGST durchdrang ihn, wie Öl einen alten Lappen beim Ölwechsel eines Wehrmachtspanzers..

 

Der zweiten Schuss traf den nachfolgenden Soldaten genau in den den Kopf. Mit einer geschmeidigen Drehung seines durchtrainierten Körpers, hechtete er hinter einen kaum hüfthohen grauen Felsen. Sonst war überall Steppe, unbegrenzte Weite, außer hier.

Dieses Gelände glich einer Kraterlandschaft. Es schien, als hätte Gott, als er die Welt erschuf, hier Mittagspause gemacht um dann an einer anderen Stelle weiter zu machen.

Jansen fühlte wie seine Hände kalt wurden. Fast körperlich konnte er die unsichtbare Bedrohung spüren. Die feinen Härchen in seinem Nacken stellen sich auf, genau so als wenn Marie Ihn streichelte. „Mein Gott Marie, wie weit bist du nun weg von mir!“ Das Einzige, was ihm Zuversicht und Kraft gab, war das Scharfschützengewehr in seinen Händen. schwer, kalt und doch irgendwie vertraut.

 

Langsam erholte er sich von seinem Schock, sein Gehirn begann wieder die Oberhand über seine Gefühle zu gewinnen.

„Mensch von wo kam der Schuss? “ „In welche Position drehe ich mich am besten?“ Langsam zog er das Gewehr an die Schulter und begann die Steppe vor  seiner Deckung systematisch abzusuchen. Nirgendwo ein Lebenszeichen. Er schloss für einen kurzen Moment die Augen und glaubte geträumt zu haben. Aber ein Blick nach links zu seinem ehemaligen Kameraden Heinrich zeigte ihm jedoch die brutale Wirklichkeit. Langsam sickerte Blut aus dem kreisrunden Einschussloch in seiner Stirne auf den schneebedeckten Boden.

  „Da Felsen, Felsen, Gestrüpp, Schneekuhle, Holzstapel auf zweihundert, ein Reflex oder irre ich mich?“ „Verdammt die Nerven – Nein!“ Nochmals berührte er mit dem Zielstachel seines Fernrohres den Holzstapel! „Da ganz deutlich ein Umriss, schemenhaft aber immer klarer werdend – ein Kopf oder so was, weiter unten, der Zielstachel fuhr nach unten. Es könnte ein Gewehrlauf sein. „Aber sicher bin ich mir nicht.“ „Jetzt, er hat sich bewegt! Herrgott noch mal ich hab ihn!“ Er fühlte wie seine Erregung wuchs. „Bleib ruhig “, versuchte er sich selbst Mut zu machen. Ganz langsam repetierte er eine Patrone in das Patronenlager seines Gewehres. Befriedigt spürte er, wie der Kammerstengel unter seinen Fingern einrastete. Das erste Glied seines Zeigefingers berührte langsam den Abzug. Der Zielstachel fraß sich am Helm seines in zweihundert Metern entfernten Gegners fest.

DRUCKPUNKT

Er war selber erschrocken, als der Schuss brach. Den Rückschlag seiner Waffe fühlte er nicht mehr. Unbewusst spürte Jansen, dass er einen Weg ohne Rückkehr eingeschlagen hatte.

STILLE

Zwei Atemzüge, dann blickte er wieder ruhig und gelassen durch sein Zielfernrohr. „Nachladen, Nachladen“ befahl seine innere Stimme. Mechanisch repetierte er eine neue Patrone ins Patronenlager.

Seine Kameraden waren längst aufgesprungen mit MP’s, Maschinengewehren, ja sogar mit Klappspaten jagten sie über die schneebedeckte Fläche zu der Stellung des gegnerischen Schafschützen.

Nur mühsam kam er auf die Füße. Je näher er dem Holzstapel mit seinem toten Gegner kam, desto stärker spürte er einen Druck auf seiner Brust. Mit lautem Gejohle zogen seine Kameraden den gegnerischen Scharfschützen an den Füssen aus der Deckung. Vor ihm lag ein kaum sechszehnjähriger Junge mit einem zertrümmerten linken Auge. Er spürte noch wie ihm die Knie weich wurden, kippte vorn über und übergab sich.

 

„Diese alte Sau, jetzt kotzt er mir auch noch die Wirtschaft voll!“ Der aufgebrachte Wirt packte den Alten am Kragen und warf ihn erbarmungslos hinaus auf die, mit Schneematsch, bedeckte Strasse......

 

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