Krachend
schlug sein Kopf mit den kurzgeschorenen, grauen Haaren auf die Tischplatte.
Für einen Augenblick stockte die Unterhaltung, in der verrauchten, kleinen
Wirtschaft. Jemand rief: „Ach das ist doch nur der alte Jansen! Wieder mal
einen über den Durst geballert! Weitermachen.“ Die Gespräche am Tresen gingen
in gewohnter Lautstärke weiter.
Er
sah nur, wie vor seinen Stiefelspitzen ein Loch in den Schnee gerissen wurde.
ANGST
durchdrang ihn, wie Öl einen alten Lappen beim Ölwechsel eines
Wehrmachtspanzers..
Der
zweiten Schuss traf den nachfolgenden Soldaten genau in den den Kopf. Mit einer
geschmeidigen Drehung seines durchtrainierten Körpers, hechtete er hinter einen
kaum hüfthohen grauen Felsen. Sonst war überall Steppe, unbegrenzte Weite,
außer hier.
Dieses
Gelände glich einer Kraterlandschaft. Es schien, als hätte Gott, als er die
Welt erschuf, hier Mittagspause gemacht um dann an einer anderen Stelle weiter
zu machen.
Jansen
fühlte wie seine Hände kalt wurden. Fast körperlich konnte er die unsichtbare
Bedrohung spüren. Die feinen Härchen in seinem Nacken stellen sich auf, genau
so als wenn Marie Ihn streichelte. „Mein Gott Marie, wie weit bist du nun weg
von mir!“ Das Einzige, was ihm Zuversicht und Kraft gab, war das Scharfschützengewehr
in seinen Händen. schwer, kalt und doch irgendwie vertraut.
Langsam
erholte er sich von seinem Schock, sein Gehirn begann wieder die Oberhand über
seine Gefühle zu gewinnen.
„Mensch
von wo kam der Schuss? “ „In welche Position drehe ich mich am besten?“ Langsam
zog er das Gewehr an die Schulter und begann die Steppe vor seiner Deckung systematisch abzusuchen.
Nirgendwo ein Lebenszeichen. Er schloss für einen kurzen Moment die Augen und
glaubte geträumt zu haben. Aber ein Blick nach links zu seinem ehemaligen
Kameraden Heinrich zeigte ihm jedoch die brutale Wirklichkeit. Langsam sickerte
Blut aus dem kreisrunden Einschussloch in seiner Stirne auf den schneebedeckten
Boden.
„Da Felsen, Felsen, Gestrüpp, Schneekuhle,
Holzstapel auf zweihundert, ein Reflex oder irre ich mich?“ „Verdammt die
Nerven – Nein!“ Nochmals berührte er mit dem Zielstachel seines Fernrohres den
Holzstapel! „Da ganz deutlich ein Umriss, schemenhaft aber immer klarer werdend
– ein Kopf oder so was, weiter unten, der Zielstachel fuhr nach unten. Es
könnte ein Gewehrlauf sein. „Aber sicher bin ich mir nicht.“ „Jetzt, er hat
sich bewegt! Herrgott noch mal ich hab ihn!“ Er fühlte wie seine Erregung
wuchs. „Bleib ruhig “, versuchte er sich selbst Mut zu machen. Ganz langsam
repetierte er eine Patrone in das Patronenlager seines Gewehres. Befriedigt
spürte er, wie der Kammerstengel unter seinen Fingern einrastete. Das erste
Glied seines Zeigefingers berührte langsam den Abzug. Der Zielstachel fraß sich
am Helm seines in zweihundert Metern entfernten Gegners fest.
DRUCKPUNKT
Er
war selber erschrocken, als der Schuss brach. Den Rückschlag seiner Waffe
fühlte er nicht mehr. Unbewusst spürte Jansen, dass er einen Weg ohne Rückkehr
eingeschlagen hatte.
STILLE
Zwei
Atemzüge, dann blickte er wieder ruhig und gelassen durch sein Zielfernrohr.
„Nachladen, Nachladen“ befahl seine innere Stimme. Mechanisch repetierte er
eine neue Patrone ins Patronenlager.
Seine
Kameraden waren längst aufgesprungen mit MP’s, Maschinengewehren, ja sogar mit
Klappspaten jagten sie über die schneebedeckte Fläche zu der Stellung des
gegnerischen Schafschützen.
Nur
mühsam kam er auf die Füße. Je näher er dem Holzstapel mit seinem toten Gegner
kam, desto stärker spürte er einen Druck auf seiner Brust. Mit lautem Gejohle
zogen seine Kameraden den gegnerischen Scharfschützen an den Füssen aus der
Deckung. Vor ihm lag ein kaum sechszehnjähriger Junge mit einem zertrümmerten
linken Auge. Er spürte noch wie ihm die Knie weich wurden, kippte vorn über und
übergab sich.
„Diese
alte Sau, jetzt kotzt er mir auch noch die Wirtschaft voll!“ Der aufgebrachte
Wirt packte den Alten am Kragen und warf ihn erbarmungslos hinaus auf die, mit
Schneematsch, bedeckte Strasse......
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.10.2005.
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