Hans Pürstner

Das alte Mietshaus

Da steht er nun, der große Hans. An der gleichen Stelle, wie der kleine Hansi vor fünfzig Jahren.
Das alte Mietshaus ist längst weg, gewichen einer Tiefgarage und einem modernen Neubauhaus, das schon dem Namen nach wesentlich besser in die Grazer Neubaugasse passt als die alte Bruchbude seinerzeit.
Lange hatte er sich dagegen gesträubt, der alten Stätte einen Besuch abzustatten. Steckten doch so viele Erinnerungen in ihr, wie würden sie passen zum aktuellen Bild?
Ob der alte Marillenbaum die brutale Abrissaktion überstanden hat? Wo wir Buben in einer Höhlung des damals schon morschen Stammes einen geheimnisvollen Brief versteckt hatten, mit blühender Fantasie überlegten, wer wohl in „hundert“ Jahren unsern Brief lesen würde.
Er steht natürlich nicht mehr, obwohl doch die große Kastanie noch immer da ist.
Früher war sie die leibhaftige Wächterin an der Grenze zwischen unserem und dem „Schuller“ Haus. Drohend wachten ihre mächtigen Äste darüber, dass nicht schon wieder ein Ball nach drüben flog, Ergebnis unserer übermütigen Bolzerei auf dem Hof.
Daneben stand früher die Waschküche, ein kleiner Bau mit einem holzbefeuerten Kessel darin, wo meine Mutter wie alle anderen Nachbarn nach einem genau ausgeklügelten Wochenplan ihre Wäsche wuschen. Da war nichts mit „Montag ist Waschtag“.
Auf dem Hof davor standen früher zwei Holzmaste, zwischen denen Wäscheleinen gespannt waren. Mit einer Kurbel konnte man die mit frisch gewaschener Wäsche bestückten Leinen nach oben kurbeln, und sie hoffentlich bald trocken wieder nach unten bewegen.
Falls nicht ein unvermittelter Regenguss dazwischen kam.
Oder ein technisches Missgeschick, wie damals, als die Kurbel gerissen war und das Ergebnis stundenlanger Kocherei und anschließender Behandlung auf dem geriffelten Waschbrett mit lautem Geratter nach unten gerauscht war, hinein in den Matsch des Hofgeländes.
Das laute Gejohle von uns Buben, die wir die Tragweite dieses Unglücks ja nicht im Mindesten verstanden, muss der guten Hausfrau noch Jahre danach in den Ohren geklungen haben.
Weg ist sie, die Teppichklopfstange, die wir Kinder manchmal zweckentfremdeten als Halterung für den Theatervorhang. Eine riesige alte Decke hatten wir darüber gespannt, ich stand davor und verkaufte die Eintrittskarten für die Vorstellung, die übrigen probten dahinter die Sketsche für unsere langerwartete Theateraufführung.
Für die Erheiterung der Zuschauer hatten wohl eher unsere Spiel“kunst“ und die häufigen Hänger und Versprecher gesorgt denn unser schauspielerisches Talent. Aber wir Buben fühlten uns wie die „Kollegen“ vom Burgtheater.
Wehmütig blickt der Besucher in die Richtung, in die sich früher unser großer Obstgarten erstreckt hatte. Die Wiese, unser Ersatz für das Fußballstadion. Wo war sie geblieben, die unermessliche Weite des Geländes? Na ja, für uns kleine Steppkes sah natürlich die ganze Welt größer aus als heute.
Wie schön wäre es, könnte man die Zeit noch mal zurückdrehen, all die Abenteuer noch mal erleben, die Spiele, all die Streiche, die wir der Nachbarin gespielt hatten.
Ob die Kinder heute glücklicher sind mit all ihren Playstations, Gameboys und I-Pods?
Nachdenklich geht er zurück, in die heutige Welt, je weiter er sich von der alten Stätte entfernt, desto mehr verschwinden sie aus seinen Gedanken.
Die Erinnerungen.
 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Hans Pürstner).
Der Beitrag wurde von Hans Pürstner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.10.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Das Pferd aus dem Moor von Maren Frank



Ferien auf einem Bauernhof am Rande des Moors. Evelina wird in ein fast schon mystisches Geschehen hineingezogen, doch ihre Phantasie und ihr Feeling für Tiere und ganz besonders für Pferde lässt sie nicht im Stich.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (3)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Erinnerungen" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Hans Pürstner

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Computerfreaks von Hans Pürstner (Glossen)
Ein Amerikaner in Paris von Rainer Tiemann (Erinnerungen)
Das Millenium von Norbert Wittke (Erinnerungen)