Nicole Morgenstern

Die letzten drei Wochen....

 
 
Die erste Woche der letzten drei…
Ich wachte auf und mein erster Gedanke war: Scheiße! Verdammt, war das eine beschissene Nacht. Nicht nur dass ich scheiße geschlafen hatte, nein, ich hatte auch noch massenhaft Scheiße geträumt und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn im Traum waren überall überdimensionale Hundekackhaufen in meiner Wohnung verteilt und ich kam nicht hinterher, sie zu beseitigen so schnell waren wieder neue vorhanden. OK, momentan lief es nicht so toll und rund in meinem Leben aber die vielen Kackhaufen waren einfach nicht gerechtfertigt. Der gestrige Abend war doch grandios. Gemeinsam mit meiner besten Freundin Jill hatte ich so richtig die Sau raus gelassen, ausgiebig gefeiert, über Männer abgelästert und die Augen aufgehalten nach potentiellen Liebhabern. Na gut, ein besonders beschissenes Thema hatten wir am Wickel, nämlich das ultimative Problem der Frauen, ihren Stuhlgang nicht verrichten zu können, wenn der Lover noch in der Wohnung verweilte. Wir können einfach nicht aufs Klo gehen wenn der Mann unserer Träume so gegenwärtig ist. Männer sind da ja wesentlich hemmungsloser, worum ich die Herren der Schöpfung auch extrem beneide. Aber davon gleich träumen? Nee, das war mir noch nie passiert.

Sekunden später war mir, als wäre mir ein Betonklotz auf den Kopf gefallen und schlagartig fiel es mir wieder ein, warum es mir so beschissen ging: Liebeskummer! Ja, mein Herz schmerzte fürchterlich und die Angst des „Es-ist-alles-vorbei“ breitete sich wieder in mir aus. Dabei dachte ich vor acht Monaten noch, dass dieses Mal alles anders sei als zuvor.

Es begann alles so perfekt mit David und mir. Er war so verliebt in mich und zeigte es mir an jedem Tag und in jeder Sekunde. Er sprach von Zukunft, Kindern und von mir als seiner Frau. Und jetzt? Jetzt plumpste mir wieder unser Gespräch von vor drei Tagen ins Hirn und hinterließ den Wunsch nach einer Pille gegen Herzschmerz oder zumindest nach einem dreifachen Schnaps. Natürlich wäre eine Zeitmaschine auch nicht schlecht gewesen, um verkehrt gelaufenes auszulöschen um es dann neu und perfekt zu gestalten. Wäre dann vielleicht alles anders gekommen? Sinnlos darüber nachzudenken, denn man konnte nun mal nichts rückgängig machen.

Scheiße, diese verdammte Intuition die ich besitze, immer schon vorher zu wissen, dass der Liebste ein negatives Gefühl in sich hat, lange bevor er es selber merkt und deuten kann. Wie sehr wünschte ich mir hin und wieder ein wenig mehr Oberflächlichkeit zu besitzen und dumm wie ein Toastbrot zu sein. Doch ich war nicht dumm. Vielleicht nur nicht schlau genug, mir die richtigen Männer auszusuchen. Aber dieses Schicksal teile ich mit Millionen von Geschlechtsgenossinnen, dessen bin ich mir ganz sicher. Na gut, ab und zu zweifle ich an meiner eigenen Theorie. Meist dann, wenn ich „ach so glückliche Paare“ sehe, die mir den Eindruck vermitteln: WIR passen perfekt zusammen und bilden für die nächsten 100 Jahre eine Einheit. WIR sind ja so glücklich und zufrieden.

Oft frage ich mich auch, warum die hässlichsten Frauen ganz passable Männer an ihrer Seite haben. Was machen die anderen richtig und ich falsch? Binden diese Frauen ihre Kerle vielleicht mit ihren herausragenden Kochkünsten an sich? Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen und wer kann schon einer Frau widerstehen, die ein so köstlich kompliziertes Gericht wie französischen Seeteufel in Madeirasoße auf einen mit Pinienkernen durchzogenen Kartoffelgratin zustande bringt. Oder beherrschen diese Frauen die Kunst des Kamasutras in Perfektion? Letzteres konnte ich mir eigentlich nicht vorstellen, da diese Damen meist so aussehen, als würden sie das Wort Penis nicht über ihre Lippen kriegen, geschweige denn diesen als solchen in den Mund zu nehmen. Aber stille Wasser sind bekanntlich ja tief. Apropos tief. Tief musste auch der Freund meiner Nachbarin von über mir auch gerade in ihr stecken, wenn ich die Lustschreie der beiden richtig interpretierte. Wild und hemmungslos ging es da oben her und anhand der Lautstärke bekam ich auch mit, wann wer kommt und das taten sie anscheinend gerade gleichzeitig. Neid machte sich in mir breit und ich fühlte mich auf einmal schrecklich einsam und sexuell unausgeglichen. OK, David und ich haben eigentlich phantastischen Sex, nur leider nicht mehr so oft wie am Anfang und vor allem nicht so oft Sex hintereinander. So manches Mal liege ich DANACH neben ihm und denke: Mehr! Die Mutti will mehr! Nicht dass ihr einen falschen Eindruck von mir bekommt. Ich bin wahrlich kein Sexmonster oder nymphoman veranlagt. Nein, ich bin lediglich eine Frau über 30 und da geht es bei uns erst so richtig los, meine Herren. Wir stehen in unserer sexuellen Blüte. Gibt es eine schönere Art morgens geweckt zu werden, als mit einem erigierten Penis in uns drinnen? Den animalischen Schweißgeruch unseres Liebsten aufnehmen und darauf pfeifen, ob die Zähne nun geputzt sind oder nicht? Stattdessen habe ich einen Freund der behauptet, Sex sei ihm nicht so wichtig. Ding dong, danke schön, mir aber schon! Ach es hätte mich schon befriedigt, wenn David in der vergangenen Nacht nur neben mir geschlafen hätte, so bescheiden war ich mittlerweile. Doch der Gute war mal wieder völlig kaputt und brauchte seine eigene häusliche Umgebung.
 
Ich quälte mich aus meinem Bett und schleppte mich ins Bad. Vorher stellte ich allerdings die Hifi-Anlage auf volle Lautstärke, denn bei meiner Nachbarin ging es in Runde zwei und das war nun echt endgültig genug für meinen sexuell unausgelasteten Körper.

Ina Deters „Neue Männer braucht das Land“ dröhnte aus dem Radio und hob nicht gerade meine Laune, denn DIE würde es sowieso nie geben, dessen war ich mir schon lange sicher. Männer sind letztendlich doch irgendwie alle gleich. Egal ob Macho, Softie, angebliche Frauenversteher oder sonstige Varianten.

 

Als ich mir selbst im Spiegel begegnete dachte ich so bei mir: So scheiße siehst du heute Morgen gar nicht aus, wie du dich fühlst, Kim. Meine Solariumbräune reichte noch aus um kein Make up benutzen zu müssen, die Gesichtsfalten hielten sich in Grenzen und die Frisur saß besser als gestern Abend. Ich beschloss, erst zu duschen und danach den Gang auf meine Feindin die Waage zu bestreiten. Dreck wiegt schließlich auch ein paar Gramm. Die masochistischen Wechselduschen schaffte ich auch heute nicht, aber drauf geschissen, die Schwerkraft hatte eh schon bei  mir zugeschlagen. Beschwert hatte sich bisher trotzdem noch kein Kerl über meine Figur. Im Gegenteil, des Öfteren bekam ich schon zu hören: „Du hast echt einen geilen Körper und dein Arsch ist einfach super!“ In solchen Momenten würde ich immer am liebsten antworten: „Bist du blind? Träumst du gerade noch? Meinst du mich? Ich sehe was, was du anscheinend nicht siehst. Speckröllchen und Cellulite.“
Mittlerweile akzeptiere ich diese Komplimente innerlich leicht Kopfschüttelnd und bin davon überzeugt, dass Männer eben eine andere Wahrnehmung haben. Was übrigens auch biologisch erklärbar ist, da das starke Geschlecht mit der rechten Gehirnhälfte denkt und die Wahrnehmung ist nun mal in der linken angelegt, mit welcher wir Frauen denken.
 
Mein gereinigter Körper verließ die Dusche und wagte den Gang zum Schafott. Mit geschlossenen Augen stellte ich mich auch die Waage und blinzelte auf die digitale Anzeige: 57,6 Kilo verteilt auf 1.65 Körpergröße. Hurra, meine Lieblingsjeans in Größe 29 durfte mich heute zur Arbeit begleiten. Was Kummer und eine ausgelassene Mahlzeit am Abend doch so an Gewicht verschwinden lies – unglaublich.

 

Eine halbe Stunde später – nach zwei Bechern Kaffee und drei Zigaretten  - machte ich mich mal wieder viel zu spät auf den Weg zur Arbeit. Leider hatte ich es mit meinen 38 Jahren immer noch nicht auf die Reihe bekommen einen Führerschein zu machen, weshalb ich mich der öffentlichen Verkehrsmittel bedienen musste. Zum Glück brauchte ich nur einige S-Bahn Stationen hinter mich bringen, um an mein Ziel zu gelangen. Trotzdem reichte die Zeit um über das Gespräch zwischen David und mir nachzudenken. Mein Herzallerliebster hatte mal wieder Zweifel an unserer Beziehung und ob wir uns gegenseitig noch gut tun würden. Ihn quälte sein schlechtes Gewissen dass er nicht immer so für mich da sein kann wie ich für ihn. Recht hatte der Gute! Wenn ich ihn brauchte war er ständig überfordert oder kaputt oder nicht bei sich oder depressiv oder zu bekifft oder, oder, oder. Trotzdem liebte ich diesen Kerl unglaublich doll. Ich war bereit alles auszuhalten, durchzustehen und meine Bedürfnisse zurückzustecken. Erbärmlich, ich weiß. Aber wenn ich liebe dann nun mal bedingungslos und aufopfernd. ICH, die Florence Nightingale der geschundenen Männerseelen. Ich heile sie alle. Kommt zu mir, ihr Verlassenen und Unverstandenen. Meine Arme stehen euch offen. Lasst euch an Mamas Brust fallen und ladet eure Probleme auf meine zarten Schultern, ich trage sie für euch. Hmh, ist das vielleicht der Grund, warum ich schon zwei Bandscheibenvorfälle hatte? Sollte ich eventuell mal drüber nachdenken….bei Gelegenheit…. wenn ich Zeit habe und keinen Mann!

Das glorreiche Gespräch brachte nur ein Ergebnis zu Tage, nämlich dass meine Angst von David verlassen zu werden voll ausbrach und sich meine Gedanken nur noch darum drehten.
 
„Du wirst verlassen, verlassen, verlassen“, grölte das kleine Männchen in mir als ich aus der Bahn stieg und die paar Meter zum Sender zurücklegte. Ich bin nämlich Radiomoderatorin bei einem Internetsender, der Weltweit zu empfangen ist. Meine Hörer können mich dank unserer kleinen Webcam auch bei der Arbeit betrachten und mit mir interaktiv per Mail in Kontakt treten. Meinen letzten Freund hatte ich übrigens über so einen Kontakt kennen gelernt. Nicht gerade professionell, ich weiß, aber mein Gott, Rockstars haben auch ihre Groupies, warum ich als popelige Moderatorin nicht auch?

Momentan musste ich mich aber erstmal ernsthaft mit meinem in mir sesshaft gewordenen Männchen auseinandersetzen. „Du blöder Teufelskerl, verschwinde jetzt endlich und nerv mich nicht länger. Ich habe schließlich eine vier Stunden Sendung hinter mich zu bringen und da kann ich dich nicht gebrauchen. Meine Hörer haben das Recht auf eine gutgelaunte Moderatorin. Was interessiert die denn schon mein Herzschmerz. Sie wollen die schönste Stimme im Netz und keine Tussi mit zittrigen Stimmchen. „Also verpiss dich, wir sprechen und später oder am besten gar nicht mehr.“

Wow, wenigstens ein Mann, den ich im Griff hatte, denn er ließ mich tatsächlich eine anständige Sendung zu Stande bringen.

 

 
Nach getaner Arbeit machte ich es mir auf unserem Balkon des Redaktionsbüros gemütlich. Ich wollte die letzten Strahlen der Septembersonne genießen bevor ich mich auf den Weg nach Hause machte. Da saß ich nun. Das böse Männchen auf der Schulter und mein Handy in der Hand. Hypnotisch starrte ich auf dieses kleine, ach so wichtige Kommunikationsgerät. „Klingel doch. Klingel doch bitte. Klingel doch bitte, bitte. NUN RUF MICH DOCH SCHON ENDLICH AN, DAVID.“ OK, er ruft nicht an, dann wird Frauchen ihm mal die Arbeit abnehmen.
„Hallo“ tönt es leise am anderen Ende der Leitung. Du Blödmann, denke ich bei mir, früher hast du mich mit einem freudigen „Hallo mein Engel“ begrüßt. Heute klingst du mal wieder als hättest du einen Bestattungsunternehmer am Apparat. Aber ich ließ mir wie immer nichts anmerken und fragte erstmal nach seinem bewehrten Befinden. „Ich habe so schlecht geschlafen. Meine Nachbarn waren wieder so laut und Karlson (sein Mitbewohner) hat sich mal wieder mit Annemie (Karlsons Freundin) gestritten.“

Ich fühlte mit meinem armen Schatz und hatte vollstes Verständnis dafür, dass er um ein Uhr mittags immer noch nicht wusste, wie er sich fühlt. Ich muss dazu sagen, dass mein Liebster derzeit gerade wegen einer akuten Depression krankgeschrieben war. Mutig fragte ich ihn, ob wir uns heute nicht sehen könnten. Erstaunt nahm ich seine Antwort wahr. Gerne würde er sich mit mir in unserem Park treffen. Das Wetter sei ja so schön und ihm wäre so sehr nach Sonne. Na gut, mal wieder ein blödes Treffen im Freien, statt kuscheln und knutschen bei ihm Zuhause. Aber dankbar nahm ich die kleinen Brocken an, die er mir vor die Füße warf. Besser als gar nix, oder?

Unser Telefongespräch dauerte noch weitere 10 Minuten in denen sich David über Karlson und Annemie ausließ und dass er jetzt aber wirklich die Schnauze voll hätte und seinen Mitbewohner vor die Tür setzen wollte. Brav hörte ich mir alles an, bekräftigte ihn in seinem Vorhaben und baute ihn so gut es ging wieder auf. Die gute Kim hatte schließlich immer ein paar tolle Ratschläge auf Lager. Nur bei mir selbst war ich ratlos. Egal, ich nahm mich ja eh nicht so wichtig. Meine Eltern hatten es während meiner Aufzucht echt versäumt, mir eine nötige Portion Selbstliebe mit auf den Weg zu geben.

 

Es lohnte sich nicht mehr nach Hause zu fahren, also machte ich mich gleich auf den Weg in unseren Park. Ich hatte noch eine Stunde für mich bevor ich auf David treffen sollte. So holte ich mir einen großen Milchkaffee und suchte mir eine schöne Bank aus, die noch von der Sonne beschienen wurde. Genug Zeit also um über Vergangenes nachzudenken.
Als David und ich uns kennen lernten, war er Verkäufer in einem Zoofachhandel. Ich habe acht Kaninchen und war deshalb Stammkunde seiner Arbeitsstätte. Er fiel mir sofort ins Auge als ich ihn das erste Mal sah. Seine positive Ausstrahlung  beeindruckte mich total. Dazu sah er noch so unglaublich süß aus mit seinen braunen, kurz geschorenen Haaren und seinem kleinen Ziegenbärtchen. Sein spitzbübiges Lächeln tat sein übriges. Bei jedem Einkauf sahen wir uns und fingen zaghaft an zu flirten. Später erzählte er mir, dass er immer ganz aufgeregt war und Herzklopfen bekam, wenn er mich den Laden betreten sah. Telefonnummern tauschten wir trotzdem nicht aus, geschweige denn unsere Namen. Tja, und irgendwann war mein kleiner Tierfutterverkäufer verschwunden, hatte sich im Nichts aufgelöst. Nun machte auch das Einkaufen keinen Spaß mehr und mein Highlight alle zwei Tage ward mir nicht mehr gegönnt. Aber in mir war ein tiefes Gefühl was mir sagte, dass wenn es so sein soll, wir und garantiert Wiedersehen würden.

Ein halbes Jahr später war es dann soweit. Kurz vor dem ersten Advent traf ich David zufällig auf der Straße. Wir fielen uns in die Arme vor Glückseligkeit und nahmen jetzt endlich die Gelegenheit beim Schopfe, um unsere Nummern auszutauschen. Ach ja, und unsere Namen natürlich auch. Wir verabredeten uns für den nächsten Samstag in einer Bar.

Vor unserem Date musste ich mir erstmal einen hinter die Binde kippen, so aufgeregt war ich. Ziemlich angetrunken erreichte ich unseren Treffpunkt, wo wir uns aber nicht allzu lange aufhielten. Es war ja so laut in dem Schuppen und wir hatten uns schließlich jede Menge zu erzählen, also wechselten wir die Location und verlagerten unsere Anwesenheit zu mir nach Hause.

Wir redeten die ganze Nacht über Gott und die Welt, er zeigte mir seine Gedichte – die ich zugegebener Weise nicht immer wirklich verstand, so verwirrend wie sie waren - und in mir wuchs in jeder verlaufenden Sekunde der Wunsch, David zu berühren. So rückte ich immer näher an ihn heran, doch keiner traute sich den ersten Schritt zu machen. Mein Herz klopfte wie wild als wir uns dann doch zaghaft in die Arme nahmen. Minutenlang hielten wir uns und unsere Wangen lagen aneinander, wollten uns küssen, trauten uns aber nicht. Wie zwei 16jährige Teenager, die von nichts einen Plan hatten. Bis er dann doch endlich kam….der erste Kuss, so unglaublich vorsichtig und zärtlich. Von diesem Moment an waren wir beide wie im Rausch und verliebt bis über beide Ohren.

Die ersten beiden Wochen verabredeten wir uns ausschließlich nur im Freien. Stundenlang spazierten wir an der Elbe entlang, bei Sonne, Schnee und Regen. Wir knutschten uns dabei fast zu Tode, da unsere Lippen nicht voneinander lassen konnten. Einige Male landeten wir in diversen Schneehügeln und hätten es dort fast getrieben. Unsere kalten Hände berührten unsere aufgeheizten Körper. Kaum getrennt voneinander, rasten die SMSe nur so hin und her. Himmel noch mal konnte der Kerl schöne Texte schreiben. Er lullte mich ein mit seinen poetischen Worten und Liebesbeteuerungen. Ich schwebte auf Wolke 7.

 

„Hallo mein Engel“ hörte ich aus weiter Ferne jemanden sagen. Gesprochen aus dem Munde, der mir so lieb und vertraut war und doch in letzter Zeit so fern und selten geküsst. Da stand er vor mir, mein geliebter Mann, an dem ich mein Herz und meine Seele verloren hatte. Mein Gott, war ich in Erinnerungen versunken, sodass ich ihn erstmal erstaunt ansah. Als David mich dann zur Begrüßung in den Arm nahm, sehnte ich mich in die Vergangenheit zurück, als sich seine Umarmungen noch nach Verlangen und Sehnsucht anfühlten. Doch heute war davon nichts mehr zu spüren. Klar, er berührte mich noch gerne, aber eher als Freund der einen lieben Menschen in den Arm nimmt bei dem er sich geborgen und verstanden fühlt. Er sah den Menschen Kim in mir und nicht mehr die Frau, die er einst so sehr begehrte. Mittlerweile hatte ich nur noch den Stand einer Therapeutin bei der er sich auskotzen konnte. Es lag nicht nur an dem großen Altersunterschied von 12 Jahren. Nein, es lag eher an seiner ambivalenten Person mit vielen Problemen in sich.
David setzte sich zu mir und unser Small Talk begann. Früher viel es mir so leicht mit ihm zu reden. Heute verspürte ich ständig einen Kloß im Hals. Die Dinge die ich eigentlich sagen wollte, blieben mir regelrecht im Halse stecken. Ich war einfach nicht mehr ich selbst. Nahm ständig Rücksicht ihn nicht zu überfordern. Mann, wie bescheuert konnte frau eigentlich sein? Er war soweit weg von mir und in seinen Augen spiegelte sich keine Verliebtheit mehr. Ich fühlte mich nur noch als Müllabladestation. Er fuhr mit seinem riesigen Laster vor und lud all seinen Frust und Seelenleid bei mir ab. Ich gab Ratschläge und Streicheleinheiten. Wie oft hatte er sich alleine in den letzten Tagen über Karlson beschwert.

Natürlich fiel es David regelmäßig auf, wenn wir mal wieder nur über ihn redeten. Dann wurde sich entschuldigt und nach meinen Dingen gefragt. Aber ich wurde immer introvertierter und ratterte ganz kurz meine Probleme oder Erlebnisse runter. So verlief es auch an diesem Nachmittag. Nach knapp zwei Stunden Zeitopferung für mich sagte David, dass er nun nach Hause müsse, da er Karlson versprochen hatte, heute Abend für ihn zu kochen. Mir fiel echt die Kinnlade runter. Der Pisser war in der letzten Zeit so ätzend zu meinem Liebsten und sollte heute zur Belohnung auch noch bekocht werden? Und was war mit mir? Ich durfte mich mit zwei Stunden begnügen und sollte dann nach Hause geschickt werden? Und wann hast du Arsch mal vor für mich zu kochen, dachte ich bei mir. So lange hatten wir uns nicht gesehen und mein Menü bestand aus 120 Minuten Aufenthalt im Park. OK Baby, verpiss dich doch in deine WG. Trottelinchen macht sich brav vom Acker und lässt euch beide euer Abendmahl genießen. „Aber wir telefonieren heute noch, oder“ sagte mein Süßer noch zum Abschied. „Klar Schatz, tun wir. Wie immer.“

 

Ich ging zu Fuß nach Hause und heulte den ganzen Weg über Rotz und Wasser. Unterbrochen wurde mein Wasserfall nur von den ausgesprochenen Flüchen, die ich meinem Freund imaginär an den Kopf warf. Die leicht irritierten Blicke meiner Mitmenschen nahm ich wohl wahr, interessierten mich aber nicht. Sollten die doch denken, da ist mal wieder eine Verrückte unterwegs. Stimmte ja auch, ich war verrückt. Verrückt, dass ich mir das alles noch gab und David nicht schon längst auf den Mond geschossen hatte.
Wie viel Schmerz ist in einer Beziehung eigentlich erlaubt und sollte man sich trennen, auch wenn man sich liebt? Wo setzt man den Punkt fest, festzuhalten am Bestand der Beziehung? Wann lohnt es sich zu kämpfen und wie weit darf das gehen ohne sich selbst zu verlieren oder zu belügen? Werden die Karten jeden Tag neu gemischt? Fragen über Fragen, aber keine Antworten! Scheiße, es gibt nichts schlimmeres, als in einer Beziehung zu sein, und sich trotzdem alleine zu fühlen. Aber warum hielt ich immer noch fest? Ich war dabei mich selbst aufzugeben, und wofür? Ja, die ersten Monate waren verdammt schön, aber was ist davon übrig geblieben. Statt guter Gefühle nur noch Angst und Traurigkeit. Ich hatte einfach kein Bock mehr, dass sich meine Gedanken nur noch um David drehten. Warum schaffte ich es nicht auch mit mir alleine glücklich zu sein?    

 

Zuhause angekommen, lief ich wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Wohnung und konnte mich auf nichts konzentrieren. Vielleicht sollte ich zur Abwechslung mal was Nahrhaftes zu mir nehmen. Gute Idee, dachte ich mir und griff zum leckeren Bier mit dem süffisanten Tequillagemisch. Ne Fluppe dazu und die Mahlzeit war perfekt. Mit diesen beiden Ankern in meinen Händen setzte ich mich auf meine kuschelige Couch und begab mich mal wieder auf Zeitreise. So schön, schön war die Zeit! Doch wann kam eigentlich die Kehrtwendung? Nach drei Monaten, als die Hormone langsam verbraucht waren? Hatten wir es einfach übertrieben mit unserem Rausch der Gefühle? Nehmen wir uns alle am Anfang einer Beziehung nicht vor, es dieses Mal langsam angehen zu lassen und schaffen es dann trotzdem nicht. Aber so ist es doch nun mal wenn man verknallt ist. Zwei hormongeschwängerte Menschen denken nicht mehr rational. Jede einzelne Sekunde ohne den anderen ist fast ein bisschen wie sterben. Sehnsucht quält uns. Sie lässt uns nicht schlafen und nicht essen. Jeglicher Gedanken dreht sich nur noch um die geliebte Person. Ohne sie fühlen wir uns amputiert. Also nutzen wir jede Gelegenheit, um unser zweites Ich so oft wie möglich um uns zu haben. Und können wir nicht beieinander sein wird zumindest miteinander telefoniert, gemailt, gesimst. Genauso erging es David und mir. Wir dachten beide, unsere Seelenpartner gefunden zu haben. Er schien DER Mann zu sein, auf den ich all die Jahre gewartet hatte. Wir behandelten uns gegenseitig mit Respekt und es fielen nie böse Worte. Selbst gestritten wurde sich mit Höflichkeit. David brachte einfach Ruhe in mein chaotisches Wesen. Ich vertraute seinen Lippen, über die so wunderschöne Sätze voller Liebesbeteuerungen kamen. Nach drei Wochen sprachen wir von Heirat und Kindern. Er konnte sich auf nichts anderes mehr konzentrieren als auf mich. Eine Nacht ohne einander war eine verlorene Nacht. Undenkbar auf der Straße zu gehen, ohne sich anzufassen. Nähe total war angesagt, geistig und körperlich.

Die Veränderung kam vielleicht schleichend. Vielleicht aber auch plötzlich und ohne Vorwarnung. Es passierte einfach. Seine Hormontätigkeit lief nicht mehr auf Hochtouren.

Er wollte mich nicht mehr so oft sehen und seine vorher so gern getätigten Anrufe wurden zur Pflichtveranstaltung. Langsam aber sicher verschwand ich immer mehr aus seinen Gedanken und seinem Herzen. Am Anfang wollte er mich jeden einzelnen Freund vorstellen, jetzt schloss er mich immer mehr aus und nahm mich nirgendwo mehr mit hin. Selbst wenn diese Freunde ihre Freundinnen dabei hatten - ich wurde zu Hause gelassen. Es zerriss mir das Herz  und ich litt fürchterlich.

 

Das Klingeln meines Telefons holte mich in die Gegenwart zurück. Ich schaute auf die Uhr und stellte fest, dass es bereits kurz vor halb zwölf war. Mein Schatz rief an. „Hallo Engel, tut mir leid, dass es so spät geworden ist, aber Karlson und ich haben noch so nett beisammen gesessen. Jetzt bin ich total erledigt und wollte dir nur schnell eine gute Nacht wünschen.“
Ich hatte absolut keine Lust mit David zu sprechen, da es mir auf den Sack ging, dass er bei allen anderen Energiegeladen sein konnte und nur bei mir wie eine Schlaftablette rüber kam. „Schatz, du musst lauter sprechen, ich kann dich nicht verstehen“ raunzte ich ins Telefon. „Entschuldige, mein Engel.“ „Was, ich kann dich nicht verstehen.“ „OK, ich spreche lauter, Engel.“ Kaum hatte er den Satz begonnen, desto leiser wurde David wieder. So ging es bei jedem Telefonat. Ich konnte ihn kaum verstehen, weil er jedes Mal wie ein Mäuschen sprach. War so eine dumme Angewohnheit von David. Er sprach immer wahnsinnig leise.

Ich wünschte ihm ebenfalls eine gute Nacht, empfang noch ein obligatorisches „Ich liebe dich“ von ihm – was mittlerweile echt nur noch wie eine Floskel klang – und legte auf.

Emotional völlig ausgebrannt schleppte ich mich ins Bett. Ich wollte nur noch schlafen und einen beschissenen Tag hinter mir lassen.     

 

 
Die zweite Woche der letzten drei…
Mein Geburtstag stand vor der Tür. Zu der Zeit hatte David gerade ein emotionales Hoch da er bei seinem Freund John arbeitstechnisch aushalf. Der Job tat ihm gut und das Zusammensein mit seinen Kumpels beflügelte seine Seele. Nebenbei war er mit Promotiontätigkeiten für diverse Bands aktiv unterwegs. Ich bekam David so gut wie überhaupt nicht mehr zu Gesicht, da er gerade voll in seinem Element war und ich zur Nebensache degradiert wurde. Tage vor meinem Geburtstag erzählte er mir noch großkotzig, dass er sich aber meinen Ehrentag unbedingt freihalten wollte. Tja, schön wär´s gewesen, doch leider kam alles anders. Die Nacht auf meinen Jubel-Trubel-Heiterkeitstag ließ ich um kurz vor 24 Uhr mein Handy nicht mehr außer Reichweite. Um Mitternacht würde mein Schatz natürlich anrufen und mir liebevolle Geburtstagsgrüße durchs Phone flüstern. Ich freute mich diebisch darauf. Mein Gott, konnte ich mich in Bescheidenheit üben. Um eine Minute nach 12 konnte ich es kaum glauben. Mein Telefon blieb stumm. Kein Klingeln, keine SMS, nichts! OK, die Uhren gehen bei David auf St. Pauli anders als bei mir in Altona. In wenigen Sekunden wird mein Handy vibrieren, ganz sicher. Um 12:15 wusste ich, dass kein Klingelton mehr meine Ohren erreichen würde. Er hatte mich vergessen. Oder schlimmer noch, er hatte überhaupt gar nicht erst den Gedanken daran verschwendet mich überhaupt anzurufen. Ich war sprachlos. Perplext. Traurig. Ratlos. Verzweifelt. Das konnte einfach nicht wahr sein. Ich träumte das alles nur. Ich hatte mir den Arsch zu seinem Geburtstag aufgerissen und voll die Aktionen am Start gehabt und er???? Nicht mal einen popeligen Anruf war ich ihm noch wert. Verdammtes Arschloch. Wichser. Penner. Elender, mich nicht mehr liebender Mistkäfer. Ich hätte ihn auf der Stelle ermorden können oder ihm zumindest die Eier amputieren. Wozu braucht er sie auch noch, Sex war ja eh nicht wichtig. Ich fühlte mich wie als 10jährige, als ich am Nikolaustag nix in meinen brav geputzten Schuhen hatte. Total unbeachtet und ungeliebt.

Zu seinem Geburtstag – zwei Monate zuvor – hatte ich David eine Torte gebacken mit 27 Kerzen drauf, seine geliebten Brownies gemacht, liebevolle Geschenke ausgesucht und verpackt, eine Sonnenblume besorgt und das ganze um kurz vor 12 bei ihm vor der Haustür aufgestellt. Zuvor das ganze noch per Fahrrad über den Kiez geschoben. Wie ein Depp habe ich vor seiner Tür gestanden, neben lichterloh brennenden Kerzen. Da ich wusste, dass er an seinem Ehrentag in tiefster Depression versunken ist, wollte ich ihn nicht mit meiner Anwesenheit belästigen. Also rief ich ihn per Handy nach unten und verschwand wieder mit meinem Drahtesel in der Dunkelheit. Das Geburtstagskind war total gerührt und freute sich wie ein kleines Kind über meine Überraschung. Und das wiederum freute mich tierisch.

Nicht dass ich auch so was Ähnliches erwartet hätte, nee, ich wollte nur einen Geburtstagsgruß um Mitternacht. Der kam dann mittags gegen 14 Uhr. Mehr als angepisst nahm ich diese von ihm entgegen. Besaß er doch noch die Dreistigkeit mich zu fragen, warum ich denn so genervt klingen würde. Ob ich sauer bin, dass er mich nicht eher angerufen hat. Nö, mein Hase, alles Roger in Kambocha.

 

Um 17 Uhr hatte ich meine Gäste zu Kaffee und Kuchen geladen. Mein Schatz tauchte allerdings erst gegen 21 Uhr auf. Er musste noch ganz wichtig Flyer verteilen. So sah sein Freihalten an meinem Geburtstag also aus. Tolle Wurst. Na ja, immerhin hatte ich ja noch ganze  drei Stunden Geburtstag. Dem Nervenzusammenbruch nahe war ich dann als ich sein Geschenk auspackte. Mein Liebster hatte mir eine französische Kaffeekanne gekauft. Ich meine, was verachten Frauen mehr, als Haushaltsgeräte von ihrem Schatz überreicht zu bekommen? Ich wollte nicht Taktlos sein und heuchelte die große Freude vor. Bestimmt folgt das eigentliche Präsent erst später wenn wir alleine waren. Er, nackt mit einer roten Schleife um seinen Penis gebunden mit anschließendem hemmungslosem Sex über mindestens sechs Stunden. Verrucht würde er mir ins Ohr flüstern: „Nimm mich die ganze Nacht, Baby.“ Doch was folgte war nur ein gehauchtes „schlaf gut, Schatz.“     
Das war doch alles nur ein schlechter Film. Und warum wurde gerade ich mit der Hauptrolle besetzt?

 

Die Tage nach meinem Geburtstag waren nicht viel besser als davor. Der Countdown lief und wir befanden uns auf dem direkten Weg zum finalen Todesstoß, was ich zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht wusste. Mein Schatz war fleißig des nächtens unterwegs um weiter Flyer zu verteilen und anschließend gab er sich diversen Feierlichkeiten hin. Bis morgens um 6 Uhr hatte er Kondition um Tequilla und Bier zu saufen. Wenn er mal solche Energie für mich übrig gehabt hätte. Einmal fragte ich ihn, ob wir uns nicht nachts treffen wollten um gemeinsam einen zu heben, doch er meinte, diese Nacht wolle er mal früher nach Hause.

Am nächsten Tag rief ich ihn gegen mittags an und fragte ihn, wie denn der gestrige Abend verlaufen wäre. Als ich seine Antwort hörte, verspürte ich auf der Stelle einen akuten Brechreiz und mein Blutdruck schoss in die Höhe. „Ich bin noch ganz erledigt, da ich erst heute Morgen um acht zu Hause war. Ich war noch im Silbermond feiern, da ich den Jungs versprochen hatte noch vorbei zu schauen.“ Genau, seine Jungs haben bestimmt nur auf ihn gewartet. Waren sie doch selber genervt von Davids devotem Verhalten und seinem Drang, sich permanent für alles entschuldigen zu müssen. Es interessierte sie einen scheiß, ob David den Laden mit seiner Anwesenheit beehrte oder nicht. Aber Einbildung ist bekanntlich ja auch eine Bildung. Das schlimmste an der ganzen Sache war, dass er selber nichts schnallte. Weder das Desinteresse seiner Kumpels, noch meine Frustration.

 

 
Die dritte Woche der letzten drei…
Der beste Abend aber folgte ein paar Tage später. Im Silbermond war eine Veranstaltung, wofür David die Kasse machte. Ein geiler Gig einer noch geileren Gruppe war an diesem Abend am Start. Mein Gefühl sagte mir, dass David eigentlich überhaupt kein Bock darauf hatte dass ich kommen würde. Ich überlege in der Tat auch sehr lange, ob ich mir das echt antun sollte. Aber die Tatsache dass ich ihn schon ewig nicht mehr gesehen hatte, trieb mich in den besagten Laden.

Mit Herzklopfen kam ich dort an und begegnete meinem Süßen am Eingang. Die Begrüßung  fiel grandios aus. Etwa so, wie man eine entfernte Bekannte begrüßt. Kurz nach mir kam eine gute Freundin von David – die  schon lange ein Auge auf ihn geworfen hatte – und die wurde herzlicher empfangen als ich. Angepisst lies ich die beiden stehen und machte mich auf ins Gewühl. Mein erster Weg führte mich an die Bar, wo ich mir ein Bier bestellte. Ich prostete mir selber zu und trank mir Mut an, um den Abend einigermaßen zu überstehen. So gut es ging wühlte ich mich durch das lustige Partyvolk. Sie alle waren ja so gut drauf und ich befürchtete dass mir jeder ansah, dass ich völlig unglücklich war. Man, wie konnte man nur so bescheuert sein wie ich.

Nach einer guten Stunde wollte ich mir den ganzen Scheiß nicht mehr geben und begab mich zum Ausgang. Etwa in der Mitte traf ich John. Ich freute mich riesig ihn zu sehen und umarmte ihn herzlich. Er fragte mich, wie es denn so mit mir und David läuft. Ich erzählte ihm die grausame Wahrheit. Außerdem meinte ich, dass ich glaube, ich würde David einfach mehr lieben als er mich. John bestätigte mich in meinem Verdacht, was mich nicht gerade erfreute. Außerdem gab er mir den Tipp, mich von David zu trennen. Dann lud er mich zu einem Bier ein. Dieses hatte ich jetzt auch bitter nötig. Aber was hatte ich mir denn von dem Gespräch schon erhofft? John hatte mir nichts anderes gesagt, als ich eh schon wusste oder fühlte. Trotzdem bitter, es so direkt an den Kopf geschmissen zu kriegen.

Als John und ich so an der Bar standen, gesellte sich doch tatsächlich mein gutgelaunter Schatz zu uns. Er vollbrachte ein paar alberne Tanzbewegungen vor uns, streichelte mir kurz über den Arm und sagte: „Ich schau mich mal ein bisschen um.“ Mich fragen, ob ich ihn vielleicht begleiten möchte, nee, das kam ihm nicht in den Sinn. Auch John machte sich vom Acker. Nun war ich wieder alleine und fühlte mich völlig deplaziert. Keine Sekunde länger wollte ich in dem Schuppen bleiben, also ging ich direkt über Los, zog keine 5000 Euro ein und begab mich schnellstmöglich zum Ausgang. Eigentlich wollte ich mich still und heimlich von Dannen schleichen wie ein verwundetes Tier, welches sich in seine Höhle rettet um seine Wunden zu lecken, aber stattdessen lief ich dem Mann meines Herzens direkt in die Arme oder vielmehr in den Kassenbereich. Dort saß er nämlich, fröhlich plaudernd mit seiner guten Freundin Astrid, genannt Aschi. Für mich eher Arschi. Nett, wie die beiden in ihrer Unterhaltung vertieft waren. Ich hob die Hand zum Gruße als David mich erblickte. „Ich geh dann mal jetzt“ rief ich über den Tresen. „Komm gut nach Hause, mein Engel“ rief er über den Tresen zurück. „Ich ruf dich morgen an.“ Tu was du nicht lassen kannst, Arschloch. Und tu vor allem nichts, was ich nicht auch tun würde, dachte ich bei mir. Dass mein Kerl in den frühen Morgenstunden dann doch noch was tat – sich nämlich mit einer wildfremden Frau auf der Tanzfläche abknutschen – erfuhr ich Monate später.      

 

Ich konnte kaum schlafen in dieser Nacht. Tausend Ängste und Gedanken gingen mir durch den Kopf. In was für einem scheiß Spiel war ich gerade nur gefangen. Woran hielt ich fest, an schönen drei Monaten? Und was war mit den Monaten danach, was war mit jetzt? David war nie für mich da. Meine Bedürfnisse stellte ich komplett zurück. Wenn wir mal zusammen waren, verhielten wir uns eher wie Geschwister und nicht wie ein Liebespaar. Knutschen war schon lange nicht mehr drin, Sex nur hin und wieder wenn seine Eier zu voll waren und mal wieder entleert werden mussten, da er sonst einen Samenstau kriegte. Hand in Hand gingen wir auch nicht mehr durch die Welt, und unsere Gespräche drehten sich ausschließlich um Davids Probleme. Was hatte unsere Beziehung noch für einen Sinn? Warum konnte ich das Schlechte nicht loslassen? Die Hoffnung, dass sich noch was ändern würde hatte ich schon längst begraben. Er war einfach unfähig eine Partnerschaft zu führen, warum wollte das bloß nicht in mein Hirn.

 

Der nächste Morgen war grausam. „Love hurts“ schrie mein Herz und das Pokern in meinem Kopf gab den Takt an. Ich versuchte eine kleine Mahlzeit zu mir zu nehmen, die sich aber gleich wieder in die Kloschüssel verabschiedete. Was für ein elender Sonntag. Was für eine elende Beziehung. Auf nichts konnte ich mich konzentrieren und meine Gedanken drehten sich im Kreis. „Verdammt, Kim, du bist 39 Jahre alt und lässt dich von einem 27jährigen Bubi verarschen“ schrie das dämliche Männchen in mir. Nee, so konnte es nicht weitergehen, so nicht! Heute wird Klartext geredet, David. Genau….das wollte ich ihm sagen wenn er anrief. Er wollte doch anrufen, oder? Klar, er wollte anrufen. Nur leider rief er nicht an. Also griff Mutti zum Telefon und probierte 25 Mal den Sausack ans Ohr zu kriegen, was allerdings nicht von Erfolg gekrönt war. Aus lauter Frust griff ich zum Flachmann, der für den Notfall gekauft war und dies war schließlich ein Notfall.
Beim 26sten Versuch ging David endlich ans Telefon und wir verabredeten, dass ich zu ihm kommen sollte. Leicht angetrunken schwang ich mich auf mein Fahrrad und machte mich auf den Weg. Kurz vorm Ziel legte ich noch einen kleinen Zwischenstopp an der Tanke ein, um mir einen weiteren Flachmann zu genehmigen. Betrunkene sagen die Wahrheit, oder wie war das? Nein, eigentlich wollte ich nur meine Zunge etwas lösen, damit mir die passenden Worte für meinen Liebsten wie aus der Pistole geschossen über meine Lippen kommen konnten.

Vor seiner Haustür erschien mir die Idee des Alkoholkonsums gar nicht mehr so toll, denn ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Dieser Umstand beförderte mich auch sofort auf Davids Bett, wo ich mit großer Übelkeit in mir liegen blieb. Mein Gott, so besoffen war ich seit meiner Teenagerzeit nicht mehr. Trotzdem, meine Mission musste ausgeführt werden, und zwar jetzt, hier und sofort. Ich musste einfach wissen woran ich war.

Im Schneidersitz saß David vor mir und hielt einen gewissen Abstand zu mir. Er rauchte eine Selbstgedrehte nach der anderen und war schrecklich nervös. Ich spürte keine Emotion bei ihm, kein Mitleid mit der volltrunkenen Braut. Auch dann nicht, als ich mal eben zum Kotzen aufs Klo verschwinden musste.

„OK, David….was empfindest du noch für mich“ fragte ich mit leicht lallender Stimme. Schweigen auf der gegenüberliegenden Seite. Stattdessen ein dackeliger Blick aus braunen Menschenaugen. Immer noch Schweigen. Dafür aber der Anblick ein paar leicht verzerrter Mundwinkel. „David, was empfindest du für mich?“ „Es tut mir leid Kim, ich liebe dich nicht mehr!“ Wow, was für eine Neuigkeit. Hatte ich es nicht all die Wochen über schon geahnt….es wahrlich im Urin gehabt? Trotzdem tat es wahnsinnig weh, es ausgesprochen zu hören. Aber vielleicht träumte ich das hier alles ja gerade nur. Ach nee, ich war ja betrunken und nicht mehr frau meiner Sinne. Das hatte er eben gar nicht gesagt. Das hatte ich mir nur eingebildet. Mein besoffenes Hirn wollte mir einen Streich spielen. „Ich denke, es ist besser wenn wir uns trennen.“ Mit wem redete David da eigentlich….oder war es der Fernseher?

Trennung…wie jetzt…was jetzt….wer von wem jetzt? Scheiße, wieso konnte ich mich nicht hinsetzen. Wieso kippte ich immer wieder um. Kim, atme mal tief ein und aus, dachte ich bei mir. Sortiere dein Hirn. Geh noch mal kotzen.

 

Nach meinem zweiten unerfreulichen Zusammentreffen mit der Kloschüssel wurde ich langsam wieder etwas nüchtern. Mir wurde bewusst, dass David es echt ernst meinte. Er wollte sich von mir trennen. Nein, er hatte sich gerade von mir getrennt! Wir waren jetzt getrennt! Panik machte sich in mir breit. Natürlich war mir klar, dass ein Ende mit Schrecken besser ist als ein Schrecken ohne Ende, aber ich stellte es mir schrecklich OHNE IHN vor.
Ich flehte David an, es sich noch einmal zu überlegen. Uns noch eine Chance zu geben. Doch er blieb bei seiner Meinung, setzte sogar noch einen oben drauf und meinte, dass er nicht mehr weiß, ob er überhaupt jemals in mich verliebt gewesen sei. Als Mensch würde er mich natürlich lieben, denn ich wäre ja der tollste Mensch der Welt. (ein erneuter Brechreiz machte sich bemerkbar)

Nach diesem Faustschlag ins Gesicht wollte ich nur noch weg….raus aus seiner Wohnung…weg von ihm. Natürlich ließ er mich auch gehen. War wahrscheinlich sogar froh, dass er es endlich hinter sich gebracht hatte. Seine Mission war nun erfüllt.

 

 

 

Wochen nach den drei Wochen…
Den Kontakt zu David stellte ich konsequent ein. Zwei Monate später allerdings meldete er sich reumütig per SMS bei mir. Er hätte einen schrecklichen Fehler gemacht und würde mich so sehr vermissen. Außerdem war und bin ich die Frau seines Lebens und er möchte mich unbedingt zurück. Die Welt wollte er mir von nun an zu Füssen legen und ich sollte mich doch bitte ganz schnell bei ihm melden.

 

 
Natürlich hab ich schnell geantwortet, konnte gar nicht so schnell tippen.
Was ich geantwortet habe?

 

Verpiss dich, David!

Hallo liebe Leser!

"Männerdiät" gehört eigentlich nicht unbedingt in die Kategorie Kurzgeschichten, wie Ihr sicherlich auch schon festgestellt habt.
Der Text wäre eher was für eine Kolumne, trotzdem wollte ich ihn hier gerne veröffentlichen.
Natürlich interessiert mich Eure Meinung dazu :-)

Liebe Grüsse
Nicole
Nicole Morgenstern, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.10.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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