Harald Haider

Wenn Rosen verwelken - 8.ENTSCHEIDUNGEN

8.ENTSCHEIDUNGEN
 
 
Rückblende; DONNERSTAG, 24. Mai 2001 - gegen 2:30 morgens
 
Blut, überall Blut. Der schwarze Trenchcoat des Besuchers, besonders an den Seitentaschen, war übersät von dunklen Flecken. Der Arzt vermutete das Schlimmste. Und er ahnte, dass es nicht Sylkas eigenes Blut sein konnte. Sylka… Wie konnte es sein, dass ein vermeintlich toter Mann äußerst lebendig auf seinem Bürosessel saß und ihn eindringend und unentwegt anstarrte? Steve Conroy konnte keinen reinen Gedanken fassen. Warum bist du nicht einfach abgehauen, als du noch Gelegenheit dazu gehabt hast? Eine Riesenwut auf sich selbst brodelte in ihm. Es wäre keine Schande gewesen, das Weite zu suchen. Wenn er diese Situation so durchdachte, hätte es keine bessere Lösung gegeben. Doch nun stand er da, starrte auf seinen ungeladenen Gast zurück und schluckte. Was wollte Sylka hier? Bei was sollte er ihm helfen? Zugegeben, ganz bei Sinnen und in guten Zustand sah sein ehemaliger Patient nicht aus, aber das war schon ein normales Erscheinungsbild bei seinen Sitzungen gewesen. Auf die langjährigen Gesprächstherapien zurückdenkend musste sich der Psychiater eines eingestehen: er hatte sich neben Paul Sylka nie wohl gefühlt. Bei jedem Termin hatte sich eine unheimliche Atmosphäre im Therapiezimmer gebildet, dieser Mann hatte so etwas… man konnte es kaum beschreiben. Nur so viel stand für Conroy fest: als er vor einem knappen halben Jahr erfahren hat, dass Sylka bei einem Brand ums Leben gekommen sei, war er anfangs zwar erschrocken, doch in seinem Unterbewusstsein teils erleichtert keine Sitzung mehr mit ihm abhalten zu müssen. Einerseits war er immer stark fasziniert vom Patienten Paul Sylka gewesen, da er immer so etwas Geheimnisvolles, Tiefgründiges ausstrahlte, doch mit ihm allein in einem Raum zu sein, kostete sogar für einen abgehärteten Arzt wie Conroy immer eine gewisse Überwindung. Er hatte schon so viele Patienten behandelt, doch kaum einer war ihm so im Gedächtnis geblieben wie ER. Wie Paul Sylka. Es hatte zwar Personen betreut, die einiges anstrengender und nervenaufreibender als ER sein konnten, doch bei keinem war Conroy einerseits so unglücklich und froh zugleich eine Sitzung abzuschließen wie mit ihm. Steve hätte gerne mehr von Sylkas Gedanken erfahren wollen, doch oft musste er sich mit einer kein Wörtchen sagenden Gestalt konfrontiert sehen. Und auch wenn die Verlockung die geheime Seite des Paul Sylka entdecken zu können sehr groß gewesen war, so konnte er keinen längeren Zeitraum mit ihm in einem Zimmer verbringen. Dieser Sylka hatte so etwas Erdrückendes. Neben ihm fühlte man sich immer unsicher, zweifelte am Guten im Menschen. Zwar war sich Dr. Steve Conroy sicher, dass dieser Mann in seinem schwarzen Trenchcoat auch einen weichen Kern hatte, doch der war anscheinend schon so sehr zugewachsen um noch irgendetwas davon zu offenbaren. Und das machte den Arzt wahnsinnig. Ruhig, Steve, ruhig! Du musst dich wieder in den Griff bekommen, klar nachdenken. Es musste schon seinen guten Grund haben, warum Sylka um zwei Uhr nachts in seine Villa eingebrochen ist und nun Hilfe erwartete. Doch gerade das machte Conroy Angst. Er wollte es gar nicht wissen. Mit Angstperlen auf seiner Stirn blickte er ein weiteres Mal auf die verdächtigen und viel sagenden Flecken. Ihm wurde dabei wieder kurz schwarz vor den Augen. Er hielt es nicht mehr länger aus. „Was wollen Sie hier? Wobei soll ich ihnen helfen, Paul? Wobei?“ Conroy erschreckte die Tatsache, dass seine Stimme so extrem schrill und verzweifelt klang. Der Versuch so ruhig wie möglich zu bleiben, war ziemlich misslungen. Der Überraschungsgast blickte den Arzt an, als ob der in einer fremden und unverständlichen Sprache gesprochen hätte. Langsam glitt sein Blick abwärts. „Dr. Conroy, was ist denn mit ihnen los?“ Und dann erst wurde es Conroy bewusst, spürte erstmals wirklich die klebrige warme Flüssigkeit an seinem linken Bein. Er richtete seine Augen unglaubwürdig auf die besagte Stelle und musste schockiert mit ansehen, wie sein Urin am unteren Ende des Hosenbeins herauslief und den Pantoffel an seinen Fuß klitschnass werden ließ. Die Seidenhose klebte ungemütlich an seinem Bein. Oh Gott! Er hatte sich vor Angst in die Hose gemacht. Der Arzt war fassungslos. Am liebsten hätte er auf der Stelle zu Heulen begonnen.
Tränen der Scham sammelten sich in seinen Augen. Nein, Steve, bleib stark! Sei ein Mann und blicke entschlossen zu deinem Gast! Noch einmal nahm sich der Arzt zusammen und überlegte sich, wie er weiter vorgehen sollte. „Nichts, Paul, nichts. Das ist nur ein kleines Missgeschick. Die Frage ist: Was ist denn mit IHNEN los? Sagen Sie mir nun endlich, was ich für sie tun kann und was so wichtig ist, um mich mitten in der Nacht aus dem Bett zu reißen. Paul, was ist passiert?“ Conroy war stolz auf sich. Während den letzten Sätzen klang er schon wieder etwas mutiger, stärker. Vermutlich war es wirklich die beste Idee gewesen, Sylka mit harten Gegenfragen zu konfrontieren. Er wirkte tatsächlich etwas überrascht, doch war er so entschlossen, seine Mission weiterzuführen, sodass er keine Schwächen, auch wenn es nur kleine und bedeutungslose waren, zeigen durfte. „Was passiert ist…? Ich bin weiter auf der Suche nach meiner Rose…und da brauche ich keinen von meinen Scheiß Anfällen…Verdammt!“ Steve Conroy’s Körper zuckte bei Sylkas hysterischer und völlig irrer Stimme zusammen. Und da klickte es beim Psychiater. Rose…Blut…Sylka…der Anruf vor ein paar Tagen…oh mein Gott! Dieser Inspektor von der Polizei hatte recht gehabt! Das hieß, Paul Sylka war der Rosenmörder…nein, nein, nein! Mit einem klirrenden Geräusch schlug der Kerzenständer auf dem Teppichboden auf und rollte zur Seite. Conroy konnte es nicht fassen. „Warum, Paul, warum?“ Die Stimme des Arztes klang jetzt leiser und piepsender denn je. Fassungslos blickte er den Eindringling an. Er hatte Sylka zwar einiges zugetraut, aber ein Serienmörder zu sein…niemals! Langsam ging der Arzt auf ihn zu, der von seinem eigenen Urin feuchte Pantoffel gab dabei ein unangenehmes klatschendes Geräusch von sich. Conroy versuchte so gefasst wie möglich zu wirken. Paul Sylka wusste, welchen Verdacht der Arzt nun gehegt hatte. Er sah die Furcht in seinen Augen. Gerade musste er sich sicher vorstellen, wie die Mädchen gelitten haben müssen, als er sich an ihnen vergangen hat. Wie die Angst immer größer wurde, als er mit dem Jagdmesser tief in ihre Herzen gestochen und dann einfach so sterben gelassen hat. Jetzt war sich Sylka nicht mehr so sicher, ob ihm dieser Mann noch einmal helfen konnte. Doch er musste es versuchen. Nur mit klaren Gedanken ließ sich sein Weg weiter gehen.
Knapp einen halben Meter von Sylka entfernt blieb der Arzt stehen. Es bildete sich leichter Angstschweiß auf der schon etwas kahlen Stirn des Psychiaters. Jede Sekunde, in der er den Mann ihm gegenüber anschauen musste, war eine Sekunde zuviel. Am liebsten hätte er sich von ihm weggedreht, doch war seine Angst nun schon so groß, sodass er sich nicht traute den Blick von diesem unberechenbaren Menschen zu wenden. Die Augenlider des Arztes zitterten, das Keuchen aus seinem Mund wirkte unregelmäßig und seine Statur war leicht gebückt, wie um Gnade bettelnd. Jeder Versuch, stark zu wirken, war zum Scheitern verurteilt gewesen. Bei anderen Klienten in seiner Praxis wäre so etwas nie passiert, auch wenn er es auch einmal mit Mördern zu tun gehabt hat, doch da war er an seinem Arbeitsplatz, wo Dutzende von Kollegen in der Nähe wären und ihm helfen könnten, wenn während den Sitzungen die Lage eskalieren würde. Doch jetzt war er nicht in seiner Praxis, sondern bei ihm zu Hause. Es war kein Tag voller Sonnenschein, sondern tiefschwarze Nacht. Er war allein mit einem kaltblütigen Mörder und auch wenn er es versucht hatte, mit dieser Tatsache umzugehen, Dr. Steve Conroy hat es nicht geschafft. Er fand es sehr erschreckend, wie jeder Versuch, nachdem er Zuversicht und Kontrolle gegeben hat, gleich wieder an der bösartigen Ausstrahlung dieses Paul Sylkas abprahlte. Der Arzt wusste, heute würde er ihm nicht helfen können. In dieser Nacht konnte er sich nicht einmal selbst noch helfen. Er wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Wäre ich nur abgehauen. Wieder und wieder pochte dieser Gedanke in seinem Kopf. Weil ich unbedingt den ruhigen und kontrollierten Psychiater raushängen lassen wollte. Und da merkte er, wie verletzlich die menschliche Psyche wirklich ist und das man noch so viel Erfahrung in einer Sache haben kann und trotzdem immer wieder mit etwas konfrontiert wird, mit dem man nicht gefasst ist. Der Mensch kann schlecht mit solchen Wendungen umgehen. Weder er verfällt in Panik und Hektik oder spielt die Angelegenheit runter und tut so, als ob alles nicht so dramatisch wäre als man denkt. Beide Varianten brachten meist folgendes Ergebnis: man scheiterte. Man konnte solche Situationen nur meistern, wenn man die Lage gefasst analysierte und die weitere Vorgehensweise genau überlegt. Auch Dr. Conroy hatte diese Taktik vorgehabt, als er die Treppen herunter geschlichen war. Das Problem bestand darin, dass man kaum Zeit genug hat die Sache abzuschätzen, man einfach spontan entscheiden musste. Hopp oder Trop! So war das Leben. Es hielt für alle so viele Überraschungen bereit, gute wie schlechte. Auf manche würde man liebend gerne verzichten, andere dafür nicht missen. Was den heutigen Tag betraf, würde Conroy ersteres wählen. Als er vor seiner Bürotür gestanden hatte mit seinem Kerzenständer in der Hand war er auf alles gefasst gewesen: auf einen Einbrecher…oder die Nachbarskatze. Doch auf eines war er einfach nicht gefasst gewesen: auf Paul Sylka. So wie er nie auf ihn gefasst gewesen war. Er hatte zwei Möglichkeiten gehabt. Weder er stellte sich der Gefahr oder er rennt davor davon. Conroy hatte die falsche Entscheidung gefällt. Der Arzt war im Haus geblieben. Warum? Warum nur bin ich so blöd gewesen? Schuldgefühle fraßen sich immer tiefe in seine Seele rein. Nein, er hielt es nicht mehr aus. „I-i-i-ich m-m-muss schnell a-a-auf d-die T-Toilette…“ Wie ferngesteuert wandte sich der Psychiater von seinem Gast ab und ging aus dem Zimmer und verschwand am dunklen Gang. Sich nach rechts wendend wollte er gerade weitergehen, als der Mann im schwarzen Trenchcoat ihm etwas hinterher rief: „Die Toilette ist links, Doc, wenn sie’s schon vergessen haben. Rechts geht es nur zur Haustür…“ Dr. Conroy verharrte mitten im Schritt. Zitternd brachte er nur ein „Ja, danke…“ heraus, drehte um und nahm die andere Richtung. Sylka blickte ihm verwundert nach, blieb aber an seinem Platz. Angestrengt spitzte er seine Ohren und lauschte.
 
Schnell, Steve, schnell! Mit unsicheren Schritten wankte der Mann über die teuren Teppiche hinüber zur Toilette. Geschwind schloss er hinter sich die Tür und sank zu Boden. So ein Mist! Er hat sich im Haus umgesehen, kannte vermutlich alle Räume. Seinen Versuch, seine Villa doch verlassen zu können, hat er leichtfertig vernichtet. Klar, Conroy hätte gleich am Gang zu Laufen beginnen können, doch seine Beine fühlten sich so schwer an, dass er kaum die Kraft gehabt hätte, diesen Schritt zu wagen. Psychisch und physisch war er Sylka momentan unterlegen, so irr das sich anhören mochte. Sicher war er mir gefolgt und wartete schon vor der Tür auf mich. Conroys Blick fiel auf das kleine Fenster im Zimmer, durch das ein bisschen das Mondlicht schien. Er blieb in der Dunkelheit sitzen und kam zu dem Entschluss, nicht mehr zu Sylka zurück zu gehen. Ohne aufzustehen schlich er zum Fenster hinüber, stellte sich auf die Zehenspitzen und öffnete es so leise es ging. Trotzdem gab der Rahmen beim Öffnen ein Knarren von sich. Psst! Mist! Wenn ER vor der Tür stand, hatte er das sicher gehört. Obwohl das Fenster ziemlich klein war, versuchte Conroy trotzdem hindurchzuklettern. Doch er brauchte etwas zum Hinaufstellen. Leider war in diesem Raum nichts außer einer Toilette und einem Waschbecken. Und aus ein paar Rollen Toilettenpapier ließ sich leider Gottes auch kein brauchbarer Untersatz basteln. Vielleicht konnte er trotzdem rausklettern. Der Arzt zog seine Pantoffeln aus und fing an barfuss auf dem kalten Fliesenboden zu hüpfen. Er versuchte sich beim Rahmen festzuhalten und sich dann hinaufzuziehen. Mit aller Kraft probierte er seinen Körper in die Höhe zu stemmen, doch fiel zwei Mal unsanft zu Boden. Beim zweiten Mal kam er so unglücklich auf den Fliesen auf, dass er unter seinem Gewicht umknickte und sich dabei den rechten Knöchel verletzte. Mit schmerzverzerrten Gesicht stand er auf und hinkte herum, den ersten Schmerz abklingen lassend, bis er einen weiteren Versuch wagen würde. Da er unter großem Zeitdruck war, hielt er nicht lange aus und sprang erneut in die Höhe. Dieses Mal krallte er sich förmlich an der Öffnung fest. So hing er knapp zwanzig Zentimeter in der Luft, ein kühler Wind füllte den Raum. Die Augen vor Schmerz und Anstrengung fest zusammengedrückt machte sich Steve Conroy bereit. Noch einmal nahm er alle Kräfte zusammen und schaffte es tatsächlich sich über den Rahmen zu ziehen. Nun war er mit dem Oberkörper schon ganz im Freien. So schnell er konnte, schätzte der Arzt die Höhe ab. Nur knapp zwei Meter trennten ihn und die Wiese voneinander. Mit einem letzten Stoss ließ er sich ins weiche Gras hinausfallen. Mit einem dumpfen Geräusch prallte er auf dem Boden auf. Leicht benommen realisierte er, dass er es tatsächlich geschafft hatte. Er war getürmt. Erleichterung machte sich bei Conroy breit. Nach einer kurzen Verschnaufpause rappelte sich der Arzt auf und stellte erst jetzt richtig fest, wie schwerwiegend seine Verletzung sein musste. Sein Knöchel war bereits dick angeschwollen und jedes festes Auftreten tat höllisch weh. Steve, gleich hast du es geschafft! Nur noch knappe fünfzig Meter bis zum Nachbarhaus. Obwohl er die alten Whitmores und ihre Katze nie besonders leiden konnte, war er nie glücklicher darüber, sie in der sonst einsamen Nachbarschaft zu haben. Benjamin Whitmore war ein alter Veteran und immer, wenn er den Arzt kurz antraf, dann hörte dieser haarsträubende Geschichten aus dem zweiten Weltkrieg. Der 86-jährige Pensionist hatte außer seiner neun Jahre jüngeren Ehefrau keinen anderen zu quatschen und so nützte er jede Gelegenheit aus, jemanden seine unvergesslichen Erlebnisse an der Front zu erzählen. Ansonsten würde er nur vor sich her sinnieren und die in seinen Glatzkopf eingebrannten Bilder selber verarbeiten müssen. Die Frau, Marie Sophie Whitmore, hatte Conroy schon länger nicht mehr gesehen. Meistens saß sie vor dem Fernseher und ließ sich von sinnlosen Werbesendungen und ähnlichem berieseln. Die Erlebnisse ihres Mannes während des Krieges hat sie sich schon so oft anhören müssen, sodass sie sie kaum mehr hören konnte. Oft ignorierte sie einfach Benjamin, der daraufhin meistens trotzig das Zimmer Richtung Vorgarten verließ, nach anderen ‚Opfern’ Ausschau haltend. Oft lag dann ‚Willie’, der alte Kater, faul neben ihm und ließ sich von ihm kraulen. Obwohl er nicht gerade wenig auf die Waage brachte, war er unwahrscheinlich flink, wenn er etwas zum Fressen wahrnahm, egal ob es eine Dose Katzenfutter oder eine kleine schmackhafte Maus war. Dr. Steve Conroy fand dieses Verhalten echt faszinierend und musste oft schmunzeln, wenn er den sonst oft ziemlich behäbigen Kater plötzlich wie von einer Tarantel gestochen ins Haus flitzen sah, wenn Frauchen wieder einmal etwas Leckeres in den Teller gegeben hatte. Ja, Mrs. Whitmore war scheinbar nur noch zu ihrem Haustier so etwas wie nett, zwischen ihr und Benjamin flogen oft die Fetzen, nicht nur wegen seinen nervenden Geschichten. Er tat dem Arzt sowieso leid, da er mit Marie Sophie keine gute Wahl getroffen hatte. Sie konnte noch um einiges nervender sein als alle von seinen Erzählungen zusammen, aber Conroy konnte auf beides getrost verzichten. Er war in all den Jahren ihnen so gut es ging ausgewichen, und das hat er für die richtige Entscheidung gehalten. Aber nun, nur dieses eine Mal, sollten sie ihm helfen, mussten ihn in ihr Haus lassen.Langsam humpelte der Mann durchs Grün, leise vor sich fluchend. Doch er hatte seinen Überlebensgeist wieder aktiviert. Er wusste, wenn er bei Paul Sylka geblieben wäre, hätte er den Sonnenaufgang wohl nicht mehr erlebt. Steve Conroy würde ihn auch nicht mehr erleben. Doch das konnte der arme Mann nicht wissen. Tapfer nahm er den Weg hinüber zum Grundstück der Whitmores in Angriff. Bei jedem Schritt zuckten seine Füße unter den Schmerzen zusammen. Er musste es schaffen. Doch seine letzte Hoffnung verschwand sogleich und wechselte in blankes Entsetzen hinüber. Knapp hinter ihm ertönte eine gereizte Stimme. „Doktor, Doktor. Was soll denn das? Einfach von ihrer Arbeit abhauen…“ Paul Sylka musste keinen Meter von ihm entfernt stehen. Mit seiner Knöchelverletzung, da war sich der Arzt sicher, konnte er nie entkommen. Er hatte es gewusst. Es wäre auch zuviel verlangt gewesen, dass er, Steve Conroy, ohne Probleme fliehen konnte. Egal, wie es Sylka bemerkt hatte, es war nun sowieso alles vorbei. Mit einem letzten Aufbäumen versuchte Conroy schneller vorwärts zu humpeln, irgendwie doch das rettende Ufer erreichen zu können. Aber der Haifisch in Gestalt des Serienmörders war dicht hinter ihm. Er konnte seinen kalten Atem auf seinem Nacken spüren. Ja, keine zwanzig Meter mehr. Der Arzt musste die Zähne bei jeder Bewegung fest zusammenbeißen, an ein gutes Ende dieser Nacht glauben. Ein harter Tritt gegen die wunde Stelle ließ ihn laut aufschreien. Conroy fiel ins Gras und hielt sich seinen Knöchel. Scheiße! Du verdammter Mistkerl! Sylka beugte sich über den Arzt, nahm seine Arme und zog in zurück zum Haus. Vor Angst unfähig um Hilfe zu schreien, musste Conroy mit ansehen, wie der Abstand zum Grundstück der Whitmores immer größer wurde.„Lassen Sie mich los. Paul! Ich kann und will Ihnen nicht helfen. Tut mir leid! Bitte lassen Sie mich in Ruhe! Bitte…“Doch Sylka ließ sich von seiner flehenden Stimme nicht beirren und packte ihn stattdessen fest um die Taille. „Stehen Sie gefälligst auf und kommen zurück ins Haus. Sie helfen mir….ja, sie werden mir helfen. Weil sonst…“ Der Mann im schwarzen Trenchcoat drängte den verletzten Mann zur Haustür hinein und schloss hinter ihnen fest die Tür. „So, zurück an die Arbeit, Doktor!“ Grob stieß er Conroy zurück ins Bürozimmer und ließ ihn in den Bürosessel fallen. Mit einem tiefen Grunzen jammerte der Arzt vor sich hin. Er war so weit gekommen und doch so brutal gescheitert! Der Knöchel pochte und pochte. Er hielt die Schmerzen nicht mehr aus, doch noch mehr nagte die Todesangst an ihm. So wütend hatte er Sylka in den ganzen Jahren noch nie erlebt. „So, helfen Sie mir gefälligst, diese scheiß Anfälle in den Griff zu bekommen, Dr. Conroy!“ „I-i-ich k-kann n-nicht, Paul!“ Verzweifelt ließ er seinen Blick vom Mann mit dem schwarzen Trenchcoat sinken und starrte stattdessen zu Boden. Er schämte sich für sein Verhalten, doch konnte er nichts mehr dagegen machen. Die Panik hat die Oberhand über ihn gewonnen, nun war alles zu spät. Er hatte seine Chance nicht nützen können. Jetzt war auch das Hintertürchen, durch das er sich noch retten können hätte, fest verschlossen. Game over! Conroy, du hast verloren! „Was heißt das, Sie können mir nicht helfen…wenn ich sage, Sie helfen mir, dann tun Sie’s gefälligst! Verstanden?“ Sylkas Gesicht färbte sich dunkelrot vor Wut, seine Stimme wurde immer schriller und wütender. Das war zuviel für Conroy. Die Tränen kamen über ihn und zwangen ihn zum Heulen. Er hatte es versucht zu unterdrücken, doch in so einer aussichtslosen Lage war es dem Arzt schon egal. Nun ließ er seinen Ängsten freien Lauf. Es war ihm nichts mehr peinlich. Das waren seine momentanen Gefühle, so beschissen sie auch waren. „Hören Sie verdammt auf damit!“ Sylka war erzürnt über diesen Gefühlsausbruch. „Sie helfen mir jetzt, oder…“ „…o-oder w-w-was…“ Conroy selbst war am meisten über diese kecke Antwort von ihm überrascht. Und gleichzeitig wusste er, dass er damit endgültig sein Todesurteil eingeläutet hat. Was dann geschah, ging so schnell, dass Dr. Steve Conroy es überhaupt richtig mitbekam. Das Letzte, was er richtig spürte, war das Jagdmesser, welches Sylka ihm voller rasender Wut ins Herz bohrte. Dann herrschte nur noch Dunkelheit und Stille.
 
kurz vor 8:45 
 
„Und es gibt wirklich keinen Zweifel?“ Inspektor Dumont schaute den Gerichtsmediziner hoffnungsvoll an. Mit großer Wahrscheinlichkeit war sein Verdacht richtig gewesen. Kein Wunder, dass sie Ramon Hernandez bisher nicht auffinden konnten. „Nein, kein Zweifel. Ein Goldzahn verriet endgültig die Identität des Mannes. Mr. Dumont, Kompliment. Gut kombiniert. Aber trotzdem hätte ich eine Frage…wie kam Ramon Hernandez’ Leiche in Paul Sylkas Grab?“ „ja, über diese Frage zermartere ich mir schon die letzten Minuten den Kopf. Doch dieses Wie scheint momentan sowieso zweitrangig. Wir können jetzt mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass dieser Sylka doch noch lebt und er für die Morde verantwortlich war. Und das heißt, wir können jetzt eine richtige Fahndung einleiten. Das Problem ist nur, dass wir noch immer nicht genau wissen, wie dieser Mistkerl aussieht. Kein Foto von ihm aufzutreiben, kein Computer der Polizei beinhaltet eine Aufnahme, obwohl es mehrere davon geben sollte. Aber wir sind wenigstens schon ein Stückchen weiter…“ „Haben Sie schon bei den Arbeitsstellen von Sylka nachgefragt. Vielleicht konnte es dieser Typ irgendwie schaffen, alle Fotos auf den Festplatten zu entfernen, doch es könnte ja sein, dass noch irgendwo ein Bild von ihm umherliegt.“ Dr. Patterson sah den Ermittler hilfsbereit an. Ihm selber ging dieser Fall ziemlich nahe. Obwohl er doch schon einige Leichen untersuchen müssen hat, war er noch nie mit einer solchen Kaltblütigkeit wie in diesen Mordfällen konfrontiert worden. Irgendwie hoffte er, dass sein Ratschlag Dumont helfen würde. Und er sollte es schließlich auch. „Eine gute Idee, Doktor. Werde sofort Warwick damit beauftragen. Wenn wir Glück haben, können wir wirklich bald ein echtes Fahndungsfoto vorweisen können. Mit seinem Handy verließ er kurz den Untersuchungsraum und kam kurz darauf wieder herein. „So, jetzt zeigen Sie mir die Leiche des Polizisten…“ „Sicher, kommen Sie!“
 
Was kann ich nur tun? Einfach herumsitzen hilft auch nicht. Diana Hawkins ließ ihren Blick Richtung Wohnzimmercouch schweifen, auf dem ein Polizist Platz genommen hatte und gerade frischen Orangensaft trank. Vor der Wohnungstür war ein zweiter in Wachposition. Und auch wenn sie jetzt nicht mehr alleine war, fühlte sich Diana trotzdem nicht richtig wohl. Sie wollte nicht einfach warten, was sich entwickeln würde. Unruhig lief sie zwischen den Räumen auf und ab. Wegen ihrer Nervosität waren schon alle ihre Fingernägel angekaut worden. Sie hielt es nicht aus, so tatenlos herumzuschleichen. Denk’ nach, Diana, denk’ nach! Was könnte sie zur schnellen Ermittlung mithelfen? Und dann schoss es ihr ein. Warum war sie denn nicht schon viel früher darauf gekommen? Voller neuer Hoffnung suchte sie schnell ihr Handy. Es gab etwas Wichtiges zu tun.
 
Andre Dumont musste tief durchatmen, nachdem er den toten Körper von Peter Jenkins mit allen Einzelheiten erklärt bekommen hat. Dieser Kerl musste einen echt grässlichen Todeskampf geführt haben. Wenigstens hatte es Warwick in Rekordzeit geschafft, mit ‚CHEVROLET TEXAS’, der letzten Arbeitsstelle von Sylka, Kontakt aufzunehmen und tatsächlich ein Foto von ihm auftreiben können. Es gab zwar kein Einzelbild von ihm mehr, obwohl der Leiter der Firma geglaubt hat, auch solche Exemplare zu besitzen, doch auf einem Gruppenfoto der Angestellten ist er gut zu erkennen. Der Mann ließ die Aufnahme gerade ins Revier faxen. Endlich ein echter Fortschritt. Nun konnte die Fahndung endlich erfolgen. Leider wusste er trotzdem noch immer nicht, wo sie zu suchen beginnen sollten. Nur eines war ihm klar: es musste schnell voran gehen. Diana war in höchster Gefahr. Mit einem festen Handschlag verabschiedete er sich von Dr. Patterson und wanderte den kühlen Gang hinunter Richtung Ausgang. Als er das Gebäude verließ, blendete ihn die aufgehende Sommersonne. Es würde ein verdammt warmer Tag werden. Der Inspektor setzte sich in sein Auto und wollte gerade das Fahrzeug in Gang bringen, als sein Handy zu piepsen begann. Ein Blick auf dem Display entnahm er, dass es Diana war. Irgendetwas wollte sie ihm dringend mitteilen.
 
„So, dann gehen wir’s an!“ Mit den wie üblich flinken Fingerbewegungen wurde auf der Tastatur herumgeschlagen. Andre konnte ihren Befehlen gar nicht folgen, so schnell und präzise gab sie Diana Hawkins in den Polizeicomputer ein. Einer der Beamten, die sie beschützten, fuhr sie zum Revier, wo sie dann mit Andre zusammentraf. Sie hatte in den ganzen Momenten der Angst und den Gefühlsschwankungen total auf das Wesentliche vergessen, nämlich das der Mörder zwar ein angst einflössendes Mail geschickt hat, doch trotzdem einen Fehler begangen hat. Nun ließ sich herausfinden, von wo er die Nachricht gesendet hat. Die erste Kontrolle gab Diana echte Hoffnung, bald diesen Sylka fassen zu können. Nämlich die IP - Adresse dieses Mails war eine ganz andere als bei den Mails, die Susan Thompson von ihm bekommen hatte. Das hieß, dass dieser Brief nicht vom ‚Cool Spirit’ aus geschrieben worden war. Dieses Mal war es eine Privatadresse. Scheinbar hatte dieser Schweinehund das erste Mal einen groben Fehler begangen. Nun hatten die Ermittler eine wirklich große Chance, den Täter zu schnappen. „Okay, das Mail ist von einem Computer mit einem 56k-Modem gesendet worden. Das kann ich an der Nummer erkennen. Außerdem befindet sich dieser Server wieder in Arlington selbst. Nun checke ich seine E-Mail-Adresse. Schließlich musste er beim Anmelden Name und Adresse angeben. Auch wenn ich glaube, dass er nicht die echten Daten verraten hat. Trotzdem machte sich Diana weiter an die Arbeit und konnte schon wenige Minuten später das Ergebnis vorweisen. „Also, Andre, seine gemeldete Adresse lautet: Brownwood Hills 56. Außerdem hat er sich unter dem Namen ‚Ramon Hernandez’ registriert. Ein echt gerissener Kerl!“ „Danke, Diana!“ Dumont gab seiner Freundin einen sanften Kuss auf ihre Lippen. Er strich ihr verliebt durch ihr Haar und verließ dann ihr Büro auf dem Weg zu Direktor Payton. Jetzt würde der große Gegenangriff gestartet werden. Doch Andre sollte gleich wieder mit einem aktuellen Ereignis konfrontiert werden. Gerade war Payton über den Tod von Dr. Steve Gerome Conroy informiert worden.
 
Wie konnte es nur soweit kommen? Wie? Der Mann im schwarzen Trenchcoat rannte verwirrt durch seine Behausung, konnte die frühsten Erlebnisse einfach nicht aus seinem Kopf verdrängen. Mit Conroy hat er den wohl einzigen Menschen, der ihn unterstützen können hätte, umgebracht. Nein, er hätte mir nicht geholfen, er konnte es nicht, das hat er selber gesagt. Darum ist es allein seine Schuld! Er wollte es so haben! Bildfetzen rasten durch seinen Kopf. Wie er erst zum Einstechen aufgehört hat, als der Schlafanzug des Arztes schon so rot war, sodass man die eigentliche Farbe nicht mehr erkennen konnte. Wie er wieder hysterisch zu lachen begonnen hat. Wie er den blutigen Körper des Psychiaters einfach im Bürosessel liegen ließ und mit seinem Wagen das Weite gesucht hat. Hätte er ihm einfach seine Bitte erfüllt, alles wäre gut geworden, doch nun war es sowieso schon egal. Sylka musste stark sein, es hing viel davon ab. Verdammt viel stand auf dem Spiel, Diana wartete sicher schon darauf zu seiner Rose zu werden. Er musste die nächsten Schritte nun konsequenter und vorsichtiger angehen. Nur so konnte er sie bald in seine Arme schließen. Nun was seine gelegentlichen Anfälle anging: er musste sie unterdrücken, solange, bis er mit seiner Mission erfolgreich war. Wenn ihm schon keiner helfen wollte, dann musste er sich halt wieder selbst helfen. Wie schon immer in seinem so beschissenen Leben. Dr. Conroy zurücklassend, wandte sich Paul Sylka wieder anderen Gedanken zu, wichtigeren Dingen. Er war sich sicher, dass die clevere Polizistin schon herausgefunden hatte, von wo er ihr das Mail geschickt hatte. So konnte es nur noch wenige Stunden dauern, bis eine Spezialeinheit die Zimmer rund um ihn stürmen würden. Doch es war sowieso schon alles für einen Ortswechsel vorbereitet. Auf der anderen Seite der Stadt hat er schon ein neues gemütliches Plätzchen ausgemacht, in dem er weiter seinen Interessen nachgehen konnte. Jetzt ging es nur noch darum alles für den heutigen Tag vorzubereiten. An diesem schönen Donnerstag könnte er endlich Diana beehren und dann würde sie ihm endlich gehören. Aber vor dem Vergnügen musste er noch etwas Wichtiges erledigen. Mit einem nichts Gutes verheißendem Grinsen wandte sich Sylka einem großen Karton zu, dessen Inhalt er zufrieden begutachtete. Heute würde ein verdammt heißer Tag werden, da war er sich sicher.
 
„Das ist Paul Sylka! So sieht der Mistkerl aus, mit dem wir es hier zu tun haben!“ Director Edward Payton reichte Andre das Fax, welches er wenige Minuten zuvor bekommen hatte. Als Briefkopf stand in geschwungenen Lettern der Name der Firma, ‚Chevrolet Texas’. Darunter war ein großes Gruppenfoto von mehr als vierzig Arbeitern zu sehen. Mit einem roten Stift hatte der Firmenleiter die Person eingekreist, welche die Polizei vorwiegend interessierte. Paul Sylka stand in der dritten Reihe, hatte geschickt versucht, sein Gesicht so gut es ging, hinter seinem Vordermann verstecken zu können, doch dieses Unterfangen war ihm mehr oder weniger missglückt. Der gesamte Kopf war gut zu erkennen. Das bist du also! Du verdammte Schweinehund! Dumont spürte einen großen Ekel vor der markierten Gestalt auf der Aufnahme. Paul Sylka war ein wirklich unattraktiver Typ, hatte eine halbe Glatze und ein extrem blasses Gesicht. Starke Augenringe machten sein Aussehen noch unangenehmerer. Schwulstige Lippen, unreine Haut und Fliegerohren bildeten den Rest. Doch das Detail, welches Dumont am meisten frösteln ließ, obwohl es schon am frühen Vormittag warme 23o Celsius auf dem Thermometer anzeigte, waren Sylkas Augen. Besser gesagt, das Dunkle, das Böse darin. Obwohl es sich nur um ein Foto handelte, konnte der Inspektor das Grausame, Unberechenbare in diesem Mann sehen. Diese dunklen Pupillen, die wie Löcher aussahen. Langsam gab er den Zettel wieder retour an seinen Chef, nach immer einer leichten Gänsehaut verspürend. „Und dieser Mann hat vermutlich schon wieder zugeschlagen!“ „Was?“ Dumont konnte es nicht fassen. Langsam geriet diese ganze Sache für Sylka außer Kontrolle. Die Leichen häuften sich mit jeder Sekunde, in deren die Ermittler nicht weiter kamen. „Wer…?“ Doch Andre wollte es gar nicht wissen. Schockiert malte er sich schon ein armes Mädchen aus, welches arg zugerichtet irgendwo lag, mit einer Rose auf dem nicht mehr schlagendem Herz. „Bei dem Opfer handelt es sich um einen gewissen Dr. Steve Conroy. Der gesuchte Wagen wurde vor seiner Villa gesehen, genau zur Tatzeit.“ Den letzten Teil hatte der Inspektor gar nicht mehr mitbekommen. „Dr. Steve Gerome Conroy?“ „Ja, kennen Sie ihn, Dumont?“ Director Payton sah seinen Ermittler mit großen Augen an. „Und ob ich ihn kenne…“
 
Es war kurz nach 11 Uhr, als Paul Sylka in den gestohlenen Honda Civic stieg und damit endgültig seine Behausung in den Brownwood Hills hinter sich ließ. Noch einem in den Rückspiegel blickend bog er schließlich rechts ab und war kurz darauf mit seinem neuen Untersatz verschwunden.
 
„Director Payton?“ „Ja, Carol?“ Die Mitarbeiterin von der Verwaltung beugte sich mit ihrem Kopf in den Raum herein. „Ich soll Ihnen ausrichten, dass vor dem überprüften Haus ein blauer Ford steht. Es handelt sich dabei um den gesuchten Wagen.“ „Schluckend lehnte sich Payton in den gemütlichen Bürosessel zurück und bedankte sich kurz angebunden bei der jungen Frau. Nachdem die wieder die Bürotür geschlossen hat, wandte er sich wieder an Dumont. „Sie haben’s gehört…es scheint, dass wir endlich auf der richtigen Spur sind…ich lasse sofort ein Spezialteam von Carson anordern…heute machen wir diesem Typen den Gar aus!“ „Der Inspektor nickte zustimmend, auch wenn er beim Namen seines früheren Vorgesetzten kurz zusammenzuckte. Seine Gedanken liefen auf Hochtouren. Wie er Paytons Bericht noch einmal Revue passieren ließ, wurde ihm schlecht. Dieser Arzt von der Psychiatrischen Heilanstalt in Dallas war die vergangene Nacht richtig abgeschlachtete worden. Die ersten Untersuchungen ergaben, dass es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um dasselbe Mordwerkzeug handelte wie bei den anderen Opfern vor ihm. Das Besondere war, dass sich Sylka, und Dumont war sich sicher, dass ER der Mörder von Conroy war, bei dieser Tat ganz anders verhalten halte als sonst. Er hatte sich nicht auf präzise Stiche ins Herz beschränkt, sondern scheinbar seinen Gefühlen förmlich freien Lauf gelassen. Der Inspektor konnte nur erahnen, was diesen Wahnsinnigen zu dieser übertriebenen Brutalität getrieben hat. Andererseits wollte er es gar nicht wissen. Nur eins schwor er sich für diesen schönen Maitag. Paul Sylka, heute bekommen wir dich, du wirst keinem mehr Schmerzen zufügen…
 
Keine zwei Stunden später hielten zwei schwarze Vans der Spezialeinheit Dallas vor dem Polizeigebäude. Neun vermummte Männer und ihr saßen darin, für ihren nächsten Einsatz gewappnet. Payton und Dumont traten heraus und wurden gleich vom Einsatzleiter, Tom ‚The Snake’ Wilkie, in Empfang genommen. Wilkie war schon seit über sechs Jahren der Befehlshaber dieser Truppe und er konnte mit Stolz behaupten, dass bisher jeder Einsatz so glimpflich wie möglich bewältigt worden ist. Zwar war der Überraschungsangriff ein paar Mal schon zu spät gekommen und man musste Todesopfer beklagen, doch im Allgemeinen war der Sunnyboy für seinen geradlinigen Weg bekannt. Er bestand darauf, jede Mission so schnell und kompromisslos wie möglich über die Bühne zu bringen, aber immer darauf achtend keine unschuldigen Zivilisten einzubeziehen. Und so konnte er schon auf einige Auszeichnungen zurückblicken, die er mit seiner Truppe für außerordentliche Leistungen überreicht bekommen hat. Auch dieses Mal war er gewillt, alles zu unternehmen, um diesen Auftrag zu 100% erfolgreich abschließen zu können. Mit einem aufgesetzten Lächeln reichte Wilkie seinen Kollegen aus Arlington die Hand. Die beiden schilderten ihm noch einmal die vergangenen Ereignisse. Zustimmend nickte er. Es war richtig gewesen, mehr Männer für diese Sache anzusetzen. Bei so einem gefährlichen Mörder durfte man sich keinen Fehler erlauben und so eine Chance, ihn zu schnappen, würde nicht so schnell wieder kommen. „Kann ich auch mit?“ Dumont sah den gebräunten Mann überzeugt an, war für das erste Zusammentreffen mit Paul Sylka bereit. Zuerst war Wilkie nicht gerade begeistert. „Hören Sie zu! Wegen diesem Mistkerl sind innerhalb der letzten fünf Tage ebenso viele unschuldige Menschen gestorben. Ich will dieser Bestie endlich tief in seine bösen Augen schauen können und ihm meine Meinung geigen. Heute muss er geschnappt werden, nur dann werde ich endlich wieder besser schlafen können. Und damit spreche ich im Namen der ganzen Stadt. Bitte lassen Sie mich mitfahren. Ich will Sylka sehen, wenn ihr ihn überwältigt!“ Tom Wilkie musterte den Inspektor, ließ seinen prüfenden Blick zum Leiter dieses Reviers schweifen. Edward Payton nickte kurz. Das genügte Wilkie. Mit einer schnellen Handbewegung deutete dem Ermittler mit ihm mitzukommen.
Schlussendlich fuhren die Fahrzeuge um 13:26 mit Andre Dumont an Bord los, Zielort Brownwood Hills.
 
Es war 13:47, als Dumont auf seine Armbanduhr sah und kurz darauf das Straßenschild erblickte. Während der Fahrt war er mit einer schutzsicheren Weste und einem Helm ausgerüstet worden, sodass er so gut es ging geschützt war vor Angriffen des Täters. Außerdem hat er sich seine Dienstwaffe mitgenommen. Seltsam, dachte er, ich habe sie bis jetzt nie benötigt. Um in Übung zu bleiben, feuerte er jeden zweiten Montag im Monat auf die Übungswände im Polizeirevier. Doch wenn er heute wirklich abdrücken musste, dann war das etwas ganz anderes. Sicher, man lernte es in der Polizeischule, in Stresssituationen ruhig zu bleiben und mit gezielten Schüssen den Gegner lahm legen zu können, doch eigentlich konnte sich Andre Dumont nicht einschätzen, wie er auf ein Zusammentreffen mit Paul Sylka reagieren würde. Und davor hatte er Angst. Angst vor seinen dann hochkommenden Gefühlen. Konzentriert blickte er aus dem Seitenfenster. Nun endlich würde dieser Alptraum bald ein Ende haben. Die Fahrer hielten hinter dem Häuserblock. Es war Zeit für die letzten Instruktionen. Nichts durfte schief gehen. Jede Sekunde wurde geplant, die Vorgehensweise Dann gab Wilkie das Zeichen für den Frontalangriff. Auf seinen Befehl hin gaben beide Lenker der Vans wieder Vollgas und bogen in die Siedlung ein. Die Brownwood Hills gehörten zu den schäbigsten Flecken von Arlington. Die Häuser waren allesamt mehr oder weniger Bruchbuden. Die meisten der Gemäuer standen schon seit mehreren Jahrzehnten da, nie nachgebessert oder renoviert. Dieses Viertel war das Zuhause der weniger glücklichen Menschen dieser Stadt. Doch Dumont kam nicht viel zum Nachdenken, mit einer plötzlichen Bremsung kamen die Fahrzeuge zum Stillstand. Man war am Ziel. Vor ihnen stand die Behausung von Paul Sylka, davor parkte der alte rostende blaue Ford. Das Haus, wenn man es so nennen konnte, war in verheerendem Zustand. Es war sicher schon einige Zeit leer gestanden, bis Sylka es für sein Versteck auserwählt hat. Überall bröckelte schon der Putz von den Wänden, das Dach sah mehr oder minder einsturzgefährdet aus und im Vorgarten herrschte das Chaos. Autoreifen, stapelten sich in der angebrannten Wiese, außerdem waren an der Hauswand entlang Schachteln, Bretter und Rohre zu einem großen Haufen aufgestapelt worden. Das kleine Grundstück war auf beiden Seiten mit hohen verwilderten Hecken abgegrenzt. Also hier hast du deine perversen Pläne geschmiedet. Andre Dumont verspürte schon jetzt eine Riesenwut in sich und musste sich im Zaum halten. Langsam wurden die Türen geöffnet. In der Luft lag ein fauliger Geruch. Sonst war niemand auf den Strassen zu sehen, nur ein kaputtes Kinderfahrrad lag auf der anderen Straßenseite. Aufs Kommando von ‚The Snake’ wurden stürmisch die Türen schließlich ganz aufgerissen und die Männer der Spezialeinheit umzingelten mit scharfen M-16-Maschinengewehren bewaffnet in Eiltempo das Haus. Auch Dumont rannte los und ging hinter der Hecke in Deckung. Tom Wilkie blieb bei ihm und gab über das Funkgerät Befehle an seine Leute. Dann untersuchten die beiden den Wagen des Mörders. Das Fahrzeug wat total leer geräumt worden, kein Anzeichen auf Sylka. Etwas mürrisch blieb Dumont auf dem Beifahrersitz sitzen, starrte das Armaturenbrett an und seufzte. Dieser Paul Sylka war wirklich überall sehr vorsichtig vorgegangen. Wenn Diana nicht die Idee mit dieser Internet-Sache gekommen wäre, womöglich hätten sie ihn noch länger nicht gekriegt. Sylka war dieses eine Mal ungenau gewesen und hatte der Polizei dafür eine große Hilfe erwiesen. Danke! Nach wenigen Minuten hatten die Männer das Grundstück gesichert und wandten sich nun der Haustür zu. „Laut meinem Team der einzige Weg ins beziehungsweise aus dem Haus…also…LOS!!!“ Wilkie und Dumont verließen ihren Platz bei der Rostlaube und stürmten im Schutz der Hecken zum Haus hinüber. Vor der Tür blieben sie stehen und empfingen neue Informationen. „Das ganze Haus scheint leer zu sein, in den bisher untersuchten Räumen ist kein einziger Gegenstand zu finden. Ganz zu schweigen von Paul Sylka!“ „Vorwärts, Dumont, leisten wir den anderen Gesellschaft!“ Der Einsatzleiter winkte Andre heran, zusammen betraten sie das Haus. Wow, Sylka, ein nettes Versteck hast du dir da ausgesucht…passt richtig zu dir…Was Andre Dumont auf dem ersten Blick auffiel, war, dass das Haus von innen einen noch erbärmlicheren Eindruck als von außen hinterließ. Tapetenreste hingen von der Wand oder lagen wild auf dem Boden herum. Die morschen Holzbretter unter ihren Füssen krachten bei jedem Schritt der Männer. Vorsichtig schlichen sie zu der ersten Gruppe der Einheit, die im Erdgeschoss Stellung bezogen hat. „Die anderen sind schon die Treppen hinauf gegangen!“ „Gut!“ Wilkie nickte dem Mann zu. „Ihr bliebt hier unten und passt auf. Der Inspektor und ich werden auch mal einen Blick in den ersten Stock werfen. Kommen Sie, Dumont!“ Stufe für Stufe näherten sie sich den oberen Räumen. Auch wenn die beiden sehr darauf achteten so leise wie möglich zu sein, knirschte jedes Treppenstück, welches sie betraten, erbärmlich und unangenehm. „…ah,…ich vernehme ein Summen aus dem Raum vor uns…wir werden mal nachsehen!“ „Ok, aber seid vorsichtig!“ Wilkie sah Andre gespannt an. Was werden die Leute da oben finden? In der Mitte der Treppe ausharrend, fing Dumont an zu grübeln. Irgendetwas war hier nicht richtig. Plötzlich ging alles zu leicht. Warum hatte sich Sylka überhaupt mit der echten Adresse im Internet registriert und warum hatte er gerade von hier das Mail an Diana geschickt? Wenn er schon überall so vorsichtig agiert hatte, warum machte er plötzlich solche Fehler? Und er hat ja auch verräterische Spuren bei Diana hinterlassen…oh Gott…Das war alles eine Falle! Sylka wollte, dass wir sein Versteck finden. Doch Andre Dumont kam nicht mehr dazu, Tom Wilkie von seinem Verdacht zu erzählen. Als einer der Einsatzkräfte die Tür des ominösen Raumes öffnete, wurde ein Signal ausgelöst. Sekundenbruchteile später flog das gesamte Obergeschoß in die Luft.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.10.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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