Harald Haider

Wenn Rosen verwelken - 9.REKONSTRUKTION

9.REKONSTRUKTION
 
 
Es muss schon ziemlich verwirrend für die Polizei sein, was meinen Tod am 13. November 2000 betrifft. „Tod“ ist falsch ausgedrückt. Viel eher muss man sagen mein neues Leben. Nicht mehr überwacht werden. Keiner weiß, dass es dich noch gibt. Du bist frei. So konnte ich meinen Fantasien endlich freien Lauf lassen. Mir war nun die Möglichkeit geboten worden, mein bestimmendes Ziel zu erreichen: die perfekte Rose zu finden…
 
Mir ging schon länger die Idee durch den Kopf, meinen Tod vorzutäuschen, um dieser düsteren Welt entfliehen zu können. Doch dazu musste der beste Augenblick ausgewählt werden. Man konnte nicht einfach „Ade!“ sagen und weg war man. Für diesen Schritt musste man zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein…und dann die richtige Idee haben. So war es auch bei mir, Ende Oktober 2000.
 
FREITAG, 20. Oktober 2000
 
Ramon Hernandez hatte schon knappe vier Jahre in der kleinen Mietwohnung gehaust, bis er seinen neuen Arbeitskollegen Paul bei ihm wohnen ließ. Der gebürtige Mexikaner, der seit seinem vierzehnten Lebensjahr in den Vereinigten Staaten lebte, wusste selbst nicht, warum er das getan hat, vielleicht war es die Hilflosigkeit und Einsamkeit, die dieser Typ ausstrahlte. Und Ramon schien der einzige zu sein, der mit ihm klar kam. Zwischen Paul und den anderen Kollegen war es schon in den ersten Arbeitstagen zu mehr oder weniger heftigen Auseinandersetzungen gekommen. Na ja, er hat es auch nicht leicht gehabt. Die meisten wussten, dass der Neue nur wegen des Integrationsprogramms in der Fabrik arbeiten durfte und vorher mehr Zeit in psychologischer Behandlung verbracht hatte als bei ihm zu Hause. Zu Hause,…eigentlich wusste niemand, ob er überhaupt eines hatte, aber es war ihnen auch egal. Auf jeden Fall nahm er sich ein Herz und freundete sich mit dem Außenseiter an. Der war anfangs ziemlich misstrauisch und blockte alle angefangenen Gespräche geschickt ab. Doch nach einigen Wochen wurde er ein bisschen zugänglicher und es kam schließlich soweit, dass Ramon, der selber nicht gerade der Beliebteste in der Fabrik war und so auch froh über ein wenig Gesellschaft sein konnte, und Paul nicht nur die Pausen zusammen verbrachten, sondern auch nach der Arbeit manchmal um die Häuser zogen. Zwar war Paul weiterhin nicht sonderlich gesprächig, doch wenigstens kam er ein wenig zu anderen Menschen. Doch trotzdem hatte Ramon noch immer kein ganz reines Gewissen. Er wollte diesem armen Kerl echt helfen. Egal, was ihm dauernd im Kopf umherging, er wollte Paul dabei unterstützen. Und da dieser nur eine kleine Herberge in der Nähe der Psychiatrischen Anstalt erhalten hatte und immer einen sehr langen Weg zur Arbeit in Kauf nehmen musste, entschloss sich der hilfsbereite Mexikaner, ihn bei sich einzuquartieren. Das war Anfang September.
 
Mittlerweile lebte Paul bereits seit fast zwei Monaten in der kleinen Mietwohnung von Ramon Hernandez. Der Mann war sehr verschreckt gewesen, in den ersten Tagen unter den fremden vier Wänden wanderte er verwirrt umher, setzte sich zum Fenster und sah oft stundenlang nur raus auf die Strasse. Saugte den nervenden Verkehrslärm, die gestressten Schreie der unten weilenden Menschen auf. Es kam Ramon manchmal vor, als ob sein neuer Mitbewohner die Welt rund um ihn total vergessen würde, seine eigene schöne Welt hatte, in die er hineinflüchtete. Noch etwas änderte sich an Paul Sylkas Verhalten. Er wollte immer allein sein, hatte kein Interesse mehr an den nächtlichen Streifzügen von Hernandez. Das soll nicht heißen, das er überhaupt einmal echtes Interesse am Kontakt mit anderen Menschen hatte, nein, es war nur, dass es Ramon so vorkam, als wollte sich der Typ in seiner Wohnung immer mehr isolieren, so, als ob er gar nicht da war, es ihn überhaupt nicht gäbe. Dem Mexikaner machte das große Sorgen. Er hatte es bereits ein bisschen bereut Sylka bei sich wohnen lassen zu haben. Konnte man vorher noch einigermaßen gute Gespräche mit ihm führen, war er in den vergangenen Wochen fast total verstummt. Nur so ein „Guten Morgen!“, „Hallo!“ oder „Tschüß, bis morgen!“ huschte noch über seine Lippen. Doch Ramon Hernandez’ Gedanken sollten sich an diesen tristen Freitagabend einem viel erfreulicherem Thema zuwenden. Daran schuld war ein Brief aus seiner Heimat Mexiko.
 
Das muss alles ein nur ein Traum sein, einfach unfassbar! Ramon Hernandez konnte es nicht glauben, was auf dem Blatt Papier in seiner Hand zu lesen war. Nein, es musste wahr sein! Wenn man das glauben konnte, was da auf dem Papier geschrieben war, hatte der überraschte Mexikaner gerade ein kleines Vermögen geerbt. Sein Großvater väterlicherseits, der schon auf den 90iger zugesteuert war, ist seiner langen Lungenkrankheit erlegen. Da Oscar Victor Hernandez’ Frau bereits vor sieben Jahren gestorben war und er keine weiteren lebenden Verwandten hat, fiel die Entscheidung auf seinen Neffen. Der hatte lange Zeit bis zur Auswanderung in die USA bei ihm gewohnt, während seine Eltern ihren Arbeiten nachgingen. Die Eltern, die dann während einer Autofahrt in einen wilden Streit gerieten und einen für sie tödlichen Unfall verursachen sollten.
 
Damals war Ramon gerade einmal 24 gewesen, doch kein großer Schock. Denn er war schon bald von zu Hause weggezogen, da er mit seinem Vater heftige Konflikte durchstehen musste, und Ramon wollte gar nicht mehr an seinen brutalen Vater Antonio und im Besonderen an seine Erziehungsmethoden zurückdenken. Und was seine Mutter Silvia betraf, die sah immer nur weg und musste selber einige Schläge einstecken. Nein, bei den Hernandez' fand kein idyllisches Familienleben statt. Darum hatte Ramon gleich, nachdem er volljährig war, die Chance beim Schopf gepackt und verschwand über Nacht. Seine Eltern versuchten zunächst ihn zurück zu gewinnen, doch die seelischen und körperlichen Schmerzen, die der junge Mann widerfahren musste, saßen noch zu tief, wie ein spitzer Stachel in einer Wunde. Erst nach knapp eineinhalb Jahren überwand sich Ramon Hernandez und fuhr kurz bei seinem Elternhaus vorbei, doch das einzige, was er zu hören bekam, waren Vorwürfe und er sah das Brodeln in den dunklen Augen seines Vaters, die aussagen sollten: ‚Pass auf, mein Junge, pass auf! Und Ramon passte auf. Bevor Antonio Hernandez seine Wut auf seinen Sohn auslassen konnte, verschwand dieser auch wieder. Bei einem tiefen Mitgefühl an seine Mutter, an dessen Körper er einige blauen Stellen entdecken konnte. Die beschämte Silvia merkte das und hatte gleich die besagten Stellen mit dem Stoff ihrer Kleidung versteckt. Im Großen und Ganzen war Ramon trotzdem froh gewesen, noch einmal seine Eltern zu sehen, auch wenn er ihnen mit durchwegs negativen Erinnerungen entgegenblickte. Doch es waren seine Eltern, die Menschen, die ihm das Leben schenkten, und aus diesem Grund war es ein schöner Zug, sich von ihnen zu verabschieden und ihnen für die schönen Erlebnisse (auch wenn sie sehr selten waren und meist schneller vorbei waren als sich Ramon wünschte) zu danken. Damals, in dieser Nacht machte Ramon kein Auge zu, er blickte nur hinaus in den Nachthimmel und malte sich aus, wie seine Zukunft verlaufen würde…und ob er noch ein weiteres Mal seine Eltern wieder sehen würde. Nein, das sollte er nicht. In der Nacht zum 2. Februar 1993 verunglückten Antonio und Silvia Hernandez auf der Autobahn tödlich. Aus von der Polizei nie herausgefundenen Gründen war der Wagen mit den beiden auf die gegenüberliegende Fahrbahn gekommen und mit einem heranfahrenden LKW frontal zusammengestoßen. Beide waren auf der Stelle tot. Was niemand ahnen konnte, war, dass die Unfallursache ziemlich dramatisch verlaufen ist. Silvia Hernandez flehte im Wagen ihren Mann an, ihren Sohn zu besuchen; sie hielt es nach langen vier Jahren nicht mehr aus, ohne ihr einziges Kind den Alltag bestehen zu müssen. Außerdem war ihr Ehemann Antonio seit Ramons Weggang noch aggressiver und brutaler geworden. Aus Frust ließ er sich jeden Tag den Kopf mit Bier voll laufen, mit seinem Job ging es bergab und zu guter Letzt musste seine Frau daran glauben und wie auch schon die vergangenen Jahre harte Schläge und Beleidigungen einstecken. Für Silvia war da jedes Mal eine Demütigung, ein Zeichen dafür, dass sie nichts wert war. Das Problem war, sie war zu feig, um sich gegen ihren rabiaten Mann zu widersetzen. Außer ihm hatte sie sowieso niemanden mehr. Sie hatte nichts, keine Arbeit, keine Freundinnen, sie war allein. Nur Ramon konnte ihr noch helfen. Mit Wehklagen dachte sie an ihr letztes Treffen zurück und wie sie ihn einfach gehen lassen hatte. Doch Silvia Hernandez fühlte sich sehr schuldig. Sie hatte selbst immer zu- bzw. weggesehen, wenn ihr Sohn von Antonio verprügelt worden ist. Warum war sie nur so feig? Sie schämte sich, für ihr dummes Verhalten, ihr erbärmliches Verhalten. Nein, sie konnte nicht mehr. Immer und immer wieder redete sie auf ihren Mann ein. Der wollte nichts mehr mit diesem Dreckskerl von Sohn zu tun haben und servierte seine ungehorsame Frau mit einem Schlag auf ihr Gesicht ab. Silvia erschrak und sah ihren Mann fassungslos an. Auch wenn die Schläge schon zum täglichen Alltag wie das Wasser und Brot gehörten, für Silvia war es immer ein Schock. Und da entschloss sie sich, sich nicht mehr länger beugen zu wollen. Sie war auch ein Mensch, ein Wesen mit großen Gefühlen. Dann ging alles viel zu schnell. Silvia schlug zurück. Ihr Mann blickte sie wütend an. Es entwickelte sich eine folgenschwere Auseinandersetzung. Mehr bei den Gedanken an seiner wertlosen Frau als bei der Straße kam der Wagen ins Schlingern und als Antonio Hernandez ihn erst wieder unter Kontrolle bringen konnte, war es schon zu spät. Der mehrere Tonnen schwere Lastwagen rammte ungebremst den alten VW. Dann war alles vorbei gewesen.
 
Noch immer wagte Ramon nicht zu glauben, was auf dem Zettel geschrieben stand. Oscar Victor Hernandez, sein Großvater, den er schon seit dem Begräbnis seiner Eltern nicht mehr gesehen hatte, hatte ihm durch seinen Tod eine Freifahrt in ein besseres Leben beschert. Ein Großteil seines Vermögens gehörte nun ihm, den Rest hinterließ er seinem besten Freund. Aber auch so war Ramon mehr als glücklich über diese Entwicklung, auch wenn ihm der Tod seines letzten Verwandten schon ziemlich berührte. Oscar Victor war zwar ein strenger, aber immer fairer Mann gewesen, und er hätte einem anderen nie Leid zufügen können. Da stellt sich schon die Frage, warum sein Vater so viel anders geworden ist. Als Kind war Ramon sehr gerne bei seinem Großvater gewesen, sie hatten Wanderungen unternommen oder die Früchteplantagen inspiziert, die ihm damals gehörten. Die hat er zu Beginn seiner Krankheit verkauft, da er sich im Klaren war, dass er kein rechtes Auge mehr darauf werfen konnte und es ihm so viel zu riskant war, weiterhin in diesem harten Wettbewerb mitzumischen. Dieses sorgsam ersparte Geld war die letzten Jahre auf seinem Konto gelegen, nur darauf wartend, an seinen zukünftigen Erben ausbezahlt zu werden. Ramon Hernandez hatte trotz der Tatsache, dass er der einzige noch lebende nähere Verwandte war, nie nur auch einen kleinen Moment darauf spekuliert, einmal etwas von seinem Großvater bekommen zu werden. Total durcheinander legte er den Brief wieder zusammen, steckte ihn zurück ins Kuvert und versteckte dieses anschließend unter seinem Kopfkissen. Jetzt brauchte er erstmals etwas zur Feier des Tages. Mit einem glücklichen Lächeln, so wie man es bei einem Lotto-Jackpot-Gewinner sehen würde, verließ er die kleine Wohnung und träumte schon von einer glorreichen Zukunft.
 
Als Ramon Hernandez zwei Stunden später wieder nach Hause kam, war er noch so aufgewühlt, dass er es noch gar nicht richtig fassen konnte. Auch wenn er ein schlechtes Gewissen hatte, fast nur zu feiern und kaum zu trauern, konnte das seine doch ziemlich gute Stimmung kaum trüben. Für seinen Großvater muss es fast eine Erlösung gewesen sein, nach seiner jahrelangen schmerzhaften Krankheit friedlich einzuschlafen. Ja, so ist es. Ramon, du hast schon so viel Pech in deinem Leben gehabt, nun wird alles besser. Nachdem er sich bei Sylka verabschiedet hatte, legte er sich in sein Bett, warf noch einmal einen glücklichen Blick auf das Kuvert auf dem Nachttisch. Seltsam, dachte er, das habe ich doch unter das Kissen gelegt. Oder doch nicht? Egal, Hautsache, ich kann bald raus aus diesem Drecksloch! Keine fünf Minuten später befand sich der Mexikaner bereits im Reich der Träume.
 
So viel Glück muss man erst haben. Da lebt man unter einem Dach mit einem Erben, der demnächst etwas anderes zu tun haben wird, als schmutzige Arbeiten in der Fabrik verrichten zu müssen. Genauer ausgedrückt, wird er gar nichts mehr zu tun haben. Das war meine Chance. Mit dem geerbten Geld konnte man für einige Zeit untertauchen. Die Freikarte in ein neues Leben lag nur wenige Meter von mir entfernt. Jetzt hieß es schnell handeln. Diese Möglichkeit durfte man einfach nicht ungenutzt lassen. Die ganze Nacht verbrachte ich damit, einen perfekten Plan auszutüfteln und um die Wahrheit zu sagen, am nächsten Morgen war ich sehr zufrieden mit meiner Lösung für all meine Probleme. Nein, es sollte nicht mehr lange dauern, dann würde meine Mission endlich beginnen können…
 
SAMSTAG, 11. November 2000
 
„Glaubst du wirklich…na, ich weiß nicht…“Ein wenig unsicher sah Ramon noch einmal in ein Buch voller Bilder. Bei näherer Betrachtung stellte sich dieses Buch als Katalog von Tätowierungen heraus. Irgendwie hatte es Sylka geschafft seinen Wohnungsgefährten zum Tattoo Salon zu zerren und ihn zu überreden, sich das gleiche Symbol wie er tätowieren zu lassen. Paul Sylka hat auf der Schulter eine schwarze Rose, welche in voller Blüte seine Schönheit zeigte. Dem Mexikaner hatte diese Rose schon öfter ins Auge gestochen, ihm gefiel es, da es nicht zu groß war und trotzdem auffiel. Doch er hätte sich im Traum nicht denken können, dass er sich wirklich einmal unter die Nadel legen würde. Auch jetzt hatte er noch einige Bedenken. Was war, wenn ihm das Motiv in ein paar Jahren nicht mehr gefiel? Was dann? Doch Sylkas plötzlich aufkommende Lebensfreude wollte er nicht wieder zerstören und so stimmte er schließlich zu. Zwei Stunden später kamen beide wieder aus dem Studio und Ramon blickte, soweit es sein Blick zuließ, nachdenklich auf seinem neuen Körperschmuck. Er hatte sich die Rose genau an dieselbe Stelle wie Paul tätowieren lassen, so war es seine Bitte. Ok, da das Motiv ja sehr annehmbar war und zu seinem mexikanischen Temperament passte, war er schon zufrieden mit der Arbeit des Tattoo - Experten. Dieser Rick, so hieß er, war selbst am ganzen Körper voller bunten Bildern und Ornamenten. So etwas wäre für Ramon nie in Frage gekommen, doch diese harmlose Rose war kein Grund zum Diskutieren. Außerdem war er ja sogar von Paul eingeladen worden, als nachträgliches Dankeschön dafür, dass er ihn bei sich wohnen ließ. Naja, im Prinzip würde Ramon Hernandez gar nicht mehr lange in dieser Wohnung hausen, er hat dafür gesorgt, dass er sich sein Erbe in bar ausbezahlen lassen konnte, mit diesem feinen Sümmchen würde er sich dann aus dem Staub machen. Das musste auch sein Mitbewohner spüren, denn seit der Nachricht über sein Erbe wirkte Sylka anders, als ob er ahnte, dass er ihn nicht lange sehen sollte. Aber natürlich wusste er nichts über diese Geschichte…oder doch?
 
Bald würde es soweit sein, mein Ticket in die Freiheit war bereit zum Einlösen. Die Vorarbeit war getan, jetzt kam es zum Showdown…zu meinem vermeintlichen tragischen Tod, ha ha ha!
 
 
 
 
MONTAG, 13. November 2000
 
Am Morgen dieses frischen Wintertages hatten sich Ramon und Paul ausgemacht, dass er die neue Tätowierung noch vor seinen Arbeitskollegen verschweigen sollte, wenigstens noch vorübergehend. Es soll eine Überraschung werden, keiner hätte es dem Mexikaner zugetraut sich so etwas machen zu lassen. Hernandez war einverstanden, schließlich hatte er an diesem Arbeitstag auch viel Arbeit im Freien zu erledigen und da würden sich sowieso kaum Möglichkeiten bieten seine Rose vorzuführen. Schweigsam saßen sie dann in seinem blauen Ford und fuhren mit lautem Motor Richtung ‚CHEVROLET Texas’.
 
Warum ich mir gerade dieses Datum für ‚meinen’ Tod ausgesucht habe? Welchen Tag hätte ich denn sonst nehmen sollen als den Todestag meiner Mutter. Oh,…Mama! Damals war noch alles gut gewesen. Keine unheimlichen Anfälle, keine Aggressionen…alles war gut. Ich war geborgen, in Sicherheit. Warum musste diese schöne Zeit so schnell vergehen, warum? Mir blieb wirklich nur ein Datum übrig, mit welchem ich Abschied von diesem Leben nehmen konnte. Danke, Mama, danke für alles…
 
Es muss knapp nach ein Uhr nachmittags gewesen sein, als Paul Sylka seinen Wohngefährten in einem leeren Abstellraum mit einem Knüppel niederstreckte. Mit dem Vorwand, ihm beim Hinaufheben eines schweren Gerätes zu helfen, war er in seine tödliche Falle getappt. Natürlich war Ramon Hernandez jetzt nicht tot, nur bewusstlos. Schnell sperrte Sylka den Raum von innen zu und holte ein Gerät aus seinem Arbeitsmantel. Es war ein Rasierer. Nach zehn Minuten war er zufrieden mit seiner Arbeit. Nun sah Ramons Frisur genauso so kurz aus wie die von Sylka und da beide die gleichen dunklen Haare hatten, war Paul Sylka noch glücklicher über seinen Plan. Gleiche Statur, dieselbe Körpergröße(nur ein kleiner Unterschied von 2-3 cm), die gleiche Tätowierung…und nun auch dieselbe Frisur. Jetzt war alles perfekt für ‚seinen’ großen Abschied.
 
Es ging wirklich so leicht. Ich brauchte nur mit Hernandez die Kleidung zu wechseln, ihn aus dem Raum zu einer der großen Maschinen hinüberschleppen, sein Gesicht mit Benzin übergießen(das war die einzige noch auffallende Ungereimtheit zwischen uns beiden) und dann unauffällig einen Kurzschluss zu verursachen. Wie ich dann so ein schönes Feuerchen hinbekommen habe, war mein Weg frei. Damit nichts schief ging, verfrachtete ich Ramon noch direkt an den Brandherd, achtete aber darauf, das die rechte Seite von einer feuergeschützten Platte etwas geschützt blieb, so also auch nach der Bergung mein Namensschild und die Tätowierung eindeutig zu identifizieren waren. Es war wirklich alles perfekt. Mit einer Kappe verdeckt eich mein Gesicht und konnte mich dann mit den anderen Mitarbeitern aus dem Gebäude retten. In meinem Plan war nicht vorgesehen, dass noch vier andere Leute diesem Feuer zum Opfer fallen sollten, doch im Prinzip machte es alles noch glaubwürdiger. Bei fünf Leichen waren alle von einem tragischen Unfall überzeugt, die defekte Maschine, die Feuer gefangen hat, schnell gefunden. Bei Unfallopfern wurden keine Autopsien vorgenommen, besonders, wenn man die Todesursache mit großer Wahrscheinlichkeit vermuten konnte. Mit Hilfe des großen Rummels konnte ich das Gelände verlassen und mit Hernandez’ Wagen nach Hause fahren. Dort würde dann Plan B über die Bühne gehen.
 
DIENSTAG, 14. November 2000
 
Am nächsten Morgen findet der Fabriksleiter von ‚CHEVROLET Texas’ vor dem Eingang ein Kuvert. Darin war ein Brief von Ramon Hernandez. Er schrieb, dass ihn der Tod seines Kollegen Paul Sylka so zu Herzen ginge, dass er unmöglich weiter an diesem Ort arbeiten könnte. Sofort machte sich der Mann daran, seinen Arbeiter umzustimmen. Auch ihm war der fürchterliche Unfall am Tag zuvor sehr an die Psyche gegangen und gerade, dass auch fünf Menschen zu betrauern waren, machte die Sache noch schlimmer. Trotzdem musste es weitergehen, da half alles Schwarzsehen nichts. Nur wenn alle gemeinsam an einem Strang zogen, konnte bald wieder ein beinahe normaler Arbeitsbetrieb fortgesetzt werden, zwar immer mit dem fahlen Beigeschmack dieser Katastrophe, doch schließlich waren wenigstens sie noch am Leben. Mehrere Versuche, Hernandez, telefonisch in seiner Wohnung zu erreichen, scheiterten. Erst beim fünften Mal meldete sich die Stimme einer älteren Frau am anderen Ende. Es war die Hausmeisterin Mrs. Kazinsky, welche dem verdutzten Mann nur sagen konnte, dass auch sie ein Kuvert vor ihrer Tür vorgefunden hat, neben der Kündigung des Mietvertrages war auch noch das letzte schuldig gebliebene Geld darin. Hernandez hatte sich im Brief noch freundlich für die ruhigen Jahre im Wohnhaus bedankt. Wie bei dem Kündigungsschreiben an die Firma endete er mit der bekannten geschwungenen Unterschrift des Mexikaners. Seit diesem Morgen gab es keine Spur von Ramon Hernandez mehr, es war, als wäre er tot….und das war er ja auch.
 
Das stundenlange Üben hatte sich ausgezahlt. Schon nach kurzer Zeit konnte ich Hernandez’ Unterschrift auswendig, mit allen auffälligen Merkmalen, in derselben Geschwindigkeit wie Ramon zu Lebzeiten selbst. Nach ‚meinem’ Ableben musste ich noch alle Ausweise von Ramon fälschen, besser gesagt, fälschen lassen. Ich hatte noch gewisse Kontakte. Auf jedem Fall konnte ich ohne Sorge zwei Wochen später das Erbe meines ehemaligen Wohngenossen entgegennehmen. Für das persönliche Treffen mit dem Notar hatte ich mir noch einen leichten spanischen Akzent angelernt und ich glaube, dass ich schon ziemlich gut rübergekommen bin. Da ja sonst kein Verwandter von Hernandez mehr lebte, konnte mich so keiner mehr als einen anderen identifizieren. Mein Glück war gewesen, dass Ramon wegen seiner Arbeit keinen Urlaub für eine Reise zum Begräbnis seines Großvaters bekommen hatte. So war nicht schon vorher zu einem Treffen mit dem Geschäftmann gekommen. Mit einem Koffer voller Geld verließ ich schließlich das Notariat. Mein neues Leben konnte beginnen…
 
 
DIENSTAG, 17. April 2001
 
Paul Sylka wachte schweißgebadet auf, mitten in der Nacht. Verwirrt blickte er aus dem Fenster auf die Straße. Langsam stand er auf und wankte barfuss hinüber. Ihm war gerade eine Vision widerfahren. Ja, er musste auf eine Mission. Seine Mutter hätte es auch so gewollt. Paul brauchte eine Frau auf seiner Seite…eine Rose. Oh, Janette….leider ist es zwischen uns beiden nichts geworden. Doch es war nicht meine Schuld, nein, ich wollte nur, dass du mir gehörst. Das hat dir nicht gefallen. Mit Tränen in seinen Augen sank der Mann auf die Knie, einsam kauerte er sich in die Ecke. Ja, er brauchte dringend eine Rose. Er hielt es nicht mehr aus…so allein, so wertlos. Schluchzend gingen ihm allerlei Gedanken durch den Kopf. Dann fiel sein Blick auf den Computer, welcher auf einem morschen Tisch stand. Innerhalb weniger Sekunden verwandelte sich sein weinerliches Gesicht in eine grinsende Fratze.
 
Am nächsten Tag lernt Susan Thompson zufällig im Chat einen netten Jungen kennen. Sein Nickname… ‚Angel021’.
 
Einen Monat später wird sie vergewaltigt und erstochen im Park gefunden.
Der Rosenmörder hat die Jagd nach seiner ‚Rose’ begonnen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.10.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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