Albrecht Rietsch

Der Traum

Es war eine fürchterliche Nacht. Eine qualvolle, mysteriöse, unheimliche Nacht. Dieses düstere Haus, in dem ich an sich nichts zu suchen hatte, diese nur scheinbar gemütliche Weinrunde, die entsetzlich belastend war, dieser Wagen mit den zwei bedrohlichen Pferden, von denen mir das eine bekannt vorkam...
 
 Niemals hatte ich so einen düsteren Traum durchlitten. Ich war in einer fremden Stadt unterwegs mit drei Jugendlichen, die mir vertrauten (waren es meine Kinder?). Ich ging auf ein großes, schäbig-graues, etwa dreistöckiges Haus ohne Fensterläden zu, stieg die steinernen Stufen zu einem Vorbau hinauf, der wohl den Eingangsbereich vor Wind und Wetter schützen sollte. Dieses architektonisch wenig einladende Gebilde mit rechteckigen steinernen Säulen bot ausreichend Platz für eine u-förmige Eckbank und einen quadatischen Tisch der, so wie er aussah, kaum benützt wurde, staubig, mit tiefen Furchem in der mächtigen Tischplatte.
 
 Wir nahmen zu viert Platz, und ich hatte ein ungutes Gefühl, wie jemand, der sich an einem Ort aufhält, an dem er rational nichts verloren hatte. Das Unbehagen war auch meinen Begleitern ins Gesicht geschrieben. Sie sahen mich fragend an, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung sei. Sie glaubten an mich. Ich musste meine Bedenken verbergen.
 
 Dann geschah, was ja doch irgendwann einmal geschehen musste. Die Haustür ging auf und ein alter Mann, etwas gebückt, mit kurzem, grauen Oberlippebart kam heraus und schaute verdutzt auf seine ungebetenen Gäste. Ich war bis zum Äußersten gespannt, lächelte aber freundlich, um ihn zu beruhigen: "Setzen Sie sich doch zu uns und trinken Sie auch ein Glas Wein. Wir haben einen guten Tropfen mit. Nehmen Sie Platz, würde uns freuen."
 
 Der Alte setzte sich überrascht zu uns an den Tisch und schaute mich ratlos an. Obwohl er bestimmt eine Erklärung für unser Verhalten erwartete, konnte ich ihm nur völlig belangloses, hilfloses Gestammel bieten. Eine dumpfe Wortlosigkeit benebelte meine Sinne, lähmte meine eher zu lebendige Zunge. Eine kräfteraubende, anstrengende und angestrengte Unterhaltung begann. Mühsam schleppte sich das Gespräch mit großen Pausen von einem Thema zum anderen. Ich suchte verzweifelt nach einem Ausweg aus meinem verbalen Martyrium, schaute meine jungen Begleiter immer wieder hilfesuchend an. Sie schienen zu spüren, was da Merkwürdiges passierte, und waren zunehmend verängstigt. Mir schwanden die Sinne.
 
 Jetzt begann so etwas wie ein Traum im Traum. Der alte Mann beugte sich drohend zu mir hinüber, kam mir mit dem Gesicht so nah, dass ich seinen Atem warm und modrig spüren konnte, sein Bart roch nach einem Gemisch von Zimt und Koreander, seine Zähne pendelten locker zwischen seinen lappigen, kraftlosen Lippen, sein Atem war mir zuwider. Das Schlimmste war sein Blick. Seine leicht entzündeten Augen schauten unbarmherzig mitten in mein Herz. Plötzlich kam mir vor als vermischte sich sein blutiger Blick mit meinen heftigen Tränen. Ich war am Ende.
 
 Da hörte ich Pferdehufe, ganz real, das Knirschen der eisenbewehrten Räder eines Wagens und schließlich den beruhigenden Geruch eines ländlichen Gespannes. Ich schlug die Augen auf und befand mich wieder im ersten Traum. Der alte Mann schaute mich verwundert an. Ratlos stand ich auf und begann mit einem Messer, den gelben Sand zwischen dem Rahmen der Einganstür und der umgebenden Mauer wegzukratzen. Wortreich erklärte ich dazu, warum diese "Sanierung" unbedingt nötig sei. Mein Entsetzen war groß, als ich merkte, welchen Sandhaufen ich auf diese Weise auf den Boden vor der Tür befördert hatte.
 
 Ich wollte die Reaktion des alten Mannes erst gar nicht abwarten und verließ mit meinen drei Schutzbefohlenen fluchtartig die schreckliche Szene.
 
 Die zwei Pferde vor mir scheuten durch meine heftigen Bewegungen, stiegen hoch und drohten durchzugehen. Ich kenne mich bei Pferden aus und hatte dennoch alle Hände voll zutun, sie zu beruhigen. Beim einem gelang mir das schließlich, weil ich glaubte, es zu kennen, das andere hingegen blieb mir fremd und gebärdete sich wie wild, wurde immer größer, stieß mich mit seinem Riesenschädel zu Boden. Als ich die blitzenden Hufeisen direkt über meinem Gesicht sah, wusste ich, das das mein Ende war. Ruhe überkam mich, die herrlichste Ruhe, die ich je erlebte, kein rasender Puls, kein bedrohliches Herzklopfen. Ich schlug die Augen auf und wusste, ich war gerade noch einmal davongekommen...
 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.11.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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