Marina Lambertz-Simonova

Königin der Nacht


 
 
 
 
Er war ein Deutscher, genauer gesagt ein deutscher Journalist. Und wenn man noch genauer sein will, so hat es überhaupt keine Bedeutung in dieser Geschichte. Er war einfach ein Mensch, der einen Hund und Blumen zu Hause hatte. Und die Blumen führten bei ihm wirklich ein richtiges Blumenleben mit allen Freuden und Sorgen, wenn in Baden-Baden mal ein kalter und regnerischer Sommer herrschte, was dem Ort gar nicht gut steht. Zunächst wurden die Blumen langsam „lebendig“ und erst dann begannen sie, aus ihren neu gesammelten Kräften und nur aus Dankbarkeit zu ihm zu blühen. Er ging in die Blumenläden und suchte die aller schwächsten und erbärmlichsten Blumen aus, wodurch er die Verkäufer zum Erstaunen brachte. Sie verpackten ihm die für niemanden nutzbaren und doch nicht reduzierten Blumentöpfe (Warum sollten sie den Preis herabsetzen? Keiner würde sie ja auch umsonst mitnehmen wollen) und dachten dabei: tja, es gibt auch solche...
So gelangte auch der Kaktus in seine Wohnung, der nur dank seiner Stacheln als solcher bezeichnet werden konnte und der sich eigentlich schon längst von seinem Leben hätte verabschieden müssen. Zu Hause drehte er den Kaktustopf in seinen Händen hin und her, dann küsste er den Kaktus ohne Angst, gestochen zu werden. Und tatsächlich verletzte der Kaktus ihn nicht, vielleicht berührten seine Lippen ihn zwischen den Stacheln, vielleicht auch nicht, warum  – wer weiß, es gibt auch solche...
Auch später küsste er ihn oft, wenn er von der Arbeit nach Hause kam – es geht immer noch um denselben Deutschen, der als Journalist Reportagen vom „Ort des Geschehens“ und aus  Krisengebieten machte, auf unruhigen Meeren segelte und sogar mehrmals „ins Wasser reinschaute“. Was hatte es schon für eine Bedeutung, welcher Nationalität er war und was für einen Beruf er ausübte – er war einfach ein Mensch, der einen fünfzehnjährigen blinden Hund besaß und einen Kater, der schon seine zwanzig Jahre auf dem Buckel hatte. Und  als der Kater starb, weinte der Deutsche sehr lange... Und das ist überhaupt nicht sentimental, sondern ganz normal menschlich, würde ich sagen.
Also, dieser Mensch, er war knapp über Fünfzig, träumte von der Dame seines Herzens, die ihm noch nicht begegnet war – daran gibt es auch nichts Merkwürdiges, nicht wahr? Davon träumen viele, der eine früher, der andere später, manch einer auch sein ganzes Leben lang.
Und da huschte sie an ihm vorbei, diese Dame. Viele Frauen huschten wie im Kaleidoskop an ihm vorbei – er war ein Fernsehjournalist und sah viele Frauen in seinem Leben außer „Ihr“. Tja, so etwas mag wohl auch geschehen.
In der Stadt fand eine Ärzte-Konferenz statt. Sie war eine junge Ärztin und hörte sich Vorträge an, er aber machte seine Reportagen. Sie schaute ihn an und lächelte ihn an, er schenkte ihr ein Lächeln – und die Augen beider waren so traurig und das noch beim Lächeln! Wahrscheinlich zog eben das Traurige im Lächeln die beiden zueinander. Sie lachten gemeinsam, später unterhielten sie sich, diskutierten etwas und tauschten die Adressen aus – für alle Fälle. Dann fuhr sie weg, so wie alle anderen Ärzte nach der Konferenz.
Als er ihren ersten Brief erhielt, erinnerte er sich sofort an ihre traurig lächelnden Augen in ihrem schmalen Gesicht. Und er freute sich, er freute sich sonderbarerweise mit einem traurigen Beigeschmack. Er sah ein, dass dieser Brief bei weitem noch nichts bedeutete, allein schon deshalb, weil es ein so flüchtiges Treffen gewesen war. Und das Ganze noch bei dem Altersunterschied – sie war erst Siebenundzwanzig. 
Und dann bekam er fast täglich Briefe von ihr. Er zählte sie alle: Es waren genau 38 Briefe. Alle ihre Briefe fingen ganz harmlos, und gewöhnlich so an: „Hallo, Frank!“, endeten aber unverständlicherweise unbescheiden: „Deine Steffi“. Merken Sie den Unterschied? Für ihn aber sollte das am Ende stehende „Deine“ wenigstens so beginnen müssen: „Mein lieber Frank!“ So redeten seine Blumen und sein Hund mit ihm, obwohl es auch sentimental klingen mag - wie in Seifenopern -  denen er jedoch immer Klassik vorzuziehen wusste. Nun mal ehrlich, weswegen unterschrieb sie so intim, wozu sie so gut wie keinen Anlass hatte? Sie erzählte in ihren Briefen von ihren Treffen mit einem Mann, der ab und zu trank und kiffte. Vielleicht war das der Grund, warum ihre Augen damals, als sie sich kennen gelernt hatten, so traurig lachten. Dabei wäre heute kaum jemand verwundert über so einen Lebenswandel.
Aber dieses „Deine“ wollte ihm nicht aus dem Kopf gehen. Genauer gesagt verdrehte sie ihm mit dieser Phrase leicht den Kopf. Und er antwortete ihr, wenn sie tatsächlich an ihn denke und ihm so oft Briefe schriebe, warum sollten sie sich nicht treffen, sich nicht näher kommen und nicht versuchen...
Das Wort „Deine“ verdrehte ihm den Kopf dermaßen, dass er sich sie immer öfter vorstellte. Er stellte sich vor, wie er sie an sich drückte, natürlich auch, wie er ihre schwarzen Haare zärtlich streichelte und sie seine, die schon etwas silberdurchwirkten.
Er lebte schon lange allein, über 20 Jahre. Nach der unspektakulären Scheidung von seiner Frau (es war eine kinderlose Ehe) zog er in eine andere Stadt und fand Arbeit bei einem anderen Fernsehsender. Es gab Begegnungen  mit Frauen, Beziehungen, kurze oder längere, so wie bei jedem anderen Mann, ungeachtet dessen, ob es ein Deutscher oder ein Journalist oder auch beides gleichzeitig war. Er galt sogar als ein netter Mann ohne Komplexe: auf  attraktive Frauen zuzugehen und sie kennen zu lernen, kostete ihn keine Mühe. Aber irgendwie hatte er jedes Mal, wenn er sich im Café einem „Damentisch“ näherte, das Bedürfnis, an seinen Tisch zurückzukehren, besser noch nach Hause, zu seinem Hund, seinem Kater und seinen Blumen. Nur so, auf Entfernung wirkten die Damen „gar nicht übel“, doch bei genauerer Betrachtung oder besser gesagt beim Gespräch ließen sie ihn in seinem Inneren, in seiner Seele traurig sein, obwohl sein Äußeres als Fernsehjournalist stets lächelte, denn er war doch bei der Arbeit, also bei der Erfüllung seiner dienstlichen Pflichten. Dabei wollte er so gern diese verdammten Pflichten vergessen und für einen Augenblick an sich selbst denken. Und was „an sich selbst denken“ bedeutet, muss nicht erklärt werden. Aber sobald dieses „an sich selbst denken“ Gestalt annahm, als etwas Bestimmtes, mit typisch deutschem festlich und gleichzeitig geschäftlich gelegten Haar, mit Hosenanzug im Business-Look, der wohl auch für den gemütlichen intimen Abend beim Kerzenschein bestimmt war, klingelte oder piepte bei ihr das Handy gerade bei einem viel versprechenden Trinkspruch. Nach der Erteilung gezielter Anweisungen an ihren unsichtbaren Gesprächspartner zog sie erstmal etwas nervös an der ersten Zigarette.   
Und da, jene Zierliche mit den traurig lächelnden Augen, die ihm liebevoll schrieb „Deine“... Er begann, sie in seinen Briefen immer beharrlicher einzuladen. Wenn Du schon „Deine“ schreibst, solltest Du mir auch nahe sein. Er stellte sich das immer nur so vor: wennschon  „Deine“, dann ist es für immer und ewig. Man braucht dann wirklich keine andere mehr, weder eine Süße, noch eine Bezaubernde. Das bedeutet, wenn er jemandem in diesem Leben gehört, dann bis in alle Ewigkeit. Genau so war es in seiner Vorstellung und bedeutete „ein normaler Mann zu sein“, nur so.
 
Er schrieb ihr über alles, was er über ernste Beziehungen zwischen zwei Menschen dachte und bat um eine umgehende Entscheidung: „entweder ... oder“. Wer weiß, ob es seinerseits leichtsinnig war, in seinem Alter so zu handeln. Vielleicht war es leichtsinnig und dumm, eine direkte Antwort von einer 27-Jährigen, selbst von einer jungen Ärztin, zu erwarten und eine ernste Entscheidung zu fordern, da sie sowieso einen Freund, wenn auch einen trinkenden und sie oftmals beleidigenden - wie sie schrieb - hatte.
 
Sie schrieb in ihrer Antwort etwas absolut Wahnwitziges, nach dem Motto sie lebe im Rausch, in der Spanne zwischen glühenden Leidenschaften bis hin zum Tod. „Der Tod“ ließ ihn aufhorchen, doch „glühende Leidenschaften“ machten ihn betroffen – klar, sie war schließlich eine junge Frau, einer anderen Generation zugehörig. Was suchst du in deren Welt, du alter Mann mit deinen Lebensvorstellungen über „Liebe und Freundschaft?“
 
Und er hörte auf, ihr zu schreiben und schließlich auch sie. Da hast du nun das schöne „Deine...!“ Aber dann, nachdem er sich mit seinen Gedanken, Träumereien und idealen Vorstellungen beruhigt hatte, rief sie an: Sie müsse unbedingt in seine Stadt kommen, denn sie könne nicht mehr so leben... ohne ihn... Genau so kam es über ihre Lippen „ohne dich“... Ohne jeden Zweifel, schon anberaumte Reportagen noch absagen zu können, lud er sie gleich für morgen ein, sich mit ihm auf eine kleine Yachtfahrt zu begeben. Sie nahm dieses verrückte Angebot widerspruchslos an, was er kaum erwartet, sondern nur im tiefsten Innern erhofft hatte. Und sie kam und… küsste ihn wie ihren Liebsten, sie war noch mehr abgemagert, fast wie ein Mädchen -  mit traurig lachenden Augen. Sie segelten auf der Yacht, genossen Champagner und lachten – ganz ohne Altersunterschied. Es war schon ziemlich spät und er reservierte ein Hotelzimmer im Voraus, obwohl er nicht ganz damit gerechnet hatte, dass sie dem Mann, dem sie nur in den Briefen gehörte, und das auch nur deswegen, weil ihre Briefe mit „Deine“ endeten, sich nicht verweigern würde.
 
Und sie sagte gleich zu. Im Hotelzimmer, wo es auf jeden Fall zwei Betten gab, lag sie mit ihm in einem... Die ganze Nacht umfing er sie mit seinen liebkosenden Händen, die er fest und zärtlich um sie schloss, fürchtend, wenn er einschlummerte, könnte sie in die Welt zwischen Leidenschaften und dem Tod fliehen, wie es aus ihren Briefen hervorging. Er liebkoste sie wie ein kleines Mädchen, strich ihr übers Haar, küsste sie liebevoll, dann streichelte er sie erneut sehr behutsam und küsste sie aufs neue, drückte sie an sein Herz. Mehr geschah nicht, denn er wusste,  was weiter geschehen würde.
 
Und am nächsten Morgen, einem unnatürlich hellen und ziemlich grellen Morgen, wie unter den Scheinwerfern in einer Fernsehsendung, sagte sie überraschend zu ihm, sie wolle für immer mit ihm zusammen sein. Darauf erwiderte er schon mit einem zuvor vorbereiteten und schwer auszusprechenden Satz zum Altersunterschied, dass dies bei klarem Verstand gar nicht zu verstehen sei und sie ihr Leben, das nur mit einem jungen Mann, nicht mit dem derzeitigen Freund, sondern mit einem anderen aber unbedingt blutjungen Mann zu ordnen wäre, zerstören würde...
 
Plötzlich brach sie in Tränen aus und sagte, es gäbe keinen Altersunterschied zwischen ihnen beiden, sie habe höchstens noch drei bis fünf Jahre zu leben. Da riss sie ihre Bluse herunter, ließ ihre Hose fallen und fast entkleidet vor ihm stehend im schreiend grellen Licht des anbrechenden Tages musste er sie ansehen. Das Licht wirkte tatsächlich irgendwie tot, so dass die Augen davon brannten und es ganz deutlich ihre Narben hervorhob, furchtbare und zahlreiche Narben an ihrem Körper...
 
„Kannst du dir vorstellen, dass ich nur noch die Hälfte des Magens und nur eine Niere übrig habe, keine Gebärmutter und das ist bei weitem noch nicht alles. Kannst du dir vorstellen, was Krebs mit Metastasen bedeutet...?“
 
Er umfasste sie und sie ließ sich mit ihrem ganzen zierlichen Wesen umarmen. Er drückte sie an seinen 50 jährigen gesunden Körper (er hatte nie getrunken, nie geraucht, trieb Sport und war Vegetarier), küsste ihre feuchten Wangen, streichelte ihr wunderschönes schwarzes Haar, das an ihr noch wunderschön, noch nicht befallen von den Fangarmen der schrecklichen Krankheit und der Bestrahlung war. Danach schob er sie fast grob zur Seite und sagte klipp und klar: „Du musst bei mir bleiben und sofort meine Frau werden!“ Natürlich war er sich klar darüber und konnte sich gut vorstellen, was ihn erwartete, wenn das arme Mädchen sein Angebot annehmen würde: ständig Krankenhäuser, Analysen, Bestrahlungen, schmerzstillende Spritzen. Ihn schreckte auch die Tatsache nicht, dass die Zeit kommen würde, in der man eine Bettpfanne hinein- und wieder hinausschieben werde müssen, das Bett neu beziehen, sie lagern, mit einem Wort - sich der ganze bekannte und  unangenehme Naturalismus des Grauens wiederholen würde, den er vor einem Jahr erlebt hatte, als seine Mutter in seinen Armen an Krebs gestorben war.
 
Und doch wiederholte er nur: „Du musst! Und zu kämpfen haben wir zu zweit! Wir werden kämpfen – und wie werden wir kämpfen!“ Wir werden es ihm zeigen, diesem verdammten Wesen mit Fangarmen! Wir ziehen dich aus seinen Krebsscheren heraus!“ ermutigend lachte er. In dieser Minute war er fast sicher, dass seine Erfahrungen in gesunder Ernährung und  Lebensführung ihm helfen würden, sie herauszuholen. Sie war einverstanden. Sie wirkte fast lustig, schniefte, die Tränen von den Lippen ableckend. Dann beruhigte sie sich schnell, frischte ihr Make-up auf und bat ihn, sie schnell zum Zug zu begleiten, denn früh morgens musste sie zur Arbeit. Und in einer Woche würden sie alles entscheiden.
 
Er brachte sie zum Bahnhof, obwohl es ihm lieber gewesen wäre, sie bliebe gleich heute bei ihm – für immer, selbst für drei bis fünf Jahre, die sie noch zu leben hatte. Und wenn diese Zeit ihr zur Verfügung stand, sollte man keinen Tag verlieren!
 
Und er zählte jede Minute dieser verdammten Woche bis zu ihrer Ankunft, die jetzt die wertvollsten Augenblicke des Lebens, zu dem beide nun gehörten, stahl.
 
Und sie kam nicht nach einer Woche, sondern etwas später. Sie war sehr fröhlich und strahlte vor Freude. Und er hätte schon fast an die Heilkräfte  menschlicher Gefühle glauben wollen. Doch sie wich seinen Küssen für einen Augenblick aus und sagte begeistert: „Ich habe Glück gehabt! Du kannst dir gar nicht vorstellen, was für ein Glück! Du darfst mich beglückwünschen! Ich habe endlich einen Praktikumsplatz in Paris bekommen! Bitte unterbrich mich nicht, es ist eine wunderbare Klinik. Ich habe viel davon gehört, hätte davon gar nicht träumen können – und plötzlich so ein Glücksfall! Weißt du, wie viele Möglichkeiten das bietet?“
 
Möglichkeiten? Was für Möglichkeiten? Er konnte schlecht verstehen, was sie in diesem Moment stammelte. Jetzt gab es für beide nur eine, eine wundervolle Möglichkeit – zusammen zu sein! Zusammen!  Nichts, nichts durften sie in diesem unheimlichen und gleichzeitig wundervollen Leben verpassen: zusammen einschlafen und zusammen aufwachen! Auch wenn die Hälfte der Organe in ihrem Organismus fehlte, war doch ihr Herz da! Und was auch sehr interessant sein mag, so ist es wirklich das einzige Organ, das der Krebs nicht besiegen kann. Denn eben darin lebt das größte, das allergrößte Gefühl.  Natürlich, nur aus diesem Grund. Und das ist die einzige, verstehst du, wirklich die einzige Möglichkeit zu überleben und glücklich zu sein!
 
Sie trug ein neues, schönes Kleid in erfrischenden Farben, in dem sie äußerlich fast gesund wirkte und das ihre schlanke Figur betonte. Etwas unzufrieden stieß sie ihn zurück, lächelte kokett in diesem unpassenden Moment und sagte: „Nein, ich verstehe dich nicht. Wir verabschieden uns nur für ein Jahr und danach werden wir für immer zusammen sein!“
 
„Nur für ein Jahr!“ – alles brach in ihm zusammen, ihm wurde schwindelig. Es schien, er sei nun unheilbar krank und diese Krankheit befalle den zahlreichen Studien zuwider sein Herz! Ein Jahr lang würde sie ohne ihn sein! Sie war bereit, ein Jahr ohne ihn zu leben!  Sogar mit einer Freude, die ihrem kranken Körper Kräfte einhauchte und ihre blassen Wangen zum Erröten brachte.
 
Was ein Unterschied im Alter doch ausmachen kann – eine andere Generation, ein anderer Abschnitt im Leben. Doch er durfte das nicht zulassen: sie würde sich zugrunde richten – es war bekannt, wie ausländische Praktikanten in ausländischen Kliniken behandelt werden: „Wollten Sie etwa nach Paris? Na dann, bitte – genießen Sie alle Reize dieses lustigen Leben, schuften Sie, wenn Sie schon mal da sind!“
 
Und was würde mit der Diät, und was ist mit seiner gesunden Lebensweise? Er hatte sich schon vorgestellt, wie er seine Arbeitszeiten im Fernsehen minimieren würde, damit er die Stunden ihr, ihrer Heilung widmen konnte. Er beabsichtigte, sie wie ein kleines Kind zu pflegen, sogar viel mehr als seine kranken Blumen. Er hatte es doch auch mit diesem praktisch hoffnungslosen Kaktus damals geschafft...
 
Er stellte seine Frage mit aller Entschiedenheit: entweder...oder. Und sie fuhr weg. Und schrieb nicht mehr. Und er schrieb ihr auch nicht mehr. Und es blieb nur der Schmerz in seiner Seele, nur der Schmerz...
 
Und dann, nach über einem Jahr, war in seiner Stadt wieder ein Ärzte-Kongress. Und er wusste, sie würde ganz bestimmt kommen. Sie konnte diesen Kongress einfach nicht auslassen, schon allein wegen einer solchen Stadt wie Baden-Baden. Und er schrieb ihr einen Brief und gab ihn bei der Kongressrezeption ab, damit man ihn ihr gleich bei der Anmeldung übergeben konnte. Den  Brief händigte man ihr aus, das konnte er feststellen. Er bat sie in seinem Brief, sie möchte ihn durch ihr Nicken, ihr Lächeln von ihren Gefühlen für ihn wissen lassen. Er würde an dem Stand der pharmazeutischen Firma, die sie vorstellen sollte, erscheinen. Und er erschien dort, ganz schüchtern, mit einem hoffnungsvollen und traurigen Blick auf ihr mageres und doch schön geschminktes Gesicht.
 
Doch sie lächelte nicht und streifte ihn nur mit einem kühlen Blick, den sie auf einen anderen jungen Mann, höchstwahrscheinlich auch ein Arzt, gleiten ließ. Diesen Arzt lächelte sie auch später noch an, wie alle deutschen Frauen es gewöhnlich tun, weil die Lage einer Geschäftsfrau dazu verpflichtet. 
 
 
 
Er war knapp über 50, er war ein Deutscher, genauer gesagt ein deutscher Journalist, was eigentlich keine Bedeutung in dieser Geschichte haben soll. Es lebte bei ihm ein Kaktus, der von seinen Küssen (wovon denn sonst? Es war ein kalter Winter und ein regnerischer Sommer – nicht gerade für Kakteen geeignet und schon gar nicht so wie in der Kakteenheimat üblich) auf anderthalb Meter hochschoss und blühte, wie kaum ein Kaktus blüht – nur eine Nacht lang, aber für sein ganzes Kaktusleben...
 
Der Kaktus stammte nämlich von der berühmten Art der „Königin der Nacht“, zu deren Ehren  die vornehmsten Botanischen Gärten eine Nacht lang ihre Tore öffnen. Tausende von Menschen kommen, um das schöne Leben, das nur eine Nacht lang andauert, zu bewundern.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Übersetzung:  Lilia Suleymanova

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Marina Lambertz-Simonova).
Der Beitrag wurde von Marina Lambertz-Simonova auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.11.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Unsere Welt erstrahlt in vielen Farben - Notre monde rayonne de mille couleurs von Martina Merks-Krahforst



Zweisprachiger Gedichteband (Deutsch / Französisch) von Autorinnen und Autoren zwischen 7 und 22 Jahren aus Deutschland, Frankreich, Lettland.
Die Erlöse aus dem Verkauf gehen an die Peter Maffay Stiftung

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Liebesgeschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Marina Lambertz-Simonova

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Augenzwinkernd über Borreliose (Vortragsnotizen) von Marina Lambertz-Simonova (Humor)
Der Rosenstrauß Teil 02 von Uwe Walter (Liebesgeschichten)
Das kann ja heiter werden von Siegfried Fischer (Schule)