Barbara I.

Fabiana (Teil 1)

Es war der dritte Abend, an dem der fremde Gast in der großen Halle saß. Die Frauen hatten sich bereits zurückgezogen. So fanden sich Herzog Rothard und er allein am großen, offenen Kamin sitzen. An dem langen Tisch lärmte und lachte das Gefolge des Hochgeborenen.
 
„Schon heute möchte ich Euch für die herzliche Aufnahme danken, die Ihr während der letzten Tage mir und meinen Begleitern gewährtet.“ wandte er sich an den Herzog.
 
„Ihr ward willkommen.“ gab jener in seiner gewöhnlich knappen Art zurück.
 
Der junge König, der sich wieder einmal dadurch irritiert fühlte, schwieg eine Weile, brachte aber dann das Gespräch mit  freundlichster Miene auf sein eigentliches Anliegen.
 
„Wollt Ihr die Güte besitzen, mir eine weitere Bitte zu gewähren?“
 
„Sprecht Sie immerhin aus. Ich werde sehen, was ich für Euch tun kann.“
 
So ermuntert, wählte er seine Worte sorgfältig, während er sein Gegenüber dabei genauestens im Blick behielt.
 
„Es mag Euch nicht entgangen sein, mein vortrefflicher Gastgeber, daß mir unter all Euren zauberhaften Töchtern Fabiana besonders auffiel.“
 
„Das war nicht zu übersehen.“ brummte der Herzog.
 
„Ihr liebt die direkte Art,“ fuhr der andere ungeduldig fort, „darum laßt es mich also frank und frei formulieren: Ich bitte Euch um die Hand Eurer Tochter.“
 
Nach diesem festen Ausspruch traf ihn ein so seltsamer Blick, daß er nicht sagen konnte, ob er Verwunderung, Neugier oder tatsächlich Ablehnung darin erblicken sollte. Doch der Ältere ließ ihn nicht lange über seine Gedanken zu dieser Sache im Unklaren.
 
„Ich verstehen nicht, warum Ihr mich danach fragt. Mich wollt Ihr ja wohl nicht heiraten, das steht fest. Habt Ihr mit Fabiana darüber gesprochen?“
 
„Ohne Eure Einwilligung?“
 
Der König durfte sich eingestehen, daß die Entrüstung, die er dem Ausruf verliehen hatte, recht natürlich klang. Doch wieder einmal schien er damit in die Luft geschossen zu haben.
 
„Das mag in Eurem Land üblich sein. Hier entscheiden die jungen Menschen selber über ihr Leben. Fragt also meine Tochter, wenn es Euch ernst ist. Ihr mögt es gleich tun, sie ist bestimmt noch auf.“
 
Der Herzog schickte einen Diener nach der Gewünschten. Ehe der König sich die Worte für seinen Antrag zurechtlegen konnte, stand sie schon vor ihnen.
 
„Du möchtest etwas mit mir besprechen, Vater?“
 
Sie war in ein helles fließendes Gewand gekleidet, daß sich wunderbar an ihre untadelige Figur anschmiegte. Ihre Stimme klang wie eine Melodie.
 
„Unser Gast will Dich etwas fragen.“
 
Ihre Augen blickten erwartungsvoll und ohne Scheu zu ihm, der sich nun erhob.
 
„Fabiana, ich sah nie eine schönere Frau als Euch.“ hub er seine Hymne an. „Von der ersten Minute an, in der Ihr mir den Willkommenstrunk kredenztet, war ich bezaubert von Eurer Gegenwart. Ihr seid für mich wie der erste Frühlingstag nach einem langen, harten Winter. So möchte ich Euch fragen: Wollt Ihr mich in mein Königreich begleiten, als meine Frau?“
 
Weder Freude noch schamhaftes Erröten zeigte sich auf ihren Zügen. Und das waren doch die einzigen Reaktionen, mit denen er gerechnet hatte.
 
„Wie könnt Ihr das von mir wünschen?“ fragte sie verwundert. „Ihr hattet keine Gelegenheit mich kennenzulernen.“
 
„Eure Schönheit hat mich mehr als bezaubert.“ gab er ihr mit gewolltem Enthusiasmus zur Antwort, konnte seine aufkommende Unsicherheit jedoch schlecht bemänteln.
 
Sie warf einen Blick auf ihren Vater, der die Schultern zuckte und ihr so zu verstehen gab, daß er ihre Entscheidung mit keinem Wort beeinflussen wollte.
 
„Auch ich kenne Euch nicht.“ wandte sie sich da wieder an den König. „Noch kenne ich das Leben an Eurem Hofe. Wie soll ich heute mein Schicksal mit dem Euren verbinden, ohne mehr von Euch und Euren Lebensgewohnheiten zu wissen?
Es tut mir leid für Euch, Hoheit. Aber es ist mir unmöglich, Eurer Bitte zu willfahren.“
 
Er begann nun mit den schmeichelndsten Worten auf sie einzureden, ihr Glanz und Glorie seiner Umgebung zu schildern und in den buntesten Farben auszumahlen, welche Annehmlichkeiten sie zu erwarten hätte, würde sie einwilligen, an seiner Seite zu leben. Doch sie blieb bei ihrer Entscheidung.
 
Der König sah, daß auch von ihrem Vater keine Hilfe in seiner Angelegenheit zu erwarten war. Er ärgerte sich maßlos darüber, daß er eine Niederlage erleiden sollte. Wäre Fabiana aus seinem eigenen Reich gewesen, so hätte es genügt, sie an den Hof zu befehlen und dabei wäre kein Gedanke an Heirat gewesen.
 
Krampfhaft überlegte er, wie es möglich wäre, in ihren Besitz zu gelangen, da sie selbst dieses ehrenhafte Angebot ausschlug. Schließlich wagte er einen anderen, nun schon fast verzweifelten Versuch.
 
„Es mag etwas Wahres daran sein, was Ihr sagt. Das Leben, das Ihr hier bei Eurem Vater führt, ist ungleich einfacher, als ihr es in meiner Nähe genießen könntet. Darum mache ich Euch einen Vorschlag: Wollt Ihr mein Land und meinen Hof kennenlernen, auf bestimmte Zeit, und Eure Entscheidung danach noch einmal überdenken.“
 
„Laßt mir jetzt Bedenkzeit, Hoheit! Ich werde es Euch vor Eurer Abreise mitteilen.“ wurde ihm ganz nüchtern entgegnet.
 
Der König dachte trotzdem, daß er damit gewonnen hätte. Sicherlich würde sie nun zu ihrer Mutter laufen, um die Angelegenheit mit ihr besprechen. Da er die Herzogin ehrgeizig, wie alle Mütter wähnte, was die Verheiratung der Töchter anbetraf, so würde sie dem Mädchen wohl den Kopf zurechtrücken.
 
Und wie er erwartet hatte, erfuhr er beim Frühstück, daß Fabiana sich entschlossen hatte, für ein Jahr, sein Gast zu sein. Zufrieden rieb er sich die Hände. Wie hätte er auch ahnen können, daß das Gespräch zwischen Mutter und Tochter ganz gegen seine Vorstellungen verlaufen war.
 
„Es kann nichts schaden, wenn Du einmal etwas anderes siehst.“ meinte Frau Giovanna. „Du kannst schließlich jederzeit zurückkehren, wenn Du genug hast. Vielleicht gelingt es Dir, ein paar Lebensweisheiten zu gewinnen, oder Dich sonst irgendwie zu bilden. Denn da hat der junge Mann recht. Was die neuesten Errungenschaften der Wissenschaft anbetrifft und die modernen Künste, leben wir hier ganz und gar hinter dem Mond.“
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.11.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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