Barbara I.

Fabiana (Teil 2)

So kam Fabiana nach einer langen Reise an den Hof des Königs, wo man sie mit einem glanzvollen Ball als Gast begrüßte.
 
Sie stellte sich selbst mit ihrem Namen vor und das war das erste, was man an ihr zu bemängeln hatte. Hier galt nur der Name der Familie, aus der man stammte, denn aus ihm konnte man Einfluß und Reichtum ablesen.
 
Der König kam ihr charmant zur Hilfe, nannte ihr Geschlecht und bestimmte ihr den Titel „Prinzessin“. Er sah sich dazu autorisiert. Schließlich war Fabianas Vater Landesoberhaupt eines, wenn auch kleinen, Herzogtums.
 
Es gab ein Tuscheln und Raunen unter den Erlauchten. Es summte, wie in einem Bienenkorb. Fabiana ließ sich jedoch dadurch nicht beirren. Sie kam auch gar nicht auf die Idee, daß es ihr gelten konnte. Hätte doch die Gastfreundschaft in der Burg ihrer Eltern derartiges nie erlaubt.
Im Laufe des Abends aber und in den folgenden Tagen erkannte sie immer mehr, was sich alles hinter Gold und Edelsteinen verbarg. Sie sah die Langeweile der Damen und Herren, die keine andere Beschäftigung kannten, als sich zu schmücken, zu klatschen und ihre Abenteuer zu verfolgen.
 
Der König selbst war keine Ausnahme. Er bemühte sich zwar in der ersten Zeit sehr um sie, dann jedoch, als sie sich standhaft weigerte sich ihm zu verfügen, bevor sie ihn tatsächlich besser kennengelernt haben würde, schien sie langsam eine Ausstattung seiner Umgebung zu werden.
 
Sie beteiligte sich nicht an dem allgemeinen Geschwätz, ging Annäherungsversuchen geschickt aus dem Weg und verbrachte ihre Tage damit, abseits spazieren zu gehen oder auf einer Bank eines der zehntausend Bücher zu lesen, die sie in der Bibliothek entdeckt hatte und die direkt auf sie zu warten schienen. Kaum eines machte den Eindruck, als sei es von jemandem berührt worden, seitdem es dort seinen Platz gefunden hatte.
 
An den langen Abenden jedoch, fand sie keinen Grund, sich zurückzuziehen. Um sich nicht undankbar zu erweisen, mischte sie sich unter all die geschmückten, blasierten Menschen und bemühte sich, ihnen nicht zu voreingenommen gegenüber zu treten.
 
„Mir scheint, meine Liebe, Ihr langweilt Euch.“ sprach der König eines abends zu ihr, als sie sich gerade auf einem Stuhl unweit seines Thrones niedergelassen hatte.
 
„Das ist es nicht, Hoheit.“ entgegnete sie ernsthaft. „Ich weiß nur immer noch nicht genug vom Leben an Eurem Hofe, um an den Gesprächen teilnehmen zu können.“
 
„Prinzessin, Ihr seid entweder sehr einfältig, oder sehr gewitzt in Eurer Art zu antworten.“ ließ sich da einer der Herren vernehmen, der seinen Platz immer an der Seite des Königs hatte. Es war sein persönlicher Adjutant und Ratgeber, berüchtigt bei Hofe wegen seiner Kälte und Härte. Er hatte Fabiana schon mehrmals die Gelegenheit gegeben, sie über seine Lieblingstätigkeit zu informieren, indem er versucht hatte, sie vor anderen lächerlich zu machen. Und manches Mal war es ihm gelungen.
 
Es war ein offenes Geheimnis, daß er gegen die Wahl seines Herren war, diese Fremde zu seiner Gemahlin zu machen. So tat er alles, um sie in den Augen des Königs weniger begehrenswert erscheinen zu lassen. Fabiana hatte das längst durchschaut, und da sie sich selbst nicht zu dem jungen Herrscher hingezogen fühlte, war sie durch die Angriffe nicht verwundbar.
 
„Wollt Ihr mir auseinandersetzen, wodurch mein Ausspruch derartigen Tadel verdient hätte, oder wodurch Ihr argwöhnt, mich loben zu müssen?“ entgegnete sie nun ruhig, während sie ihm geradewegs in die Augen sah.
 
Um sie herum war es still geworden. Die Nahestehenden wollten schadenfroh hören, was Herr Peregrin nun wieder eingefallen war, um sein momentanes Lieblingsopfer zu quälen, insgeheim erleichtert, daß man nicht selbst der oder die Betroffene war.
 
„Nun, sollte es Euch entgangen sein, daß sich das Leben hier allein um die Schönheit und die Freude dreht, es zu genießen, so müßte man Euch wohl für einfältig erklären.
Habt Ihr allerdings sagen wollen, Ihr fändet unsere Beschäftigungen inhaltslos und öde, so ist es Euch gelungen, das Ganze sehr hübsch zu verpacken.“
 
„Ich würde mir nie anmaßen, es Euch darin gleichtun zu wollen.“
 
Zur Verärgerung des Königs war Fabiana noch immer ruhig und gelassen.
 
„Ihr laßt es zu, daß Euch mein Adjutant eine Einfalt vom Lande nennt?“ rief er außer sich. Wie konnte sie so wenig auf Ihr Ansehen achten, das doch bald mit seinem verbunden sein sollte.
 
„Herr Peregrin ist offensichtlich in Stimmung dazu und niemand hat das bisher bemerkenswert gefunden. Vielmehr habe ich feststellen dürfen, daß seine Äußerungen stets zur Erheiterung der Anwesenden beitragen. Was sollte ich dagegen sagen?“
 
„Aber es geht auf Eure Kosten!“
 
Während er immer aufgebrachter wurde, wirkte Fabiana mit jeder Minute ruhiger.
 
„Es geht auf die Kosten des Bildes, das Ihr Euch von mir macht, Hoheit, nicht auf meine.“
Sie sah, daß er sie nicht verstand. Da stand sie auf, verneigte sich kurz und verließ den Saal. Fabiana ahnte, daß man ihr nachsagen würde, sie habe keinen Stolz und sich nicht zu wehren gewußt, aber in ihrem Innersten bedauerte sie die Menschen, die aufgrund ihrer Erziehung und Umgebung so denken mußten.
 
Sie wußte nun, daß sie sich nie hier würde wohlfühlen können. Ihre Begriffe von Schönheit und Lebensfreude waren so verschieden von dem, was sie tagtäglich erlebte, wie hätte man diesen Graben überbrücken sollen. Sie sehnte sich nach einer sinnvollen Tätigkeit und dem Umgang mit ihr vertrauten und geliebten Menschen.
 
Ehe sie es sich versah, verschwamm der Ausblick in die Finsternis von der Terrasse, auf die sie getreten war, und sie sah die Burg ihrer Heimat vor sich, umgeben von dunklen Wäldern und mächtigen Bergen. In Gedanken trat sie in die große Halle, den Versammlungsort des abends für alle, die auf der Burg lebten und arbeiteten. Weit weniger prunkvoll eingerichtet, als der pompöse Saal des Schlosses, in dem sie nun lebte, strahlte sie doch mehr Wärme, Geborgenheit und Licht aus, als es hier tausend Kerzen vermochten.
 
Ehe Fabiana dazu kam, sich jedes der Gesichter vor Augen zu führen, wurde sie durch eine Stimme aus ihren Gedanken gerissen. Sie drehte sich um und sah sich dem Adjutanten gegenüber.
 
„Schwelgt Ihr in Heimweh, schöne Frau.“ fragte er spöttisch, wie es seine Art war.
 
„Was ist falsch daran, sich nach denen zu sehnen, die man liebt?“ entgegnete sie ruhig.
 
„Was hindert Euch, diesem Gefühl nachzugeben und zu ihnen zurückzukehren?“ fragte er dagegen.
 
Sie sah ihn gelangweilt mit seinem Jabot spielen. Und trotzdem hatte sie das Gefühl, er würde angestrengt auf eine Antwort warten, anstatt sie wie bisher nur verletzen zu wollen.
 
„Ihr mögt mich nicht hier haben, mein Herr, habe ich recht? Es wäre mir lieber, Ihr würdet die Dinge offen aussprechen, anstatt wie eine Katze um den heißen Brei herumzuschleichen.“
 
„Ihr seid nicht nur gewitzt, Ihr seid auch klug.“ entgegnete er in seinem üblichen sarkastischen Tonfall.
 
Sie schüttelte bedauernd den Kopf und wandte sich wieder nach dem Garten um. Wie sollte sie ein Gespräch fortsetzen, wenn er ihre Offenheit zurückwies?
 
Er stellte sich neben sie und sprach nun kalt und geläufig, ohne sie anzusehen, in die Nacht hinaus.
 
„Es stimmt, ich sehe Euch nicht gerne hier, denn ich weiß, welche Rolle man Euch zugedacht hat. Ihr seid nicht dazu geschaffen, um eine, wenn auch legitimierte, Mätresse meines Königs zu werden.“
 
Seine Ausdrucksweise war hart, aber ohne einen ironischen Unterton.
 
„Ich habe nicht die Absicht, Euren König zu heiraten, seid beruhigt.“
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.11.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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