Barbara I.

Fabiana (Teil 5: Ende)

Es dauerte über ein Jahr, bis Fabiana schließlich Nachricht bekam.
 
„Es kommt einer den Weg heraufgeritten.“ rief ihr der jüngste Bruder ins Zimmer. „Er sieht ziemlich fremd aus und überhaupt nicht wie jemand, den ich kenne. Meinst Du, das könnte er endlich sein, Dein Freund?“
 
Fabiana ließ die Handarbeit fallen und lief so schnell die Treppen hinunter, daß sie beinahe gestolpert wäre. Er war kaum vom Pferd gestiegen, da hatte sie ihn schon umarmt und geküßt.
 
„Wie habe ich mich gesehnt. Sei mir willkommen.“
 
Erst jetzt sah sie, wie müde und abgekämpft er aussah.
 
„Geht es Dir gut, mein Freund?“ fragte sie besorgt.
 
„Ich bin nur erschöpft, Liebste.“
 
Er sah sie vor sich stehen, wie er sie sich nächtlich erträumt hatte. Unvermindert in ihrer Schönheit, ihrer Anmut und ihrer Liebe zu ihm.
 
„Komm,“ sagte sie nun. „ruh Dich aus.“
 
Sie führte ihn in ein Zimmer, sorgte für ein heißes Bad und ließ ihn schlafen, nachdem er jedes Essen abgelehnt hatte. Dann ging sie zu den einzelnen Mitgliedern ihrer Familie, um Ihnen die Neuigkeit selbst zu erzählen und die Freude darüber leuchtete aus ihrem Gesicht.
 
Julien sah etwas weniger übernächtigt, aber immer noch geisterhaft blaß und abgezehrt aus, als er schließlich an ihrer Seite die große Halle betrat. Fabiana machte ihn mit ihrem Vater bekannt und ging dann, um ihrer Mutter bei den Vorbereitungen für das Mahl zu helfen.
 
„Seid willkommen und setzt Euch.“ forderte ihn der Hausherr auf.
 
Und er nahm Platz, in dem Stuhl, in dem vor nicht allzulanger Zeit sein König gesessen hatte.
 
„Habt Ihr Euch ein wenig erholt?“
 
„Ja. Ich danke Euch.“
 
„Meine Tochter hat mir leider nur Euren Vornamen genannt, daher weiß ich nicht, wie ich Euch nennen soll.“
 
„Nennt mich Julien, wie Fabiana es tut, wenn Ihr mir dieses Vertrauen erweisen wollt.“
 
Der Herzog nickte zufrieden.
 
„Ihr wißt, daß ich Fabiana gebeten habe, meine Frau zu werden?“
 
Er ahnte, daß es in dieser Familie keine Geheimnisse gab.
 
„Sie hat es mir gesagt.“
 
„Es ist sicher noch zu früh, um Eure Einwilligung zu erbitten ...“
 
„Hört.“ schnitt ihm der Ältere das Wort ab. „Hier saß schon einmal ein junger Mann, der Fabiana heiraten wollte und aus unerklärlichen Gründen mich fragte. Ich mag es der seltsamen Sitten zuschreiben, die in Eurem Land herrschen.
Jener wollte sie dorthin mitnehmen und daher ließ ich mir sein Benehmen ein Weilchen gefallen. Von Dir aber habe ich gehört, daß Du hier bei uns bleiben willst, mein Sohn. Also wirst Du lernen müssen, Deine Fragen selbst zu stellen, ohne einen Vermittler suchen zu wollen. Wir haben hier Besseres zu tun.“
 
Julien wußte nicht, ob er lachen oder einfach erstaunt sein sollte. Aber eine Welle der Erleichterung machte sich in ihm breit.
 
„Sie hat doch ‘ja’ gesagt, oder Julien?“
 
„Ja, das hat sie.“ und zum ersten Mal lächelte er.
 
„Das ist gut.“ war die nüchterne Feststellung. „Sie sagte, Du würdest ein neues Leben hier suchen, warum?“
 
Julien sah den Herzog Ruthard geradewegs an.
 
„Das alte war voller künstlicher Verstellung, voller Haß und Verachtung; eine einzige Maskerade. Daher suche ich eines, in dem Aufrichtigkeit und Güte herrschen.“
 
Er war sich nicht sicher, wie seine Worte ankommen würden, aber unter dem strengen Blick konnte er nichts anderes, als die Wahrheit so unbeholfen aussprechen, wie sie ihm gerade in den Sinn kam.
 
Wieder nickte der Herzog zufrieden.
 
„Du gefällst mir, Julien. Wir werden prächtig miteinander auskommen und Du wirst Dein Leben finden.“
 
Obwohl Julien die alten Verletzungen immer noch mit aller Intensität spürte, begann er den Worten zu vertrauen.
 
Der Tisch füllte sich und die Teilnehmer an der Mahlzeit traten langsam herein. Fabiana wies Julien den Platz an, den er einnehmen sollte und stellte sich dann an die Seite ihrer Geschwister.
 
Der Herzog hieß Julien noch einmal herzlich willkommen und fügte dann hinzu: „Bevor wir uns heute setzen, habe ich etwas zu verkünden: Fabiana und Julien haben beschlossen von nun an gemeinsam zu leben. Wir wollen Sie mit den Segenswünschen von uns allen begleiten, damit ihre Verbindung dauerhafte Liebe für sie beide bergen möge.“
 
Er wandte sich an seine Tochter und den Gast.
 
„Ihr seid verbunden durch das Band der Liebe, nehmt Eure neuen Plätze ein, daß es für jedermann sichtbar werde.“
 
Erst jetzt erkannte Julien, daß ganz in der Nähe des Herzogs noch zwei Plätze gedeckt waren. Er hatte den Sinn des Ganzen nicht erfaßt, doch er schritt darauf zu, wie er geheißen worden war. Seine Blicke trafen sich mit Fabiana und er sah ihr Glück und ihre Liebe für ihn. Die Anwesenden erhoben ihre Kelche. Sie sprachen die uralten Worte für das Paar: „Glück und Segen für Eure Liebe.“
 
Da breitete sich Freude in der alten, hohen Halle aus. Jeder wollte teilhaben an dem Wunder, das ihnen geschehen war. Es wurde eine lange Feier.
 
„Was ist passiert?“ fragte Julien, als er spät mit ihr am Kamin saß und keiner sie dabei behelligen wollte.
 
„Um es mit den Worten Deiner Heimat auszudrücken: Wir gelten als Ehepaar.“
 
Er sah so verblüfft aus, daß sie laut lachte.
 
„Ich bin ungerecht,“ meinte sie dann. „Dich müssen unsere Bräuche ebenso seltsam anmuten, wie Eure mir. - Wenn ein Mann und eine Frau beschließen, ihr Leben gemeinsam fortzuführen, teilen sie es ihrer nächsten Umgebung mit, sobald möglichst viele beisammen sind. Mein Vater hat es in diesem Fall für Dich übernommen, weil er wußte, daß Du Dir darüber nicht im Klaren sein konntest. Es liegt an uns, diese Verbindung mit Liebe zu erfüllen.“
 
„Aber, die Trauung?“ fragte er.
 
„Sie war, als Du mich fragtest, ob ich mit Dir leben wolle und ich glücklich war einzuwilligen.“
 
 „Du meinst, wir sind verheiratet und ich habe nichts davon gemerkt?“
 
„Ich meine, wir gehören zusammen, solange wir das wollen.“ widersprach sie ihm und stellte dann augenzwinkernd fest: „Streng traditionell genommen gehört noch ein weiteres Ritual dazu. Aber das geht nur uns etwas an.“
 
Er wußte, was sie damit meinte und seine Erinnerung kehrte zurück. Erschrocken stellte er fest, daß sie schon ab dieser Nacht ein gemeinsames Zimmer bewohnen würden.
 
„Ich weiß so wenig von Deiner Liebe.“ sagte er unglücklich, als sie neben ihm auf der Schwelle stand.
 
„Wir haben ein Leben lang Zeit, etwas darüber herauszufinden.“ entgegnete sie ernsthaft.
In der ersten Zeit ließ sie ihn viel schlafen, denn das schien er am notwendigsten zu brauchen. Fabiana beobachtete ihn aufmerksam. Erst als er vollständig erholt aussah, bat sie ihn auf einem Spaziergang, zu erzählen, wie er das Jahr verbracht hatte.
 
„Wie immer.“ meinte er nüchtern. Außer meine Stellung bei Hof einzunehmen, war ich damit beschäftigt, alles für meine Abreise vorzubereiten.“
 
„Wie reagierte der König, als Du ihm seinen Entschluß mitteiltest?“
 
„Er tobte, aber er konnte mir nichts vorschreiben. Ich war stets unabhängig genug von ihm.
Es ist vorbei, Fabiana, laß uns von anderen Dingen reden.“
 
„Dann erzähl mir, wie Du angefangen hast, mich zu lieben.“ bat sie.
 
Er ließ sich auf einem Baumstamm nieder, der am Rande der Lichtung lag, die sie gerade überschritten hatten.
 
„Ich weiß es nicht.“ sagte er langsam. „Möglicherweise vom ersten Augenblick an. Du warst so anders, als alle Menschen, die ich kannte. Und doch, zunächst glaubte ich, Deine Tarnung wäre nur besser durchdacht.
Dann sagtest Du mir, daß Du nicht die Absicht hättest, den König zu heiraten und ich geriet in Versuchung, Dir zuzugestehen, daß es die Wahrheit sein könnte. Aus diesem Grund wollte ich Dich näher kennenlernen, nur deshalb besuchte ich den Maskenball, den ich sonst stets mied, und ich fand Dich so, wie ich mir Dich erträumt hatte. Aber das rückte Dich in unerreichbare Ferne für mich.
Als Du vor all diesen widerlichen Hofschranzen von Liebe sprachst, drehte es mir beinahe den Magen um, aber ich mußte stehenbleiben und zuhören, wie Du das als Wahrheit verteidigtest, was ich schon längst als Aberglaube abgetan hatte. Ich weiß nicht, was in mich fuhr, als ich Dich bat, mir Gewißheit zu verschaffen. Heute glaube ich, ich bedurfte Deiner Vergebung so sehr, weil ich selbst nicht einmal wußte, daß ich mir Vergebung wünschte. - Und Du schenktest sie mir ohne das geringste Zögern.
Weil ich sah, daß Du mich erkannt hattest und Dir folglich auch das winzige Bißchen meiner wahren Natur nicht mehr fremd sein konnte, faßte ich den Mut zu Dir zu gehen, um Dir mein jämmerliches Gefühl zu gestehen. Trotzdem hätte ich es nie geschafft, wenn Du mich nicht förmlich dazu gezwungen hättest.
Ich mißverstand Deine Reaktion gründlich und Du tatest ganz recht, mich davon abzulenken, denn ich hätte Dir kein Wort geglaubt.
Dieser verrückte Ausflug brachte mich fast um den Verstand. Zuerst konnte ich kaum glauben, daß Du das warst, die neben mir ging. Du warst so lebhaft und wirktest so glücklich und Du gabst mir das Gefühl, daß ich daran nicht ganz unbeteiligt sei.
Unsere Trennung war die einzige Möglichkeit, Dich von all den Intrigen fernzuhalten, die sich um uns gesponnen hätten, sobald auch nur einer eine Ahnung davon erhalten hätte, was wir füreinander empfanden.
Bei uns gilt es als Schwäche, seine Karriere wegen einer Frau aufzugeben, aber ich wollte nirgendwo anders mehr leben, als in Deiner Nähe. Ich stelle mit Erstaunen fest, daß es mir hier offensichtlich eher Bewunderung eingebracht hat.“
 
An diesem Abend war er bereit ihre Berührung zu ertragen.
 
„Zeig mir, was Du möchtest.“ meinte er leise.
 
„Wie soll ich Dir etwas zeigen, was ich mit Dir erst neu erfahren möchte.“ entgegnete sie erstaunt.
 
Sie hätte ihren Gedanken anders formuliert, hätte sie geahnt, wie sehr sie ihn mit ihrer Wortwahl verletzen würde. Da begann sie mit ihren Händen Abbitte zu tun und da er sich und ihr seinen Schmerz eingestand, gelang es ihm nach einer Weile, ihr sein Herz zu öffnen, ohne den Augenblick durch seinen aufquellenden Zynismus zu vergiften.
 
Er spürte die Achtung, die sie vor seinem Körper empfand. Und ohne daß er es erzwungen oder auch nur gewollt hätte, entstand in ihm das Bedürfnis, Fabiana zu zeigen, wieviel sie ihm bedeutete.
 
Was er mit ihr erlebte, war vollkommen neu. Es war ein Austausch von Zärtlichkeit und Leidenschaft, den ihre Liebe füreinander erst möglich machte. Sie ließ sich von ihm liebkosen und leiten und tat unbewußt das gleiche mit ihm. Und er bemerkte verwundert, daß er es aufnehmen konnte, wie sie seine Gefühle glücklich und staunend in sich aufnahm.
 
„Du hast die Wahrheit gesagt.“ flüsterte er, als sie dicht an ihn geschmiegt neben ihm lag. „Es gibt diese Macht, die einem selbst einen neuen Körper verleihen kann.“
 
„Dann war es schön für Dich?“ fragte sie.
 
„Die Liebe, die Du mich zu entdecken gelehrt hast, ist das Schönste und Wichtigste in meinem Leben. Ich dachte nie, daß sich hinter dem, was uns die Patres so mühevoll eingebleut haben, die Wahrheit verbirgt. Aber heute glaube ich, daß es einen Gott gibt, der selbst den Verworfensten von seinem Schicksal erlösen kann. Ich bin ihm aus ganzem Herzen dankbar, daß er Dich zu mir gesandt hat.“
 
Sie bauten ihr Leben auf dem Glauben an die Liebe. Und da die Liebe der Grundstock war, mag es wohl sein, daß sie glücklich wurden.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.11.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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