Sandra Lenz

Brennende Tränen

Teil 1

Es war finster und es roch nach Moder. Die Luft war abgestanden und kleine Wasserrinnsale bahnten sich ihren Weg entlang der Wand. Die Luft war eisig und aus der Ferne konnte man ein leises Knarren vernehmen.
Sue erwachte aus tiefen schwarzen Nebeln. Als sie die Augen öffnete, streifte etwas ihr Gesicht und sie wich angeekelt ein Stück zurück. Ihre Hand strich über den Boden. Er war kalt und rau. Sie lag auf nackten Steinen. Mühselig richtete sich Sue ein Stück auf. Ihre Finger berührten ihre Stirn. Ein starkes Hämmern dröhnte in ihrem Kopf. Langsam verschwanden die schwarzen Nebel und die Erinnerung kehrte zurück. Doch wie war sie bloß in dieses Verlies gekommen?

Sue und ihre Freundin Karen waren nach Finnland gefahren, um Urlaub zu machen. Einfach Land und Leute kennen lernen und Spaß haben, so lautete ihre Devise. Das letzte, an das sie sich erinnern konnte war, das Karen und sie auf dem Weg nach Helsinki waren. Unterwegs hatten sie angehalten, um etwas zu essen. Die Kneipe sah ziemlich herunter gekommen aus, trotzdem waren sie eingetreten. Dort hatten sie zwei Typen kennen gelernt. Sie hatten sich als George und John vorgestellt. Irgendetwas war Sue komisch an ihnen vorgekommen. Aber da Karen scheinbar von ihnen begeistert war, hatte sie auch nichts weiter sagen wollen. Nachdem sie sich eine ganze zeitlang unterhalten hatten, fingen sie an Jägermeister zu kippen. Sie machten ein Spiel daraus. Derjenige der verlor, musste ein Glas auf Ex austrinken. So waren etliche Gläser geleert worden. Obwohl Sue unwohl gewesen war und von den beiden eine düstere Stimmung ausging, hatte sie nichts gesagt. Ihre Freundin hatte sich prächtig amüsiert.
Und nun war sie hier. Die Zeit dazwischen war wie ausgelöscht. Gähnende Leere herrschte in ihrem Hirn. Leise flüsterte Sue den Namen ihrer Freundin in die Dunkelheit, doch sie bekam keine Antwort. Schrecken breitete sich in Sue aus. Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn und ihr Atem ging schwerer. Sie musste irgendwie hier herauskommen.
Sie zog sich langsam an der Wand hoch, bis sie auf ihren Füssen stand. Vorsichtig tastete sie sich an der Wand entlang. Das Verlies war nicht sehr groß und es befand sich rein gar nichts darin.
Langsam tastete sich Sue weiter vorwärts. Plötzlich umfassten ihre Finger einen Türgriff. Ihr Herz schlug schneller. Mit zitternder Hand drückte sie die Klinke runter und öffnete die Tür. Sue riss erschrocken die Augen auf und ein Schrei entrang ihrer Kehle. Vor ihr stand ein blass aussehender Glatzkopf. Eingehüllt in das fahle Licht des Mondes ...

Sue wollte einfach nur schreien, doch ihre Kehle war wie zugeschnürt. Jegliche Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen und sie hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Der Glatzkopf packte sie am Arm und hinderte sie so daran umzufallen. Er zog sie nun ganz hinaus auf den Gang. Seine kalten Finger umfassten ihren Ellbogen und er drängte sie nun den Flur entlang. "Wo wollen Sie mit mir hin? Wo bin ich? Wer sind Sie?" Sue versuchte verzweifelt sich dem harten Griff zu entziehen. Der Mann zog sie weiter den dunklen Flur entlang. Überall hingen Spinnweben und es war staubig. Die Luft war erfüllt mit dem Duft des Todes. Der Mann blieb stehen und starrte sie aus seinen kalten Augen an. Er musterte sie.
"Ich heiße Paul und bringe Dich nun nach oben. Alles weitere erfährst Du später." In seinem Gesicht konnte sie keinerlei Gefühlsregung erkennen. Er blickte sie noch einen Moment lang an, bevor er sie weiter den Flur entlang zerrte.
Es schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, bis sie eine große schwere Tür erreichten. Paul stieß sie auf und drängte sie hinein. Der Raum war ebenfalls düster, nur schwach erhellt von dem Schein einiger Kerzen. In der Mitte stand ein großer Tisch mit mehreren Stühlen. Paul schob Sue darauf zu und deutete ihr sich zu setzen. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als diesem Befehl nachzugehen. Er drehte sich um und verließ ohne weiteren Kommentar den Raum. Die schwere Tür fiel hinter ihm ins Schloss.
Der Raum war mittelgroß und dichte schwarze Vorhänge verdeckten die Fenster. Über dem Tisch hing ein schwerer Kronleuchter, der aber nicht brannte. Mehrere Kerzen verbreiteten ein schwaches und beängstigendes Licht. Sue befand sich allein in diesem Zimmer. Zumindest dachte sie das, als sich plötzlich eine Gestalt aus der Dunkelheit löste und auf sie zukam. Sue spürte, das sie nicht mehr allein war und drehte sich um. Sie starrte in das blasse Gesicht von Georg, auf dessen Lippen ein hämisches Grinsen lag.
"Du?" Sue erkannte ihre eigene Stimme in diesem Moment nicht wieder. Georg setzte sich und rückte dicht an sie heran. "Ja, ich. Hättest Du wohl nicht erwartet?" Er blickte in ihre weit vor Angst aufgerissenen Augen und rutschte noch ein Stückchen näher. "Deine Freundin Karen hat uns viel Freude bereitet. Aber leider hat sie sich ein bisschen geziert ..."
"Was habt ihr Schweine mit ihr gemacht?" Sue wollte nach Georg schlagen, doch er hielt ihre Hand mit eisernem Griff fest. Er grinste wieder und machte eine abwertende Handbewegung. "Nichts haben wir mit ihr gemacht. Sie wollte nur nicht bleiben." Georg stand nun hinter ihr. Er umfasste ihre Haare und zog ihren Kopf nach hinten. Seine Zunge wanderte ihren Hals entlang und hinterließ einen kalten Schauer auf ihrer Haut. "Aber bei Dir wird das anders sein." Er presste seine harten Lippen auf ihren warmen Mund. Verzweifelt versuchte Sue sich zu wehren, doch er war zu stark für sie. Seine andere Hand wanderte tiefer. Er wollte ihr das Shirt hochziehen und seine gierigen Finger über ihren Körper wandern lassen. Sue bettelte: "Bitte, nicht ..." Doch Georg ließ nicht von ihr ab. Plötzlich flog die Tür auf und eine Stimme sagte "Nein".
Georg ließ von Sue ab und starrte Richtung Tür.

Im Türrahmen stand ein großer Mann. Da er im Dunkeln stand, konnte Sue sein Gesicht nicht erkennen. Aber in diesem Moment war sie ihm dankbar. Schließlich hatte er Georg von seiner Tat abhalten können. Georg lief nervös hin und her und blickte verschämt zu Boden. Er fühlte sich erwischt und ärgerte sich nun über sich selbst, das er es nicht klüger angegangen war.
"Verdammt, Du schon wieder!" zischte er Richtung Tür. Seine Augen blickten giftig auf die große Gestalt, die noch immer regungslos im Türrahmen stand. "Nie kann man sich mal ein bisschen amüsieren." Voller Wut trat Georg gegen einen Stuhl, der polternd zu Boden fiel.
"Du weißt, das Er Dir das niemals gestatten würde. Also beschwöre keinen unnötigen Ärger herauf." Die Gestalt löste sich langsam aus der Dunkelheit und kam auf sie zu. "Georg, sei vernünftig. Du weißt, was Er sonst mit Dir macht." Sue erkannte plötzlich John im Kerzenschein. Bartstoppeln betonten die harten Linien seines Kinns und seine dunklen Augen, deren Blick immer wieder zwischen Georg und Sue hin und her wanderten, spiegelten nichts von seinen Gedanken wider. Sue konnte im ersten Moment gar nichts sagen. Hätte sie sich doch eigentlich denken können; wo der eine ist, kann der andere nicht weit sein. Am liebsten wäre Sue aufgesprungen und hinausgerannt. Doch irgendetwas lähmte sie an diesem Stuhl fest. Georg schnaufte immer noch verächtlich. "Es wäre besser, wenn Du jetzt gehst und Dich wieder beruhigst." Johns Stimme duldete keinen Widerspruch. Georg merkte, das er hier nichts mehr ausrichten konnte. Verärgert verließ er den Raum, ohne Sue eines weiteren Blickes zu würdigen. Die Tür ließ er donnernd ins Schloss fallen.
John schaute Sue an und berührte sie sanft an der Wange. "Bist Du in Ordnung?" Sue erlangte langsam ihre Selbstbeherrschung wieder. "Was zum Teufel ..." John legte ihr einen Finger auf den Mund. "Ich weiß Sue, Du bist wütend und möchtest wissen, wo Du hier bist und vor allem warum."
Johns Gesichtszüge nahmen nun weichere Züge an und er schien sich wirklich um ihr Wohlergehen zu sorgen. Sue entspannte sich ein wenig. In seiner Gegenwart fühlte sie sich nun sicherer, obwohl ein Rest Zweifel zurück blieb und an ihr nagte. Konnte sie John wirklich trauen oder spielte er hier ein doppeltes Spiel?


Fortsetzung folgt ...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.05.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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