Iris Asamoah

Woodstock im Herzen

Neulich hat mich jemand einen Alt - Hippie genannt, da fühlte ich mich richtig geschmeichelt, obwohl ich nicht sicher bin, ob mir dieser Titel zusteht. Um ehrlich zu sein, war ich so ein Möchtegern, immer schön vorsichtig am Rande.

 

Angefangen hat es wohl in Colorado, wo mir freie Meinungsäußerungen der Presse und mountain air, die ersten klaren Gedanken über die Welt ins Gehirn steigen ließen. In Deutschland hatte ich mich mit der Springer Presse begnügt, denn die gängigen Publikationen lagen überall rum. Ansonsten reichte es mir eine Berlinerin zu sein.

 

Teile meines Erwachens waren fürchterlich! Als ich heulend zu meiner Nachbarin rannte und fragte, ob sie schon gehört hätte das Martin Luther King erschossen sei, sagte die es wurde auch Zeit, einer mußte den Nigger ja umlegen. Die Nachbarin war so eine die man als `nice young lady´ bezeichnete. Nach diesem, ihrem Spruch, sah ich mich schon mal veranlaßt mich von den `Netten´ zu distanzieren. --- Über Bobby Kennedy habe ich nicht mit der Nachbarin gesprochen. Das war auch schlimm! Ich wollte grade den Fernseher ausschalten, da kamen plötzlich, statt des erwarteten National Anthem, diese herben Bilder wie Bobby Kennedy am Boden lag.

 

Ron war in Viet Nam und ich machte mir das ganze Jahr über Gedanken, wie ich ihm vermitteln könne, das ich zu der Überzeugung gelangt war, dass der Krieg beschissen sei. Ein heftiges Statement, denn ich war mit einem Soldaten verheiratet, dessen Freunde da wegstarben. --- Das hat sich dann von selbst erledigt, denn als Ron wiederkam, war er zu der gleichen Ansicht gelangt wie ich. Er zog aber keine Konsequenzen, sondern blieb in der Army. Er behauptete er sei der Underground, den es ja auch geben müsse. Außer vielen Worten habe ich davon nichts gemerkt.

 

In Colorado lernte ich Claire kennen und begriff endlich, das man mit einer Frau viel besser reden kann, als mit einem Mann. Wir waren erstaunlich offen und ehrlich miteinander, machten uns gegenseitig nichts vor. Das kannte ich gar nicht! Ich bewunderte Claire. Sie war schon 35 Jahre alt und doch noch quicklebendig. Sie war klug und noch dazu, was wir artsy-crafty nannten. Eigentlich war sie Bildhauerin, aber sie konnte so gut wie alles mit ihren Händen zimmern und auch noch wunderbar malen. Mir machte sie aus bunter Wolle und Holzstäbchen ein Gottesauge zum Schutz, und ein schmales, schwarzes Holzregal zum Aufbewahren von Steinen und anderen kleinen Schätzen. Zum Geburtstag zeichnete sie mir ein Poster von `Cannabis Sativa´, wohl damit ich das Kraut erkennen könne, sollte es irgendwo auftauchen.

 

Claire hatte immer tolle Ideen und unsere Szene war voll cool. Einmal kam Claire zu mir rüber und berichtete ganz aufgeregt, die Polin aus ihrem Haus hätte bemängelt das ich wie ein Hippie aussehen würde. Darüber freuten wir uns beide stundenlang. Claire hatte es nicht so leicht was ihr Aussehen betraf. Als sie einem Bekannten anvertraute sie würde gerne ein Hippie werden, sagte der trocken:

„Wohl eher ein Hippo.“

Das war keine coole Bemerkung! Aber Claire fand sie trotzdem witzig. Ihr schienen die extra Fleischpolster nichts auszumachen. –

Sonntags ging ich immer brav mit den Kids zu den Schwiegereltern auf Besuch. Claire fuhr unterdessen mit ihrer alten Karre, die sie `Bessie´ getauft hatte, durch die Gegend, um zu erkunden, wo was los war. Oft landete sie im Park, bei Love-Ins, Be-Ins, oder Free Concerts. Einmal wurde dort Limo herumgereicht, von der die kleine Tochter trank. Die war dann tagelang far out, wir vermuteten es war acid im Gebräu. Ich entschloß mich mit meinen Kids, nicht zu solchen Veranstaltungen zu gehen.

 

Es war so eine Sache mit den Drogen. Timothy Leary war mir viel zu high, aber mit meinen Bananen- und Muskatnußexpirimenten konnte ich überhaupt nicht vom Boden abheben. --- Die Musik war voller Anspielungen über Trips und Drogenerfahrungen und die Neugier plagte mich. Ach was, Neugier! Eine richtige Sehnsucht war das!

 

Jefferson Airplane inspirierten mich nochmals `Alice im Wunderland´ zu lesen. Lewis Caroll soll ja wohl auf Cocain gewesen sein. Stoned war er beim Schreiben zweifellos. - Ich stellte eine gewisse Affinität zu dem weißen Kaninchen fest, denn auch ich befürchtete oft zu spät zu kommen und beeilte mich deshalb sehr. Dadurch wurde ich zu schnell und im Endeffekt auch ohne Alices `eat me ´ und `drink me´ oft ganz klein. Zu groß war ich eher selten.

 

Wir waren noch sehr into Plastics, Ohrringe und Zeug überwiegend. Einmal bestellte ich mir ein ganzes Kleid aus diesem Material, dann mochte ich es aber doch nicht anziehen. - Lovebeads hatte ich schon jede Menge, manche aus buntlakiertem Holz, andere aus braunen Kernen. - Sehr zur Abscheu meiner Schwiegermutter trug ich meine Röcke immer kürzer, ich war ja so ein schmaler Twiggy Typ, da habe ich eben nur noch Blue Jeans getragen, wenn ich sie besuchte. Das gefiel ihr auch nicht. In meiner Kleidung hing immer der Geruch von Räucherstäbchen, Sandlewood mochten wir am liebsten.

 

Immer wieder mal unterhielten Claire und ich uns mit Hippies, die auf dem Weg zur Height Ashbury durch Denver zogen. Ich frage mich heute noch, was für ein Leben ich geführt hätte, welche Abenteuer erlebt, wenn ich dem Verlangen mitzutrampen nachgegeben hätte. - Pflichtgefühl gegenüber den Kids, oder einfach Schiß - ich blieb meinem kleinen Vorort treu. Bob Dylan sang´s von meinem Tonträger:

„I walked the line!

Wir vergnügten uns mit Marshmellows, Hersheykisses und Merry-Go-Arounds. Wir sahen die Kinderprogramme im Fernsehen  rauf und runter, tobten draußen mit den Kids um die Wette, lasen abends aus Kinderbüchern vor, probierten neue Kochrezepte. Wir hielten, wenn auch manchmal mühselig, unseren Freiheitsdrang im Zaum, waren brave Hausfrauen und Mütter.

 

Ich entschloß mich wenigstens der Aufforderung `go innerspace ´zu folgen, praktizierte Yoga und versuchte mich mit Meditation.

Claire und ich mußten uns trennen und danach war alles weniger hip. In Montgomery County, New York, fand ich keine Freundin, aber gleich auf den ersten Blick, via TV, erkannte ich Janis Joplin als meine wahre Schwester. Das war Seelenverwandschaft, obwohl ich es selten zu mehr als einem 6pack brachte und Southern Comfort nie gekostet habe.

Irgendwie ging schon alles den Bach runter mit meinem erträumten Hippiedasein.

Wir wohnten in einem schönen Haus am Bulleville Road. Bullen sah ich da nie, aber ein Rudel wilder Hunde verunsicherte die Gegend. - Am Dach unseres Hauses gab es Wespennester, denen nicht beizukommen war. - Im Keller hauste ein ganz gewöhnlich braunes Kaninchen. - Unsere Katze war überall und tauchte immer da auf, wo wir sie nicht vermuteten, am liebsten aber in den Spielkisten. Die Katze trug den Namen `Coocachoo´ nach `Coo coo ca-choo, Mrs. Robinson´von Simon and Garfunkel. - Neben unserem Haus, in einem überdimensionalen Wohnwagen, wohnte ein Truckdriver mit seiner Riesenfamilie. Die tranken alle viel Bier und waren sehr laut.

Mir war das alles nicht geheuer, so blieb ich überwiegend `innerspace´. Meist verschönten mir die Beatles den Tag. „Lucy in the sky with diamonds“ war grade mein Lieblingssong. Viele Platten hatte ich noch nicht.

 

Dann kam der Tag der Schande und des Schmach´s:

Ich verpaßte Woodstock!!! Ich muß echt hinterm Mond gelebt haben, denn auf das Konzert wurde ich erst aufmerksam, als Ron viel später als sonst nach hause kam. Er sagte verärgert auf den Straßen wäre kein Durchkommen, Tausende von Autos würden sich nach Woodstock quälen, denn dort wäre ein Rockkonzert angesagt.

Wenn so viele Menschen dorthin unterwegs waren, mußte ja eine Menge los sein und Rock war schon immer mein Ding! Da wollte ich auch hin!!! Woodstock war nur wenige Meilen weiter weg, warum also nicht?

Ich wette Canned Heat brachten schon `Going up the Country,´als Ron noch immer argumentierte, es wäre vollkommen unmöglich durch den Stau zu kommen. - Später erzählten mir die Leute von nebenan, sie wären dorthin gefahren, nur um sich über die Hippies lustig zu machen. Das hat mich noch hinterher schrecklich geärgert.

-             Crosby, Stills & Nash waren sicher schon mit ihren `Wooden Ships ´fortgesegelt, als Ron mich noch immer zu überzeugen versuchte, das ich doch nicht mit den Kids in diese Menschenmenge wolle. Richie Havens träumte vielleicht mit seiner Gitarre vom `Freedom, ´als ich mir anhören musste, wie schlecht das Wetter sei, es würde sicher bald regnen.

Ich schäme mich es zuzugeben, aber ich war noch so programmiert, das ich gar nicht auf die Idee kam, alleine los zu ziehen.

„Ball and Chain, “ Janis!

Ich hatte noch ein bißchen Gras weggesteckt und rauchte eine Pfeife. Sozusagen aus Protest! Danach war mir wieder friedlich. Ron verbrachte den Abend im Sessel vor dem Fernseher. Als irgendwann durchgesagt wurde, man habe Woodstock als disaster area deklariert, fühlte er sich bestätigt!

 

Noch Jahre später, wenn Ron sich als cool und hip darstellen wollte, verdarb ich´s ihm, indem ich sagte:

„Remember Woodstock!“

Das blieb ein wunder Punkt.

 

Es dauerte nicht lange und die Musik von Woodstock, war überall zu hören. Sobald die Platten rauskamen, kaufte ich sie mir und spielte sie Tag und Nacht. Meine Plattensammlung wuchs nicht schlecht über die Jahre, aber zwischendurch legte ich immer wieder Woodstock auf. Es war ja nicht nur der Rock, es war ein Zeitgefühl. Die Musik war toll und die Musiker drückten mit ihren Songs so ziemlich alles aus, was uns damals bewegte. 10 Plattenseiten die ich verinnerlichte! Es war wie mit einer großen Liebe. Ich weiß es ist vorbei, aber die Liebe bleibt ein Teil von mir, bleibt im Herzen, weicht weder Zeit noch Vernunft.

 

Viele Jahre später bemerkte meine Tochter:

„Ich glaube du bist die einzige Mutter, die Jimi Hendrix singt.“

Wir wohnten zu der Zeit wieder in Deutschland, im Schwabenländle, und ich glaube es war ihr peinlich.

Sogar jetzt geht’s manchmal „do do do do do do do dam, da dam, as she go walking down the street --- „ in meinem Kopf ab, wenn ich irgendwo hingehe. In der U-Bahn betrachte ich oft die Leute und überlege wie sie aussehen würden, wenn sie anders drauf wären. So manchen Yuppie Typ im Anzug konnte ich mir schon gut in Hiphuggers und mit love-beads vorstellen. - Wäre doch nicht schlecht wenn die Kids von heute sich gegenseitig füttern würden, wie beim Konzert in Woodstock, statt sich gegenseitig die Jacken abzuziehen oder den Omis die Handtaschen zu klauen! Eine meiner Lieblingsphantasien ist, daß den Skinheads plötzlich lange Haare sprießen und sie „I want to take you higher“ singen, statt Naziparolen zu grölen. Man stelle sich vor, sie tauschten ihre Springerstiefel gegen Jesuslatschen ein! Statt Baseballknüppel zu schwingen, könnten sie mit entzückendem Lächeln Blümchen verschenken und peace wünschen.

 

Was war doch das für eine schöne Weise zu demonstrieren! Ich sehne mich nach der guten alten Zeit, werde alt und bleib´ doch jung, - mit Woodstock in meinem Herzen!

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.12.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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