Michael Glauer

Bahnhofsgalerie

Du sagtest lange nicht gesehen und ich stimmte dir zu. Wir gingen die Treppen des Bahngleises hinunter zum Flur der unter den Schien entlang führte. Es regnete und die Kacheln an den Wänden verstärkten den Dreck der sich über Jahre dort angelagert hatte. Schien so als ob lange nicht mehr sauber gemacht wurde. „Wir fahren doch nicht Fahrstuhl, oder? Ich meine so schwer ist mein Gepäck nicht.“ Ich weiß dass hinter dieser Frage mehr steckte und du wolltest dass ich deine Sachen trage, aber ich tat es nicht. Du wusstest dass ich deine Frage durchschaut hatte. Du hattest dich nicht verändert. Du hattest bei Fragen noch immer diese hochgezogenen Brauen die deine Meeresblauen Augen wie eine Art Rahmen verzierten und veredelten. Dein Harr glänzte noch immer wenn du eine Kopfbewegung vollzogst um dein Missfallen anzudeuten, nur ganz dezent, nicht auffällig. Eine Lady eben.

Im Bahnhof hatte sich nichts verändert, Die Glasvitrinen in der Bahnhofswand hatten keine neuen Werbeanzeigen bekommen und auch die Uhr, oben über der Abfahrtsanzeige war dieselbe. Wahrscheinlich sprang der Zeiger noch immer im selben Abstand von Sekunde zu Sekunde wie beim letzten Mal, sicher sogar. Du hattest einen Rollkoffer, einen schwarzen mit bräunlich-böiger Gummiumrandung. Keinen normalen Koffer eben, und keine Reisetasche zum um der Schulter Tragen. Dieses Rattern der kleinen Rollen unter dem Koffer war dir genehmer als vereinzeltes Knacksen des Plasteriemens. Eine tolle Frau eben. Und deine Schuhe mit großen Absätzen die zu dem Rattern noch passende pochende Geräusche abgaben. Wie Kultiviert und Schön du dich gabst beim Laufen, jedermanns Blicke auf dich ziehend, beneidet von jeder Frau.

Nun musste ich anhalten und sehen, dich ansehen. Du starrtest mich an und ich dich.

Du hattest es nicht ausgehalten mir in die Augen zu gucken und zu fühlen was du im Begriff gewesen wärest zu spüren wenn du ausgeharrt hättest. Du warst nun du, und nicht mehr du selbst. Warum ich wagte dies zu bedenken? Ich glaube es lag daran, dass ich nicht mehr diese Zuneigung zu dir empfand, dieses innigste aller Gefühle wenn ich dich ansah.

Es ist nicht die Frau an sich die das Bild unendlich hübsch macht, es ist der Pinselstrich und die Farbe mit der sie sich vom Rest des Bildes abhebt und das Bild so viel teurer macht als den edelsten Rahmen. Ich merkte es als ich mit dir vor dem Eingang stand und die Sonne soviel mehr schien als du und mich soviel mehr wärmte als deine Gegenwart. Hing dein Anblick früher in meinen Gedanken, so schwebt er nun lose vor meinem Auge.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.12.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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