Conny Kirsten

Der Sprung

In strahlend hellem Licht stand eine junge Frau an den Klippen und zögerte, hinunterzuspringen. Der Wind toste in ihren langen Haaren und ihrem zerfetzten Kleid. Ihre Augen blickten starr über die aufgepeitschte See. Weit streckte sie die Arme aus, als wollte sie nach etwas greifen, was aber nur für sie bestimmt war. Ihr Herz pochte, denn gleich würde alles enden, was einst so hoffnungsvoll begonnen hatte. Nur wenige Zentimeter trennten sie vor der Erlösung und sie kostete ihre letzten Minuten aus. Sie erinnerte sich an ihren Vater, diesen strengen kalten Mann, der so wenig Mitgefühl für ihre Lage empfunden hatte. Aber wer hätte auch schon einen Funken Gefühl für sie verschwenden sollen. Sie seufzte leise. Als sie einst in dieses schöne Land zogen, da versprach alles so gut zu werden, wie noch nie zuvor in ihrem Leben.

In der Ferne hörte sie leise die Stimmen, die sich in ihre Richtung bewegten und immer lauter wurden. Eine Träne rollte sanft über ihre vom Wind raue Wange. Sie ging ein letztes Mal in sich und verabschiedete sich von den wenigen Menschen, die ihr wirklich etwas bedeuteten, viele waren es nicht. So viele aber, die ihre Hilfe angenommen und nachher auf sie gespuckt hatten, als ihre Situation schon hoffnungslos war. Sie lächelte verächtlich. Die Ratten verlassen immer das sinkende Schiff zuerst! Ihre Hände schmerzten dort, wo die Folterknechte die Daumenschrauben angelegt hatten. Die linke Hand würde nicht wieder heilen, warum also weiterleben? Sowieso wollte sie nicht im Feuer enden, das hatte sie ihrer Mutter auf dem Sterbebett versprechen müssen. Warum nur besaß sie die Gabe, die sich in diesen rohen Zeiten als Fluch erwiesen hatte. Vielleicht in einem anderen Leben könnte sie frei sein und in Würde arbeiten.

Ein Windstoß ließ sie taumeln und sie stöhnte leicht auf. Ihr Unterleib brannte wie Feuer. Diese Schweine! Sie hatte die Gier in den Augen ihrer Peiniger gesehen und deren rohe perverse Erregung angesichts der nackten Frau, die sie foltern durften. Und als ihre Schmerzen am stärksten waren, vergewaltigten sie sie und nahmen ihr das letzte bisschen Würde. Und wofür? Im Namen einer Religion. Einer Kirche. Eines Gottes, an den sie sowieso nicht glaubte, wohl aber respektiert hatte. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals eines ihrer Gebote gebrochen zu haben aber hätte unzählige Personen des Dorfes benennen können. Diese hatten so viele Sünden begangen, aber zu hohe Ämter bekleideten, als dass man sie belangt hätte.

Die Rufe hinter ihr wurden jetzt lauter und sie wusste, dass sie springen musste, wenn sie nicht brennen wollte. Ein schneller und würdevoller Tod als dieses langsame Sterben im Feuer, begafft von gierigen Zuschauern, nein, dieses Vergnügen durfte sie ihnen nicht gönnen. Sie wollte noch nicht sterben und doch hatte sie keine Wahl. Nicht mehr. Dann hätte sie letzte Nacht ohne ihn fliehen müssen, als sie noch an Liebe glauben konnte. Doch auch er hatte sie verraten, wie alle anderen. Ihr Herz schmerzte. Nichts tat so weh, nicht alle Folterungen zusammen wie dieser eine Verrat.

Sie blickte entschlossen in die Tiefe. „Das wird ein langer Fall, ich werde fliegen wie ein Vogel,“ und ein Lächeln trat auf ihre Lippen. Einen Augenblick der Freiheit genießen, Wind in den Haaren und eins mit der Natur werden. Ihre Schultern strafften sich wieder. Sie wischte bedächtig das Blut von ihrer aufgeplatzten Lippe und schaute ein letztes Mal zum Himmel empor. Dann schloss sie die Augen, breitete die Arme aus und ließ sich von der Klippe fallen. Einen Moment lang schien sie schwerelos zu sein, bevor sie abwärts gerissen wurde. Der Wind ließ ihre langen roten Haare wie einen Schleier hinter ihr wehen und der Rock bauschte sich wie ein Ballon um ihre Taille auf. Sie fühlte sich frei wie ein Vogel und erwartete die tröstende Umarmung des Meeres.

 

diese geschichte widme ich all jenen frauen aus dunklen zeiten, die verfolgt, gefoltert und ausgelöscht wurden! Conny Kirsten, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.12.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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