Ingo Erbe

Der Fetisch

Der Fetisch

 

 

Die beiden Mädchen, das eine, in der von giftigen Dünsten bewölkten Gerberei, das andere hinter einem vorsintflutlichen staubenden Webstuhl, warfen mir einen scheuen Blick zu, ein schwaches Lächeln aus einer anderen Welt, aus einer in Fetzten geflogenen oder nie dagewesenen Seele, aus untergegangenen oder nie bestanden habenden Spielzimmern, aus verhallten Kinderliedern, sie schufteten, die beiden Mädchen, trotz ihrer noch nicht voll entwickelten körperlichen Kräfte, um für sich und ihre zumeist großen Familien das Lebensnotwendige herbeizuschaffen. Der Junge, der mich hergefahren hatte, eingeschirrt wie ein Zugtier vor seiner Karre, die ihm aber nicht gehörte, döste vor sich hin. Ich gab ihm zu verstehen, er müsse mich nicht zurückfahren, seinen Lohn erhielte er trotzdem, er lehnte ab, weshalb, verstand ich nicht, er bestand darauf, daß ich mich in die Karre setzte. Sein zarter Kinderrücken, von Striemen gezeichnet, die das spröde Ledergeschirr hinterlassen hatten, glänzte im Schweiß, ich hörte seinen heftigen Atem, und seine nackten Füße trampelten durch Schmutz und Scherben. Hinter mir blieben die Mädchengesichter, diese großen dunklen Augen, die von der Kindheit verlassen waren ebenso, wie die des zwischen Deichseln gefesselten Jungen. Ich kam mir noch nie so hilflos, so überflüssig, dermaßen am falschen Ort zur falschen Zeit vor, und dies, obgleich mir bewußt war, daß, falls die Kinder diese Arbeit nicht verrichten würden, sie einer weitaus schlimmeren Erwerbsmöglichkeit nachzugehen gezwungen sein würden, und der Zorn, der in mir aufstieg, erschlug jedes Mitleid und auch jedes Verstehen, als stürze ich in die Abfallgrube allen Ekels, so griff der Schauder nach mir, und wie Gespenster schienen mir die Leute, die sich durch die Straßen drängelten…

 

 

… und immer dann, wenn ich heute in der Heimat ein Kind sehe, höre, wie es lacht, oder singt, wenn es spielt, dann halte ich inne, schaue ihm zu, damit ich mein Lachen wieder gewinne, und auf dem kleinen Teppich, von dem ich gar nicht weiß, ob er von Kinderhänden geknüpft worden ist, sitzen Teddybären und Puppen, und manchmal liegt die Katze drauf und schnurrt, als würde sie gestreichelt, was bleibt mir, außer mich zu betäuben, denn was sind sie schon mehr als nur Gewissenströstung, die monetären Opfer, sie machen nicht befreit Lachen, sie erfrischen nicht den Glanz von Kinderaugen, weil die Seelen stumpf geworden sind, daher ein Fetisch, und falls der nicht befreit, erinnere ich mich des Schneiders, den ich unter den Arkaden irgendeiner Geschäftsstraße Bombays antraf, der dort bis in die Nacht hinein Jeanshosen anfertigte, und der mir während unserer längeren Unterhaltung auf meine Frage, warum er so spät noch arbeite, ein Foto eines Kindes hinschob, es sei seine Enkelin, damit sie zur Schule gehen könne, dafür arbeite er, wenn es nicht anders ginge, auch nachts, so versicherte er mir, ich nahm es auf, als wäre es ein Lichtblitz in der Finsternis…

 

 

… und jetzt, wo wieder einmal ein Fest bevorsteht, blättere ich in den Erinnerungen und wünsche, es gäbe sie nicht, ich könnte den Fetisch verbrennen…
 
(Kurzfassung aus >ganz lautlos ist dieser lärm<, wmv 2005)

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.12.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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