Vadim Pryde

Die letzte Welt (Teil II)

„Hallo Richard“, flüsterte ich nahezu unhörbar. „Wer sind Sie und was wollen Sie von mir um diese Zeit?“, das Beben in der Stimme war über mit Angst und einem leichten Anflug von Wut – etwa dem Hauch einer Messerspitze von Wut in einem Suppentopf voller Furcht. Mein Ton wurde fester: „Lass mich rein!“
            Die Tür schwang zu, die Kette klimperte Kurz und die angst- und hasserfüllten Augen eines Verstandes der die Kontrolle über seinen Körper verloren hatte starrten mich aus in diesem Licht befremdlich wirkenden Augenhöhlen an. „Geh zurück und setz Dich!“, zischte ich ihm entgegen, als ich mir den Weg hinein bahnte und die Tür hinter mir ins Schloss fallen ließ. Eine gelbbraune Streifentapete und Möbelstücke aus dem hiesigen Walmart, einige Einzelstücke aber auch aus betagtem Holz. Hat sich wohl von einem Antiquar bequatschen lassen. Die wenigen Lichtquellen die in diesem Rattenloch noch in Betrieb waren hatten ihre beste Zeit schon hinter sich. Eine Glühbirne die lose in einer Fassung von der Decke baumelte und den größten Aufwand hatte die Reste von Insekten an der Decke festzubrennen tauchte den Raum in ein tristes und schattiges Licht.

            Er saß – ein erbärmliches Bild – in einer grauen Boxershorts die ihm eine Nummer zu groß war, einem weißen Unterhemd und Hausschuhen auf einem grünen Sofa. Er hatte kurze, nach hinten gekämmte schwarze Haare und trug seine Lesebrille. Neben dem Sofa stand eine kleine Lampe auf einem Couchtisch und warf ihr fahles Licht auf den Wirtschaftsteil der Washington Post. „Ich werde Deine Zeit nicht vergeuden, vergeude Du auch nicht meine. Ich bin nur wegen einer einzigen Sache hier und dann werde ich wieder gehen. Du hast einen Haufen Fragen, Du wirst mir aber nur eine stellen. Denke sorgfältig darüber nach, denn die Antwort wird das Einzige sein woran Du dich erinnern wirst, wenn ich erst gegangen bin.“
            Mit diesen Worten überließ ich ihn zunächst dem Wahnsinn seines eigenen Verstandes und ging in die Küche. Der Gestank von umgekipptem Schnaps und Essensresten schlug mir ins Gesicht nachdem ich einigen bedrohlich anmutenden Pizzakartons ausgewichen war. Die einst weißen Gardinen vor dem vergitterten Fenster sprachen Bände über seine Sorgsamkeit, wie auch der Rest seines Domizils mir eine Menge über das verriet, was er geworden war.
 
Es muss ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen sein, dieser kalte starre und fast schon leblose Blick, Angstschweiß und unkontrolliertes Zittern in den Händen. Erbärmlich. Kaum zu glauben, daß es jemals in seinem Leben eine Zeit gegeben hat, wo er anders gewesen war. Seine Vergangenheit ist vorbei und ich werde die letzten Spuren davon auslöschen. Einige Pappkartons und Kisten später fand ich was ich suchte. Achtlos eingepackt in alte Zeitungen, irgendwo vergraben in den hintersten Ecken der Rumpelkammer, da war es.
Ein dunkelgrüner Truck aus Blech, mit kleinen Plastikrädern und einer durchsichtigen Scheibe zum Fahrerraum. Der Lack war schon abgerieben an einigen Stellen aber an sich hat dieser kleine Lastwagen die letzten Jahre ohne Schaden überstanden. Als ich kurz die Augen schloss und ein Teil der Erinnerungen in mich einsanken, konnte ich es sehen. Ich konnte verstehen warum er ausgerechnet dieses Spielzeug am liebsten hatte. Ich sah ihn vor mir wie er – mag es auch Jahre her sein – damit eine Tischkante entlangfuhr. „Warum erinnert er sich nicht mehr an Dich?“, fragte ich wohl einen Deut zu laut und hatte schon fast vergessen, daß ich in dieser Welt von dem kleinen Truck keine Antwort bekommen würde.
           
Ich ging in den Raum zurück den ein Innenausstatter mit Sicherheit nicht als Wohnzimmer bezeichnen würde und sah ihn an. Ein weiterer von ihnen. Nicht mehr und nicht weniger. Wieder jemand, der vergessen hat was ihm am Herzen lag und seine Träume an die Zeit verkauft hat die er nicht mehr erleben wird. Wieder jemand der nachts schreiend aufwachen wird und seine Hände in irgendeine Richtung streckt nur um zu merken das dort nichts mehr ist. Ich fragte mich ob er sich nicht manchmal auch fühlt wie der grüne Lastwagen. Keinen Zweck, niemand dem er Freude machen kann, keiner der um ihn weinen würde wenn er plötzlich nicht mehr da ist. Verlassen und in der Ecke zum verfaulen verdammt weil es niemanden weit und breit gibt, der mit ihm irgendwas anzufangen weiß. Zehn zu eins hätte ich gewettet, daß er sich jeden Morgen so fühlt. Aufsteht und anfängt jeden Tag aufs Neue zu vergessen was er eigentlich tut.
            „Hast Du Dir eine Frage ausgesucht?“ Ich sah ihn an und löste meinen Griff von ihm. Zunächst erstaunt über die prompte Rückkehr seiner Körperteile unter seinen Befehl blickte er mich irritiert an. Als er nach einigen Augenblicken die Fassung wiedergewonnen hatte, schüttelte er den Kopf, sah mich befremdet an und fragte: „Was zum Teufel bist Du?“
 
Zugegeben, nicht besonders einfallsreich. Er hätte mich auch nach allem anderen fragen können und sich doch keine Frage aussuchen können deren Antwort er weniger begreifen würde. So sind solche Menschen wohl, sie fragen nach dem was sie am wenigsten verstehen in der leisen Hoffnung, wenn sie die Antwort erstmal haben, sich alles andere was sie nicht verstehen von alleine erklären lässt. Besonders weise waren sie noch nie.
            „Ich bin der Regen dieser Stadt, ich bin das Feuer dieser Welt, ich bin die Seele dieser Zeit und doch nicht mehr als das leise Klopfen Deines Herzens.“ Ich hob meine Hand auf seine Augenhöhe und begann damit seine Erinnerungen zu vertilgen, eine nach der anderen. Bis auf diesen letzten Satz, meine Anwesenheit, sein Blicken durch den Türspion, seine Gedanken irgendwas im Treppenhaus gehört zu haben, zurück bis zu dem Zeitpunkt wo er vor dem Sofa an seiner Zeitung gesessen hatte. Dann fuhr ich weiter zurück. Ich strich alles aus seinem Gedächnis, was ihm von dem kleinen grünen Spielzeugtruck geblieben ist, jedes einzelne Bild. Die mit den Bildern verbundenen Gefühle die in ihm verblieben sind, ließ ich unberührt. Die würden von Zeit zu Zeit wiederkommen, wie man eine Narbe nach einer frischen Operation immer wieder spürt weil die Haut empfindlicher ist.
Ich schickte ihn schlafen, stellte eine fast leere Schnapsflasche und ein Glas neben das Sofa und breitete die Zeitung über ihm aus. Seine Lesebrille hatte in seiner Hand ihren Platz gefunden und als ich ging war das einzige was mich verabschiedete das fahle Licht der Leselampe.
 
Draußen goss es noch immer in Strömen und ich begab mich zurück zum Sprungpunkt, noch war die Rückführung nicht beendet, aber ich sollte wieder ein wenig ruhen. Es ist jedes Mal ein ziemlicher Kraftakt diese Emotionsflut von seiner eigenen Erinnerung zu trennen und die meisten von uns bekommen noch innerhalb der ersten dreißig Jahre den einen oder anderen Schock ab und verlieren die Kontrolle über ihre Fähigkeiten in manchmal gefährlichem Maße. Wenigstens hat der kleine Laster noch einige Abenteuer vor sich und so finster waren die Erinnerungen zum Glück auch nicht. Es gab eine Zeit in der ihn jemand gebraucht hat. Er hat ihn gebraucht und er war da.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.12.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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