Stefanie Ritzmann

Wintermärchen

Ich möchte Euch von einem Märchen erzählen, das sich vielleicht einmal vor langer Zeit an Weihnachten ereignet haben könnte:
 
In einem kleinen Tal (der Name ist nicht von Bedeutung), lag einmal ein idyllisches Dörfchen; sanft umschlossen von einer Hügelkette. An den umliegenden Hängen war Wein angebaut und auf der Ebene bewirtschafteten die Menschen etwas Ackerland. Die Häuser waren alle aus Holz gebaut und doch war jedes ganz individuell und strahlte eine angenehme Atmosphäre und Geborgenheit aus. 
 
Am Rande des Dörfchens war eine große Wiese. Die Menschen nannten diese Wiese „Jahreszeitenteppich“. Im Frühling war sie randvoll mit Schneeglöckchen, im Sommer waren prachtvolle Mohn- und Kornblumen zu sehen, im Herbst war die Wiese wunderschön ausgelegt mit den herabgefallenen bunten Blättern der umstehenden Bäume und im Winter war sie zugedeckt mit einer weißen Schneedecke, die an schönen Tagen durch die Sonnenstrahlen herrlich glitzerte. Mitten auf der Wiese war ein kleiner Unterstand für die Tiere des Waldes. Manchmal ist der Winter sehr hart und lang, sodass die Tiere keine Nahrung mehr selbst finden können und in diesem Unterstand legten dann die Menschen für jedes Tier das entsprechende Futter.
 
Es ist kurz vor Weihnachten. Dicke schwere Wolken hängen am Himmel aber sie lassen den lang erwarteten Schnee nicht herunter. Sehnsuchtsvoll schauen die Kinder jeden Morgen gleich nach dem Aufstehen aus dem Fenster, ob es wohl über Nacht endlich geschneit hat. Sie freuen sich schon so sehr auf die rasanten Fahrten mit dem Schlitten vom höchsten Hang am Rande des Dörfchen oder auf die wilden Schneeballschlachten mit den Kindern vom Nachbardorf. Doch auch heute hat es mal wieder nicht geschneit und die Kinder müssen weiterhin geduldig warten, bis der Himmel die Schneeflocken freigibt.
 
In dieser Nacht wird es aber eher noch etwas milder und irgendwie scheint sich da draußen etwas zu ereignen, was sich die Menschen nicht erklären können. Sie spüren nur, dass etwas Geheimnisvolles in der Luft liegt. Kein Tierlaut ist, wie sonst zu hören; alles scheint von einer unsichtbaren Decke der Stille zugedeckt zu sein. Die Luft riecht sauber und rein und ist ungewöhnlich mild; noch nie war es so lau vor Weihnachten.
 
Zwei Tage vor dem Heiligen Abend waren auf der Wiese ein paar kleine Triebe zu sehen. Zaghaft schauen sie hervor. „Wie kann das sein?“, denken die Menschen, „Heiligabend steht vor der Tür und kleine Blümchen wollen unbedingt blühen?“
Im Laufe des Tages sieht man schon winzige Köpfchen und staunend erkennen die Menschen, dass es Schneeglöckchen sind. „Seltsam, Schneeglöckchen zu Weihnachten?“

Am nächsten Morgen war die ganze Wiese bedeckt mit den Schneeglöckchen. Obwohl diese Blümchen wussten, dass es nicht ihre Zeit ist, freuten sie sich und leuchteten weithin in ihrer kleinen Pracht. Zarte Köpfchen wiegten sich sanft auf ihrem Stängel im Wind, der sich bemühte nicht zu stark über die Wiese hinwegzublasen. Allmählich ließ der sanfte Wind nach und es wurde frischer. Langsam wurde es kälter und kälter; zum Abend hin war es dann schließlich bitterkalt und die kleinen Blümchen bekamen Angst zu vergehen. Das Kleinste von den Schneeglöckchen fing an sich zu wehren; es hatte gehört, dass es bald Heiligabend sei und deshalb kämpfte es mit all seiner Kraft, die es aufbringen konnte, um diesen Abend zu erleben. Im Laufe der Nacht verzogen sich die Wolken und es wurde sternenklar.
 
Eisig fegt nun der Wind über das Land und das kleine Blümchen fror jämmerlich; es fragte sich: „Wie kann ich in dieser schneidenden Kälte überstehen? Ach, ich möchte doch so gerne wissen, was Heiligabend ist und warum alle sich so darauf freuen.“
 
Es musste wohl über diese Frage  eingeschlafen sein, denn ein lautes Krächzen schreckte das kleine Blümchen auf. „Kräh, kräh ... he, was machst du hier um diese Jahreszeit ... kräh? Müsstest du nicht unter der Erde schlafen, wie die anderen Blumen ... kräh, kräh?“ Das kleine Blümchen sah einen großen schwarzen Vogel herumstolzieren und fürchtete sich. Es schaute sich hilfesuchend nach den anderen Blumen um und sah, dass alle in der kalten Nacht erfroren waren. „He, ich habe dich etwas gefragt ... kräh!“ „I-i-ich weiß auch n-n-nicht wieso“, stotterte das kleine Blümchen vor Kälte und auch etwas vor Angst, „e-e-erst war es so w-w-warm und dann w-w-wurde es plötzlich schrecklich k-k-kalt.“  „Und es wird noch kälter; schließlich ist Weihnachtszeit und nicht Frühling ... kräh, kräh!“, schreit laut der schwarze Vogel.
In diesem Moment öffnete sich die dicke Wolkendecke und ein warmer Sonnenstrahl schaute direkt auf das kleine Blümchen hinunter. Beglückt über die unerwartete Wärme schloss es die Augen und vergaß für einen kleinen Augenblick die Welt um sich herum. Doch das laute „Kräh, kräh“, holte das Schneeglöckchen wieder zurück in die raue Wirklichkeit. Es sah gerade noch wie der große schwarze Vogel laut krächzend „Kräh, kräh, ich lass dich jetzt allein, sieh zu wie du zurecht kommst, kräh, kräh!“, davonflog. Das kleine Blümchen ärgerte sich etwas über diese unhöfliche Art des Vogels. Es wollte den Vogel doch noch nach Weihnachten fragen und was es damit auf sich hat.
„Mach dir nichts draus. Krähen sind nun einmal etwas ruppig in ihrer Art, sie sind stolze und eitle Vögel, du siehst es schon wie sie mit erhobenen Köpfen herumstolzieren.“, sagte eine zarte weiche Stimme neben dem kleinen Blümchen. „Man muss sie nehmen wie sie sind. Eigentlich meinen sie es nicht so, wenn man sie näher kennt, sind sie sogar ganz umgänglich. Weißt du, sie sind zwar immer in großen Scharen zu sehen aber tief im Inneren sind sie sehr einsame Vögel und deshalb sind sie zu anderen so unhöflich.“ Das kleine Schneeglöckchen schaute sich um, um zu sehen wer da spricht. „Wer spricht da?“, fragte das Blümchen etwas ängstlich geworden, da niemand zu sehen war. „Hab keine Angst.“, sagte die Stimme, "Ich bin ein kleiner Engel und habe mich etwas mit der Zeit vertan und bin zu früh hier, so wie du.“ „Ich kann dich nicht sehen und was ist ein Engel?“ „Engel sind unsichtbare Helfer in der Not und sie sind immer bei denen die sie brauchen. Manchmal dürfen wir auch Boten sein.“ Erstaunt fragte das Blümchen, „Wieso bist du zu früh?“ „Heute ist Heiligabend und heute soll etwas Schönes geschehen und ich war so ungeduldig, dass ich schon vorausflog.“, sagte es und dabei klang seine Stimme wie Musik. „Was soll geschehen?“, fragte das kleine Schneeglöckchen in freudiger Erwartung, nun endlich zu erfahren was Weihnachten und der Heilige Abend bedeuten mag. „Ich muss dich nun alleine lassen.“, sagte plötzlich das kleine Engelchen. „Halt, warte, du hast mir noch nicht meine Frage beantwortet“, schrie das kleine Blümchen dem Engelchen hinterher. 
 
So allein gelassen fragte sich das kleine Blümchen, ob es überhaupt noch erfahren wird, was Weihnachten bedeutet. Es war sehr traurig darüber und eine kleine Träne lief langsam am Blütenblatt hinab. Allmählich wird es dunkel und somit auch kälter. „Werde ich noch leben, wenn Heiligabend ist?“, fragte es leise. Vor Müdigkeit und Kälte schlief es erschöpft ein. 
 
Ein leises Summen weckte das Blümchen. Was war das und wo kommt das her? Suchend wollte sich das Schneeglöckchen umschauen und stellte dabei fest, dass es fast steifgefroren war. Nur mühsam konnte es das kleine Köpfchen drehen. Es konnte sich gar nicht erklären, warum sich alles so schwer anfühlt. Wieder ertönt dieses Summen, dass sich nun im wachen Zustand eher wie Gesang anhört. „Wer singt da?“, fragte das Blümchen. „Die großen Engel!“, sagte die zarte Stimme des Engelchens. „Du bist wieder da!“, rief das Blümchen laut vor Freude. „Wo war’s du? Und warum hast du mich allein gelassen? Ich wollte dich doch noch nach Weihnachten fragen, was bedeutet es und warum sollte ich gerade jetzt hier auf der Wiese sein?“ „So viele Fragen auf einmal“, lachte das Engelchen „ich werde dir alles erzählen aber der Reihe nach.“ 

„An Weihnachten feiern alle Menschen das Fest der Liebe.“ „Warum das Fest der Liebe?“, fragte das kleine Schneeglöckchen ungeduldig dazwischen. „Nun, aus Liebe zu uns allen hat Gott, unser aller Schöpfer, seinen Sohn Jesus Christus auf die Welt gesandt. In der Nacht als Jesus geboren wurde,  haben die großen Engel mit viel Jubel den Frieden der Welt verkündet. Alle, die davon gehört hatten, kamen um das kleine Kind zu sehen und alle, die es sahen, waren mit Liebe im Herzen erfüllt nach Hause gegangen“, erzählte das Engelchen dem Blümchen mit klangvoller Stimme. Gebannt lauschte das kleine Blümchen der Erzählung. „Noch heute feiern wir alle symbolisch dieses Fest der Liebe.“ „Aber heute wird Jesus nicht noch mal geboren oder warum singen die großen Engel?“ „Nein, Jesus wird immer dann neugeboren wenn einer anfängt an ihn zu glauben.“ „Und warum singen nun die großen Engel?“, fragte das Blümchen nun doch sehr ungeduldig geworden. „Weil du heute Nacht ein kleines Wunder vollbringen wirst, denn das war deine Bestimmung. Gott hat für jeden ein Lebensbuch geschrieben auch für dich und in dem steht alles was geschehen soll und so wird es auch sein.“ „Was ist denn meine Bestimmung? Was soll ich kleine Blume schon vollbringen können?“
 
Während es so sprach, fühlte es etwas Weiches und Nasses auf  seinem Köpfchen hinunterfallen. „Was ist das?“, fragte es verwirrt. „Das war eine kleine Schneeflocke; bald wird es richtig schneien – wie werden sich die Kinder freuen, sie haben schon so lange darauf gewartet.“, sagte das Engelchen. „Und um auf deine Frage zurückzukommen, die großen Engel singen noch nicht, sie haben sich nur eingesungen. Das wahre Lied kommt erst noch.“ „Wann?“, fragte das Blümchen. „Hab’ noch etwas Geduld. Erst muss es noch mehr geschneit haben und dann sollte es noch etwas kälter werden.“ „Was noch kälter?“, schrie das Blümchen dazwischen. „Mir ist schon so kalt, bald kann ich vor lauter Zittern gar nicht mehr sprechen.“ „So soll es auch sein.“, sagte das kleine Engelchen geheimnisvoll.    
 
Inzwischen verdichtete sich die Wolkendecke und es schneite dicke Schneeflocken vom Himmel. Die Kinder waren glücklich und holten sofort ihre Schlitten heraus, doch die Eltern sagten, sie müssten noch etwas warten, da noch nicht genug Schnee liegt um mit dem Schlitten den Hang hinunter fahren zu können. Nun hängen die Kinder mit großer Ungeduld an den Fenstern und sangen, um sich die Zeit zu vertreiben, das Lied „Leise rieselt der Schnee.“ Nicht nur die Kinder warten voller Ungeduld auch das kleine Schneeglöckchen wartet auf das, was geschehen soll. Am späten Nachmittag war die Wiese zugedeckt mit einer weichen weißen Schneedecke. Die Eltern erlaubten den Kindern, weil sie so geduldig gewartet hatten, noch zu vorgerückter Stunde etwas mit dem Schlitten zu fahren. Laut jubelnd rannten die Kinder auf die Wiese und freuten sich, nun endlich im Schnee herumtoben zu können. Als es nun doch recht dunkel geworden ist, riefen die Eltern die Kinder nach Hause. Das kleine Blümchen wurde darüber etwas traurig, das Spiel der Kinder hatte ihr eigenes Warten kurz vergessen lassen. Doch jetzt war es wieder allein und schon dachte es wieder daran und das kleine Herz erfüllte sich mit Ungeduld. Mit der Dunkelheit kam auch die Kälte und es wurde tatsächlich noch kälter, wie das Engelchen gesagt hatte. Leicht zitternd schlief das kleine Blümchen ein.
 
„Hallo, kleines Schneeglöckchen!“, weckte das kleine Engelchen das Blümchen. „Es ist soweit, nun soll sich deine Bestimmung, dein kleines Wunder, erfüllen.“ Nur mit großer Mühe konnte das Blümchen die Äuglein öffnen; es war so kalt geworden, so dass alles völlig steifgefroren war. „Wie soll ich, bei dieser Kälte ein Wunder vollbringen können?“, fragte es mit zittriger Stimme. Während es so sprach erklang ein feines Klingeln. „Oh – das klingt aber schön; sind die großen Engel wieder da um sich einzustimmen?“ „Ja, sie sind da,“, sagte das Engelchen, „aber sie waren es nicht, sondern du warst es.“ „Ich? Wie kann ich das gewesen sein?“, fragte das kleine Blümchen ganz verwirrt. „Durch die Kälte haben sich deine kleinen Blütenblätter mit Eis überzogen und wenn du dich bewegst oder sprichst berühren sich deine Blättchen und dabei entsteht dieses zarte Klingeln.“, antwortete das Engelchen. „Und das ist auch deine Bestimmung: Du, sollst die Heilige Nacht einläuten!“, sagte das kleine Engelchen mit feierlicher Stimme.“  „Oh ...“, mehr konnte das kleine Schneeglöckchen nicht sagen und schaute, nun doch vor Staunen mit großen Äuglein in die Richtung, wo es das Engelchen vermutete.
Leise lachend sagte das Engelchen zum Schneeglöckchen: „Du musst jetzt dein kleines Glöckchen klingeln lassen, sie warten schon alle darauf!“ „Ich bin nicht kräftig genug um so laut zu läuten, dass alle es hören können!“ flüsterte das Blümchen dem Engelchen zu. „Mach dir darüber keine Sorgen, wenn du dieses Klingeln aus tiefstem Herzen ertönen lässt, dann werden es alle hören, die an die Heilige Nacht und an das Fest der Liebe glauben!“
Da schloss das kleine Schneeglöckchen die Äuglein und begann sanft sein kleines Köpfchen hin und her zu wiegen. Als es so behutsam sich hin und her wiegte, spürte es, wie es ihr warm ums Herz wird und die Kälte ihr gar nichts mehr ausmachte.
 
Ein wunderschönes zartes Läuten war zu hören; ein Läuten des Glücks, ein Läuten aus Liebe und ein Läuten des Friedens. Und weil das kleine Schneeglöckchen sein ganzes Herz in dieses Klingeln hineinlegte, war es weithin zu hören und alle im Dörfchen und  auch die Tiere des Waldes kamen auf die Wiese um zu sehen, woher diese schöne Musik kam. Es war niemand zu sehen, nur ein kleines Schneeglöckchen dessen Köpfchen sich leicht hin und her bewegte; und doch war die Luft erfüllt mit Jubel und alle standen mit erfüllten Herzen noch lange in der kalten Winternacht.
 
Jedes hat seinen Sinn – auch das kleinste Dasein!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.12.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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