Norbert Wittke

Die Augen einer Frau (ein modernes Märchen vom Glück)

 

Vor vielen, vielen Jahren. Ich war noch sehr jung, da träumte ich eines Nachts.
 
Ich saß auf einem stolzen Rappen. In der rechten Hand den Zügel. In der linken
Hand einen Damenschuh.
Ich war der Prinz aus dem Märchen und suchte mein Aschenputtel. Mein großes
Glück.
Jäh wurde ich wach. Verwundert fand ich mich in meinem Bett wieder.
 
Nichts mehr von Prinz oder meinem Aschenputtel. Ich war wie immer allein.
 
Aufstehen. Frühstücken. Zur Arbeit gehen. Ein Tag wie jeder andere.
 
Am Abend beschloss ich dann, doch mal auszugehen. Vielleicht  Disco oder
so was ähnliches.
Und dann war doch Disco angesagt.
 
Ich zog mich nach meinen Verhältnissen gut an. Zu Fuß durchquerte ich die
Stadt. Das Ziel war die "In-Disco".
Kurz vor der Eingangstür stand er. Ein heruntergekommener Bettler. Das Alter
war schlecht einzuschätzen. Er sprach mich an. Aber so ganz anders.
 
"Junger Mann, Sie sehen aus wie der Prinz aus dem Märchen, der seine Prinzessin
sucht. Sehen Sie mich an. Ich habe auch schon bessere Zeiten erlebt. Durch-
drungen von vielen Abenteuern. Von Liebe wie ich sie damals sah.
Ich habe heute noch kein Nachtquartier. Könnten Sie mir mit ein paar Mark
aushelfen? Nicht ganz umsonst. Ich erzähle Ihnen dafür meine Lebensgeschichte
in Kurzform. Bestimmt können Sie für sich daraus Lehren ziehen."
 
Ich rang mit mir. Schließlich gab ich ihm doch 5 DM.
 
"Danke", sagte er und begann mit seiner Geschichte:
 
"Ich kam, wie es so heißt, aus gutem Hause. Man kann sogar sagen aus sehr gutem Hause.
Wir waren im heutigen Sinne reich. Als ich in Ihrem Alter war, war kein Weiberrock vor
mir sicher.Ich wollte einfach alle haben. Hauptsache eine hübsche Larve, ein schlanker
Körper, lange Beine bis zum knackigen Po und natürlich einen drallen Busen.
Meine Jagd hatte immer wieder Erfolg. Ich sah nicht übel aus. Ich habe viele Mädchen
gehabt und viele enttäuscht. Nach Jahren dachte ich, nun habe ich endlich die endgültige
große Liebe gefunden. Mein großes Glück. Ich tat alles, was sie wollte. Wir haben ge-
heiratet.
Schließlich wollte ich ja auch eine Familie gründen.
Ich fühlte mich richtig glücklich. Doch bald merkte ich, sie war berechnend, ein eiskaltes
Biest. Sie hat mich ausgenommen wie eine Schneegans. Mit  jedem hat sie mich betrogen.
 
Reingefallen dachte ich. Doch da war mein ganzes Vermögen auch schon restlos weg.
Bei der Scheidung war ich völlig mittellos. Ich habe mal hier gejobt, mal dort. Nie was
Richtiges. Irgendwie war mir alles egal.
Aber nun hatte ich Zeit für mein Studium der Frauen aus der Distanz. Ich habe heraus-
gefunden: Das Wichtigste an einer Frau sind die Augen. Nicht die Farbe, nicht die
Größe der Pupillen. Man muss genau hineinschauen und man erkennt alles über sie.
Ihr Wesen, ihren Charakter, ihr Gefühl. Einfach alles.
Sind sie kalt und berechnend. Hände weg! Hände weg!
Hat sie aber warme, verständnisvolle, liebende Augen, dann ist sie die richtige Frau.
Merken Sie sich, die Augen sagen alles über sie aus."
 
Hier endete er. Ich ging in die disco. Seine Worte waren fest in meinem Hirn verankert.
Natürlich probierte ich es gleich aus.
Ich schaute immer nur in die Augen. Er hatte Recht. Die Augen können nichts ver-
bergen. Nicht die Lüge. Nicht die Gier. Nicht die Berechnung.
Ich verbrachte so den Abend.
 
Nach langem Suchen habe ich dann auch endlich Wochen später mein Augenpaar
gefunden. Es hat sich bewahrheitet. Wir sind zufrieden und glücklich wie im Märchen.
 
Übrigens. Ein paar Jahre später habe ich ihn noch mal getroffen.
Ich saß in einem Café. Der Mann da mit der netten älteren Dame kam mir irgendwie
bekannt vor. Ich überlegte und marterte mein Gehirn.
Wie Schuppen fiel es mir von den Augen. Das war er. Wirklich das war er.
Er sah gut aus. Ein netter älterer, gut gekleideter Herr.
 
Ich kämpfte mit mir. Dann ging ich an ihren Tisch.
"Verzeihen Sie bitte die Störung", sagte ich.
"Macht nichts", erwiderte er.
 
"Darf ich vor der Dame offen sprechen?",fragte ich.
Er bejahte.
"Sie sind doch der Mann, der mich auf die Augen der Frauen aufmerksam gemacht hat?"
 
"Der bin ich. Sie haben ein gutes Personengedächtnis. Hat Ihnen mein Rat Glück gebracht?"
 
"Ja", sagte ich. "Und Ihnen offenbar auch?"
 
"Schauen Sie in die Augen dieser Frau. Verständnisvoll, gütig, voller
Liebe.Sie hat mich wieder ins Leben zurückgeführt. Es ist meine Frau!
Sehen Sie, auch ich habe noch Glück gehabt. Ich habe nicht mehr damit
gerechnet."
Ich wünschte ihnen noch alles Gute und wir verabschiedeten uns.
 
Noch heute gebe ich meine Erfahrungen weiter. Die Augen einer Frau
geben alles wieder. Sie sind einfach wunderbar, wenn sie innig voller
Liebe gucken. Schauen Sie hinein. Vielleicht wird es so für Sie auch
ein unendliches Märchen.

11.12.2005         Norbert Wittke

 

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