Peter Hamacher

Der Magische Augenblick - Mallorca

Ich erinnere mich, die letzte Nacht kein Auge zugemacht zu haben. Morgens um 6 Uhr 35 landet meine Maschine auf dem Airport von Palma. An der Gepäckausgabe stummes Warten, langes Warten. Während der Fahrt zum Hotel fällt mir auf: Die eine oder andere so landestypische Windmühle ist dem Zerfall überlassen. Hier und da bietet sich nur noch der Anblick trostloser Gerippe.
Der Fahrer, etwas wortkarg und leicht untersetzt, findet mein Gepäck im Kofferraum des Busses nicht. Es kommt leichte Verzweiflung auf, und ich spüre die zunehmende Ungeduld der noch im Bus sitzenden Pauschalreisenden. Dann doch die Erlösung: Der Koffer ist endlich gefunden.
An der Rezeption empfängt mich ein scheinbar überarbeiteter, aber höflicher Portier. Der Personalausweis wird einbehalten. Ich schaue durch die große Glasfront der Hotelhalle nach draußen. Es herrscht immer noch eingetrübtes Tageslicht, die Sonne arbeitet sich nur langsam durch.
Ich betrete mein Hotelzimmer. Ein erster Eindruck vermittelt eine gewisse Eleganz. Die Vorhänge sind zugezogen, Tageslicht schimmert rötlich hindurch. Auf dem Bett fällt ein zu einem Schwan gefaltetes Handtuch ins Auge. Wie der aufrechte Schwanenhals mit angedeutetem Kopf zustande gekommen ist, untersuche ich später. Zuvor betrete ich den Zimmerbalkon und blicke auf Playa de Palma in Richtung S.Arenal. Es ist frisch, der Tag hellt sich auf. Ich sehe überwiegend moderne Hotelkomplexe, viele Stockwerke hoch. Die Bebauung ist immer wieder aufgelockert durch das saftige Grün einer hier weit verbreiteten Nadelbaumart. Ihr Duft – ich vermute zumindest, dass diese Bäume duften – steigt beim Hinaustreten sofort in die Nase. Ich halte es zuerst für Dieselöl.
Die Gegend ist gepflegt. Ich blicke vom 6. Obergeschoss über die niedrige Balkonbrüstung nach unten und dann in die Richtung scharf rechts, wo Gebäude und Vegetation den Blick auf das etwa 400 m entfernte Meer freigeben.
Eine halbe Stunde später sitze ich im gut besuchten Speisesaal des Hotels und bediene mich am Frühstücksbuffet. Was auch immer ich sonst noch während der Zeit bis 10 Uhr gemacht habe: Auf jeden Fall befinde ich mich nun auf der Strandpromenade. Auf der belebten Promenadenstrasse ziehen immer wieder größere Gruppen von Radrennfahrern vorbei, auf dem Fußweg kommen mir Jogger entgegen. Über meine Headphones höre ich einen speziellen Trance Mix. Ich habe allerdings schon besseres gehört. Mittlerweile gibt der milchige Himmel die Sonne frei. Zwischendurch zeigt er sogar blasses Blau.
Immer wieder scharenweise Rennradfahrer im professionellen Radsport-Dress. Sie erzeugen in mir eine unerklärliche Abneigung, obwohl ich mich selbst zu den Freunden des Radsports zähle. Nebenbei bemerkt: Zu diesem Zeitpunkt bin ich noch davon überzeugt, in Richtung Palma zu gehen. Ein Mißverständnis, welches sich erst später aufklären soll. Tatsächlich spaziere ich in Richtung S.Arenal.
Montag, den 21.3.2005. In diesem Augenblick sitze ich, kurz vor Mittag, in der Bar Cristal an der Plaça d`Espagna in Palma. Auf einem Notizblock der Volksbank notiere ich diese Sätze, Erinnerungen und unmittelbare Wahrnehmungen. Hinter den großen Glasfenstern des Cafés lebhaftes Treiben auf dem weiten Platz. Vor mir liegt eine Rechnung über einen Cappucino mit Sahne, den ich noch zu bezahlen habe, bevor ich mich zur zentralen Busstation begebe. Von dort, so mein Plan, werde ich mich in Richtung Valdemossa aufmachen.
Sonntag, den 20.3.2005. Erinnerung: Wieder zurück auf meinem Zimmer nach dem Ausflug nach S.Arenal. Ich lege mich auf das Bett und schlafe spontan ein. Durch die geschlossenen Fenster dringen Verkehrsgeräusche in das Unterbewußtsein. Nach etwa einer ¾ Stunde Erwachen. Die Sonne scheint, ich öffne die Balkontür. Die Balkonfliesen sind blitzsauber und angewärmt. Ich setze mich also direkt auf den Balkonboden, um möglichst viel Sonne abzubekommen. In der frühen Nachmittagssonne erstrahlen die Hotelkomplexe und dazwischen das saftige Immergrün. Ich schließe die Augen und spüre die wärmende Sonne, lausche dem Straßenverkehr. Wahrscheinlich zwanzig Minuten hocke ich so da. Ich stehe auf, wasche mich und beschließe, mit dem Linienbus nach Palma zu fahren.
Nachdem ich mich überflüssigerweise ausgeschlossen habe und mir beim Portier einen Ersatzschlüssel besorgen musste, verlasse ich das Hotel, um die nächste Haltestation zu suchen.
Nach fast 25 minütiger Busfahrt steige ich an der Plaça d`Espagna aus. Die Sonne scheint noch immer. Ich laufe in der Gegend ein wenig herum und blicke an den fünfgeschossigen Fassaden hoch, Jugendstil und Neobarock. Die eine oder andere alte Fassade erhebt sich düster und erdrückend. Irgendwann nehme ich dann unbewußt Kurs auf die historische Altstadt. Spätestens auf der Plaça Major weiß ich, dass ich zur Kathedrale gehen werde.
Die Gassen werden enger und dunkler, aber auch schöner. Zwischendurch hellere Plätze, manchmal leuchten okergelbe Häuserwände in der Nachmittagssonne. Fast unbemerkt erreiche ich die Kathedrale. Am Mirador noch ein kurzer Blick auf Hafen und Meer, innehalten. Dann schlage ich den direkten Weg zur nächsten Busstation ein. Unterwegs, noch in der Altstadt: Eine junge Frauenstimme hallt durch eine enge Gasse. Wenig später ist die Stimme direkt neben mir. Erst jetzt merke ich, dass sie aus irgendeinem offenen Fenster ins Freie dringt. Sie spricht schnell, dazwischen längere Pausen. Vermutlich führt die Besitzerin der Stimme ein Telefongespräch.
Am frühen Abend bin ich zurück im Hotel. Eine Stunde tiefer Schlaf auf dem Bett. Als ich erwache, dämmert es schon. Ich mache mich frisch und ziehe mich um. Wenig später im Fernsehen: Eine Doku-Soap über Rettungssanitäter mit Hans Meiser. Mit Beginn der Tagesschau schalte ich aus und gehe zum Abendessen. Ich bestelle mir dazu einen ½ Liter Rotwein, den Rest nehme ich mit auf mein Zimmer.
Montag, den 21.3.2005. Jetzt kommt es ganz genau darauf an: Es ist 2 Uhr Mittags, ich sitze in diesem Augenblick an einer etwas unzugänglichen Stelle. Die unmittelbare Umgebung ist recht steil und unbequem. Neben mir wachsen Büsche, über mir die Kronen hoher Bäume. Von hier oben fällt mein Blick auf die Ortschaft und die Kartause von Valdemossa. Unter mir, etwa 15 m hangabwärts, führt die vielbefahrene Straße nach Veldemossa. Dort rasen oder kraxeln auch immer wieder Rennradfahrer vorbei. Ich warte den Zeitpunkt ab, in dem kein Verkehr ist und relative Ruhe herrscht. Schafe blöken aus der Ferne, ein von weit her kommendes leises Rauschen streift durch das Tal. Ich blicke auf die malerische Ortschaft und nehme die Situation vollständig in mir auf. Der Turm der Pfarrkirche, das Kartäuserkloster, die Steinterrassen, die eine Palme am Ortsrand, das milde Licht. Innehalten. Ist dies der magische Augenblick?
Nachdem ich zuvor dem Bus entstiegen bin, habe ich geradewegs das Örtchen durchquert, vorbei an den herausgeputzten, von Touristen bevölkerten Sträßchen und anmutigen Gassen. Gleich nach der Ankunft ahne ich, dass man diesen Ort nicht inmitten seiner Gemäuer, sondern nur von außen wahrnehmen kann. Eine nicht näher zu beschreibende Erwartung hat mich hinausgeführt. Unweit der Ortsgrenze bin ich an dieser Stelle angekommen. Hier, wo ich nun sitze, im zähen Gras, auf einem steilen Hang, hinter Gebüsch und unter hohen Bäumen, wird man so schnell nicht entdeckt. Ich beschließe, diesen Platz zu verlassen und überlege mir, wie ich hier wieder herunterkomme.
Sonntag, später Abend, den 20.3.2005. Scheinwerfer geben durchgängig bronzenes Licht ab, lassen den Sandstrand unwirklich erscheinen. Ich verlasse den Fußweg, es zieht mich an das Meer. Durchquerung des feinen Sandstrandes, über den sich das bronzene Licht gleichmäßig ergießt. Am Horizont tiefschwarze Nacht, das Meer plätschert dahin. Ich gehe weiter am Wasser entlang. Neben mir schmatzen kleine Wellen, zerlaufen im Sand. Ich denke an diese vermutlich allen Menschen tief innewohnende Sehnsucht nach dem Meer.
Nach einer Stunde bin ich zurück im Hotel, danach noch die ersten 13 Seiten des Romans "Der Perfektionist" von Raul Montanari bei einem Glas Rotwein im Bett. Bis morgens um 8 Uhr geschlafen.
Valdemossa am Montag, den 21.3.2005. Es ist gegen 3 Uhr nachmittags. Von der Ortschaft habe ich noch nicht viel gesehen, mache mir gerade in einer Cafeteria mitten im Ort Notizen. Ich sitze drinnen, die meisten Leute draußen. Die Sonne scheint. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass ich in Palma die kurze Wartezeit auf den Bus nach Valdemossa in einer Cafeteria neben der zentralen Busstation bei einem Espresso verbracht habe. Ich erinnere mich: Das aufblitzende Strahlen im Gesicht der jungen Kellnerin, nachdem es beim Bezahlen hieß: "That´s for you". Auf der Busfahrt hierher blicke ich immer wieder von meinen Notizen auf. Die Landschaft haut einen um. So sagte es mal ein Taxifahrer in Deutschland. Ich werde mir gleich die Sonnenbrille aufsetzen und durch Valdemossa schlendern. Vielleicht kommt die Kartause doch noch an die Reihe.
Montag, den 21.3.2005. Gegen 22 Uhr 30 wieder im Hotelzimmer. Nach einem unspektakulären Abendessen mache ich mir Notizen.
Ich erinnere mich: Gegen 16 Uhr stehe ich wieder an der Bushaltestelle in Valdemossa. Es soll weiter nach Port de Soller gehen. Die Fahrt dorthin ist grandios. Eine atemberaubende Landschaft zieht vorüber. Ich blicke durch das Busfenster in abgründige Täler von magischer Schönheit, auf steile, hoch aufragende Felsen. Tief unten das Mittelmeer in einiger Entfernung. Zum Horizont hin geht das Meer nahtlos in einen milchig gleißenden Dunstschleier über, hinter dem der Horizont verborgen bleibt. Unterwegs steigen Wanderer zu, einige haben ihre Wanderstöcke dabei. Die braun gebrannten Gesichter dieser Leute sind erfüllt mit Zufriedenheit.
Hafenszene in Port de Soller. Schaulustige beobachten Fischer beim Ausladen des frischen Fangs. Der Lärm von Preßlufthammern und LKW-Motoren bildet die akustische Kulisse. Dieselgestank breitet sich aus. Der Hafen ist eine große Baustelle, Schutt und Geröll werden transportiert. Ein Hafenarbeiter schiebt rosige und graue Meeresfrüchte in Kisten auf einer ausladenden Handkarre durch den aufgewirbelten Staub. Die Dämmerung beginnt bald. In einem Terrassenlokal direkt an der Kaimauer überbrücke ich die Wartezeit bei einem Glas wohlschmeckenden Orangensaft. Am Nebentisch eine Gruppe Österreicher. Der dazugehörende Junior, der von seinen erwachsenen Begleitern nicht richtig ernst genommen wird, verspeist so etwas ähnliches wie eine Sachertorte.
Die Dämmerung setzt ein, als ich auf dem Busbahnhof von Soller meine restliche Zeit bis zur Abfahrt nach Palma absitze. Das Areal der Anlage ist völlig überdimensioniert und leer. Angrenzend befindet sich ein 10 mal 10 Meter messender Platz, in einiger Höhe darüber ruht ein Flachdach auf vier Pfeilern. Daneben an einer hohen Mauer ein einsamer großer Wasserautomat. Diese archaische Anordnung, deren Sinn verborgen bleibt, wird von der zunehmenden Abenddämmerung eingenommen. Tristesse kehrt ein an diesem Ort.
Bei Dunkelheit komme ich in Palma an. Lärmender Verkehr und üppiges Spiel vielfarbiger Lichter versprühen Charme. Umsteigen auf die Linie in Richtung S.Arenal. Zähfließend geht es vorwärts. Der Bus ist brechend voll. Ich stehe mit vielen anderen im Mittelgang, die nach Halt suchenden Arme nach oben gestreckt. Dicht gedrängt umgeben mich Menschen, die dem Ende dieser Fahrt entgegenatmen.
In der letzten Nacht hatte ich einen Traum: Ich war unterwegs mit der Straßenbahn in einem Vorort meiner Heimatstadt. Die Gegend kannte ich nicht. Direkt links neben mir der Fahrer, ich spielte vielleicht die Rolle eines Zugbegleiters. Eigenartigerweise ging es plötzlich sehr steil bergab, wie auf der Achterbahn. Die Situation war bedrohlich, der Fahrer ließ den Wagen mit angezogener Bremse herunterrollen, um ein unkontrolliertes Beschleunigen zu verhindern. Ich vernahm das Quietschen der Bremseisen. Die abschüssige Strecke wurde anscheinend von Anliegern bewohnt. Einer der Bewohner fuhr nun überflüssigerweise mit seinem Landrover aus seiner Grundstücksausfahrt auf die Schienen und stoppte quer zur Fahrbahn. Die Tram, in der wir saßen, fuhr zusehens auf das Auto zu. Eine heftige Reaktion des Straßenbahnfahrers, ein abgegebenes Warnsignal: Mit einem Male schreckte das Auto im letzten Moment zurück.
Dienstag morgen, den 22.3.2005. Mittlerweile ist es kurz nach Mitternacht, ich höre auf und mache das Licht aus.
Dienstag, den 22.3.2005. In meinem Hotelzimmer, es ist 22 Uhr 30. Vor mir der Notizblock. Ich versuche gerade, meine zweite Annäherung an den magischen Augenblick in Erinnerung zu holen. Es beginnt damit, dass ich heute mittag den Bus nach Cala d’Or verpasse. Kurz entschlossen löse ich dann ein Bahnticket nach Sa Pobla, laut Reiseführer ein wenig attraktives Bauerndorf im Landesinnern. Ich nehme den nächsten Zug, steige jedoch schon nach einer ¾ Stunde in Inca aus. Ein verschlafenes Städtchen, jedes zweite Geschäft ist geschlossen. Ich laufe dahin, wohin mich die Beine tragen. Lärmende Schüler in der Fußgängerzone. Laublose Baumreihe in der Mitte einer Avenue-ähnlichen Geschäftsstraße. Es ist warm, die Sonne scheint. Hier und da Einheimische, die einkaufen und dunkle Läden betreten oder verlassen. Dünn besetzte Straßencafés, geschlossene Bäckerläden. Ein riesiger moderner Friseurladen hinter einer Glasfront: Leere Stühle, weil geschlossen. Die Architektur ist gemischt. Marmor- und Glasfassaden neben Altbauten im traditionellen Stil. Baulücken, die durch Abriß entstanden sind. Ein keuchender alter Mann, gebückt am Stock gehend, in der Fußgängerzone. Die Leute sind für das Wetter zu warm angezogen. Laute Diskussion in einem Café, dessen Türen weit offen stehen. Jemand schleppt Getränkekisten in den Hinterhof.
Ich finde mich in einem kleinen Restaurant wieder und blättere in einer deutschen Tageszeitung. Im Hintergrund aktuelle Popmusik. Dazu ein Cappucino und ein Orangensaft. Vorwiegend Stammpublikum. Der Seifenspender in der Herrentoilette ist nicht aufgefüllt. Wieder auf dem Bahnsteig: Junge Leute sitzen auf Bänken in der Sonne, einige verweilen im Schatten. Ein junges Pärchen auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig befindet sich im Streit. Er, Irokesenschnitt, redet heftig gestikulierend auf sie, glatte Haare und Mittelscheitel, ein. Sie sagt nichts, blickt stumm auf das Pflaster. Plötzlich springt er auf die Gleise, überquert diese wie eine Gazelle und rennt weiter in das Bahnhofsgebäude. Wenig später kommt der Zug. Sie fährt ohne ihn ab. Derweil höre ich über meine Headphones einen guten Trance-Mix.
Auf der Busfahrt vom Bahnhof Palma zum Hotel sehe ich immer wieder Jogger auf der kilometerlangen Strandpromenade. Die späte Nachmittagssonne leuchtet über dem Meer. Wenig später laufe ich die gleiche Strecke in Richtung Ca’n Pastilla und zurück. Ich fühle mich gut und höre den gleichen Trance-Mix wie auf dem Bahnsteig von Inca. Unterwegs überholen mich ausgelassene Jugendliche auf Spaßmobilen, sie feuern sich gegenseitig an. Nach der Kehrtwende kämpfe ich mit Seitenstichen. Ich spüre die noch wärmende Abendsonne, die Luft ist frischer. Musik und Laufen verschmelzen zu einer Einheit, das eine kommt ohne das andere nicht mehr aus. Zum Schluß zähle ich die ausgeschilderten Strandabschnitte. Bei Nr. 7 bin ich froh, endlich am Ziel zu sein und schwenke schweißgebadet in die Straße zum Hotel ein. Gab es in den sechzig hinter mir liegenden Minuten den magischen Augenblick?
Mittwoch morgen, den 23.3.2005. Es gibt Dinge, über die lohnt es nicht zu schreiben. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, daß vor wenigen Minuten der vorletzte Tag meines Aufenthaltes gerade angebrochen ist. Erinnerung: Ich laufe herum. All das hier, mittags inmitten der belebten Atstadt von Palma, zwischen den dunklen und schmalen Gassen, von Geschäft zu Geschäft, von Restaurant zu Restaurant, zwischen lauten Passanten und virtuosen Straßenmusikanten, im brausenden Verkehr, über lange Treppen in schummrigen schmalen Gassen, all dieses hier, im Licht der strahlenden Sonne, hat vorübergehend die existentielle Grundlage verloren. Die Stimmung ist gut, der Milchkaffe mäßig, der Straßenmusiker auf der Placa Major rätselhaft. Er hockt da mit verschränkten Beinen, auf einem langen gewaltigen fernöstlichen Holzblasinstrument formt er unter großen Anstrengungen immer nur den einen tiefen Ton. Ein anhaltender dunkler Ton, der den auf dem Pflaster ruhenden Schalltrichter verlässt und sich über den Platz ergiesst, dämonisch, dann wieder grunzend und stöhnend. Es sind Dinge, an die man sich nur erinnern kann, Dinge ohne Reihenfolge, Dinge außerhalb der Zeit.
Nachtgedanken: Die Vorstellung, dass eines Tages keine Bücher mehr gelesen werden, ist schlimmer als der Gedanke an den Tod.
Donnerstag, den 24.3.2005. Ich befinde mich auf dem Rückflug. Es wird Tomatensaft mit Pfeffer serviert. Er schmeckt eigentümlich gut.
Auf der Busfahrt vom Hotel nach Palma heute vormittag spielt sich ein Beziehungsdrama ab: Mehrere Fahrgäste sind Ohrenzeuge eines Telefongesprächs. Eine deutsche Dame, nicht mehr ganz jung, versucht ihren Günther am Handy umzustimmen. Zwanzig Minuten geht das so. Sie steht direkt neben mir, an der Ausstiegstür. Der Bus ist voll, wir stehen dicht gedrängt. "Günther, ich liebe Dich abgöttisch". "Verzeihe mir, Günther". "Wenn Du das meinst: Nein, ich hatte keinen Verkehr". Die Ausstiegstür öffnet sich, die Dame wird zur Seite gedrängt. "Ja, ich hatte was mit dem Typen". Ich schaue auf die vorbeiziehenden Geschäfte, vor einem Friseurladen steht ein weißbeschürzter Mann. Ein Internetcafé, in dem auch Backwaren verkauft werden. Pause. "Aber nein, Günther. Das hatte ich nur in meiner Vorstellung". Dann fast resignierend: "Wir müssen wieder zusammenkommen. Du kannst frei über mich verfügen". Eine junge Dame mit himmelblauen Augen steht mir direkt gegenüber. Sie schaut mich mit wissender Mine an, ein Grinsen hat sich in Ihrem hübschen Gesicht eingenistet. Ich grinse zurück. "Günther? Du solltest wissen, dass ich das nur für Dich tue". Ein anderer Fahrgast macht lautstarke Bemerkungen. Die junge Dame mit dem himmelblauen Blick wendet sich plötzlich ab, sie vergräbt ihr Gesicht im Ellenbogen. Sie muß jetzt einen Lachkrampf unterdrücken. "Wann soll ich Dich anrufen"? "Ja, ja. Ich stelle dann den Wecker". "Danke. Danke Günther". Bald steige ich aus. Die junge Dame mit den himmelblauen Augen lasse ich zurück.
Wenig später, gegen Mittag. Besichtigung des königlichen Palastes in Palma. Ich gerate in eine spanische Touristengruppe mit Führung. Dennoch selbständig durchmesse ich die großzügigen Räume, versuche, das alles in einen historischen Zusammenhang zu bringen. Mir war bisher nicht klar, dass Mallorca von eigenen Königen regiert wurde. Ich trete wieder ins Freie und lese wenig später auf einem Schild den Hinweis, dass die Kathedrale wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist. 
 

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