Barbara I.

Das Märchen von Jenem

Sie wissen schon: Damals, als man die Märchen noch nicht für Kinderkram hielt und auch nicht versuchte, ihren Wesensgehalt durch wissenschaftliche Erläuterungen irgendwelcher Art deutlich zu machen. Damals also, als die Erzähler noch eine Sprache benutzten, die jeder verstand, da gab es auch noch diese Geschichte:
 
 
 
 
Da lebte in armer Zeit ein reicher Mann; einer der eben mehr hatte, als andere. Deshalb auch dachte er, er sei mehr als andere und niemand machte es ihm streitig. Er lebte vom Zins, den sein Besitz abwarf. Das Geld arbeitete für ihn, so sagte er, und war durchaus zufrieden damit. Wußte sich vom Schicksal begünstigt und bedauerte den, der weniger hatte. Das Bedauern jedoch brachte weiter keinen Effekt und niemand wollte ihm das wünschen, sonst hätte er erkennen müssen, wie sehr er die Bedauerten mit ihrem elenden Schicksal begünstigte.
 
Er fühlte sich im Besitz des Rechtes. Sein Recht war zählbar und meßbar und es vermehrte sich nach der Devise: Wer hat, dem wird gegeben und wer nicht hat, dem wird auch noch genommen, was er hat. In der Vermehrung seines Besitzes fand er die Bestätigung dieses und aller weiterer Gesetze von deren Herkunft er keine Ahnung hatte. Die aber, die allein aus dieser Quelle leben mußten, wurden irre an ihrer eigenen lebensspendenden Wahrheit und so zu Zinsbringern, die sich nichts weiter wünschten, als auch einmal zu den Besitzenden zu gehören, deren Zins durch andere erbracht wurde. So ereiferten sie sich für Gewinn, und glaubten sich dem Ziel immer näher, je mehr sie davon erwirtschafteten. So vermehrten sie den Zins des Besitzenden und das Recht, das er über sie hatte.
 
Wer hätte sein Feind sein können? Jemand, der sich für  ihn ereiferte? Wohl kaum, denn dieser hätte sich selbst um eine bessere Zukunft beschnitten. Jemand, der resigniert aufgäbe, das Ziel ihm gleichgestellt zu sein, erreichen zu wollen? Aber nein! Wäre er doch ein Beweis für alle anderen, daß man auf diesem Wege nur verelenden konnte. Jemand, der öffentlich gegen ihn aufträte? Ein Neider also? Pfui, über diese niederen Gefühle! Wie leicht könnte man ihn maßregeln oder schlicht ignorieren. - Bliebe: Ein ebenfalls Besitzender. Einer, der die Anzahl seiner Zinsen und Rechte durch die Anzahl anderer Zinsen und Rechte beschnitten fühlte. Nochmals nein, denn das war allenfalls Sport. Handreichungen wechselten Sprints ab und beides wurde bequem von jenen erledigt, die glaubten, sich damit auf die Siegerpodeste katapultieren zu können, die schon belegt waren.
 
Der wahre Feind des reichen Mannes war Jener: Ein ganz unscheinbarer, gutmütiger, dem das ganze Streben und Ereifern gleichgültig blieb. Jener ging ebenso wie andere seiner Beschäftigung nach. Er lebte mitten unter ihnen und tat bestimmt nichts, wodurch er irgendwie aus der Masse hervorgestochen hätte, wodurch er auch nur irgendwie aufgefallen wäre. Und eben dadurch stach er hervor, eben dadurch fiel er auf.
 
Er hatte keine Meinung zu dem, was sein müsse, vielmehr bemühte er sich zu sehen, was war.
 
Zu der kleinen Wohnung, die er gemietet hatte, gehörte ein Gartenanteil. Diese Anteile wurden von anderen Mietern nutzbringend gepflegt. Sie waren die erste Visitenkarte eines Haushaltes. An ihnen konnte man ablesen, ob die Konsumanweisungen einschlägiger Zeitschriften befolgt worden waren und damit, wie weit man bereit war, den Erfordernissen der allgemeinen Besitzvermehrung Rechnung zu tragen. Daneben aber auch zum Beweis sozialer Qualitäten, nämlich dadurch, wie weit man sich mit anderen Gartenbesitzern abstimmen konnte, wo die notwendigen Gerätschaften besorgt werden mußten und wann die anerlesenen Maßnahmen durchzuführen waren.
 
Ein gleichmäßiges Bild der Prosperität war die Folge, hie und da unterbrochen von etwas fortgeschritteneren Modellen, die jedoch alsbald Nachfolger fanden. Jener – las keine Zeitschriften, konsumierte nicht viel und begegnete Sozialisierungsgesprächen mit der entgegenkommenden Bemerkung: „Ja, ja, diese Gärten sind ein wunderbarer Platz, die Fülle des Lebens in all seinen verschiedenen Ausprägungen zu beobachten. Ich habe selbst auch viel Freude daran. Darf ich Dich einladen, diese Freude mit mir zu teilen?"
 
Seine eigenen Bemühungen bestanden darin, unter einem Zwetschgenbaum einen Liegestuhl aufzustellen und von Zeit zu Zeit das Gras mit einer altmodischen Sense zu schneiden. Es gab auch ein paar Beete, die er mehr beobachtete als bearbeitete, und deren Früchte er genoß ohne sich sonderlich darum bemüht zu haben.
 
„Er ist faul.“ sagten die Eifrigen, die in der Sonne schwitzten, während er den Schatten des Baumes im Liegestuhl genoß.
 
„Er verweigert den Konsum.“ sagten die Konsumenten, die mit vollgepackten Einkaufstaschen an ihm vorbeieilten.
 
„Er schließt sich vom sozialen Miteinander aus.“ sagten die Verantwortungsbewußten während sie gleichzeitig und schlagkräftig an ihrem Sprößling demonstrierten, was sie davon hielten.
 
„Er hat generell Anpassungsschwierigkeiten.“ sagten die Wissenden, die sich trotzdem überall anpaßten.
 
„Er stört die öffentliche Ordnung.“ sagten bald alle.
 
Die Klagen über Jenen wurden so laut, daß sie dem Reichen zu Ohren kamen. Er erkannte die Gefahr sofort und ließ den Mann zu sich zitieren.
 
Jener erschien. „Hübsch hast Du es hier.“ sagte er zur Begrüßung und lächelte den anderen freimütig an.
 
„Du könntest es ebenso hübsch haben.“ entgegnete der Reiche.
 
„Aber das habe ich.“ lächelte jener. „Auf eine andere Art, aber ich habe es auch sehr hübsch.“
Er hätte sagen können, er habe es auf seine Art und schon dadurch hübscher, aber er wollte den Reichen nicht kränken.
 
„Es gibt Klagen über Dich.“ bemerkte der Reiche streng.
 
„Wer beklagt sich?“ wollte Jener wissen.
 
Der Reiche, dem der Besitz Recht gab hielt ihm noch strenger vor: „Ich werde keine Namen nennen derer, die unter meinem Schutz stehen. Ich sehe, daß Du sie schädigen willst.“
 
„Dann geht mich die Klage nichts an; ich will niemanden schädigen.“ sagte Jener arglos.
 
„Das Recht klagt Dich an.“ sagte der Reiche. „Du bist verpflichtet, den Dir übertragenen Grund so zu pflegen, daß er sowohl Dir, als auch der Allgemeinheit dient. Du kommst dieser Verpflichtung nicht nach.“
 
„Ich diene meinem Garten, indem ich das Leben dort gewähren lasse. Ich diene der Allgemeinheit, indem ich ihr das Leben in meinem Garten zur Verfügung stelle. Ich beanspruche nichts daraus für mich allein. Mein Garten dient mir, indem er mich erfreut.“
 
„Du ziehst keinen Nutzen daraus.“
 
„Ich ziehe den Nutzen der Betrachtung. Die Früchte genügen mir, den Tieren, die im Garten leben und den Kindern, die sie im Vorbeigehen naschen.“
 
„Die Tiere sind Schädlinge, die Kinder begehen Diebstahl. Du förderst das Unwesen. Diese Förderung stört das zivilisierte Gemeinwesen.“
 
Jener sah den Reichen traurig, nein, schlimmer, bedauernd an. Dann sagte er gefühlvoll: „Es tut mir leid, wenn Dir meine Lebensweise Kummer bereitet. Doch sieh’, Deine ist mir so fremd, wie Dir meine. Ich achte Dich dafür nicht weniger. Versuche auch Du, mich zu achten.“
 
„Ich achte Dich bereits jetzt mehr, als Du mich jemals achten könntest. Du bist in Gefahr. Ich versuche Dich zu retten.“
 
„In welcher Gefahr?“ fragte Jener erstaunt.
 
„Deine Umgebung ist gegen Dich. Sie will sich Deiner entledigen.“
 
„Aber ich tue ihnen nichts.“ beharrte Jener.
 
Der Reiche nickte verständnisvoll mit dem Kopf: „Du schließt Dich gegen sie ab, Du grenzt Dich durch Dein Verhalten selbst aus. Das ist ihnen wie ein Mißklang in ihrer Ordnungsharmonie.“
 
Jener überlegte dann, denn er hatte weder den Eindruck sich abzuschließen noch auszugrenzen, doch mußte er einräumen, daß diese Sichtweise durch die Betrachtung seines anderen Lebensstils aus einem anderen Blickwinkel berechtigt sein mochte. Er sah den Reichen an und verstand zumindest dies: „Es ist Deine Ordnung, die ich störe.“
 
„Es ist die allgemeine Ordnung.“ stellte der Reiche richtig. „Sie ist geformt durch die Erfordernisse und Gesetze des Lebens und Zusammenlebens. Sie garantiert ein friedliches, persönliches Wachstum für alle. Sie maßt sich nicht an, nur einem, nur sich selbst zu dienen, wie Du es tust!“
 
Da wurde Jener stumm und blieb es für lange Zeit. Dann schließlich stellte er ruhig fest, ohne daß seine Stimme den Schmerz über die Erkenntnis verleugnen würde: "Ich sehe, hier ist kein Platz für mich."
 
Er nickte dem Reichen kurz zu, drehte sich um, ging zu seiner bisherigen Wohnung und löste während der kommenden Tage jegliche Bindung zu diesem Platz. Er kostete die Trauer darüber und die Erläuterungen seiner Umgebung bis zur Neige. Dann löste er sich auch davon. Und wie das so ist, wenn man erkannt hat, was man sich wünscht, ist man schon auf dem besten Weg, sich diesen Wunsch zu erfüllen. Über kurz oder lang fand Jener den Platz für sich, an dem man ihn in üppigen Gärten mit leuchtenden Augen begrüßte.
 
Was den Reichen angeht, so ließ er nicht ab, ihn zu verfolgen, um ihn doch noch zu kultivieren. Mag sein, daß er ihn eines Tages fand. Aber das wollen wir Jenem doch nicht wünschen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.12.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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