Reinhard Schanzer

Die Feuerwehr

  
Welchen Zweck und welche Aufgaben hat eigentlich die Feuerwehr noch in der heutigen Zeit?
Gibt es überhaupt noch Aufgaben?
  
Um etwaigen Mißverständnissen gleich vorzubeugen:
Ich meine damit nicht die gut ausgerüsteten Berufsfeuerwehren in größeren Städten, die rund um die Uhr Alarmbereitschaft haben, sondern die kleinen Dorf- Feuerwehren, deren vorrangigste Aufgabe es scheint, gesellschaftliche Kontakte zu pflegen.
  
Selbstverständlich wird für diese wichtige Aufgabe alle paar Jahre ein neues, noch größeres Feuerwehrhaus benötigt, um darin die wöchentlichen Saufgelage abhalten zu können.
 „Kameradschaftsabende" werden diese Sauforgien genannt und so mancher Kamerad kann dabei seine eigentliche Aufgabe und sein Können unter Beweis stellen, nämlich (s)einen Brand zu löschen.
Drogensucht, Spritzen, Kiffen, Haschkonsum und andere Zivilisationserscheinungen sind deshalb nahezu unbekannt, das macht hier alles noch die freiwillige Feuerwehr.
Selbstverständlich ist auch der Bürgermeister als Schirmherr immer dann anwesend, wenn seine anderen wichtigen Geschäfte dies erlauben.
Und sie erlauben es fast immer.
Das alte Feuerwehrhaus steht seitdem leer. Es hätte zwar seinen Zweck auch noch weitere 50 Jahre erfüllen können, nämlich die Unterbringung des Feuerwehrautos, der Ausrüstung und der Gerätschaften, aber es hatte leider noch keine Zentralheizung. Und auch der Platz für gesellschaftliche Veranstaltungen war doch sehr begrenzt.
Diese mußten bisher beim Dorfwirt nebenan abgehalten werden, der neben mehreren Gastzimmern auch über einen geräumigen Festsaal und einen großen Biergarten verfügt.
  
Das neu gebaute Feuerwehrhaus ist ein Traum: Es ist das größte Haus im ganzen Ort mit allem, was dazugehört: Eine voll eingerichtete Küche, sechs Toiletten, ein modernes Bad, mehrere Aufenthaltsräume und im Obergeschoß sogar ein riesiger Festsaal.
Sogar ein riesiger Stellplatz für das Feuerwehrauto ist darin vorhanden. Dies wirkte direkt etwas verloren in diesem riesigen Gebäude, das der brave Steuerzahler finanziert hat.
Auch die Öl- Zentralheizung ist ein Traum: Den ganzen Winter über hat es im ganzen Gebäude kuschelige 24 - 26 Grad, und das, obwohl sich gar niemand darin aufhält.
So manche mehrköpfige Familie wäre froh, es zuhause ebenfalls so schön warm zu haben.
Nur der Feuerwehr- Kommandant kommt ca. vier - bis sechsmal am Tag vorbei, um zu überprüfen, ob auch wirklich alles noch in Ordnung ist.
Da er als Gemeindeangestellter über ein eigenes Dienstfahrzeug verfügt, ist das auch kein großes Problem. Der reguläre Job im Klärwerk ist ohnehin stinklangweilig.
Sowohl die immensen Heizkosten, als auch sein Gehalt stammen ja aus Steuergeldern, aber darüber spricht man nicht. Soviel Anstand muß sein!
Dafür kommt im Winter der kommunale Schneeräumdienst dreimal täglich vorbei, um den Platz vor dem Gebäude beständig Schnee- und Eisfrei zu halten. Es gab zwar schon seit ewigen Zeiten keinen Einsatz mehr, aber man weiß ja schließlich nie...
  
Daß anschließend (natürlich ebenfalls aus Steuergeldern) ein nagelneues Feuerwehrauto angeschafft werden mußte, versteht sich von selbst.
Das „alte" Feuerwehrauto hatte zwar erst 20 Jahre und knapp 3.000 km auf dem Buckel, aber wenn schon ein neues Feuerwehrhaus, dann auch gleich ein neues, noch größeres Fahrzeug, um dem Ganzen einen angemessenen Rahmen zu geben und die Wichtigkeit der Feuerwehr dem Normalbüger wieder bewußt zu machen.
Zudem eröffnet dies die Möglichkeit, neben all den anderen diversen Festen wie z.B. Fahnenweihe, Dorffest, Ausflügen und Kameradschaftsabenden wieder mal eine Fahrzeugweihe abzuhalten.
Dabei wird dann der Pfarrer eingeladen, der das neue Fahrzeug mit Wasser bespritzt (nein, nicht so wie Sie jetzt vielleicht denken) Es handelt sich natürlich um extra dafür geweihtes Wasser!
Das ist natürlich für den menschlichen Genuß ungeeignet, aber glücklicherweise steht ja der Bierwagen der Brauerei zufälligerweise schon auf dem Platz.
  
Wenn Sie jetzt denken: „Na ja, das ist ja wohl nur ein Altherrenclub von notorischen Säufern", so ist diese Annahme weit gefehlt!
Auch die Jugend sollte behutsam an diese großartige Einrichtung herangeführt werden.  Wertvolles Sozialverhalten wie Kameradschaft, Befehl und Gehorsam kann eben nicht früh genug geübt werden.
Die HJ, die vorher diese Aufgabe wahrgenommen hatte, gibt es ja leider nicht mehr.
Innerhalb des Vereines wurde zu diesem Zweck extra die Jugendfeuerwehr geschaffen, um auch die Dorfjugend rechtzeitig mit dieser ungemein wichtigen Aufgabe vertraut zu machen.
Es werden dazu völlig blödsinnige Übungen veranstaltet wie z.B. Appelle, das Ausrollen und das Anschließen von Schläuchen, um dann - in einer festgelegten Entfernung - einen leeren Eimer von einem Ziegelstein zu spritzen.
Für diese ungemein schwierige Aufgabe werden alljährlich vom Kreisbrandmeister Leistungsabzeichen vergeben, die dann sozusagen als „Feuertaufe" stolz an der Brust getragen werden und anschließend natürlich ausgiebig gelöscht werden müssen.
Mit dieser Tapferkeitsmedaille sind sie in die Gemeinschaft der Helden aufgenommen.
Es handelt sich also um ein uraltes Ritual, entsprechend in etwa der Verleihung des Eisernen Kreuzes aus vergangenen Zeiten.
Im nächsten Jahr sind es diese Helden, welche die neuen „Jungfüchse" in der Gegend herumscheuchen dürfen.
Als Jugendlicher nicht bei der Feuerwehr zu sein, gilt deshalb als ein schwerer, gesellschaftlicher Makel. Man ist damit quasi ein Ausgestoßener.
  
Auch Haussammlungen werden regelmäßig durchgeführt. Dabei wird - natürlich in einer öffentlich einsehbaren Spendenliste - zuerst die beiden Sägewerksbesitzer, der Wirt, der Jagdpächter, der Dorfschmied und der Autohändler abgeklappert.
Schließlich sollte sich Jedermann daran ein Beispiel nehmen können, in welcher Höhe eine Spende angemessen und genehm ist.
Ähnlich verhält es sich natürlich bei der weihnachtlichen Christbaumversteigerung.
  
Sowohl dort, als auch beim alljährlichen Dorffest der Feuerwehr laufen dann alle Mitglieder mit fescher Uniform und geschwollenen Bäuchen herum, um diese Spenden wieder zu versaufen und damit gaaanz, ganz wichtig zu erscheinen, auch wenn sie  weder an ihrem Arbeitsplatz, noch bei ihrer Frau zuhause das Geringste zu sagen haben.
Die Kosten für Ausrüstung und Geräte werden ja ohnehin nicht von der Dorfgemeinschaft, sondern vom dummen Steuerzahler getragen.
 
Ansonsten aber ist die kleine Dorffeuerwehr bestenfalls in der Lage, einen Zimmerbrand zu löschen, einen überfluteten Keller abzupumpen oder eine Katze vom Dach oder vom Baum zu holen, die ohne diese wertvolle Mithilfe wahrscheinlich ganz von selbst wieder herunter gekommen wäre.
Eine hydraulische Drehleiter gibt es dafür leider (noch) nicht, aber ein älteres Mitglied, der bei einer Telefongesellschaft beschäftigt ist, kann noch mit Gurt und Steigeisen umgehen.
Die Besitzerin der Katze - eine alte Frau - war jedenfalls hocherfreut und hat die ganze Dorffeuerwehr daraufhin zu einem kleinen Umtrunk eingeladen.
Der letzte Zimmerbrand ist mittlerweile auch schon über acht Jahre her, es wird aber immer noch gerne über diese Heldentaten gesprochen, die nur ein einziges Mitglied mit einem Handfeuerlöscher vollbracht hat.
Dafür wird aber nicht nur eine einzige Dorffeuerwehr benötigt, sondern gleich fünf oder sechs und das innerhalb einer einzigen Gemeinde!
Die Nachbargemeinden haben natürlich ebenso viele und damit auch ebenso viele Feuerwehrhäuser.
Allein schon daran müßte doch sogar der dümmste Tropf erkennen können, wie ungemein wichtig eine Dorffeuerwehr ist?!?
  
Ein neu zugezogener Bürger, der dabei einmal - völlig unvorsichtig - die Meinung geäußert hatte, man könnte doch eigentlich die Feuerwehr, das Technische Hilfswerk (THW), das rote Kreuz und den Katastrophenschutz zusammenlegen, um deren Effizienz zu erhöhen und zugleich die Kosten zu mindern, wäre beinahe gelyncht worden, wäre der Herr Bürgermeister nicht gerade noch rechtzeitig dagegen eingeschritten.
Er wurde zwar nicht sofort geteert und gefedert, aber als „persona non grata" mit seiner gesamten Familie umgehend aus der Gemeinde verwiesen.
Es war aber eh nicht schade um ihn, da er sowieso nur ein „Saupreiß" war und somit von den jahrhundertelang gewachsenen Strukturen der dörflichen Gemeinschaft keine blasse Ahnung hatte.
  
Falls Sie bereits einmal ähnliche Gedankengänge hatten, aber in Bayern wohnen, so möchte ich Sie deshalb ganz eindringlich warnen:
Verbrennen Sie sich bloß nicht Ihr vorlautes Maul!
  
Die Dorffeuerwehr wird nämlich gerne bereit sein, dieses sofort wieder zu löschen.

 

Wahrheit oder Satire?
Wer weiß das schon so genau?
Reinhard Schanzer, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.12.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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