Klaus-D. Heid

ANGST

Das Lüfterrauschen meines Computers erinnert mich daran, dass ich eigentlich nicht grundlos an meinem Schreibtisch sitze. Vor etwa zwei Stunden hatte ich den PC hochgefahren, um durchs Schreiben irgendwelcher humoriger Geschichten von meinen Sorgen abzulenken. Seit zwei Stunden sitze ich nun vor dem Bildschirm und starre ihn gedankenverloren an, ohne auch nur einen einzigen Satz geschrieben zu haben. Wie soll ich auch humorvoll schreiben, wenn ich soviel Trübsal blase, dass ich mich eigentlich auf die Suche nach einem stabilen Galgenstrick machen müsste? Andererseits hat es in der Vergangenheit immer ganz gut geklappt, mich kontraproduktiv zu meiner Stimmung abzulenken. Tatsächlich sind einige meiner amüsantesten Geschichten in Situationen entstanden, in denen andere Schreiberlinge sich eher über Krankheit, Krieg und Tod ausgelassen hätten. Heute scheint meine interne Betrugsmeditation nicht von Erfolg gekrönt zu sein. Heute lässt sich mein innerer Schweinehunde nicht betrügen. Offenbar habe ich viel zu lange die Realität kaschiert, so dass nun mein Innerstes nach außen gekehrt werden möchte. Es ist ein komisches und für mich ungewohntes Gefühl, von der Realität eingeholt zu werden. Bislang hatte ich es immer irgendwie geschafft, in meinen geschriebenen Träumen eine Welt zu produzieren, die mich perfekt vor der Wirklichkeit schützte. Nun ist’s damit vorbei. Meine Hände, die unbeweglich und abwartend über der Tastatur schweben, warten auf den entsprechenden Befehl, die Wahrheit schreiben zu dürfen. Ich kann fast körperlich den Krieg spüren, der in meinem Kopf tobt. Wahrheit kämpft gegen Traum. Wirklichkeit kämpft gegen Illusion. Traum und Illusion verlieren immer mehr an Substanz. Die Finger meiner Hände registrieren den Ausgang des Krieges und nähern sich der Tastatur. Es drängt sie, zu schreiben. Es drängt mich, zu schreiben. Endlich schreiben, was ich wirklich empfinde und fühle. Nie wieder diese morphiumgetränkten Buchstaben, mit denen ich mich fast drei Jahrzehnte selbst belogen habe. Nie wieder lächeln, wenn ich lieber weinen möchte. Nie wieder ablenken. Nie wieder täuschen. Nie wieder ein Anderer sein...

A N G S T…

Seltsam, dass ich gerade dieses Wort als erstes geschrieben habe. Sagt das Wort ANGST genau das aus, was ich fühle? Habe ich Angst? Natürlich habe ich Angst! Ich habe immer Angst gehabt. Angst vor der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Angst vor mir selbst und vor dem Horror, mich eines Tages der Wirklichkeit stellen zu müssen. Dieser eine Tag ist nun gekommen! Unausweichlich und gnadenlos. Das erste Wort, das ich jetzt in Großbuchstaben geschrieben habe, ist gleichzeitig das einzige Wort, das meinen Gemütszustand treffend umschreiben kann. Einfach nur ANGST. Suchend wandern meine Finger weiter über die Tastatur. Offenbar reicht es ihnen nicht, nur ein einziges Wort geschrieben zu haben. Sie sind es gewohnt, viele Worte zu schreiben. Sie wollen die Angst formulieren, sie analysieren und sie in durchdachten Formulierungen angespeichert wissen. Ich versuche, meine Finger selbstständig hantieren zu lassen. Ich will sie nicht zwingen, etwas anderes zu tun, als sie es wollen. Mit einer schwer nachzuvollziehenden Kraftanstrengung trenne ich mein Bewusstsein vom Eigenleben meiner Finger. Sollen sie doch tun, wonach ihnen ist. Sollen sie doch einfach drauflos schreiben, ohne sich von meinem Verstand zensiert zu fühlen.

A N G S T… A N G S T… A N G S T… A N G S T… A N G S T… A N G S T…

Wie irre starre ich auf den Monitor, auf dem sich mittlerweile tausendfach das selbe Wort zeigt. Zuerst wollte ich meine Finger schreiben lassen, was sie wollten. Nun aber kann ich gar nicht mehr anders! Jeder meiner Versuche, den Fingern wieder Befehle zu erteilen, scheitert kläglich. Ich schreie meine Hände an, gefälligst wieder das zu schreiben, was ICH schreiben will. Es funktioniert nicht. ANGST. Immer wieder. Ich will meine Hände von der Tastatur losreißen, um nicht vollkommen dem Wahnsinn zu verfallen. ANGST. Keine Kontrolle mehr. Nun plötzlich verlässt meine rechte Hand die Tastatur, während die Finger der linken Hand weiterhin diese fünf Buchstaben auf den Monitor produzieren. Was hat meine rechte Hand vor? Was tut sie? Sie wühlt in der Schreibtischschublade. Obwohl ich es wirklich will, kann ich nicht verhindern, dass sie nach dem Revolver greift, den ich dort aufbewahre. Währenddessen hämmert die link Hand immer wieder das selbe Wort. NU SPÜRE Ich, wie sich der Lauf des Revolvers an meine rechte Schläfe presst. Ich spüre die Kälte des Metalls und möchte schreien – aber kein Laut verlässt meinen Mund. Stattdessen verfolgen meine Augen weiterhin das Wachsen der Zeilen, die mit in aller Grausamkeit die Wirklichkeit entgegenschleudern.

Es muss wohl so sein. Vielleicht passiert nun genau das, wozu ich nie den Mut gefunden habe, weil ich mich viel zu gut selbst betrogen habe. Eine seltsame Ruhe überkommt mich. Zum ersten Mal nach Jahrzehnten fühle ich mich plötzlich entspannt und zufrieden. Keine Angst mehr...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.05.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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