Klaus-D. Heid

Mittags-Titten

Bitte verzeihen Sie den Ausdruck ‚Titten’, den ich leider verwenden muss, um etwas über das zu schreiben, was mich maßlos ärgert. Abgesehen davon, dass ich das Wort ‚Titten’ abwertend und nicht im geringsten erotisch finde, ist es doch ein Synonym für den tagtäglichen Slang mittäglicher Talkshows, in denen die Brüste der Frauen mehr Platz einnehmen, als jedes andere Thema.

Ich habe lange überlegt, woran es wohl liegen kann, dass ‚zu kleine’ und ‚zu große’ Brüste stundenlange Sendezeiten füllen können. Ich habe auch darüber nachgedacht, was in einer Frau vorgehen muss, die sich einem Millionenpublikum präsentiert, um über ihre Brustimplantate oder Hängebrüste zu plaudern. Zu einem Ergebnis bin ich bedauerlicherweise nicht gekommen – aber vielleicht kann diese kurze Abhandlung ja einer ‚Nichtfrau’ wie mir helfen, in die Köpfe dieser Frauen zu sehen.

Da kommt zum Beispiel Franz auf die Bühne, um sich darüber aufzuregen, dass die Brüste seiner Frau viiiiiiiiel zu klein sind. Er steht nun mal auf ‚Möpse’, in denen er versinken möchte. In aller Öffentlichkeit droht er nun seiner Frau, sie verlassen zu müssen, wenn sie nicht einer Brustoperation zustimmt. Angelika, die Frau von Franz, kommt nun selbst auf die Bühne. Weinend offenbart sie, dass sie einfach Angst vor der OP hat, weil sie von so vielen Risiken gehört hat. Neben ihr nimmt nun Tanja Platz. Ein Raunen geht durchs Publikum, weil Tanja ihre mordsmäßige Oberweite derart provokant zu Schau stellt, dass man selbst auf einem Schwarzweiß-Fernseher die roten Ohren der jüngeren Gäste erkennen könnte. Irgendeine Bärbel, Sonja, Arabella oder auch ein Andreas, Oliver oder Hans stellt nun die alles entscheidende Frage an Angelika:

„Angelika. Du siehst hier die Brüste von Tanja. Möchtest Du nicht auch so aussehen?“

Angelika bricht in Tränen aus. Sie vergießt noch mehr Tränen, als sie die geilen Blicke ihres Franz bemerkt, der unverhohlen das Silikongewölbe Tanjas anstarrt.

Tanja berichtet nun frisch und frei, dass sie sich 800 Gramm pro Brust implantieren ließ, weil sie findet, dass Männer nun mal auf ‚Titten’ stehen. Sie sagt, dass sie Frauen wie Angelika nicht verstehen könne, denen die Wünsche der Männer so egal seien. Angelika heult nun noch lauter. Eine Assistentin reicht ihr ein Taschentuch, als es auch schon aus Angelika herausbricht:

„Wir haben doch auch das Geld für eine Operation nicht! Mein Franz hat das ganze Geld, das wir gespart hatten, versoffen und verhurt. Jetzt will er mich zwingen, einen Kredit aufzunehmen, damit er mich wieder hübsch findet.“

Da die Sendezeit begrenzt ist, kann man bedauerlicherweise nicht näher auf diese Situation eingehen. Wie auch. Die Moderatorinnen und Moderatoren sind nun – weiß Gott – keine psychologischen Berater für zwischenmenschliche Beziehungsprobleme. Weniger noch. Sie sind teilweise dermaßen unsensibel, dass sie für gute Einschaltquoten auch noch den anschließenden Selbstmord ihrer Gäste publikumswirksam ausschlachten würden.

Betty kommt. Betty hat sieben Kinder auf die Welt gebracht und Bettys Brüste sind nicht nur gewaltig groß. Sie hängen - demonstrativ sichtbar – unter ihrem schwabbeligen T-Shirt, damit ja auch jeder sehen kann, was Geburten alles anrichten können. Auf die Frage, was sie von ihrer eigenen Oberweite hält, sagt sie:

„Also jetzt muss ich wirklich mal was sagen! Ich verstehe Frauen wie diese Angelika nicht. Warum schießt sie ihren Mann nicht einfach in den Wind? Mein Mann hat auch gemeint, dass ihm meine Brüste nicht mehr gefallen. Ich habe mich einfach von ihm scheiden lassen. Wenn er mich nicht nimmt, wie ich bin, will ich ihn auch nicht mehr haben. Basta!“

Das Publikum applaudiert, das blinkende Anzeigen ‚APPLAUDIEREN’ signalisieren.

Nun kommt ein junger Mann in die Runde, der mit seinen neunzehn Jahren offenbar viel Erfahrung mit Brüsten haben muss. Gestylt wie ein Möchtegern-Lude lästert er hemmungslos über Frauen ab, die zu kleine oder hängende Brüste haben. Stolz sagt er, dass er schon eintausend Frauen hatte. Das Publikum applaudiert frenetisch. Auch ohne Applaus-Signal. Er sagt weiter:

„Weißte, ne Frau muß geile Titten haben. Sonst hatse bei mir keine Chance. Weiber mit so Hängetitten schicke ich gleich wieder in die Wüste zurück, ey. Wenn isch merke, dass so ne Tussi oben rum nur Scheiße ist, brauchse sich gar nicht weiter ausziehen. Da bin ich echt hart, Mann!“

Das ist als die tägliche Mittagsdröhnung, die sich Millionen deutscher Zuschauer reinziehen. Die Themen variieren zwar ein bisschen – aber im Großen und Ganzen dreht sich fast immer jedes Thema um Brüste. Manchmal darf man als Zuschauer, der eben mal schnell beim Mittagessen die Glotze eingeschaltet hat, auch auf strippende Monsterfrauen schauen, die ihre zweihundert Kilo stolz in Spezialdessous gezwängt haben. Wabbelschwabbel. Um nicht falsch verstanden zu werden: dicke Frauen und Männer stören mich nicht. Mich stört nur diese perfide Art der Zurschaustellung. Je perverser und abgefahrener, desto mehr Quote lauert für den Sender. Die Pieptöne häufen sich, mit denen alle Ausdrücke ‚weggepiept’ werden, die nicht jugendfrei sind. Andererseits sind es eben jene Pieptöne, die den Sendern das gewollte Image obszöner Dämlichkeit verschaffen. Es würde mich interessieren, wie weit ein Sender gehen würde, wenn es keinerlei Jugendschutz gäbe. Würden Gäste demonstrieren, welche Onaniertechniken sie bevorzugen? Würde man 800Pfund-Männer strippen lassen, die nur noch einen Hoden haben?

Natürlich. Ich muss es mir ja nicht anschauen. Ich kann ja was anderes sehen, wenn ich denn unbedingt Fernsehen will. Klar. Und doch frage ich mich, was da abgeht. In den letzten zehn Jahren hat sich die Fernsehkultur dramatisch – nach meiner subjektiven Meinung – verschlechtert. Der kulturelle Stellenwert von ‚Titten’ hat längst den kulturellen Stellenwert von Politik, Musik und Geschichte verdrängt. Nach dem Motto ‚Quoten gibt’s nur von Toten’ wird so tief unter der Gürtellinie gegraben, bis auch der kleinste Penis und der größte Busen gezeigt wurde.

Ich frage mich auch, was in den Köpfen der Moderatorinnen und Moderatoren vorgehen mag. Deren Intelligenzquotient reicht doch sicherlich aus, um das Kellerniveau der eigenen Sendungen zu durchschauen. Gibt’s denn tatsächlich so viele Kleingeister, die für Geld alles tun? Offenbar ist es so. Oder bin ich nur zu altmodisch? Zu konservativ? Bin ich falsch erzogen worden? Bin ich nicht mit der Zeit gegangen?

Wenn Al Bundy genüsslich von seinen ‚Titten-Magazinen’ schwärmt, steckt da wenigstens ein Funken Humor in den Storys. Wenn aber Emotionen und Gefühle live ausgequetscht werden, als gälte es, das Innere nach außen zu kehren, hört für mich der Spaß auf.

So. Jetzt habe ich mich ausgemehrt. Vielleicht gibt’s ja die eine oder andere Reaktion?

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.05.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Kein Leben hinter mir: Trauma oder Irrsinn von Klaus-D. Heid



Langsam gehe ich auf das sechzigste Lebensjahr zu. Da hinter mir nahezu jede emotionale Erinnerung »verschwindet«, besitze ich keinerlei sichtbare Erinnerung! Vieles von dem, was ich Ihnen aus meinem Leben berichte, beruht auf alten Notizen, Erinnerungen meiner Frau und meiner Mutter oder vielleicht auch auf sogenannten »falschen Erinnerungen«. Ich selbst erinnere mich nicht an meine Kindheit, Jugend, nicht an meine Heirat und auch nicht an andere hochemotionale Ereignisse, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin.

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