Maren Sandkuhl

Angeklagt

Prolog
 
 
 
Wenn du in der Dunkelheit erwachst, was würdest du tun? Würdest du um Hilfe schreien, auf das Licht hoffen?
 
Ich lebte Jahre – so schien es – an einem Ort, den ich bereits anfing, meine Heimat zu nennen. Ich lernte mit der Dunkelheit einher zu gehen.
     Die Frage, wie ich hierher gekommen bin, habe ich schon tausendmal versucht zu beantworten, stets ohne Erfolg. Wie viel Zeit mochte vergangen sein? Hatte meine Mutter geweint, als ich nicht mehr zurückkehrte? Ich wollte antworten auf diese Fragen und sie doch gleichzeitig auch verdrängen.
     Anfangs dachte ich, die Dunkelheit würde mich erdrücken, umbringen. Würde sie es bei euch tun? Ich hatte mich an die Dunkelheit gewöhnt und, es mag verrückt klingen, aber ich fühlte mich in ihr sogar wohl. Sie umschließt und schützt einen – wie eine Decke vor der Kälte.
      Alleine war ich oft, doch es gab Wesen, die mich nach so langer Zeit immer noch am Leben erhielten. Oft hatte ich ihnen Fragen gestellt. Wer sie waren oder was ihr anliegen war haben sie mir nie verraten. An sich, waren sie schweigsam, man hätte fast denken können, sie wären Stumm. Nur einer von ihnen hatte je zu mir gesprochen. Er hat sich mir als „der Meister“ vorgestellt. Er war immer nett und freundlich und trotzdem hat er irgendwie abweisend auf mich gewirkt. Auch er hat mir nie eine einzige meiner Fragen beantwortet und je länger ich blieb umso gleichgültiger wurde es mir wer sie waren und warum sie das taten. Dennoch war ich ihnen dankbar dafür, dass ich noch lebte. Nicht, weil ich hoffte eines Tages nach Hause zu kommen, sondern aus einem Grund, den ich kannte und doch nicht verstand.
     Wie es im Leben jedes Menschen einen Schicksalstag gibt, an dem sich alles ändert, so gab es ihn auch bei mir. Es war ein Tag wie jeder andere bis ich das Licht sah. Ein neues Kapitel meines Lebens wurde aufgeschlagen.
 
 
 
 
 Teil 1
 
 
Die Offenbarung
1
 
 
 
Die Tür zu ihrem Versteck öffnete sich mit einem lauten quietschen. Erschrocken sah Helen auf. Lange schon war sie immerzu im Dunkeln verborgen geblieben und als der Raum von Licht durchflutet wurde musste sie blinzeln um zu erkennen was um sie geschah. Drei, vielleicht viermal blinzelte sie bevor sie den Besucher überhaupt bemerkte. Erst sah sie nur die schemenhafte Gestalt, die unverkennbar einem Mann gehörte. Der Schemen war groß, stämmig und hatte breite Schultern. Immer noch verschreckt von der plötzlichen Helligkeit zog Helen sich in den Raum zurück. Früher war er ihr wie ein enger Käfig vorgekommen, aber jetzt war er groß und geräumig. Schnell suchte sie sich mit den Augen einen Fluchtweg, Erfolglos. Ihre einzige Möglichkeit war sich in die hinterste Ecke des Raumes zu verkriechen und zu hoffen, dass sie unentdeckt bleib. Was für ein riesen Blödsinn!, schoss es ihr durch den Kopf, Wie sollte ich hier den abgehauen sein, wenn ich nicht mal erkennen konnte, welche Farbe die Tapete hat!
Der Schemen trug ein Tablett in das Zimmer. Helen war sicher, dass Er sie unentwegt anstarrte und doch beachtete er sie nicht. Immer noch drückte sie sich in die hinterste Ecke des Raumes. Er schritt ruhig weiter, dann blieb Er stehen und wandte sich nach links.
Oh, mein Gott, dachte Helen nur.
Immer näher kam Er auf sie zu. Kurz vor ihr blieb er stehen und stellte das Tablett vor ihre Füße. Die Speisen darauf sahen sehr appetitlich aus und doch verspürte Helen kein Verlangen danach. Plötzlich merkte sie, dass sie peinlicherweise immerzu den Schemen anstarrte und wandte den Blick schnell ab. Trotz allem sah sie aus den Augenwinkeln, dass eine lange schwarze Haarsträhne unter der Kapuze seiner schwarzen Kutte hervorlugte.
Als sich der Schemen aufstellte, rutschte ihm eben diese vom Kopf und Helen konnte einen Schrei nur schwer unterdrücken.
Dieser junge Mann, als der Er nun klar erkennbar war, war für sie wie ein Traum.
Er hatte dichtes schwarzes Haar, das Er zu einem Zopf gebunden trug. Helen konnte sogar das feine Lederband sehen, was Er dazu verwandt. Seine ganze Erscheinung blendete und verzauberte sie sofort. Zu seinen schwarzen Haaren gesellte sich ein mädchenhafter Teint und Helen hatte das Gefühl, als würde Er sie mit seinen stahlblauen Augen durchbohren. Auch glaubte sie durch diese klaren Augen, den Grund seiner Seele ergründen zu können.
Eine kleine Bewegung, war für sie wie ein Startschuss ins Ungewisse. Seine Hand griff schnell wieder die Kapuze, doch diese Bewegung, die schon beim zusehen Wärme und Zärtlichkeit ausstrahlte wurde jäh gestoppt, als Helen dazwischen ging. 
Nun standen sich beide Auge in Auge gegenüber und bevor Helen realisieren konnte, wie ihr geschah, sackte sie plötzlich zusammen und fiel in Ohnmacht
 
 
 2
 
 
 
Helen öffnete die Augen. Erschrocken wollte sie sich aufrichten. Jedoch, wurde sie zurückgehalten. Er übte einen leichten Druck auf sie aus, nur ganz sanft, doch er lies sie zurückgleiten. Sie verstand nicht was vorgegangen war. Immer noch Benommen versuchte sie ein weiteres Mal sich aufzurichten, behutsamer als davor und Er lies sie gewähren.
Alles war so hell. Der ganze Raum. Seine Wände waren weiß und sie sah einen Schrank aus Kiefernholz, in dem ein Fernseher, eine Stereo-Anlage, CDs und Bücher standen. Sie erblickte vor sich einen gläsernen Couchtisch und einen beigen Ohrensessel. Zu ihrer Linken stand ein beiger Zweisitzer und sie selbst, bemerkte sie zum Schluss, lag lang ausgestreckt auf einem Dreisitzer-Sofa. An dem anderen Ende saß der junge Mann und musterte sie besorgt. Er folgte ihrem Blick und sah in den Raum hinein.
„Du hast sehr lange geschlafen.“
Diese Stimme, seine Stimme lies Helen erschaudern. Sie war männlich und doch, wie seine gesamte Erscheinung, weich und zärtlich. Sie merkte, wie ihre Knie weich wurden und ihre Hände zu zittern begannen.
Er schien es auch bemerkt zu haben, denn er musterte sie noch besorgter als vorher. Er streckte die Hand aus und fühlte ihre Stirn. Helen wusste kaum wie ihr geschah. Sie fühlte, dass sie Rot anlief und zu glühen begann.
„Fieber, scheinst du keines zu haben.“, sagte Er aber wendete seinen Blick einfach nicht von ihr ab.
Als Er sah, wie sehr Helen zitterte nahm er ihre Hände in die seinen und ihr Blick fiel auf etwas, dass Helen Unbehagen bereitete. Auch Er schien es zu sehen, denn Er betrachtete ihre Hände eindringlich.
„Die-Dieser Ring, woher hast du ihn?“, fragte Helen und schämte sich sogleich dafür. Aber sie musste es wissen. Dieser Ring den Er trug, es war genau derselbe, wie der den sie besaß. Er war Silber und war mit einem Ornament verziert. Heutzutage würde man sagen, dass es ich um ein Tribal handelt, das sich um ein Pentagramm windet. Außerdem erhielt sie diesen Ring zu ihrem sechzehnten Geburtstag durch einen Brief.
 
 
 
Bewahre ihn gut!
 
 
 
Es war das einzige was auf dem Zettel stand. Síe hatte diesen instinktiv auf ihren rechten Ringfinger gesteckt. Seit sie ihn besaß, hatte sie auch einen seltsamen Spitznamen: Azrael!
„Für Azrael“ war in den Ring eingraviert. Sie lies es zu, dass ihre Freunde sie so nannten, konnte sich aber keinen Reim auf die Gravur machen.
„Ich habe ihn von einer sehr guten Freundin bekommen.“, antwortete Er und seinen Augen wurden trüb.
 
Nachdenklich schweifte sein Blick durch den Raum und blieb an der Decke stehen.
Lange starrte Er so ins Nichts, doch Helen wagte es nicht ihn zu stören, stattdessen versank sie in ihren eigenen Gedanken:
Wer war diese Freundin wohl? War sie seine Freundin gewesen? Was veranlasste ihn, mich hierher zu bringen und wo waren die anderen Schemen jetzt? Würde Er mir meine Fragen endlich beantworten? Und warum fühle ich mich zu ihm so hingezogen? Ist es sein Aussehen? Seine Stimme? Seine Bewegungen oder bin ich einfach nur verliebt?
Lange saß sie so da und stellte sich selber immer mehr Fragen, fand doch zu keiner einzigen eine Antwort. Sieh erwachte aus dem Dunst, als Er sich wieder auf dem Sofa nieder lies.
„Entschuldige bitte, dass ich mich habe in meine Gedanken fallen lassen.“, sagte Er und lächelte ihr dabei zu.
Helen fühlte sich leicht wie eine Feder und so weich wie Butter. Ohne, dass sie etwas bemerkte, sackte sie langsam immer weiter ab und wäre von der Couch gefallen, hätte Er sie nicht festgehalten. Behutsam half Er ihr wieder auf und legte ihr eine Decke um die Schultern. Ohne jeglichen Widerstand lehnte Er sie an seine Schulter und nahm sie in die Arme. Helen fühlte sich wie im Siebten Himmel. Ja, sie war verliebt.
Wie eine Ewigkeit kam es ihr vor, dass sie so dasaßen und Er sie einfach in den Armen hielt. Doch irgendwann lies Er sie los und drehte sie behutsam zu sich hin. Seine Augen schienen die ihre wie ein Schwert zu durchbohren. Zwei blaue Augenpaare starrten sich an und dann geschah etwas, dass sie einfach nicht begreifen konnte. Was meinte er bloß?
„Du hast mich immer noch nicht erkannt, oder?“, fragte Er traurig.
Erkannt, woher sollte ich ihn denn kennen?, fragte sich Helen und dann passierte es. Ihr kam es vor wie im Zeitraffer. Seine Augen hafteten an den ihren und dann nahm Er sie erneut in die Arme und küsste sie.
Dieser Kuss, er schien für immer anhalten zu wollen. Er war sanft und sie erwiderte ihn. Irgendetwas ging in ihr vor. Sie verstand nicht, lies sich aber dennoch fallen.
 
 3
 
 
 
Er nahm sie und führte sie hoch in das Haus. Eine Treppe und noch eine, dann um die Ecke und durch die Tür. Dann befanden sie sich in einem dunklen Raum. Mit einem Wink befahl Er ihr stehen zu bleiben und entzündete eine Kerze, noch eine und noch viele viele mehr. Dann erstrahlte der Raum regelrecht in einem romantischen Kerzenlicht.
Nun sah Helen, dass der Raum vollgehängt war mit schwarzen und roten Seidentüchern. In der rechten Ecke stand eine Kommode aus Ebenholz und direkt neben der Tür war ein großer Schminktisch mit Spiegel aufgestellt worden. Wozu braucht er denn einen Schminktisch?, fragte sie sich und runzelte bei seinem Anblick die Stirn. Das größte Möbelstück war auch gleichzeitig das prachtvollste: ein großes, altes Bett mit Himmel. Es waren überall Ornamente und Verziehrungen angebracht worden. Es war ein Meisterwerk der Holzverarbeitung.
Vor diesem war Er stehen geblieben. Sein Blick wurde Undurchdringlich, Herausfordernd, Lüstern. Langsamen Schrittes kam Er auf Helen zu. Sie wusste gar nicht was los war. Zuerst zögerte sie, doch dann wirkte dieser magische Ort auch auf sie. 
Er nahm sie bei der Hand und führte sie zu dem riesigen Bett. Er stellte sich hinter sie und streichelte zuerst ihre Arme, dann die Schultern und glitt vorsichtig an ihrem Bauch herunter. Ruckartig dreht Er mich zu sich um. Dieser Blick, dieser Ort, es ist als wäre von nun an alles egal, überlegte Helen und von da an lies sie sich fallen. Tief, tiefer hinein in den Rausch des Verlangens.
 
 
4
 
 
 
Zärtlich und voller Verlangen war sein Kuss. Sie erwiderte ihn ohne umschweife. Sie wusste, jetzt ging es um alles oder nichts! Er begann ihr durch ihr pechschwarzes Haar zu  streichen, seine Hand sucht nach etwas und hält in ihrem Nacken Inne. Helen selbst (war sie es wirklich noch?) begann seinen Rücken zu streicheln. Sie konnte ihr Verlangen nicht unterdrücken und  so glitten ihre Hände unter sein Hemd. Vorsichtig schob sie sie immer weiter hinauf. Gemeinsam, als wäre es selbstverständlich,  zogen sie sein Hemd aus. Sein Oberkörper war nicht zu verachten. Männlich, und doch so verletzlich. Beim Anblick der vielen Narben erschrak Helen.
Er reagierte sofort. Er zog sie zu sich und vorsichtig glitten seine Hände unter ihre Bluse. 
„Bald wirst du alles verstehen.“, flüsterte er in ihr Ohr.
 Er streichelte zärtlich ihren Bauch. Helen erschauerte voll wohliger Wärme. Willig öffnete sie ihren BH.  Er sank auf die Knie und begann sie mit Küssen zu bedecken.  Helen spürte, wie sich ihre Brustwarzen aufstellten.  Auch Er hatte es bemerkt und begann an ihnen zu saugen. Helen fühlte sich, als wollte er sie um den Verstand bringen. Mit einem Ruck riss sie ihn zu sich hoch. Er liebkost ihren Nacken und ihr Gesicht.  Ihre Hände  glitten an seinen Armen hinunter und packten ihn provozierend an den Pobacken. Länger warten wollte sie nicht.
Langsam und mit wollüstigen Blicken tänzelten sie um einander herum. Sie öffnete den Reißverschluss von ihrem Crincle-Rock und er fiel lautlos zu Boden. Auch Er lies vorsichtig und provozierend seine Hose zu Boden. Nun stand nur noch hauchdünner Stoff zwischen Helen und dem Objekt ihrer Begierde. 
 
 
Sie standen nun beide direkt neben der Bettkante. Verführerisch war ihr Blick als sie Ihn auf die Matratze schubste. Wie eine Katze, war sie mit einem Satz auf ihm und lies Ihn nicht aus den Augen während sie ihm seine Boxershorts vom Leib riss. Er war nun Splitterfasernackt. Zwischen den Fingerspitzen hielt sie seine Boxershorts. Sie stand wieder auf dem Boden. Wie zu einem Startschuss lies sie die Shorts zu Boden fallen. Von nun an überstürzten die Momente. Im Rausch der Gefühle hatte Er ihr mit einem Ruck ihren Slip entrissen und sie zu sich auf die Matratze gezogen. 
„Nein, mein Freund. Noch nicht!“, sagte sie beschwörend zu Ihm. Sie rollte sich herunter, ging bis zum Ende der Längsseite des Bettes und weicht langsam einige Schritte zurück.  Er stellte sich, nein eigentlich flog er regelrecht wieder auf die Füße. Helen genoss den Anblick seines Astralkörpers, der sich ihr näherte. Es machte ihr Spaß seine Lust zu schüren.  Auch er schien gefallen daran gefunden zu haben, denn er sank auf die Knie und streichelte ihre Oberschenkel.  Zärtlich liebkoste er ihren Bauch und packte plötzlich fest mit beiden Händen  an ihren Hintern. Er zog sich daran hoch. Und wirbelte sie mit solcher Wucht herum, dass sie auf dem Bett landete.
„So gefällt es mir viel besser.“, raunte Er.
„So, so. Du willst es ja nicht anders haben.“
Helen legte sich in Pose. Streichelte sich selbst an Oberschenkel und Brust. „Du bringst mich um den Verstand, weißt du das eigentlich?“, sagte er grinsend und etwas seltsames lag in seinem Blick. Für einen Moment glaubte Helen nicht mehr ihn, sondern ein seltsames Wesen, über und über mit Zungen und Augen bedeckt, zu sehen. Sie verscheuchte den Gedanken daran und widmete sich wieder nur Ihm. 
Er stand da und betrachtete sie von oben herab. Wieder war Helen seltsam zu Mute. Waren dort nicht eben schwarze Flügel an seinem Rücken? Doch da beugte er sich schon zu ihr herab und küsste sie.  Sanft  strich er über ihre Schenkel und riss sie mit einem Ruck auseinander. Helen packte ihn bei den Schultern und riss ihn zu sich herunter.
 
 
Zärtlich und Vorsichtig führte er das erwählte Fleisch in sie ein. Sanft und behutsam stieß er ihn sie ein. Ihm Kerzenschein fand Helen ihn noch attraktiver.  Mit der Zeit stieß er tiefer, härter in sie ein. Es versuchte aus ihr herauszubrechen, doch sie hielt es zurück. So schnell durfte es nicht vorbei sein. Ihre Nägel gruben sich tief in sein Fleisch.  Es störte ihn nicht.  Helen küsste ihn stürmisch und herausfordernd. Immer tiefer und tiefer, fester stieß er ihn sie ein. Noch länger vermochte sie es nicht zurückzuhalten. Helen begann zu stöhnen und zu schreien. 
„Was, was ist das?“
Helen begann zu zittern. Vor ihren Augen begann alles zu verschwimmen.
 
 
 5
 
 
Ein Strudel voller Bilder. Tausend Bilder, Erinnerungen zogen an Helen vorbei.
Eine Person, über und über von Schleiern bedeckt tauchte vor ihr auf.
„Wo bin ich?“, fragte sie ängstlich. Und als keiner antwortete fragte sie erneut: „Wo zum Teufel bin ich hier gelandet?“
Die Person unter den Schleiern hatte sich nicht von der Stelle gerührt und keine Anstallten gemacht ihr zu Antworten. Es schien, als bemerkte sie Helen gar nicht.  Unverwandt starrte sie in eine Höhle direkt vor sich. Erst jetzt merkte Helen, dass sie sich in einer steinernen Höhle befand, geformt aus schwarzem Fels. An den Wänden waren Fackeln angebracht.
Die Person schien auf etwas zu warten. Verwirrt blickte sich Helen erneut um und als sie an sich heruntersah, erschrak sie. Sie trug einen schwarzen langen Seidenrock. An ihren Füßen befanden sich keine gewöhnlichen Schuhe, sondern Pantoffeln oder Sandalen. Wie auch immer man sie damals nannte. Es waren solche, wie sie die Menschen in warmen Ländern trugen. Mit einem einzelnen Riemen zwischen den Zehen. Eigentlich sind sie sehr hübsch, dachte sie sich, als sie die Verziehrungen betrachtete. Sie sah an sich hoch und sah, dass sie eine weiße Bluse, ebenfalls aus Seide trug. Darüber hatte sie einen langen schwarzen Mantel aus Leder an. Er hatte einen Stehkragen wie ein Trench-Coat.  Doch das sie sich in dieser Hölle befand und andere Kleidung trug, war nicht das Sonderbarste. Es war diese Person, die wartete und die Tatsache, dass sie aus ihren Augenwinkeln etwas an ihrem Rücken sehen aber nicht identifizieren konnte.
„Azrael, du bist ja immer noch da. Du musst verschwinden. Ich hoffe, dass ich dieses Monstrum aufhalten kann.“
Woher wusste er ihren Spitznamen. Sie wollte ihn fragen, doch stattdessen hörte sie sich selber sagen:
„Niemals! Ich kann dich doch nicht einfach dem Schicksal überlassen. Ich werde keinen Schritt ohne dich tun, Izra’il!“
Und da hörten sie es schon. Ein dumpfes grollen kam aus der Höhle. Mit lauten schritten, wie Peitschenhiebe, kam das Monstrum hervor. Es war das hässlichste, was Helen (Azrael?)  jemals in ihrem Leben gesehen hatte. Wie ein Lavahaufen, der  zu Stein erstarrt war, stand der Steinoger vor ihnen.
Als es Helen (Azrael!) erblickte, wollte es sich auf sie stürzen, doch Izra’il ging dazwischen. Er riss sich die Schleier vom Leib und zu sehen war die selbe Bestie, die Helen schon einmal im Schlafzimmer gesehen hatte. Dieses Wesen über und über mit Zungen und Augen bedeckt. Diesmal bemerkte Azrael auch, das es Tausende Füße und  noch mehr schwarze Flügel besaß. Mit den vielen Ketten die es in der Hand hielt schlug es auf den Steinoger ein. Lange dauerte dieser Kampf an. Mit seiner steinernen Faust schlug der Oger nach der Bestie. Schon schien es, als wäre die Bestie erledigt, da sammelte sie noch mal alle Kraft, die ihr verblieben war, stand auf und verpasste dem Oger einen so gewaltigen Hieb, dass dieser nur auf dem Boden zusammensank. 
Die Bestie wandte sich Azrael zu und dann stand Er vor ihr.
 
 
6
 
 
 
Der größte Orgasmus, den Azrael jemals gehabt hatte. Der Strudel von Emotionen hatte sie komplett ausgefüllt. Sie erwachte neben Izra’il aus ihrer Erinnerung. Schweißnass, aber glücklich beugte er sich zu ihr und gab ihr einen leichten Kuss. Azrael streichelte seine Wange. Izra’il nahm sie in seine Arme, erst nur zaghaft, doch als sie keinen Widerstand zeigt, wurde er immer fester.
„So lange schon musste ich mich nach dir verzehren.  Es hat mich ganz verrückt gemacht zu Wissen, dass wir dich wie eine Verbrecherin im Keller gefangen hielten.“
Sanft streichelte er ihren Bauch. Beide spürten, dass sie noch längst nicht befriedigt waren.
„Ja, es ist sehr lange her. Mehr als 2000 Jahre sind vergangen und doch hab ich nie aufgehört dich zu lieben.“
Sie gab ihm einen zärtlichen Kuss. Er erwiderte ihn zwar, richtete sich danach aber auf und blickte mit verklärtem Blick in den Raum.
„Nachdem man dich versteckt hatte, konnte ich nicht aufhören an dich zu denken. Ich verstand einfach nicht warum ausgerechnet mir vorenthalten wurde, wo du dich befandest. Nun ist es mir natürlich klar, aber damals wäre ich fast vor Sorge umgekommen.
Natürlich kam es wie es kommen musste: die Inquisition kam uns auf die Schliche. Zum Glück sind ja die meisten Götter auf unserer Seite. Sie versetzten dich in einen tiefen Schlaf und haben dafür gesorgt, dass du in dieser Zeit wiedergeboren wurdest.“
Nachdenklich blickte Azrael ihn an.
„Aber, warum musste ich unbedingt Wiedergeboren werden? Hätte es nicht gereicht mich zu wecken?“
Bekümmert schüttelte er den Kopf.
„Nein, hätte es nicht. Sie hätten deine Spur sofort wieder aufnehmen können. Du weißt doch wie Loki ist. Nein, das hätte nicht gereicht. Stattdessen wurdest du wiedergeboren und so konnten wir Loki und seine Leute davon überzeugen, dass du nur eine normale Sterbliche seiest. Leider hattest du durch die Reinkarnation deine Erinnerungen verloren, daher konnten wir uns dir nicht einfach so offenbaren. Aber vielleicht ist es besser wenn die anderen dir den Rest erklären wenn sie wieder da sind.“
„Wer ist denn alles hier?“
„Ich weiß nicht genau, es kann sein, das jemand dazukommt oder jemand geht. Lass dich doch einfach überraschen und freu dich auf das Wiedersehen mit all deinen Freunden.“
Erst jetzt merkte Azrael, dass er längst wieder begonnen hatte sie zu erregen.
Also schön. Ich verstehe!, dachte Azrael und grinste.
Er küsste sie sanft und zärtlich, doch sie stieß ihn fort. Er neigte seinen Kopf von der einen auf die andere Seite.  Er stand über ihr auf und begann ihren Bauch zu liebkosen. Er wollte sie mit allen Mitteln reizen. Er strich über ihre Brüste, ganz beiläufig und Azraels Brustwarzen stellten sich auf. Er sah dies und grinste schelmisch.  Er beugte sich weiter vor und erregte mit seiner Zunge ihre Liebesäpfel. Azrael wollte, dass er weitermacht, doch er durchfuhr sie Ruckartig. Er trieb sie bis zur Spitze.  Azrael war kurz davor in den Rausch zu fallen, da hörte er einfach auf.
Azrael wusste ganz genau was er wollte. Sie stand auf und ging bis zur Bettkante. Izra’il stand nun direkt vor ihr. Langsam, um ihn zu reizen, sank sie auf die Knie und nahm seinen geschwollenen Penis in ihre Hände. Azrael wusste ganz genau, wie sie so einen Mann willig machen konnte. Sie spürte bereits, wie sein Penis zwischen ihren Handflächen immer weiter anschwoll.
Mit einem Ruck hatte Izra’il sie gegen die Wand gestoßen.  Seine Haut rieb über sie ihre. Langsam und gemächlich fiel der Druck von ihren Schultern ab, während er sie nahm.
Sie fühlte, wie sie sich von der Wand ablöste. Ihre schwarzen Schwingen entfalten sich und sie vollenden Akt in den Lüften erhoben.
Azrael fühlte sich so frei wie nie zuvor. Während sein Liebessaft in sie eindrang fühlte sie sich endlich  vollendet.
Nur dieser eine Augenblick war für sie noch von Bedeutung.
 
 
„Nie wieder lasse ich dich los!“, flüsterte Izra’il in ihr Ohr. Schmerzlich waren seine Erinnerungen.
Für kurze Zeit versank er in ihnen. So lange war alles nun schon her und doch war es noch nicht verjährt. Wie lange sollte diese Hetzjagd noch anhalten? Nicht mal der Herr selber konnte die Inquisition von Azraels Unschuld überzeugen.
„Bist du dir darüber im Klaren wie es weitergehen soll?“
„Ich fürchte, ja. Ich werde wohl kaum mal einfach so an deine Seite zurückkehren können. Ich werde wohl wieder in den Keller müssen.“, sie seufzte. „Warum muss alles nur so kompliziert sein, Izra’il? Ich würde so gerne wieder wie früher Leben und meine Arbeit verrichten. Dann könnte ich auch wieder mit dir zusammensein.“
Izra’il blickte in Azraels traurigen Augen. 
Wenn ich könnte, dachte er, würde ich dir jeden Wunsch erfüllen, doch leider ist es mir nicht vergönnt. Ich selber würde doch alle dafür tun um die zu befreien.
Wie viel sie doch gemeinsam hatten. Ihre Augen, die aus Saphiren zu bestehen schien hielten ihn in ihrem Bann. Stunden hätte er damit zubringen können durch ihr pechschwarzes Haar zu streichen. Ihre Aussehen ähnelte sich sehr und ihre Arbeit war die gleiche, auch wenn sie zwei verschiedenen Religionen galt.  
 
 7
 
 
 
„Ich habe einen großen Fehler begangen.“, sagte Izra’il mit ernster Miene.
„Meinst du, meinst du das hier?“
„Ja, ich glaube, es wäre besser gewesen, wenn du weitergeschlummert hättest. Aber...“, er blickte Azrael tief in die Augen, „ Aber es war schon so schwer dich zu bewirten und standhaft zu bleiben. Ich konnte einfach nicht mehr widerstehen, wo du es doch auch wolltest.
Aber, sag, Erinnerungen hattest du bislang keine, oder?“, bei dieser Frage strich Izra’il ihr gedankenverloren durch ihr Haar.
„Nein, es kam alles ganz plötzlich zurück.“, und nach kurzer Überlegung setzte sie hinzu:
„Du hast gesagt, dass die anderen auch bald wieder kämen. Nun sag schon, wer die anderen sind. Ich meine, der Herr, er ist doch nicht etwas auch mit, oder?“, besorgt schaute sie ihn an. Sie mochte es sich nicht vorstellen und könnte sich nicht verzeihen, was dann passieren könnte.
„Nein, keine Sorge. Der Herr ist nicht hier. Aber, er beobachtet uns und kümmert sich um alle Angelegenheiten. Die anderen sind wollten trotzdem einmal nach dem rechten sehen.“
Azrael setzte einen kindlich- koketten Blick auf.
„Bitte verrate mir doch wer da ist?“
„Ok, na gut.“, er blickte sie an und begann zu lachen, „ Also, da hätten wir Luzifer, Zeus, Hödr, Wodan, Bragi und weil du ja besonderen Schutz verdienst ist auch noch Kerberus da.“
„So viele Freunde. Na ja..“, sie machte eine kurze Pause, „Und was hat Loki mit der ganzen Sache zu tun?“
Er stockt, zögerte. Er setzte sich aufrecht hin und wandte den Blick von ihr ab.
„Nun ja, Loki und ein paar andere haben sich zu der göttlichen Inquisition zusammengetan.“
„Wa-Was? Eine göttliche Inquisition?“, erschrocken war Azrael aufgesprungen. „Wer gehört dazu? Ich muss es wissen!“
„Erst mal, musst du dich abregen.“, ein Lächeln umspielten seine Mundwinkel. „Wir haben alles unter Kontrolle. Wer die anderen sind? Du wirst dich nicht wundern.“
Leider fiel es Azrael schwer sich abzuregen. Sie war innerlich noch sehr aufgewühlt wegen der vielen Informationen die sie alle auf einmal bekam. Sie schrie Izra’il an, doch es tat ihr auch sogleich wieder leid.
„Jetzt spuck’ es schon aus!“
„Also schön!“, seine Stimme hatte all ihre Zärtlichkeit und Wärme verloren. Sie klang nun tief und bedrohlich. Er stand auf und drehte sich mit dem Rücken zu ihr.
„Loki, Tyr und Persephone.“
„Loki und Tyr versuchen immer einen Streit anzufangen. Aber, wieso ist Persephone dabei? Was hat sie davon wenn ich hingerichtet werde?“
„Ich schätze“, sagte Izra’il während er sich anzog, „es liegt daran, dass du so gut mit Hel befreundet bist. Du weißt doch wie Eifersüchtig Persephone auf Hel ist, weil Hades mehr Zeit mit Hel und zum Teil auch mit dir verbringt, statt bei ihr zu sein.“, er lachte, „Kein Wunder, so wie die manchmal aussieht. Da ist Medusa noch schöner!“
Azrael stimmte in sein Gelächter ein. Doch dann verfinsterte sich ihre Miene.
„Du findest Medusa also hübsch, wie?“, schrie sie mit gespielter Eifersucht. Sie hatte sich weggedreht. Als Izra’il ihr die Hand auf die Schulter legte, brachen sie lauthals in Lachen aus. Mit Tränen in den Augen sagte er:
„Mit deiner Schönheit kann es keiner aufnehmen.“, damit neigte Izra’il sein Gesicht dem von Azrael zu.
„Hör auf zu lachen“, sagte er entschieden, mussten bei ihrem Anblick aber ebenfalls wieder lachen.
„So kann ich dich nur schlecht küssen!“
 
8
 
 
 
 „Entschuldige bitte, dass ich dich vorhin so angeschnauzt habe.“, sagte Azrael als sie beide wieder im Wohnzimmer waren.
„Macht jetzt auch nix mehr. Möchtest du auch eine?“
Er hatte sich auf der Couch breit gemacht. Azrael setzte sich dazu und nahm eine Zigarette aus der Schachtel, die er ihr entgegenhielt.
„Die Laster ´dieses Jahrhunderts, wie?“, sagte Azrael und lehnte sich zurück. Es wurde still. Keiner wagte etwas zu sagen und so genossen beide erst einmal in ruhe die Zigarette.
„Wie lange noch, denkst du?“, fragte Azrael, als auch Izra’il seine Zigarette ausdrückte.
„Ich weiß es nicht, und ehrlich gesagt möchte ich im Moment auch nicht darüber nachdenken. Lass uns erst mal die Zeit in trauter Zweisamkeit genießen die uns bleibt.“
 
 
 9
 
 
 
Zwei Wochen dauerte die traute Zweisamkeit an. Für Azrael und Izra’il war es eine schöne Zeit. Aber natürlich kann man in zwei Wochen nicht nachholen, was man in 2000 Jahren und mehr verpasst hat.
Unbemerkt von dem Pärchen kehrten die Götter zurück. Izra’il erschrak. Azrael war so schnell sie konnte zur Kellertür gelaufen, jedoch nicht schnell genug.
„Azrael, du liebe Güte. Wie geht es dir?“
Frigg und Hera gingen sofort zu ihr und umarmten sie.
„Wir wissen, dass du deine Erinnerungen zurück bekommen hast.“, sprach Heimdall ruhig zu ihr und nahm sie beiseite um mit ihr  ein Gespräch unter vier Augen zu führen.
„Azrael, ich hoffe du hast, bei dem was du gemacht hast, aufgepasst?!“ , ernst schaute er ihr in die Augen. Mit sanftem Druck hielt er sie bei den Schultern.
„Natürlich habe ich aufgepasst. Aufzupassen gehört zu meinem Job.“
„Ich frage ja auch nur. Loki ist der Anführer der Inquisition und du weißt, wie gerissen er sein kann.“
„Heimdall, machen Sie sich keine Sorgen. Leichtsinnig war ich noch nie.“
„Daran hatte ich nie gezweifelt.“
Bei diesen Worten klopfte Heimdall Azrael auf die Schultern  und gemeinsam gingen sie zu den anderen zurück.
Gerade, als sie den Raum betraten, hörten sie Luzifer klagen:
„Wir haben natürlich eine Niete gezogen. So etwas Unzuverlässiges wie die habe ich lange nicht mehr gesehen.“
„Eine unzuverlässige was?“, erkundigte sich Azrael sofort.
„Ah, da sied ihr ja wieder. Wir haben gerade über euren Ersatz geredet. Leider ist die Ausbeute nicht besonders berauschend.“
„Was willst du damit sagen?“
„Da Izra’il und du ja nun mal hier seid, hat Odin uns Walküren zur Verfügung gestellt. Nur leider ist dein Ersatz“, er sah Azrael durchdringlich an, „ Dein Ersatz arbeitet echt schlampig, wenn ich es mal so ausdrücken darf. Und die andere Walküre ist viel zu übereifrig und macht ihre Sache daher auch mehr schlecht als recht.“, seufzend sank Luzifer in die Lehne des Sofas zurück.
„Ich bin halt unersetzlich!“, sagte Azrael ohne umschweife mit gespielter Arroganz. 
 
 
Alle miteinander hatten sie eine schöne Zeit. Hera und Frigg folgten ihrem mütterlichen Instinkt. Sie versuchten es allen, vor allem aber Azrael, Recht zu machen und verwöhnten sie.
An manchen Tagen versuchte Azrael sich abzulenken indem sie mit dem übermütigen Kerberus spielte, was sehr anstrengende war. Ein einfacher übermutiger Hund kann schwierig sein, aber wie steht es, wenn der Hund auch noch riesen groß ist und drei Köpfe hat?
 
 
 10
 
 
 
„Erinnerst du dich an das letzte, was ich zu dir sagte bevor du fliehen musstest?“
Izra’il und Azrael hatten sich in das Schlafgemach zurückgezogen. Azrael überlegte und rasch fiel es ihr wieder ein.
„Ich vergaß zu antworten, richtig?“
„Das ist in der Tat so gewesen.“, sagte er und tänzelte um sie herum. Dann begann er immer weiter zurückzuweichen bis er an der Kommode stand.
„Damals konnte ich dir aber auch noch nicht geben, was du verdienst.“, er lächelte Azrael zu und fing an etwas aus der obersten Schublade herauszusuchen. Langsam und vorsichtig holte er etwas heraus. Zu Anfang konnte Azrael nur erkennen, dass es lang und hölzern war.
„Hier, sieh’ mal.“
Auf der Tafel war ein Holzschnitt. Er bildete einen Engel ab, mit langem  wehendem Haar und Rock, sowie großen Flügeln. Trotzdem sah der Engel durch seine riesigen Klauen und sein Götzengesicht auch wie eine Bestie aus.
„Was soll das denn sein.“, fragte Azrael, während sie den Schnitt betrachtete.
„Das bist du.“, sagte Izra’il. Und als er ihren skeptischen Blick sah fügte er noch hinzu: „So haben sich die Menschen dein Aussehen vorgestellt, als sie sich auf die Seite der Inquisition stellten.“
„So, so. Also denkt alle Welt, ich sei ein Monster?“
„Nicht doch. Es gibt sogar Menschen, die sich nach dir benennen und oft sind sie hübsch. Davon wissen manche wer du bist, vielmehr was es bedeutet deinen Namen zu tragen und andere wiederum nicht. Aber in einem sind sich alle einig. Sie alle sagen, dass du eine wahre Schönheit bist und damit haben sie Recht.“
„Das beruhigt mich ehrlich gesagt gar nicht!“, sagte sie nur und starrte weiter den Holzschnitt an.
„Und wie steht es damit?“, fragte er und hielt ihr einen Ring entgegen.
Der Ring war aus Silber gefertigt. Er hatte noch schönere Verziehrungen als der andere. In der Mitte war ein Pentagramm an dessen Zacken  fünf schöne Edelsteine glänzten: Smaragd, Rubin, Saphir, Tigerauge und ein Diamant.
„Soll das etwa mein...“, Azrael bleiben die Worte im Hals stecken. Mit großen Augen blickte sie erst den ring, dann Izra’il an.
„Ja. Ich möchte noch mal, ab der Stelle wo wir getrennt wurden, von Vorne beginnen.“
„Izra’il, dass ist..“, sie rang nach den richtigen Worten, doch fielen sie ihr nicht ein.
„Azrael, Liebste, seit paar Jahrtausenden kennen wir uns nun und sind schon sehr lange ein Paar. Du weißt, wie sehr ich dich liebe. Auch als wir getrennt wurden, konnte ich nur noch an dich denken und mir wurde immer mehr bewusst, wie sehr ich dich brauche.
Azrael, willst du mit mir dein restliches Dasein fristen, auch wenn es mal schwer wird?“
Izra’il kniete vor Azrael nieder und blickte sie fragend an.
„Es war sogar noch schöner als beim letzten Mal.“
Sie lächelte ihm zu und zog ihn zu sich herauf.
„Ich liebe dich und daran wird sich niemals etwas ändern! Außerdem könnte ich mir ein Leben ohne dich nicht mehr vorstellen. Du bist schon lange Teil meines Lebens und sollst es auf Ewig bleiben.“
Vorsichtig entfernte er den alten Ring und ersetzte ihn durch den neuen. Dann riss er sie von den Beinen, sodass er Azrael auf seinen Armen trug.
„Von jetzt an bis in alle Zeit.“, sprach er.
Dann neigte er seinen Kopf zu ihr und gab ihr einen langen, innigen Kuss.
 
 
 11
 
 
 
Nachdem einige Zeit verstrichen war, kamen die Zwei zu den anderen zurück. Als sie Azraels und Izra’ils Schritte hörten machten sie sich sogleich daran die Rollläden herunterzulassen.
Das musste auch so sein, schließlich war die göttliche Inquisition immer noch hinter ihnen her. Der Tod von Helen lag erst sechs Monate zurück. Als die anderen Azraels und Izra’ils strahlende Gesichter sahen, wussten sie sofort bescheid.
„Können wir dann demnächst mit neuen Helfern rechnen?“, fragte Luzifer recht teilnahmslos.
„Luzifer, was habt Ihr? Ist irgendetwas nicht in Ordnung?“, fragte Heimdall und runzelte die Stirn.
„Ich spüre, dass etwas im Verzug ist. Ich fürchte es gibt bald Kattun!“
„Das ist nicht dein ernst. Wie sollten sie...?“, Hera war vollkommen aufgelöst.
„ich weiß nicht wie, aber wir müssen fortan unbedingt noch vorsichtiger sein!“, antwortete Luzifer schlicht.
„Das sagt sich so leicht! Wir müssen doch irgendetwas tun können?!“, schrie Frigg und wirkte wie ein aufgescheuchtes Huhn.
Nach dieser Hiobsbotschaft war die Stimmung immerzu angespannt. Alle waren in Sorge darüber, was geschehen möge.
Der Herbst kam, der Winter ging und nichts geschah.
Doch die Spannung hielt an und dann, an einem stürmischen Apriltag geschah es:
Erst ein Klingeln, dann ein Klopfen, dann Schreie. Azrael sprang verschreckt auf. Diese Stimme war allen nur allzu bekannt. Alle erkannten die Stimme dieser Frau, und es war nicht Persephone. Mit einem Mal sprang die Tür auf und die Frau fiel in die Wohnung. Während sie sich aufrichtete schloss Azrael die Tür.
„Hel!“, verwundert starrte Azrael sie an. Hel sah sie, fiel ihr um den Hals und musterte sie von Kopf bis Fuß. Plötzlich, als wäre sie aus einem Traum wachgerüttelt worden begann sie zu schreien.
„Azrael, du musst fliehen! Sie sind schon auf dem Weg hierher. Bald schon werden sie hier eintreffen. Schnell, du musst gehen!“
„Du musst dich beeilen. Izra’il, du wirst sie begleiten. Wir werden unser bestes tun um sie aufzuhalten. Flieht!“, schrie Heimdall.
„Einen Moment noch.“
Flink holten Hera und Frigg ihnen Umhänge. Sie warfen noch einen letzten Blick zurück, öffneten die Tür und flogen auf ihren schwarzen Schwingen durch die stürmische Nacht davon.
 
 
 Teil 2
 
 
 
Die Jagd beginnt
 
 
12
 

 
 
Hand in Hand flogen sie lange schweigend nebeneinander her.
Der Flug an sich war schon anstrengend und der Sturm verschlimmerte alles nur noch. Als sie über dem Meer angelangt waren begann es stark zu regnen, sodass ihre Sicht stark beeinträchtigt wurde. Daher, blieben sie unter den Wolken und hofften, dass sie so nicht so schnell zu entdecken seien.
Azrael konnte nicht mehr, wollte am liebsten einfach aufhören mit den Flügeln zu schlagen, doch es ging einfach nicht. Sie verfiel dem Sekundenschlaf, doch Izra’il rüttelte sie sogleich wieder wach.
„Geht es noch?“, fragte er besorgt. Man sah auch ihm die Anstrengung an, doch war um einiges Kräftiger als Azrael und hatte mehr Ausdauer.
„Ja, es geht noch. Lass uns einfach schnell weiter.“
Izra’il warf Azrael noch einen skeptischen Blick zu, sprach jedoch keine Widerworte.
In der Ferne konnte man bereits die sonne am Horizont erkennen. Es hatte zu Stürmen und zu Regnen aufgehört.
„Lass uns dort hinunter!“, rief mir Izra’il zu und zeigte dabei auf einen kleinen Fleck auf der Erde.
Im Sturzflug ging es für die beiden abwärts. Izra’il suchte mit wachem Blick die Landschaft ab und steuerte auf eine kleine Hütte, die Leerzustehen schien.
„Du musst jetzt wach sein und aufpassen. Ich werde versuchen etwas zu Essen und zu Trinken aufzutreiben.“
Mit diesen Worten verschwand Izra’il durch die Tür.
Azrael wartete Geduldig, auch wenn ihr die Müdigkeit immer mehr zu schaffen macht. Nach einer Ewigkeit, so schien es ihr, kehrte Izra’il endlich zurück.
„Was hast du solange getrieben?“, fragte Azrael prompt als er eintrat.
„Ich habe mich erkundigt wo wir sind, was zu Essen besorgt und ausgeteilt.“
Azraels Ausdruck in den Augen schien ihm alles zu sagen.
„Wir sind in Südafrika. Die Menschen hier sind sehr arm und können sich die wenige und teure Nahrung nur schwer leisten. Es ist ein erbarmungswürdiger Anblick.“
„So ist das also. Die Menschen hier haben es wirklich nicht leicht.“, sogleich wich der harte Ton ihrer Stimme einem sanften Klang. Sie musterte das Essen, dass Izra’il auf dem Arm trug und war empört.
„Du hast noch mehr Essen bei dir, als wir jemals brauchen werden!“
„So viel ist das gar nicht.“, meinte er und legte alles auf den alten, morschen Holztisch in der Mitte des Zimmers. Neben diesem Tisch gehörte nur noch ein altes Holzgestell mit Fellen darauf, offensichtlich das Bett, und drei ebenso morsch aussehende Stühle zum spartanischen Mobiliar.
„Ich möchte nur, dass du für den nächsten Flug kräftig genug bist. Ich hatte heute Nacht echt Sorge um dich. Du wärst mir heute, verdammt noch mal, fast ins Meer gestürzt!“
„Was habe ich mir da nur wieder für einen Mann angelacht.“, meinte Azrael mit einem Kopfschütteln, während ihr ein Lächeln auf den Lippen lag.
Izra’il setzte sich zu ihr und die beiden aßen ihr Mahl. Und wie sie da so saßen und aßen, bemerkte auch Azrael, dass sie wirklich gar nicht viel zu essen hatten. Ihr Mahl bestand aus einem kleinen Laib Brot, 2 ihnen unbekannten Früchten und einem kleinen Krug mit Brunnenwasser.
„Jetzt wo du was im Magen hast, solltest du auch eine gute Mütze voll Schlaf nehmen.“, sagte Izra’il, nahm Azrael auf die Arme und legte sie behutsam auf das Feldbett.
„Ich will aber nicht schlafen. Und außerdem, was machst du? Du musst doch auch irgendwann mal schlafen!“
„Ich schaff’ das schon, bin ja schließlich aus härterem Holz geschnitzt.“
„Ich werde mich hier aber nicht einfach so hinlegen und schlafen. Mir gehen so viele Dinge durch den Kopf.“
„Du weigerst dich? Dann werde ich dich wohl an das Bett fesseln müssen!“
Izra’il begann bereits die vielen Riemen die er um Arm und Hüfte trug zu lösen, als Azrael sich ihm doch noch fügte.
Die erste Nacht war durchstanden und die beiden hatten eine sehr weite Strecke zurückgelegt, doch in den darauf folgenden Nächten wurden sie immer kürzer. Beide verspürten die Nähe Lokis und seinen Verbündeten immer stärker und dadurch mussten sie immer vorsichtiger vorgehen.
Immerzu fragte sich Azrael, wo Izra’il sie wohl hinführen mochte. In der 13. Nacht endlich hörte Azrael, wie Izra’il zu ihr sprach:
„Siehe, dort unten ist der Vatikan. Wir haben dort einen Vertrauten, der uns helfen wird.“
Azrael freute sich endlich am Ziel und hoffentlich auch in Sicherheit zu sein, als sie jäh von einem Schlag getroffen wurde und Besinnungslos zu Boden fiel.
„Azrael!“, schrie Izra’il ihr nach und begab sich sofort in den Sturzflug, sie aufzufangen. Plötzlich streifte ihn etwas. Es war Tyr, der ebenfalls hinabstürzte um Azrael aufzufangen.
Izra’il gab alles was er hatte und erreichte sie als Erster. Er schlug einen großen Haken um Tyr zu entgehen, doch dann, ein kleiner unachtsamer Augenblick, und schon fand er sich von der göttlichen Inquisition eingekesselt.
„Gib die Verräterin heraus und dir wird nichts geschehen!“
Loki stellte ihm ein Ultimatum.
„Niemals, kriegt er sie.“, schrie Izra’il und versuchte nach unten zu fliehen. Tyr reagierte Blitzartig und vereitelte seinen Fluchtversuch. Dabei entglitt Azrael aus Izra’ils Armen. Er versuchte noch sie zu fassen, doch da verschwand Persephone auch schon mit ihr.
„Was habt ihr denn bloß?“, schrie Izra’il Loki an und versuchte sich Tyr zu befreien, der ihm die Arme auf dem Rücken verschränkte.
„Ihr wisst doch genauso gut wie ich, dass Azrael unschuldig ist!“
„Das stimmt“, antwortete Loki mit einem hämischen Grinsen, „Doch du wirst es nicht beweisen können. Alle Beweise zu ihren Gunsten haben wir vernichtet!“
Loki und Tyr sorgten gemeinsam dafür, dass Izra’il zum Schweigen gebracht wurde. Als sie mit ihrem Werk zufrieden waren, ließen sie ihn einfach zu Boden fallen. Sie flogen fort und wurden von der Dunkelheit verschluckt.
Izra’il jedoch fiel zur Erde und klatschte auf dem Boden auf und blieb Regungslos im Regen liegen.
 
 
 13
 
 
 
Azrael fröstelte. Sie hörte Wasser plätschern, Ratten quiekten.
Sie öffnete die Augen. Das Licht war fahl und dürftig. Es fiel Azrael nicht schwer sich einen Überblick zu verschaffen. Sie war in einem Kerker. Er bestand aus grobgemauertem Sandstein. Aus den vielen kleinen Ritzen zwischen den Steinen flossen kleine Rinnsäle zu Boden. Azrael hing an einem Ende des Kerkers mit Händen und Füßen in Ketten an einer Wand aufgehangen.
Sie versuchte sich zu erinnern, wie sie hierher gekommen war und als sie einen Schmerz am Rücken verspürte wusste sie es wieder.
„Izra’il!“, stöhnte sie.
Ob er noch lebte? Würde er sie retten? Wie lange hing sie hier überhaupt schon und wie lange müsste sie es noch tun?
Vorsichtig bewegte sie die Füße und berührte denn kalten Steinboden.
Ein Rascheln. Sie wandte den Kopf und fand in drei der vielen Parzellen: die Nornen.
„Träume ich, oder seid ihr es wirklich: Urd, Werdandi, Skuld?“, rief sie ihnen zu.
„Ja, Kind. Wir sind hier genauso gefangen wie du.“, sagte Skuld mit schwacher Stimme.
„Warum seid ihr hier eingesperrt? Was habt ihr getan?“
„Nun“, begann Urd, „Tyr hatte versucht den Wandteppich der Zeit zu stehlen. Natürlich haben wir das nicht zugelassen!“
„Doch mit dem was danach kam haben wir nicht gerechnet.“, fuhr Werdandi fort, „Sie haben uns hinterrücks überfallen und uns hierher verschleppt.“
„Wieso wollten sie denn den Teppich? Ich versteh das alles nicht.“
„Kindchen, jetzt hör mal zu.“, sagte Urd. „Jeder weiß, dass der Wandteppich der Zeit nicht zerstört werden kann.“
„So mussten sie sich den Teppich der Zeit nehmen um den letzten Beweis deiner Unschuld in ihre Gewalt zu bringen.“, setzte Werdandi nach.
„Jedes Schicksal, egal ob Mensch, Gott oder Zwischenwesen ist darauf Verzeichnet, auch das wegen dem du Angeklagt wirst, deshalb haben sie es uns enteignet.“, beendete Skuld die Ausführung.
„Wie lange bin ich schon hier, wisst ihr das?“, wollte Azrael wissen, als die große Tür mit einem lauten Knall auf sprang.
„Lange genug um deine Hinrichtung vorzubereiten!“, lachend trat Loki ein und kam auf Azrael zu. Er nahm ihr Kinn in eine Hand und betrachtete ihr Gesicht.
„Da hängst du nun.“, sagte er, und etwas lauter, „Ein schöner Anblick. Morgen ist übrigens dein großer Tag.“
„Morgen schon?“, Azrael schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter. „Und was ist mit Izra’il?“
„Du wirst ihn schon bald wiedersehen.“, er legte eine Pause ein und sein Grinsen wurde immer breiter. „ Bald, sehr bald, vielleicht schon morgen...nach deiner Hinrichtung!“, er fing an lauthals zu lachen. Wie ein Wahnsinniger, dachte Azrael.
„Nein, dass kann ich nicht glauben!“
Tränen rannen über ihr Gesicht, mehr und mehr verschwamm die Wirklichkeit vor ihren Augen.
Loki schritt nun im Raum auf und ab. Dann blieb er stehen und betrachtete Azrael von weitem.
„Das ist wirklich ein schöner Anblick, wie du da hängst, aber jetzt wirst du umstationiert.“, sagte er und löste Azraels Ketten. Sie versuchte sich zu bewegen, doch war sie viel zu schwach.
„Klappt nicht so ganz, was?“, er lachte abermals.
Loki legte Azrael über seine Schulter und schleppte sie in die hinterste Parzelle. Nachdem er Azrael auf ein Feldbett, das mit Stroh bestückt war, gelegt hatte, schloss er das Tor und schnippte mit dem Finger. Aus dem Nichts erschienen Vorhänge, die den Käfig Blickdicht machten und Trotzdem war es Innen Hell.
„Weißt du“, er machte eine übermäßig lange Kunstpause, „das, wollte ich schon immer mal machen.“
„Was denn? Jemanden Foltern? Mich Foltern? Jemanden umbringen, obwohl er unschuldig ist?“, schrie sie vor Wut. In ihr war alles am kochen und sie konnte nicht mehr klar denken.
„Nein, nicht ganz. Ich wollte mir schon immer mal einfach das nehmen, was ich will!“
Mit diesen Worten kam er auf sie zu und drückte seine Lippen fest und brutal auf ihre. Er hielt ihren Kopf fest, sodass sie sich nicht wegdrehen konnte und um sich zu wehren war sie zu schwach.
Als sie seine wulstige Zunge in ihrem Mund herumstochern spürte, hatte sie das Gefühl, als müsste sie sich übergeben.  Sie schloss die Augen und hoffte darauf, dass Loki bald aufhören würde. Doch es kam noch schlimmer.
Als Loki Azrael endlich von dieser Pein erlöste fing er an die Riemen seiner Hose zu lösen. Azrael schrie, weinte. Doch nichts half. Erbarmungslos schob Loki ihren Rock hoch und stieß mit roher Gewalt ihn sie ein. Azraels schrei wurden lauter. Sie hatte das Gefühl als wäre sie bereit zu sterben, ja, sie wollte sterben, nur um aus diesem Alptraum herauszukommen.
Izra’il, wo bist du? Ich brauche dich! Izra’il? Izra’il?, dachte sie und verlor das Bewusstsein.
 
 
14
 
 
 
„Michael, hast du etwas von ihnen gehört?“
„Ja, sie sind aufgebrochen zu den Nornen. Die müssten wissen wohin Loki und seine Leute meine Schwester gebracht haben.“
Michaels blick war genauso getrübt, besorgt und traurig wie der von Izra’il. Nur das Izra’il dazu noch aussah wie ein gerupftes Huhn. Er hatte federn lassen müssen, als Loki und Tyr ihn beseitigen wollten und viele Wunden davongetragen.
„Ich danke dir, Micha!“, rief Izra’il dem Erzengel noch zu, als er sich bereits in die Lüfte erhoben hatte.
Als Izra’il gerade den Ruhmesweg nach Walhall überquert hatte, kamen ihm Luzifer und die anderen entgegen.
„Izra’il, Gott hab dich selig, du bist auf den Beinen!“, rief Frigg, als sie ihn erblickte und schloss ihn in die Arme.
„Du solltest dich lieber noch etwas ausruhen, so wie du aussiehst. Bei den Verletzungen kannst du doch nicht gleich weitermachen!“, schimpfte Hera und begutachtete seine Wunden.
„Du klingst wie meine Mutter.“, entgegnete er ihr und wandte sich an Luzifer und Heimdall.
„Und wo ist sie?“
Erwartungsvoll blickte er von einem zum anderen. Traurig schüttelten die beiden die Köpfe.
„Die Nornen sind verschwunden.“, sagte Luzifer verbittert.
„Und mit ihnen der Wandteppich der Zeit.“, ergänzte Heimdall.
„Was, aber das...Das kann nur Lokis Werk sein!“, schrie Izra’il. Er schäumte vor Wut fast über. „Wie gehen wir vor?“, fragte er. Luzifer und Heimdall senkten die Köpfe.
„Wir können nichts tun!“, meinte Hera betrübt.
„Dann, gehe ich eben alleine. Ich werde nicht eher Ruhen, bis ich Azrael gefunden und befreit habe! Bei meiner Ehre, meiner Liebe und dem Versprechen, dass ich ihrem Bruder gab!“
Izra’il erhob sich und flog davon.  Luzifer rief ihm noch etwas hinterher, doch Izra’il beachtete ihn gar nicht.
Ein großer Platz, und kirchlich muss es sein – Vatikan!, schoss es ihm durch den Kopf. Ja, dass ist es, der Vatikan ist geradezu Ideal. Wo sonst wäre es Sinnvoller eine Ketzerin hinzurichten als auf dem Petersplatz?!, dachte er und beschleunigte sein Tempo.
Eine Frage beschäftigte ihn immer noch: Wo könnte man Azrael und die Nornen verstecken? Er musste es herausfinden.
 
 
 15
 
 
 
Azrael fühlte sich wie ein kleines Kind. Sie hatte sich in eine Ecke zurückgezogen und weinte bitterliche Tränen. Beschmutzt, sie fühlte sich so beschmutzt wie noch nie zuvor.
Wenn du mich hier nur heraus holen könntest! Oh Izra’il..., so gerne würde ich deine Wärme spüren, deinen Trost empfangen, mich von dir Beschützen lassen.
„Was soll ich tun?“, wimmerte sie, „Kann ich meiner Hinrichtung gar nicht mehr entrinnen?“
Sie weinte solange bis sie in einen unruhigen Schlaf fiel.
 
 
„He, aufwachen! AUFWACHEN!“, schrie Tyr Azrael an. Persephone half ihr auf die Beine, aber nur um sie Tyr zu übergeben und mit einer Fackel voraus zu gehen.
Azrael wurde vom Tageslicht geblendet. Sie verspürte einen kräftigen Ruck und wäre fast hingefallen, wenn Tyr nicht reagiert hätte, dabei war er nur dabei ihr die Arme zu fesseln.
Die Straße vor ihnen bestand aus Menschen, Menschen, Gesichter soweit das Auge reicht. Die Masse formte einen schmalen Gang, den die Drei entlangschritten. Sie gingen die erste Kurve, dann noch eine. Ein nichtendenwollender Weg.
Um das ganze vergnüglicher zu machen verpassten Tyr und Persephone ihr abwechselnd einen Hieb mit einer Reitgerte.
Endlich, dacht Azrael, als man das Ende des Weges sehen konnte. Ein Kreis, ebenfalls von Menschen umschlossen. Darin befand sich ein Richtertisch und eine Guillotine. Azrael konnte deutlich Lokis Stimme hören, wie er die Masse anstachelte:
„Wollt ihr den waren Mörder Jesu Christi endlich verurteilen? Soll er endlich für seine Taten büßen?“
Die Menschen schrieen und pfiffen und es schien, als wollten sie Azrael mit ihren Blicken aufspießen.
 
16
 
 
 
„Hier ist es!“, murmelte Izra’il. Er stand in einem Einzelbüro.
Der Raum hatte ein großes Fenster, davor war stand ein großer Eichenschreibtisch an dem drei Stühle platziert waren. Zu Izra’ils Rechten befand sich ein überfülltes Bücherregal auf dem eine Vase mit einer roten Gerbera. Doch da war noch etwas:
In der Wand neben dem Bücherregal war ein elektronischer Safe eingebaut.
„Loki kam aus diesem Raum, also muss sich hier etwas sehr wichtiges befinden und was wäre nicht wichtiger, als der Wandteppich der Zeit?“ Nervös ging er im Kreis hin und her. Durch das Fenster hatte er einen guten Blick auf den Petersplatz: Die Anhörung war schon in vollem Gange!
„Oh, Herr, helft mir, ich bitte euch. Für das Leben einer Unschuldigen!“
Izra’il wollte bereits alle Hoffnung aufgeben, als die Vase von dem Regal fiel und sich das Blumenwasser über die Wand, und somit auch über den Safe, ergoss.
Es sprangen blaue Funken und dann –
Die Tür des Safes sprang auf. Izra’il griff hinein und presste seinen Fund fest an sich.
„ich danke euch, Ehrwürdiger!“, rief er glücklich gen Himmel.
 
 
 17
 
 
 
„Also steht es fest!“, rief Loki triumphierend aus.
„Schuldig, im Sinne der Anklage! Darauf steht Tod durch die Guillotine!“, rief Forseti bedrückt aus.
„Forseti, euer Ehren, bitte überdenkt euer Urteil noch einmal!“, flehte Azrael, als Tyr und Persephone sie packten um sie zur Guillotine zu führen.
„Es tut mir Leid, Azrael. Leider bin ich heute nur ein einfacher Richter und die Beweislast gegen dich ist erdrückend. Ich würde dir ja helfen, aber das steht mir heute nicht zu.“, sagt er und stand auf. Im Gehen bemerkte er nur noch:
„Diesen Anblick kann ich mir nicht Antun. Es tut mir Leid um den Armen Engel.“
Er verschwand in der Menge.
 
 
„Nun seht her und werdet Zeugen dieses Einmaligen Anblicks. Der wahre Mörder Jesu Christi ist nun unumgänglich dazu verdammt, in der Hölle zu schmoren!“, reif Loki aus.
Die Masse jubelte, tobte. Manche warfen mit ranzigem Obst und Gemüse nach Azrael.  
„Der wahre Mörder Jesu Christi hat seine Zeit in der Hölle bereits verbüßt!“
„Izra’il?!“, verwundert riss Azrael die Augen auf und ihr fiel ein Stein vom Herzen, als sie ihn vor sich stehen sah.
Ihm folgten Wodan, Zeus, Odin, Luzifer, Hades und Forseti.
„Ich habe hier den wahrhaftigen beweis für Azraels Unschuld!“, rief Izra’il laut und hielt den Wandteppich der zeit in die Höhe.
„Freispruch, zu Gunsten des Angeklagten!“, riefen sie ihm Chor.
Gleich darauf wurde ich von Zeus entfesselt und von der Guillotine fortgeführt. Ich fiel Izra’il in die Arme.
„Es ist vorbei!“, sagte er und küsste sie.
Die Menge war nun auch von Azraels Unschuld überzeugt und jubelte ihnen zu.
 
 
„Nun, Loki, Tyr, Persephone“, sagte Odin und sah vom einem zum anderen, „Hier ist euer Ultimatum!“
„Entweder“, fuhr Luzifer fort, „werdet ihr für immer verschwinden, oder wir werden euch die Privilegien eines Gottes auf Ewig entziehen!“, endete er.
Loki überlegte nicht lang und verschwand so schnell er konnte. Auch Tyr folgte Lokis Beispiel und verschwand für immer von der Bildfläche. Nur Persephone blieb übrig.
„Was ist nun?“, bellte ihr Gatte Hades sie an.
Langsam Schritt Persephone zurück. Ihr Blick war traurig und leer. Dann ohne sich noch einmal umzublicken, erhob sie sich und war für immer fort.
 
 
 Epilog
 
 
 
Ich konnte mich nun endlich wider meinem Ursprünglichen Leben widmen, doch vorher wurde gefeiert. Alle Götter hatten sich im siebten Himmel versammelt und zu meiner großen Freude war auch mein Bruder, der Erzengel Michael, anwesend.
„Ein hoch auf meine liebe Schwester Azrael und ihren Verlobten!“, rief er aus. Zur Überraschung aller, sprach der Herr auch noch der HERR zu uns. Sprechen ist eigentlich das falsche Wort, es war, als hörten wir seine Worte in unseren Gedanken.
„Gut gemacht.“
„Wir danken euch allmächtiger!“, reifen alle im Chor. Wir feierten und feierten, freuten uns alle noch am Leben zu sein. Es hätte kaum noch schöner sein können. Da kam Gottes Sohn zu uns und fragte mich:
„Azrael, willst du deinen Angetrauten, Izra’il, lieben und ehren, bis das der Tod euch scheidet?“
 
 
 
 
Anhang
 
 
 
In diesem Teil, möchte ich alle Erklärungen für die Namen auflisten:
 
 
Azrael:
 
christlicher Todesengel, eigentlich männlich, löst die Seelen der verstorbenen von ihren Körpern.
 
 
Izra’il:
 
Muslimischer Todesengel, männlich, löst die Seelen der verstorbenen von ihren Körpern.
Im Islam stellt man sich Izra’il als ein verschleiertes Wesen vor. Unter den Schleiern hat er 4000 schwarze Flügel und 7000 Füße. Er hält 7 Ketten in den Händen – Jede Kette steht für 1000 Jahre – und sein Körper ist von Augen und Zungen übersät.
 
 
Luzifer:
 
Wächter und Herr der Hölle. Eigentlich gutmütig, Bruder des Petrus, ehemaliger Erzengel.
 
 
Michael:
 
Erzengel, trug die frohe Botschaft, dass der Heiland geboren sei in die Welt.
 
 
Griechische Götter:
 
 
 
Zeus:
 
Er tötete seinen Vater Chronos und befreite somit seine 5 Geschwister. Er ist Herrscher der überirdischen Welt.
 
 
Hera:
 
Auch Rhea, Gemahlin des Zeus.
 
 
Kerberos:
 
3-köpfiger Hund, Wächter über die Seelen in der Unterwelt.
 
 
Hades:
 
Bruder des Zeus, Herrscher über die Unterwelt.
 
 
Persephone:
 
Nichte des Zeus, Gemahlin des Hades, hilft ihm in der Unterwelt.
 
 
Germanische Götter:
 
 
 
Bragi:
 
Sohn Wodans, Gott der Dichtkunst.
 
 
Forseti:
 
Enkel Wodans, Richtergott.
 
 
Frigg:
 
Gemahlin Wodans
 
 
 
 
Heimdall:
 
Wächter der Götter.
 
 
Hel:
 
Göttin der Unterwelt, Tochter des Loki
 
 
Hödr:
 
Sohn Wodans, blinder Gott, der auf Anstiftung seines Bruder Loki, ihren Bruder Balder tötete.
à Balder: Vater des Forseti
 
 
 
 
Die Nornen:
 
3 Schicksalsgöttinnen:
Urd à Vergangenheit, Werdandi à Gegenwart, Skuld à Zukunft
 
 
Odin:
 
Nordgermanisches Oberhaupt der Götter.
 
 
Tyr:
 
Auch Ziu, Rechts- und Kriegsgott
 
 
Die Walküren:
Ursprünglich Totendämonen, später überirdische Kriegerinnen, die die im Kampf gefallenen Helden für Walhall auswählen.
 
 
Wodan:
 
Südgermanisches Oberhaupt der Götter, Allvater, Totengott, Gott der Dichtung, der Magie, der Runen, der Ekstase.

Ich habe viel zeit damit zugebracht, diese story zu beenden. Vor etwa einem jahr hatte ich das manuskript bereits in der hand und eins möchte ich zu "Angeklagt" sagen:
Diese Story widme ich meiner besten Freundin, der ich über alles vertraue und ohne die ich eine wichtige stelle nicht hätte schreiben können. Deswegen war sie auch die erste, die eine gebundene version bekommen hat. Danke nochmals für dein Lob, Azrael!
Maren Sandkuhl, Anmerkung zur Geschichte

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Maren Sandkuhl).
Der Beitrag wurde von Maren Sandkuhl auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.01.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  Maren Sandkuhl als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

TANZ INS LICHT - Botschaften im Wandel des Lebens von Florentine Herz



Botschaften erreichen uns, wenn wir abschalten und uns öffnen. Für die Autorin sind ihre empfangenen Botschaften Wegweiser für ein energievolles Leben durch Bewusstsein und Achtsamkeit, aber auch eine Möglichkeit, Vertrauen zu finden in die innere Kraft und die Leichtigkeit unseres Seins.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (2)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Fantasy" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Maren Sandkuhl

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Nicht Aufgeben! von Maren Sandkuhl (Trauriges / Verzweiflung)
Halloween von Rüdiger Nazar (Fantasy)
Sie nannte ihn Schnucki von Christiane Mielck-Retzdorff (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen