Thomas Heidrich

...wieder daheim

Als ich die steile Straße hochfuhr, erkannte ich viele der Häuser wieder. Ich folgte dem recht verwundenen Straßenverlauf weiter. Die große Linde stand noch immer dort. Genau an der Kreuzung Apfelweg – Hohes Feld. Wenn man im Winter hier herunter rodelte, war genau diese alte Linde der Knackpunkt am Ende der Schlittenbahn. Und nur die Linde weiß, wie viele Stirnbeulen an ihrer Borke entstanden.  
 
Ach, die Wiese mit den Apfelbäumen war moderner Reihenhaus Architektur gewichen.  
 
So viele Lagerfeuer haben wir dort angefacht und Brot gebraten. Mit 15 haben wir die ersten Mädchen überreden können, mit uns die Lagerfeuerromantik zu genießen, und von denen die kamen, ließen sich gerade mal eine Hand voll an ihren „Dingern“ rumspielen. Am besten lief es, ihnen die Sternbilder zu erläutern und gleichzeitig unterm Pulli die meistens flachen und festen Erhebungen zu suchen.  
 
Ich hielt an. Vor mir das schmiedeeiserne Tor, dem ich vor einer Ewigkeit den ersten Anstrich verpasst hatte. Rote Blei-Mennige, ein Anstrichmittel, das heute sofort das Bundesumweltamt auf den Plan rufen würde, kaum dass man den Deckel öffnete.  
 
Vor dem Tor hielt ich an und stieg aus. Vor mir lag mein Elternhaus, das Haus, in dem ich geboren wurde und in dem ich aufgewachsen bin. In den 60er Jahren gehörte unser Bungalow zu den architektonischen Meisterleistungen in unserer Kreisstadt. Heute war das Haus, das ich vor einiger Zeit geerbt hatte, einfach nur renovierungsbedürftig. Das Grundstück war Dank des von mir beauftragten Gartenservices in einem recht ansehnlichen Zustand, was mich drinnen erwarten würde, machte mein Herz klopfen.  
 
Das Haus war leer. Und besenrein. Genau so, wie ich es wollte. Die Wände waren frisch gestrichen, ebenso die Holzdecken. Der Teppichboden war neu und roch auch so.  
 
Das Haus und auch die Zimmer kamen mir viel kleiner vor als ich es in Erinnerung hatte. Rechts, das Waschzimmer, dann das Büro, Esszimmer, geradeaus das Wohnzimmer, das über die ganze Breite des Hauses ging, links Bad, WC, dann das Schlafzimmer meiner Eltern.  
I
ch ging die Treppe zum Souterrain herunter, den Flur entlang und dann kam mein Reich. Bad mit Dusche und WC, der separate Eingang, und – mein Zimmer, in der Größe des Wohnzimmers darüber. An der Wand das leicht verblasste Bild unseres Werkes – so, wie es 1974 aussah und das in 6 Meter Breite und 2,40 Meter Höhe. Mein Zimmer war das einzige, das a) eine so breite Wand dafür bot und b) sich außerhalb des Blickfeldes meiner Mutter befand.
 
In diesem Zimmer hatte ich meine Unschuld verloren, hier hatte ich die schönsten Erlebnisse meines Lebens und hier war es, wo ich alles an meiner geliebten Gefährtin erforscht habe wo ich mit meinen Fingern, meiner Zunge oder meinem Schwanz reinkam, wenn ich es nicht direkt sehen konnte. Mein Gott, hier haben wir uns fast die Seele aus dem Leib gefickt, während die Noten unseres Abiturs langsam aber unaufhörlich den Bach hinunter rauschten.  
 
Ich war wieder zuhause. Nach fast 20 Jahren, einer Ehe und zwei Kindern, einer Karriere und ´zig Affären. Ich habe nie gewusst, was ich eigentlich gesucht habe. Als meine Eltern kurz nacheinander starben und ich das Erbe antrat, war es klar für mich, dass ich zu meinen Wurzeln zurückkehren würde.   In einem der Bankschließfächer, zu denen ich nun Zugang hatte, hatte wohl meine Mutter besondere Habseligkeiten von mir aufbewahrt, die ich als Student zurück gelassen hatte. Auch meine „Schatzkiste“, eine verschließbare Blechdose, deren Schlüssel längst verloren gegangen war, befand sich darunter.  
 
Mit zittrigen Händen brach ich das Schloss mit einem Bolzenschneider auf. Ich öffnete den Deckel. Darin befanden sich Fotos, ein Füllfederhalter mit goldener Feder, Briefmarken, ein Zeugnisbuch aus der Grundschulzeit und ein Brief. Als ich ihn in die Hand nahm, fiel mir sofort ein, wer ihn geschrieben hatte und was darin stand. Ich nahm den Brief aus dem Umschlag und las:  

Gutschein

Dies ist ein ganz besonderes Geschenk für dich, ein Geschenk, das nur eine Geliebte Dir geben kann. Es ist ein Gutschein, der jederzeit von Dir eingelöst werden kann, egal welche äußeren Umstände gerade herrschen. Dieser Gutschein ist für immer gültig...  
 
 
Als ich diesen lieben Brief meiner ehemaligen Freundin las, wusste ich, was ich die ganzen Jahre vermisst hatte in meinem Leben – es war sie, Carina. Ich schloss die Augen und stellte sie mir vor.  
 
Schlank, stolz getragener Kopf auf einem langen Hals, dunkelbraune Augen, eine lange, schöne Nase, hohe Wangenknochen, tief liegende Augen, hohe Stirn, haselnussbraune Haare, in einer unbeschreiblich sportlich-adretten Art geschnitten, der Nacken frei. Sie sah immer so aus, als käme sie aus dem Urlaub, ihre Haut hatte immer eine gesunde Bräune, ohne dass sie sich sonnte, und Sonnenstudios gab es damals noch nicht. Ihre flachen festen Brüste waren gekrönt durch nach oben schauende, kleine, dunkle Warzenvorhöfe, auf denen kleine Nippel standen, die, wenn sie nicht ausgefahren waren, jeweils ein winziges Grübchen trugen.  
 
Ich bin sicher, wenn ihre Eltern gewusst hätten, dass sie fast jede Nacht zuhause ausgebüchst war und die Nacht bei mir verbracht hatte, sie hätten Carina erst windelweich geprügelt und anschließend nach Sibirien oder zumindest zu ihren Verwandten nach Münster verbannt. Was für eine Zeit. Und was für eine schöne Frau. Gerade als ich überlegte, wie man so jemanden verlassen konnte, fiel es mir wieder ein. Schwamm drüber. 20 Jahre ist es nun her. Und ich wollte sie treffen. Und in meiner Hand hielt ich den Schlüssel zu meinem Glück. Ein Schlüssel, der nun knisterte und den ich anwenden würde, in der Hoffnung, das Schloss war noch nicht allzu sehr eingerostet.  
 
Da das Haus noch nicht eingerichtet war, machte ich mich auf und bezog im Weserberghof mein Quartier. Der Wirt war freundlich und da mittlerweile meine alte Heimatstadt touristisch voll erschlossen war, zumindest hatte das Hotel einen recht hohen Standard, die Preise ebenso, war alles auf einem Qualitätsniveau, das einen angenehmen Aufenthalt für wenigstens vier Wochen garantierte. Nach dem Abendessen, ich bestellte mir etwas, was ich sehr zu meiner Verwunderung immer noch auf der Karte fand, nämlich die „Senatorenplatte“, zog ich mich um und begab mich in die Stadt. Neben meinem Pferd hatte ich auch mein Motorrad mitgebracht, ein Mitreisender im Pferdeanhänger, den meine Stute nicht so gerne mochte. Es stank, wieherte nicht, und polterte, fraß dafür aber nichts vom Heu, in das meine Dörte umso heftiger biss.  
 
Ich bestieg mein Bike, und dank des lauen Sommerabends zog ich nur Lederjacke und Helm über. Stiefel, Handschuhe und Lederhose blieben im Hotelzimmer. Ich fuhr los, das Visier hochgeklappt, die Sonnenbrille hielt das fern, woran man sonst zwischen den Zähnen den freundlichen Motorradfahrer erkannte – die Fliegen.  
 
Der Ort war städteplanerisch umgestaltet worden. Aus der belebten Durchgangsstraße war eine Fußgängerzone geworden, zugunsten der Umgehungsstraße waren die alten Rattenburgen abgerissen worden, also die Häuser, die schon damals nicht den allerbesten baulichen Zustand aufwiesen.  
 
Vorm besten (und einzigen) Eiscafe, das immer noch den gleichen Namen trug, parkte ich meine Maschine, machte den Helm fest und nahm vorne an einem kleinen Tisch Platz. Ich bestelle mir einen Amarena-Becher sowie einen Espresso und schaute mir die vorbeilaufenden Passanten an. Einige kamen mir bekannt vor, viele waren es aber nicht. Ich hatte nicht das Gefühl beobachtet oder auf Anhieb erkannt zu werden, es wäre vermutlich auch nicht ganz so einfach, denn die letzten 20 Jahre hatten auch bei mir ihre Spuren hinterlassen. Mein Haar war nicht mehr so voll wie einst, die Stirn war höher geworden, ich rauchte nicht mehr und hatte bestimmt 25 kg zugenommen, die sich auf 1,90 Meter (irgendwie) verteilten. Aus einem dünnen Hering wurde ein stattlicher Mann – das zumindest hoffte ich, würde man denken, wenn man mich beschreiben würde. Schmunzelnd fiel mir ein, dass ein guter Hahn selten fett würde und damals gab es viele „Hennen“.  
 
Mein Amarena-Becher war mittlerweile bis auf die Kirschen am Grund von mir bezwungen worden, als plötzlich ein Mann an meinem Tisch innehielt, mich anschaute und ganz ungläubig fragte. „Kennen wir uns nicht?“  
 
Ich sah ihn an, ich musste blinzeln, denn die Sonne stand genau hinter ihm. „Christian..?“ sagte ich nur, „Mensch, Christian, alter Kumpel, „ ich stand auf und nahm in die Arme, „lass’ dich anschauen – die Zeit ist ja an dir fast spurlos vorbei gegangen. Du siehst ja klasse aus!“  
 
Das „fast“ bezog sich auf seine Glatze und wie auch ich hatte er ein wenig an Gewicht zugelegt.   „Man tut, was man kann,“ antwortete er, mein Rezept ist immer das gleiche geblieben: viel Sport, ausgewogene Ernährung, filterlose Zigaretten, nie mehr als eine Flasche Whisky am Abend und immer eine neue Freundin im Arm!“   Ich schaute ihn fragend an, denn er hatte niemanden am Arm, stattdessen trug er eine Aldi-Tüte.   „Ach, du weißt doch,“ erklärte er, „heutzutage muss man auch im Haushalt mitmachen, um dauerhaft zu punkten. Akrobatik im Bett allein reicht nicht mehr..!“ Christian kniff mir ein Auge, wir mussten beide lachen, ich lud ihn ein, mir Gesellschaft zu leisten.  
 
Als die Bedienung an unseren Tisch kam, um zu kassieren, stellten wir fest, dass wir die letzten im Eiscafe waren, Auch die Fußgängerzone hatte sich geleert, wir hatten fast zwei Stunden gequatscht, Christian, der hier wohnen geblieben war, kannte jeden, wusste alles und konnte so manches Geheimnis, diverse Skandale sowie einige pikante Details unserer Schulkameraden zum besten geben, die zum Teil mittlerweile zu wichtigen und angesehenen Mitgliedern diverser Parteien und des Stadtrats avanciert waren. Nur eine Frage hatte ich nicht gestellt und Christian hatte eine für mich wichtige Information nicht gegeben.
 
„..und Carina..?“ fragte ich, als wir vom Tisch aufstanden.
 
„Carina, deine Ex?“ Christian schaute mich an, “ ja, die wohnt auch wieder hier. Christian erzählte mir von Carina in Kurzversion. Ausbildung in Göttingen, schwanger geworden, geheiratet, Autounfall, Krankenhaus, Kind verloren, Scheidung, Studium BWL, Steuerberatung, jetzt Praxis am Marktplatz. „Sie hat erst vor kurzem wieder ihren Mädchennamen angenommen, im Telefonbuch findest du sie noch unter Carina Meyer-Anstötz. Ruf*’ sie doch mal an!“
 
„..werde ich wohl mal tun, Christian, und hat sie ...“  
 
„..du meinst, ob sie im Moment liiert ist?“  
Ich nickte.
 
  „..finde es raus...“   Christian lachte, haute mir auf den Rücken und marschierte los, winkte mir zu, ohne sich umzublicken und kurz darauf war er in einer Seitengasse verschwunden.

  Ich zog meine Lederjacke über und mit dem Helm am Ellenbogen ging ich die zur Fußgängerzone umgestaltete Westerbachstraße herunter, Marschrichtung Marktplatz.

  Als ich dann wieder auf meinem Bike saß und mich noch einmal kurz aufmachte, zum Reitstall zu fahren, um Dörte zu besuchen, sollte noch Betrieb auf der Anlage sein, ließ ich meine Gedanken im Kopfe kreisen. Eine akademische Berufsausbildung, das hätte ich Carina nicht zugetraut, sie war immer eher praktisch als theoretisch veranlagt. Daher nach dem Abi auch die Ausbildung zur Floristin.

  Am Reitstall war natürlich nichts mehr los. Ich fuhr zurück auf die Bundesstraße, bog rechts statt links ab, denn ich wollte die nächste Weserbrücke stromaufwärts nehmen, um in einem großen Bogen zurück zum Hotel zu fahren. Ich drehte den Hahn meiner 850R auf, die gut 70 PS ließen den Michelin-Pneu in den Asphalt beißen, 3., 4. Gang voll, 5. und dann den 6. Gang rein, rollen lassen, 170 km/h waren genug auf dieser Landstraße, die sich flussaufwärts entlang des sich durch die Landschaft schlängelnde Weser schmiegte.

  Im Hotel begrüßte mich der Nachtportier. Als ich um meinen Zimmerschlüssel bat, gab er mir noch einen Brief. Es war ein Umschlag des Hotels, der außer meiner Zimmernummer „18“ keine weiteren Notizen trug.  

Als ich auf meinem Zimmer war, geduscht , mich mit dem Inhalt der Minibar vertraut gemacht hatte und ich mich für Wodka Leon entschieden hatte, nahm ich mir den Brief vor. Viel war nicht drin, das hatte ich schon auf dem Weg zum Zimmer gefühlt, vermutlich war es die Eintrittskarte zum Sommerkonzert im Kloster Corvey, seit kurzem zum Uno Weltkulturerbe aufgestiegen und seitdem die Attraktion im ansonsten kulturarmen Weserbergland, die ich zuvor noch beim Portier bestellt hatte.  

Ich riss den Umschlag auf. Aber statt der erwarteten Karte enthielt er eine Telefonnotiz. Ich las: „Ihre Frau hat angerufen und sich erkundigt, ob sie gut angekommen seien. Sie möchten Sie bitte zurückrufen unter Tel: 05271-555...“

  „Meine Frau würde einen Teufel tun und mich anrufen, sie würde sich noch nicht einmal die Mühe machen, herauszufinden, wo ich mich aufhielte und ganz besonders würde sie nicht wissen wollen, ob es mir gut ging. Das wichtigste war der monatliche Scheck, zumindest war es früher so, heutzutage wird das ja mit einem Dauerauftrag erledigt,“ dachte ich bei mir. Nein, diese Rufnummer kannte ich nicht, die Vorwahl ja, es handelte sich um die Vorwahl, die schon immer auch der Anschluss meines Elternhauses hatte.  

Ich kramte meinen iPAQ aus der Reisetasche, schaltete ihn an und machte Dank UMTS eine Verbindung zu meinem Rechner auf. Ich wählte mich ein und startete auf dem Server, 250 km entfernt, „Klick-Invers Herbst 2005“ an. Ich gab ein: „0 5 2 7 1 5 5  5 . . .“ nach der Vorwahl sprang die Anzeige auf „Huxori“ nach der ersten 5 gab es noch 2130 Treffer, die zweite 5 grenzte auf 900, die dritte 5 auf 107, die nächste Ziffer auf 12 ein. Ich brauchte nicht weiterzumachen. Ich sah, schon was ich wissen wollte. Inmitten der Trefferliste tauchte ein Name auf, der mir etwas sagte: C. Meyer-Anstötz. Kein Vorname, keine Adresse. Wenn das C nicht für Carl, Charles oder Christian stand, ahnte ich schon, um wen es sich handelte. Es musste Carina sein. Meine Ex. Geliebte und Gefährtin für mehr als 5 Jahre, die bis dahin schönsten Jahre meines Lebens. Das wusste ich jetzt, und für diese Erkenntnis brauchte ich fast 20 Jahre.  

Ich blickte auf den kleinen Bildschirm. Ich spürte in meinem Hals meinen Pulsschlag, dann auch in meiner Brust. „Sie“ hatte sich gemeldet. „Sie“ hatte mich nicht vergessen. Merkwürdig war nur, dass außer Christian, meinem alten Kumpel aus Pennäler Zeiten, einigen Serviceunternehmen, dem Notar, der für die Abwicklung zuständig war, nur noch der Stallmeister des Reitvereins wusste, dass ich in der Stadt war. Ich schaute auf die Uhr. Mittlerweile war es 0:30 Uhr. Ein wenig spät zum Anrufen. Ich würde es gleich Morgen probieren, gleich nach dem Frühstück.  

Ich legte mich schlafen und in Gedanken an Carina schlief ich ein.  

Das Frühstücksbuffet am nächsten Morgen war eine wahre Wucht. Es gab sogar einen Koch, der belgische Waffeln buk und der dafür sorgte, dass Spiegelei, Speck und Würstchen nicht ausgingen.  

Während ich mich über meinen Teller hermachte und aufpasste, dass der Ahornsirup, der meine Waffeln krönte, sich nicht mir dem Eigelb meines Spiegeleis verband, indem ich mit dem Speck die „Trennlinie“ zwischen süß und salzig sauber hielt, kam ein Page mit einem Telefon in der Hand an meinen Tisch: „Entschuldigung, der Anrufer ließ sich nicht abhalten, für Sie, es ist wohl dringend...“  

Ich nahm den Hörer in die Hand. „Ja bitte...?“  

„Ich bin’s, Christian. Und....? Hast du mit ihr gesprochen?“  

Ich war sprachlos. Woher wusste er, dass ich von Carina schon Nachricht erhalten hatte? Und dass ich sie anrufen wollte?  

„Entschuldige, Thomas, aber ich konnte nicht anders, ich musste Amor spielen und habe meine Freundin gebeten bei dir im Hotel anzurufen...“  

„Du bist und bleibst ein Arsch...!“ Ich klickte das Gespräch weg. Ich war enttäuscht. Und Hunger hatte ich auch keinen mehr. Mir kam es vor, als würde aus dem Himmel voller Geigen ein handfester Wolkenbruch. „Sie“ hatte sich natürlich nicht gemeldet. Wie sollte „Sie“ es auch wissen. „Mein Gott noch mal, wie kindisch kann man sein,“ dachte ich bei mir, „wieso sollte sie sich auch bei mir melden, nach all’ den Jahren.“  

Um den Kopf frei zu bekommen, fuhr ich zum Stall, schließlich musste ich noch den Pferdeanhänger abstellen, den ich nur wegen der 850er mit zum Hotel genommen hatte.  

Dörte freute sich, mich zu sehen, sie wieherte heiser, als ich mit einer Möhre in der Hand sie in ihrem neuen Stall begrüßte.  

Eine richtige Schönheit war sie. Große, braune Augen, lange Wimpern, volle, weiche Lippen, schlanke, trockene Fesseln, kräftige Hinterhand, schöner, gut gesetzter Hals, gerade gewachsene, kräftige, gesunde Zähne. Ich lächelte. Meine Assistentin hatte mich einmal, als wir gemeinsam auf Dienstreise waren, nach meiner Vorstellung einer idealen weiblichen Begleitung befragt. Ich lieferte die gleiche Schilderung ab. Ihre Augen begannen zu glänzen, den soweit schien sie diesen Kriterien ebenso standzuhalten. Als ich aber fortfuhr, sie müsse ein klares Sprunggelenk, einen hohen Widerrist sowie schone, behaarte  Beine und davon dann vier an der Zahl haben, hatte sie gemerkt, dass ich sie aufgezogen und meine Stute Dörte beschrieben hatte.  

Am Stall war nichts los, der Futtermeister fegte noch die Stallgasse, die Spatzen zwitscherten und die Schwalben jagten herumsummende Fliegen.  

Ich machte mich auf den Weg, der flussaufwärts zur Porzellanmanufaktur Fürstenberg führte. In dem Dorf gab es eine Domäne, die mittlerweile dem Mädchen gehörte, das damals mit mir zusammen bei Turnieren in der Umgebung den „Großen“ in den A-Springen die Schleifen wegnahm. Barbara wusste Bescheid, sie hatte sich den Vormittag frei genommen, und würde mir das zu einem Stützpunkt für Vielseitigkeit ausgebaute Anwesen zeigen.  

Barbara hatte sich kaum verändert. Sie hatte immer noch einen kurz geschnittenen Bubikopf und dass sie in der Zwischenzeit drei eigene Kinder bekommen und großgezogen hatte, sah man ihr auch nicht an. Die Lach- und einige hinzugekommenen Falten zeigten, dass sie viel an der frischen Luft war und ihren Humor nicht verloren hatte.  

Als ich dann später völlig erschöpft in meinem Hotelzimmer lag, stellte ich fest, dass ich den ganzen Tag überhaupt nicht mehr an „sie“ gedacht hatte. Ich schaute auf die Uhr. Es war 22.30 Uhr. Ein wenig früh, aber der Ritt, zur Domäne, die Besichtigungstour, das Ausprobieren von Babsis Vollblütern auf der Geländestrecke, all’ das hatte einen riesen Spaß gemacht, aber auch viel Kraft gekostet. Nun war ich kaputt und müde. Ich knipste das Licht aus, machte meine Beine lang, legte mich auf die Seite und zog einen Zipfel der Bettecke über meinen Kopf und schaltete mich auf Schlafmodus.  

„Tüdelüt – tüdelüt, tüdelüt – tüdelüt“ machte das Telefon. Ich schreckte auf. Ich schaute auf die Uhr. 22.37 Uhr. Ich war schon in der kurzen Zeit schon eingeschlafen.  

Ich nahm ab. Der Nachtportier meldete sich: „Ihre Frau ist da. Sie wollte wissen....“ Ich schnitt ihm das Wort ab. Ich dachte an Christian, seinen kranken Humor und seine Freundin, „soll hochkommen, die Tür ist nicht abgeschlossen“ und knallte den Hörer auf die Gabel. Ich war auf 190. Wusste er denn gar nicht, was noch witzig war und was nicht?  

Ich sprang aus dem Bett, zog mir einen Bademantel über, ging zur Minibar, machte mir einen kleinen Drink und setzte mich in einen der bequemen Clubsessel. Ich ließ das Eis im Glas klingeln und wartete. Es klopfte, ich rief „ist offen...!“  

Ganz langsam öffnete sich die Tür. Als ich die wildlederne Schuhspitze hinter der Tür hervorkommen sah, wusste ich bereits, wer es war. Sie kam rein, orientierte sich kurz und drückte hinter sich die Tür ins Schloss mit einem leisen Klicken. Da stand sie nun, das Haar sah etwas dunkler aus, das gleiche, schöne Gesicht, etwas fraulicher vielleicht, der lange Hals mit der tiefen Kuhle, der Ausschnitt des grünen Poloshirts zeigt makellose, gebräunte Haut auf den Ansätzen deutlich geformter, wenngleich auch flacher Brüste. Sie ist schlank, mit 1,75 Metern Größe hat sie Modelformat. Die langen Beine stecken in einer verwegen-verwaschenen Jeans, die unten eng geschnitten sind und dennoch und über die wildledernen Stiefel fallen.  

Sie schaut mich an. Sie schluckt. Ich stehe auf. Ihre Augen sagen zärtlich „ich liebe dich.“ Wir nehmen uns in die Arme, wir küssen uns. Sie riecht nach Sandelholz und Mandelblüte. Es kommt mir vor, als wären wir nie getrennt gewesen.  

Unsere Küsse werden heftiger, ich ziehe das Polo aus ihrer Hose, lasse meine rechte Hand an ihrem herrlichen Rücken hoch gleiten. Ihre Flanken sind so schmal wie eh und je. Meine Daumen liegen auf ihrem „Waschbrettbauch“ und meine Fingerspitzen können die Rückenmuskeln neben der Wirbelsäule ertasten. Sie macht nach wie vor Sport, dachte ich, sie immer noch so „fest im Griff“. Als ich ihr das Shirt über den Kopf ziehen wolle,  hält sie inne. Sie klemmt mir die Hände mit den Ellbogen ein.

Stop.

  Unsere Lippen lösen sich voneinander.

  „Thomas, es ist viel geschehen, in den letzten Jahren,“ sagte sie leise, „sie sind nicht ganz so spurlos an mir vorübergegangen, wie du meinst.“

  „Schau mich an, Carina,“ versuchte ich sie zu beruhigen, denn ihre Augen hatten so ein ganz leichtes, flehendes Flackern, „ich weiß, wenn ich allein mich betrachte, erkenne ich jedes einzelne Jahr...“  

Sie legte mir einen Zeigefinger auf die Lippen und ließ mich verstummen. Sie löste sich von mir, stellte sich rücklings zu mir vor das Bett. Sie griff sich kreuzweise in den unteren Rand des Polos und zog es sich in einer flüssigen Bewegung über den Kopf.  

Sie blieb rücklings vor mir stehen, oben ohne, nur noch mit Jeans und Stiefel bekleidet. Sie hatte einen bezaubernden Rücken, die Muskulatur und die Wirbelsäule, die ganze Form – Carina könnte genauso ein Fotomodell für „fit for fun“ oder für eine Orthopädie-Fachzeitschrift sein. Mein Schwanz war angesichts der zu erwartenden Drehung hart wie Stahl. Bei jeder anderen wäre es mir peinlich gewesen, mit einer derartigen Latte im Boxershort vor ihr zu stehen. Bei Carina war es etwas anderes. Wir kannten uns beinahe besser als wir uns selbst.  

Carina drehte sich langsam rechts herum zu mir um. Als erstes sah ich ihre rechte Brust. Sie nahm die Schulter ein wenig zurück, spannte damit ihren ganzen Oberkörper und da war sie, dieser herrliche Hügel, gekrönt von einer kleinen, dunklen Warze, die nachgedunkelt war, auch das Grübchen war weg, der Nippel stand stolz und schaute wie immer nach oben. Sie schaute mir fest in die Augen und drehte sich dann ganz zu mir.  

Ganz fest loggte sie ihren Blick in meine Augen – sie wollte scheinbar meine Reaktion auf sie völlig ungeschminkt und ungetrübt in sich aufnehmen.  

Vom Punkt des Solarplexus bis zur Mitte ihrer linken Brustwarze befand sich eine breite Narbe, fast 20 cm lang, in groben Stichen genäht, und sah aus, als ob auf dem ansonsten makellosen Körper ein hässlicher, rosaroter Hundertfüßler klebte.  

Sie warte auf eine Reaktion. Besser gesagt, sie lauerte. Wie eine Katze, die gleich ihren Fang machen möchte.  

Ich schaute sie an. „Du bist genauso schön wie immer, aber dem, der dir diese Tätowierung verpasst hat, dem müssten wir mal ganz kräftig in den Arsch treten. Komm her, ich liebe dich, 20 Jahre habe ich dich vermisst, 20 Jahre habe ich auf diesem Moment gewartet. Ich...“  

Weiter kam ich nicht. Die Raubkatze sprang los und nahm mich in ihre Fänge. Sie küsste mich, sie streifte mir den Mantel ab, meine Boxershort flog quer durchs Zimmer. Wir ließen uns aufs Bett fallen, die Wildledernden flogen in die Ecke, Jeans uns Slip waren schneller ausgezogen, als ein Aal einem durch die Hände flutschen kann.  

Sie nahm meinen Schwanz, setzte ihn an die richtige Stelle, zog die Beine an, packte mit beiden Händen meinen Po und zog mich hart an sie ran. In einem festen Schub glitt mein Fleisch in ihre feuchte, enge und heiße Grotte.

  Sie nahm ihre Arme hinter den Kopf, ihre Rippen traten hervor, ihre an sich schon Flachen Hügel assimilierten sich mit ihrem Körper.  

Ihre Narbe gab ihr etwas Verwegenes, und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie sie nicht entstellte, sondern eher, wie die Prise Zucker in einem scharfen Asiatischen das I-Tüpfelchen in einer raffinierten Würzung war, bei mir die Assoziation einer Piratenbraut auslöste. Carina, meine Piratenbraut, meine schöne Geliebte und Gefährtin.  

Unsere Bewegungen wurden immer heftiger, sie wand sich unter mir, und es dauerte nicht lange, da ließ sie sich von mir von hinten nehmen, ich hielt sie an ihren Hüften und fickte mir das letzte aus dem Leib, bis unser gemeinsam herausgeschrieener Orgasmus uns schwer atmend und verschwitzt, auf dem Rücken liegend nach Luft japsen ließ.  

Mit einer Hand löschte ich das Deckenlicht, der sanfte Schein der Nachttischleuchte übernahm und tauchte uns in ein warmes Licht.  

Ich legte meine Hand auf ihre Brust, fühlte ihr noch stark pochendes Herz unter der Narbe, die so ganz anders anfühlte als ihre sanft beflaumte Haut.

  „Ich bin eigentlich wegen des Gutscheins gekommen,“ sagte sie mir leise, „aber..."  

„sch..." machte ich, "...und irgendwann wirst du mir erzahlen, was es damit auf sich hatte, Liebes, ich jedenfalls werde dich nie wieder gehen lassen...“
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.01.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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