Susann Schubert

Träume

Leise fallen zarte Schneeflocken auf den Asphalt. Und sofort schmelzen sie dahin.
Wie bei unserer ersten Berührung  denkt Isabel und geht weiter die weihnachtlich geschmückte Straße entlang. Noch zwei Wochen bis Weihnachten ob er es ihr bis dahin gesagt hat?
Isabel hasst es immerzu zu warten. Zu warten, dass er anruft, dass er Zeit für sie hat, dass er sich von seiner Frau loseisen kann, um zu ihr zu kommen.
Wieso tu ich mir das nur an? Diese Frage hat sie sich schon unzählige Male gestellt und immer wieder die gleiche Antwort: Ich liebe ihn.
 
Das Klingeln ihres Handys reißt Isabel aus ihren trüben Gedanken.
„Hallo mein Engel. Wo bist du?“
Michael. Die Wärme seiner Stimme zaubert ein Lächeln auf ihre Lippen.
„Ich laufe durch die Stadt auf der Suche nach einem Geschenk für dich. Und du? Hast du einen schönen Tag gehabt?“
„Er war ganz in Ordnung, aber er würde noch schöner werden, wenn wir zwei uns treffen könnten. Jetzt gleich. Ich hab ein paar Stunden Zeit.“
„Das wäre wunderbar!“ ruft Isabel vor lauter Freude viel zu laut in ihr Telefon.
„Dann treffen wir uns in einer Viertelstunde in unserer kleinen Pension. Ich freu mich auf dich.“
Bevor sie noch etwas erwidern konnte, hat Michael schon aufgelegt.
 
Eigentlich wollte Isabel einen gemütlichen Nachmittag in der Stadt verbringen, ein bisschen einkaufen und sich anschließend in einem kleinen Cafe ans Fenster setzen und bei einer heißen Schokolade die vorbeieilenden Menschen beobachten.
Aber daraus wird nichts, denn Michael hat Zeit für sie und wieder einmal lässt sie alles stehen und liegen und eilt zu ihm.
Manchmal macht Isabel sich Gedanken darüber, dass sie nie Nein sagen kann, wenn er sie anruft und sich mit ihr treffen will.
Sie kann sich nicht daran erinnern, dass er schon einmal alles aus der Hand gelegt hat um zu ihr zu kommen, wenn sie ihn anruft und darum bittet.
Aber bei Michael ist es auch etwas anderes, er hat einen anstrengenden Beruf, eine Frau, drei Kinder.
Er kann nicht immer so wie er will, das hat er ihr schon oft erklärt, aber in einsamen Nächten und grauen Tagen ohne eine Berührung oder ein Wort von ihm, ist es sehr schwer für Isabel Verständnis für seine Erklärungen zu haben.   
 
Mit schnellen Schritt nähert sie sich der Pension, in der sie und Michael so viele wunderbare Stunden verbracht haben.
Einmal hat sie ihn gefragt, warum er nie zu ihr nach Hause kommt, in ihre kleine Wohnung, sondern lieber haufenweise Geld für dieses Pensionszimmer ausgibt.
„Versteh doch mein Engel, dies ist wie unser eigenes kleines Reich, es ist nicht deines oder meines sondern unseres.“
Isabel liebt es, wenn er sie Engel nennt und zu dieser Zeit klang diese Erklärung in ihren Ohren auch sehr verständlich, doch in letzter Zeit mehren sich die Zweifel tief in ihrem inneren.
Doch sie sind so leise, dass es kein Problem für Isabel ist, sie einfach von sich zu schieben.
 
Immer, wenn sie ihr kleines Zimmer betritt hat sie das Gefühl in einer anderen Welt zu sein.
Die kleine Couch mit den hellblauen Kissen, die dazu passenden blauen Vorhänge vor dem kleinen Fenster, das auf das kleine Wäldchen hinter der Pension zeigt, das große gemütliche Bett mit dem blasgelben Überwurf und den herrlich weichen und großen Kissen, die dazu einladen sich einfach hineinfallen zu lassen.
Michael ist noch nicht da und Isabel geht ins Bad um sich frisch zu machen. Bei dem Blick auf die Badewanne lässt sie für ein paar Sekunden ihren Erinnerungen freien Lauf und sieht sie beide darin ein herrliches Bad nehmen mit Kerzen und leiser Musik im Hintergrund.
Leider haben sie dies schon lang nicht mehr getan, denn in letzter Zeit blieb keine Zeit dafür, am Anfang ihrer Beziehung haben sie hier viele gemeinsame Stunden verbracht.
Michael hat doch recht, dies ist unser eigenes kleines Reich  denkt sich Isabel während sie sich ihre langen blonden Haare bürstet und ihre vollen Lippen mit einem zarten rosè Ton nachzieht.
Im gleichen Moment hört sie die Zimmertür.
 
„Hallo Michael. Schön das du hier bist. Ich habe dich so vermisst.“
Freudestrahlend kommt Isabel aus dem Bad und läuft mit offenen Armen auf den Mann ihrer Träume zu.
„Hallo.“
„Wie lange hast du Zeit? Kannst du nicht die Nacht hier bleiben mit mir? Wir haben schon lange keine gemeinsame Nacht mehr verbracht.“
„Du weißt doch, dass das nicht geht. Ich muss meinen Großen später vom Fußballtraining abholen. Mehr als eine Stunde hab ich nicht.“
„Aber, du hast doch gesagt du hättest ein paar Stunden Zeit. Eine Stunde ist viel zu wenig, wir haben uns die ganze Woche noch nicht gesehen und heut ist schon Freitag und am Wochenende kommst du nicht von zu Hause weg. Das ist nicht fair.“
 „Woher weißt du schon was fair ist? Du hast keine Familie um die du dich kümmern musst oder so einen anstrengenden Job wie ich. Ich will mich jetzt entspannen also mach mir nicht schon wieder Vorwürfe deswegen, du weißt doch auf was du dich eingelassen hast.“
Mit völlig entgeistertem Gesicht schaut sie ihn an während er seine Hose, das Hemd und die Strümpfe auszieht.
 
Seine Worte hallen immer noch in ihrem Kopf wider als sie schon zusammen auf dem Bett liegen und Michael anfängt sie auszuziehen.
Noch nie hat er sie so angefahren und seine Worte sitzen wie ein Stachel in ihrem Herzen.
Wahrscheinlich hatte er einfach einen harten Tag gehabt, wahrscheinlich ist er sehr gestresst, wahrscheinlich ist er nervös, weil er noch vor Weihnachten seiner Frau von ihnen erzählen will, um dann das Fest mit ihr zu verbringen.
Wahrscheinlich hat er es gar nicht so gemeint.
Und doch kann sie seine fordernden Küsse und seine Hände überall auf ihrem Körper nicht richtig genießen.
Normalerweise vergeht sie vor Lust und Sehnsucht, wenn sie hier zusammen im Bett liegen und sich lieben.
Die Art wie er sie küsst und streichelt, wie er ihr leise Worte ins Ohr flüstert von Liebe und Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft, lässt sie schmelzen unter seinem Körper und ihr Herz fließt über vor Liebe zu  ihm.
 
Eine halbe Stunde später liegt er neben ihr, mit entspanntem und zufriedenem Gesicht, die Augen geschlossen, die Lippen leicht geöffnet und noch geschwollen von ihren Küssen.
Für ihn war es sicher schön und befriedigend gewesen denkt sich Isabel während sie ihn liebevoll betrachtet.
„Michael. Hey wach auf ich möchte mit dir reden, solange du noch Zeit hast.“
„Mmhhh was ist denn mein Engel? Ich bin müde und gleich muss ich wieder los. Wir reden ein anderes mal okay?“
„Nein das ist nicht okay. Wann redest du mit ihr? Bald ist Weihnachten und du wolltest noch vorher mit ihr reden. Wann tust du es endlich?“
Jede Entspanntheit und Ruhe ist aus Michaels Gesicht gewichen als er sich aufsetzt und sie anschaut.
„Hör zu, ich weiß was ich gesagt habe, aber versteh doch Engel ich kann es den Kindern nicht antun mich kurz vor Weihnachten von ihrer Mutter zu trennen. Überleg doch was das für sie bedeuten würde, sie könnten Weihnachten nie wieder genießen. Das verstehst du doch, oder?“
„Ja. Nein. Eigentlich nicht. Du hast es mir versprochen und kein Zeitpunkt ist der richtige oder der passende für so ein Gespräch.“
„Sei doch jetzt nicht böse auf mich. Nach Weihnachten sag ich es ihr. Versprochen.“
Nach einem Kuss auf ihre Nasenspitze schwingt er sich aus dem Bett und fängt an sich wieder anzuziehen.
„Willst du denn nicht wenigstens noch duschen?“
„Keine Zeit ich bin schon spät dran, das Training ist in zehn Minuten zu Ende. Kommst du gleich mit?“
 Noch die Anzugjacke und Michael ist fertig zum gehen.
Isabel liegt nackt im Bett und zieht die Decke höher, irgendwie wurde ihr plötzlich ganz kalt.
„Nein ich bleibe noch ein bisschen. Rufst du heut Abend an?“
„Weiß ich noch nicht. Ich versuche es. Bis bald mein Engel.“ Und mit den letzten Worten schließt er die Tür hinter sich. Kein Abschiedskuss.
 
Isabel bleibt einfach liegen.
Sie kann noch seinen Duft wahrnehmen als sie ihr Gesicht in die Kissen drückt.
Ganz heimlich stiehlt sich eine Träne aus ihrem Augenwinkel und fällt auf den Bezug.
Irgendetwas ist anders geworden, Michael ist anders geworden.
Noch genau kann sie sich an ihre erste Begegnung erinnern.
Es ist ein bitterkalter Tag im Januar.
Am Tag davor hat es geschneit und alles in eine winterliche Traumlandschaft verwandelt, besonders im Stadtpark sieht es wunderschön aus.
Isabel genießt die frische Winterluft auf ihrem Spaziergang und hängt ihren Gedanken nach als plötzlich etwas von hinten gegen sie springt und sie das Gleichgewicht verliert.
Kopfüber fällt sie in den Schnee und ist völlig verwirrt.
Und dann sieht sie eine Hand die ihr hilft aufzustehen und hört eine warme tiefe Männerstimme, die sich fortwährend bei ihr entschuldigt.
Und dann sieht sie sein Gesicht, seine grünen Augen, das volle braune Haar, das markante Gesicht und es ist um sie geschehen.
Nachdem sie seine Entschuldigung angenommen und auch den Grund ihres Sturzes kennen gelernt hat, ein ausgewachsener Schäferhund namens Bob, gehen sie zusammen Kaffee trinken und sprechen über Gott und die Welt.
Nachdem er sie nach Hause brachte und zum Abschied küsste, war für Isabel klar, das war der Mann von dem sie schon immer geträumt hat.
Am nächsten Tag trafen sie sich zum Abendessen und da erzählte er ihr von seiner Frau und den Kindern und der unglücklichen Ehe in der er lebte.
Und noch etwas, an das sie sich immer erinnern wird: „ Ich habe mich vom ersten Augenblick an in dich verliebt Isabel, ich möchte mein Leben mit dir verbringen und wenn du das auch willst dann musst du nur etwas Geduld haben und ich gehöre ganz dir.“
Daran hat Isabel immer geglaubt, diese Worte haben ihr immer Hoffnung gegeben, dass sich alles zum guten wendet.
Aber in letzter Zeit rückt diese Hoffnung immer mehr in den Hindergrund und eine unbestimmte Angst drängt nach vorn.
Bis jetzt ist ihr nie der Gedanke gekommen, er könnte es sich anders überlegen, seine Worte hätten keine Bedeutung mehr für ihn und er hat sie einfach vergessen.
Doch jetzt beginnt sie darüber nachzudenken, was sich geändert hat in letzter Zeit, über die beginnende Kälte in ihrer Beziehung.
Und während sie immer noch daliegt und an die Decke starrt, tropfen unzählige Tränen
Weiter auf den Kissenbezug.
 
Er hat nicht angerufen.
Nicht an diesem Abend und nicht in den nächsten Tagen.
Gedankenverloren läuft Isabel durch den Tag, hat Schwierigkeiten sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren und bekommt keinen Bissen herunter.
Auch Isabel hat nicht angerufen, irgendwie hat sie das Gefühl das es zu Ende ist.
 
Am Weihnachtsabend sitzt sie traurig und allein in ihrer Wohnung. In Gedanken immer bei Michael und den schönen Stunden die sie zusammen verbracht haben.
Alles hat sie sich anders vorgestellt, in ihren Träumen sah sie eine wunderbare Zukunft voller Liebe und Glück, sie konnte Kinderlachen hören und sah gemeinsame Abende zusammengekuschelt auf der Couch.
Doch jetzt ist sie aufgewacht.  
 
 
 
 
 
 
     
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.01.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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