Christa Eva Walter

Vera Erster Teil !

 

                                                  Vera
 
Es war schon spät, die Nacht wurde zu einer Finsternis, die wie ein schwerer Schatten über die Häuser fiel. In der Stadt gingen die Lichter aus, nur die Einkaufsstraße war hell beleuchtet. Es war still geworden, und von der Unruhe am Tag war jetzt nichts mehr zu spüren. Einer geliehenen Ruhe, und mit verloren gegangenen Illusionen gingen so manche zu Bett, in der Hoffnung auf einen neuen besseren Tag. Vera ging ziellos die Straße entlang, in Gedanken versunken blieb sie vor einem der chicen Läden stehen,...was wäre dachte sie, ihre Augen blickten auf ein edles Teil in schwarzseidenem Stoff, ein sündhaft teures Abendkleid, wenn ich es mir einfach kaufen könnte,... was wäre wenn mein Leben anders verlaufen wäre? Vera stellte sich diese Fragen immer öfter, sie war eine Frau in der Mitte des Lebens angekommen, die 50 erschien ihr als eine Bedrohung und sie musste sich ihr stellen. Die Spaziergänge am Abend machte sie, um sich abzulenken, um die schrecklichen langen Abende zu verkürzen in denen sie so einsam war. Aus einer glücklosen Ehe brach sie nach vielen Jahren aus,... die vielen Tränen in dieser Zeit machten Mut für einen neuen Anfang. Jetzt endlich frei, dachte sie,... kam das Älterwerden mit viel zu großen Schritten auf sie zu.

Dieses was wäre wenn,... tauchte wie eine Spukgestalt, mit riesigen Armen auf und schien sie fast zu verschlingen. Sie stand vor dem Fenster und träumte eine Weile, über ein Leben mit ein bisschen mehr Glanz und Liebe.
All die Jahre waren nur mit Arbeit und Familie ausgefüllt, es blieb niemals Zeit für ein paar Träume ... und sie hatte es garnicht bemerkt, wie dieses Leben an ihr vorbeigegangen war. Ich bin nun endlich frei machte sie sich klar und munterte sich ein bisschen auf und ging weiter, die Straße entlang. Dieses Kleid,... hätte mir sowieso nicht gepasst und so wichtig war es auch nicht und überhaupt,... wann und wo hätte ich es tragen können. Vera versuchte irgendetwas zu verschlingen, dass wie eine Currywurst aussah, die wohl etwas verbrannt war, das war Luxus am Abend, dazu brauchte man kein Abendkleid,... dabei lächelte sie vor sich hin. Der nächste Tag war der gleiche, wie der gestrige  und der übernächste wohl auch,... aufstehen... und etliche Büroräume warteten darauf, aufgeräumt, geputzt und die Papierkörbe geleert zu werden. Wenn alles getan war, kamen die Leute, die ein besseres Stück vom Leben abbekommen hatten.

Vera konnte froh und dankbar sein, dass einige davon ihr einen schönen Tag wünschten und sie dabei mit dem Finger über den Schreibtisch glitten, um so ganz nebenbei zu prüfen, dass auch alles sauber war. Vera zeigte ihr schönstes Lächeln, aber innerlich tobte sie und wünschte ihnen das gleiche. Mit schnellen Schritten verließ sie das Gebäude, um an der frischen Luft wieder frei atmen zu können. Irgendwie aber, fühlte sie sich heute wohl,... der Laden an der Ecke, wo es die leckersten Brötchen und Teilchen gab und der Duft von frischem Kaffee, ließ sie erst recht dazu bewegen, sich hier mal wieder umzuschauen.

Dabei musste ihre innere Stimme wie schon so oft, sie daran erinnern, auf die Figur zu achten,... sie hörte sich sagen, dass zu einer Tasse Kaffee doch auch ein Stück Kuchen gehörte.  Man kannte sich hier, und konnte wie in einem kleinen Dorf, den allerneuesten Klatsch erfahren, was manchmal auch recht lustig war. In solchen Momenten fühlte sich Vera nicht mehr einsam, sie war mittendrin in Gesprächen
mit ähnlichen Sorgen und Nöten... und ja, Lebenserfahrungen,... hatte sie selbst genug gemacht, da konnte sie hier und da auch mal mitreden. Angelehnt an den Stehtischen stand ein älterer Mann, der über seine Enkelkinder sprach, die nun,... ungeduldig an seinem Ärmel zogen, Opa es ist so langweilig hier,... wann gehen wir zum Spielplatz,... gleich, ich trinke nur meinen Kaffee noch aus,... er nahm einen viel zu großen Schluck und bekam einen richtigen Hustenanfall,... ohne Gnade zerrten die Kinder weiter und waren erst beruhigt, als sie den Bäckerladen wieder verließen.
Diese Kinder heutzutage, mischte sich eine junge Frau ein, haben einfach keine Geduld,... darum werde ich mir auch keine anschaffen, sagte sie fast drohend,... ich habe einen Sohn stammelte Vera und ich muss sagen, es ist das Größte was ich je in meinem Leben gemeistert habe,... damit war wieder Ruhe eingekehrt und jeder konzentrierte sich auf sein Stück Kuchen.

Was hatte ich mich da gerade sagen hören, ich hatte etwas gemeistert, natürlich,... es wurde endlich einmal Zeit mich wichtig zu nehmen. Dabei
musste ich schon wieder daran denken, dass ich am späten Nachmittag noch in einer Grundschule die Klassenräume reinigte, aber was sollte es, irgendwie musste ich meinen Unterhalt verdienen, es hatte eben alles seinen Preis.  Die Aufgabe meines Berufes vor vielen Jahren und jetzt mein Alter, machten es mir schwer wieder Anschluss zu finden.
Aber dieser Tag musste ein Besonderer sein, es gibt diese Tage, an denen man sich aus unerklärlichen Gründen einfach gut fühlt.  Ich machte mich auf den Weg zur Schule, als mich an der Eingangstür eine Lehrerin ansprach, die sich eigentlich nur aufgehalten hatte, um etwas für die Kinder vorzubereiten für den nächsten Tag. Ich wollte gerade meinen Eimer mit Wasser füllen, da stand sie neben mir, und wir kamen ins Gespräch, dabei schien es sie wirklich zu interessieren was so meine Hobbys sind. Was sollte ich da erzählen,... ach wissen sie, ich würde schon gern etwas Anderes machen, was mich wirklich ausfüllt und ich mich auch weiter entwickeln kann, indes hörte ich ihr aufmerksam zu, was zugegeben nicht immer meine Stärke war. Aber plötzlich kümmerte sich jemand um mich ... und meine Arbeit glitt mir mit leichter Hand, durch den viel zu großen Raum. Für die ernstgemeinten Vorschläge dankte ich ihr.  Man sagt, dass jedes Gespräch einen Menschen verändern kann, wenn man es nur will ... und ich wollte!...

An diesem Abend ging ich aufrechter als sonst die Straßen entlang und von Einsamkeit war keine Spur. Selbst als ich an dem Schaufenster vorbei kam und mein Blick streifte dieses chice Abendkleid, blieb ich nicht stehen.
Mit Träumereien kam ich nicht weiter, ich wollte etwas verändern und jetzt wusste ich auch wie, statt abends einsam durch die
Stadt zu gehen, beschloss ich wieder
zur Schule zu gehen. Die Volkhochschule bot mir das, was ich mir im Leben nie zugemutet hätte. Ich begann mit Auffrischungskursen im kaufmännischen Bereich und was ganz entscheidend für meine Zukunft war, mit einem Computer umzugehen. Alles machte wieder Spaß, das Leben, die momentane Arbeit und sogar das Älterwerden.  Ich brauchte diesen Stups nach vorn ... und ich brauchte auch diese Lehrerin, die nachfragte, wieweit ich vorwärts kam. Ich konnte
mir einfach nicht vorstellen, dass ich in meinem Alter noch soviel aufnehmen konnte, da musste ich endlos lange Rechenaufgaben lösen, an denen ich manchmal bis tief in der Nacht saß, Betriebswirtschaft, Buchführung, Grammatik ...  und jedesmal war ich
schon ein bisschen stolz auf mich, wenn sich Erfolge zeigten. Ich traute mich,... dass war es, was mir fehlte. 

Als ich aber das erstemal den Computerraum betrat, verließ mich plötzlich aller Mut,... ich wollte aufgeben,... diese Welt war mir zu fremd, eine   merkwürdige Angst umschlich und lähmte mich.  Nicht, dass ich noch nie mit Computern etwas zu tun gehabt hätte, ich hielt mich ja ständig darin auf, wenn ich meine Büroräume reinigte und es ging auch eine Faszination von ihnen aus,... doch jetzt war alles anders.  Ich suchte mir einen Fensterplatz und schaute misstrauisch auf dieses Gerät,... die Lichter der Stadt, nahm ich nur von weiten wahr und noch in Gedanken versunken, betrat ein junger Mann den Raum, der sich sogleich vorstellte, diese Augen dachte ich,... sahen in einem durch, er hatte etwas Strenges und Unnahbares an sich, sodass mir meine alte Schulzeit gegenwärtig wurde. 


Jetzt gab es wohl kein Entrinnen mehr, und ich wagte garnicht mehr, daran zu denken, einfach aufzugeben,... ich gab mir große Mühe, die ersten zwei Stunden nicht mit der Maus zu zittern,... jetzt fehlten mir nur noch ein paar Hitzewellen, die Gott sei Dank ausblieben und so hatte ich die erste Hürde geschafft. In den nächsten Wochen lernte ich den Computer immer besser kennen,
ich begriff das Technik erlernbar ist.
Ich konnte mir keinen besseren Lehrer vorstellen als ihn,... er forderte absolute Selbstständigkeit und vermittelte uns allen ein Gefühl, keine Angst zu haben ... und genau das war der Punkt, die Angst vor
diesen Geräten ... und bei einer unbedachten Eingabe,... jetzt könne etwas passieren.

Ich freute mich auf jede Stunde die ich an dem Computer verbringen konnte.  Vera sagte ich mir, wenn du diese Schule schaffst, schaffst du alles in deinem Leben!...

 

 

 Fortsetzung...
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
  
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.01.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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