Martina Brandt

Heute nacht oder nie

Heute nacht oder nie

Kurzgeschichte zum Thema Liebeszauber
von hier klicken Martina.

Heute war der letzte Tag, den Chantal auf Kreta verbringen durfte. Dann war der Urlaub auch schon wieder vorbei. Wie lange hatte sie für ihn gespart, jeden Cent an die Seite gelegt, nur um sich einmal ihren Jugendtraum zu erfüllen. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Fabienne schwärmte sie für diese Reise, als sie noch gemeinsam die Schulbank drückten. Wehmütig dachte Chantal an diese verrückte Zeit zurück. Eigentlich wollten die Freundinnen diese Reise gemeinsam unternehmen. Geschworen haben sie es sich, dass dieser Traum einmal Wirklichkeit werden sollte. Und nun? Sie war allein hier.... ach Fabienne. Warum musste sie nur so jung sterben und Chantal mit den gemeinsamen Träumen hier zurücklassen. Chantal erinnerte sich, wie Fabienne noch scherzend sagtest: „Ach, es ist doch nur eine Routine-Operation, so was machen die jeden Tag“! Chantal wusste, sie wollte ihr die Angst nehmen, die sie um sie hatte. Und dann ist sie aus der Narkose nicht mehr erwacht.
Von da an sparte Chantal für diese Reise. Sie wollte das gemeinsame Versprechen einlösen, auch wenn Fabienne sie nicht mehr begleiten konnte. Ja, sie waren wirklich beste Freundinnen. Chantal nutze diese zwei Wochen, um ihrer Freundin nah zu sein, um alles in ihren Gedanken wieder zu erleben, Revue passieren zu lassen. Dabei fiel ihr wieder ein, dass Fabienne meinte, sie würde sich dort einen wunderschönen Maler zum Freund suchen, einen mit dunklen, gelockten Haaren und Grübchen auf den Wangen. Ach, sie war so herrlich verrückt. Sie waren doch noch viel zu jung, um sich für die Boys zu interessieren. Aber trotz allem meinte Fabienne, dass sie es schon zu sehen bekommen würde. Langsam schlenderte Chantal an der Strandpromenade entlang. Das Wetter war einfach ein Traum. Endlos blauer Himmel, und kein Wölkchen trübte das Bild. Sie hielt ihren breiten Strohhut mit einer Hand fest und blinzelte in die Sonne. Ihr gelbes Sommerkleid umschmeichelte ihre zarte Figur.
Zwischen all den Menschen, die sich hier tummelten, konnte sie auf der anderen Straßenseite ein kleines Cafe entdecken. Es wirkte gemütlich und einladend, und so machte sie sich leichtfüßig auf den Weg dorthin. Draußen boten mit Liebe dekorierte Sitzgelegenheiten zum Verweilen ein. Sie suchte sich den Platz aus, von dem sie einen schönen Ausblick auf das Meer hatte.
Chantal genoss gerade verträumt diesen stillen Moment, als sie auf ein Rascheln zu ihrer linken Seite aufmerksam wurde. Neben ihr hatte ein junger Maler seine Leinwand aufgebaut. Auch er hatte wohl an diesem malerisch schönen Standort Gefallen gefunden. Sie konnte es ihm nicht verdenken. Eine ganze Zeit beobachtete sie, wie er sich daran zu schaffen machte, alles passend vorzubereiten und loszulegen. Wie geschickt er mit dem Pinsel umgehen konnte. Mit ein paar Handgriffen hatte er eine grobe Skizze angefertigt, und nun malte er sie mit zarten Pastellfarben aus. Die Bedienung kam, und sie bestellte einen Milchkaffee. Ohne sich weiter ablenken zu lassen, schaute sie weiter interessiert zu. Das Bild bekam immer mehr Leben, und es war ein Traum. Sie musste dieses Bild haben. Es war ihr letzter Tag hier, und es würde sie immer wieder an diesem Urlaub erinnern, an Fabienne, und an dieses wunderschöne Fleckchen Erde. Als der junge Maler ihr unerwartet zulächelte, nutzte sie die Gelegenheit, um ihn nach dem Preis des Bildes zu fragen und nach dem ungefähren Zeitpunkt bis zur Fertigstellung seines Kunstwerks. Zum Glück konnte der Maler gebrochen deutsch. Um besser mit ihm verhandeln zu können, bat sie ihn, sich doch kurz zu ihr an den Tisch zu setzen. Per Handzeichen winkte sie die Kellnerin heran, fragte den Maler was er trinken wollte, und bestellte das gewünschte. Nun, wo er so vor ihr saß, konnte sie ihn näher während des Gesprächs beobachten. Er hatte dunkle Locken und Grübchen. Wie vom Blitz gerührt saß sie da - stocksteif. Diese Beschreibung passte zu Fabienns Traumtyp. Konnte das ein Zufall sein? Und er war Maler! Eine Gänsehaut lief ihr schaudernd über den Rücken. Plötzlich durchströmte sie eine nie gekannte Ruhe und ein tiefes Glücksgefühl. Bestimmt war es ein Zeichen von Fabienne. Sie fühlte sich ihr wieder so nah wie in alten Kindertagen. Eine kleine Träne lief ihr unaufhaltsam über die Wange, und Chantal wischte sie mit einem kleinen Seufzer weg. Der Maler schaute sie irritiert an. Bestimmt dachte er, sie wäre über den Preis des Bildes entrüstet, denn er machte ihr einen erneuten, deutlich niedrigeren Vorschlag. Chantal entschuldigte sich für ihre plötzlichen Gefühlsschwankungen und erklärte ihm in kurzen Sätzen was es damit auf sich hatte. Der Maler schaute nachdenklich in sein Glas Limonade. Er erzählte ihr, dass er Nico hieße, und dass ihm das was sie bewegte sehr leid täte. Er selbst habe in jungen Jahren seinen besten Freund verloren und sei heute noch nicht richtig darüber hinweggekommen. Sie waren also Leidensgenossen. Schweigend saßen sie noch eine Weile zusammen, bis Nico ihr den Vorschlag machte, sie könnten sich ja abends noch mal hier treffen. Das Bild würde noch bestimmt zwei Stunden dauern, bis es perfekt sei. Aber damit er es auch vollenden könnte. müsste er sich jetzt unbedingt wieder an die Arbeit machen. Sie nahm sein Angebot dankend an, bezahlte die Drinks und versprach, abends um acht Uhr wieder hier zu sein, um ihr Bild abzuholen.
Ihr Weg führte sie jetzt zum Strand entlang in Richtung des malerischen Dorfes. Sie wollte jetzt gern allein sein und wenn möglich noch eine Siesta halten. Diese ganze ungewöhnliche Sache ging ihr nicht aus dem Kopf, und sie wollte in Ruhe noch mal darüber nachdenken. Ihr Kopf fing an leicht zu schmerzen, und sie war froh, als sie ihr Zimmer erreichte und sich aufs Bett legen konnte. Sie schlief schnell ein und hatte wirre Träume. Vieles aus ihrer Vergangenheit mit Fabienne kam wieder hoch. Es war alles so klar, und es erstaunte sie, wie genau sie Fabiennes Gesicht sehen und ihre Stimme hören konnte. Es war ihr fast, als wäre sie nie fort gewesen. Im Traum lachten sie zusammen und machten Scherze. Es war ein so realer Traum, und als sie Stunden später erwachte, war sie traurig, dass er zu Ende war. Sie schaute verschlafen auf die Uhr. Meine Güte, es war schon viel zu spät. Eine Stunde hatte sie noch, um zu ihrem Treffen mit dem Maler zu kommen. Und danach würde sie noch ihre Koffer packen müssen, denn schon morgens um zehn Uhr ging ihr Flug nach Hause. Chantal schwang ihre gebräunten Beine aus dem Bett und machte sich daran, sich im Bad etwas herzurichten.
Schon ein paar Minuten später machte sie sich auf dem Weg zum Cafe. Nico der Maler hatte sie schon gesichtet und winkte sie lächelnd zu sich. Kaum hatte sie ihn erreicht, zeigte er ihr sein vollendetes Werk. Chantal staunte mit offenem Mund! Das war ein Meisterwerk. Nico hatte sein ganzes Können in dieses Bild gelegt und diese atemberaubende Atmosphäre des Nachmittags mit hineingelegt. Dieses Bild hatte seinen eigenen Zauber, eine Art Magie. Nico genoss ihre Sprachlosigkeit und fasste sie als schönstes Kompliment auf. Sie setzten sich beide an ihren Tisch vom Nachmittag, und Chantal bestellte wieder das gleiche. Beide vertieften sich schnell in ein Gespräch, und schienen nicht mehr von dieser Welt zu sein. Immer wieder wurden Getränke bestellt, nur die Limonade wurde durch Wein ersetzt. Die Zeit verging wie im Fluge, als Chantal erschrocken auf die Uhr sah und feststellte, dass es an der Zeit war aufzubrechen. Als sie Nicos Bedauern vom Gesicht ablesen konnte, machte sie ihm den Vorschlag, er könne sie ja bis zum Hotel begleiten, und das Bild für sie tragen. Nico strahlte über das ganze Gesicht, schnappte sich das Gemälde, und verließ mit Chantal, nachdem sie gezahlt hatte, das Cafe.
Sie nahmen den längeren Weg an den Strand zurück zum Hotel. Das Wetter war noch warm und so mild, dass es geradezu zu einem Spaziergang einlud. Wieder dachte Chantal wehmütig an Fabienne. Fast wäre sie im Sand gestolpert, deshalb hakte sie sich einfach bei Niko unter. Bestimmt hatte Fabienne ihre Hände mit im Spiel, als wollte sie ihr den Weg zeigen oder sie in die richtige Richtung weisen. Sie lächelte vor sich hin, und hatte das Gefühl, Fabienne wäre bei ihr. Und so schlenderten die zwei wie ein Liebespaar den Weg zu Chantals Zimmer. Dort angekommen, standen sie sich gegenüber. Chantal beschlich ein komisches Gefühl. Sie wollte nicht, dass Nico jetzt ging, und er wollte es auch nicht. Noch als sie überlegte, was sie jetzt tun oder sagen könnte, um die peinliche Situation zu überbrücken, zog Nico sie an sich und küsste sie. Ihre Knie wurden ganz weich, und sie umschlang seinen Hals mit ihren Armen. Als Nico sich widerwillig von ihren Lippen löste und sich verabschieden wollte, nahm sie seine Hand, schloss die Tür auf und zog ihn mit in ihr Zimmer. Sie wusste, sie hatte nur diese eine Nacht mit ihm, aber die würde sie mit ihm verbringen. Nico folgte ihr, und stellte das Bild auf dem Sessel ab. „Du hast mir noch gar nicht gesagt, was dieses Bild kosten soll“, scherzte Chantal. Nico grinste sie schelmisch an: „Dieses Bild ist unbezahlbar, unverkäuflich, denn es führte mich in dein Leben. Ich werde es dir in einer Woche vorbeibringen, wenn ich in Deutschland mein Medizinstudium anfange. Dann wird es mein Geschenk für dich sein.“
Chantal war überglücklich. Sie schloss die Augen, und dann sah sie deutlich Fabienne vor sich stehen, und sie hatte wieder dieses schelmische Grinsen im Gesicht. Wenn sie auch ihr Versprechen nicht mehr einhalten konnte, diesen Urlaub mit mir zu verbringen, so schickte sie ihr doch ihren Traumjungen an ihre Seite. Sie wusste, er war bei ihr in den besten Händen. Nico würde sie immer miteinander verbinden. Das wusste sie in diesem Moment ganz genau.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.02.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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