Petra Mönter

Die Sondersendung

Rosemarie Furtenschwängler! Sie hatte diesen Namen schon immer gehaßt. Jetzt, wo sie im Auto saß, fragte sie sich, warum sie Georg-Willi überhaupt geheiratet hatte. Furtenschwängler! Dieser Name alleine, hätte sie warnen sollen. Aber einen Doppelnamen anzunehmen, wie es die Standesbeamtin vorgeschlagen hatte, wäre ja auch keine Lösung gewesen. Tschierskenkaul - Furtenschwängler! Man stelle sich vor! „Würden sie mal eben mit ihrem vollem Namen unterschreiben?“, „Wenn es ihre Zeit zuläßt, gerne.“
Nicht zu vergessen: Dieser Name hätte niemals auf eine Scheckkarte gepaßt. Nein, nichts da. Rosemarie hatte sich damals schon aus altmodischen Gründen dazu entschlossen den Namen ihres Mannes anzunehmen.
„Furtenschwänger, Furtenschwängler“ Je lauter und je öfter sie diesen unmöglichen Namen vor sich hinsagte, umso kräftiger drückte sie auf das Gaspedal. Rosemarie Furtenschwängler fuhr über die Autobahn. Wohin wußte sie selbst nicht so genau. Sie war einfach in das Auto gestiegen und losgefahren. Sie hatte sich mit Georg-Willi gestritten. Sie hatte einfach die Autoschlüssel des Wagens genommen und war mit quietschenden Reifen die Auffahrt hinausgeschossen. „Das wäre filmreif gewesen“ dachte Rosemarie stolz, während sie die Straße entlangfuhr. Sie dachte an das Gesicht von Georg-Willi. Der liebte sein Auto über alles ... und jetzt fuhr es, von seiner Frau gelenkt, durch die Dunkelheit! „Dem werde ich es zeigen, dem Georg-Willi! Der wird mich noch kennenlernen“. Rosemarie fuhr laut schimpfend in (für sie) atem -












beraubender Geschwindigkeit die Autobahn entlang, als sie plötzlich bemerkte, dass der Wagen immer langsamer wurde. „Oh, verdammter Mist“ rief Rosemarie entsetzt. Sie hatte vergessen auf die Tankanzeige zu schauen. Der Tank war leer. Eindeutig. Langsam ließ sie den Wagen an den Fahrbahnrand ausrollen. Erst jetzt wurde ihr bewußt, dass sie sich alleine, ohne Geld, ohne Benzin, ohne Papiere auf irgendeiner Autobahn in Deutschland befand. Weit und breit war kein Schild zu sehen... nur Dunkelheit. Rosemarie blickte auf die Uhr. Es war 1 Uhr morgens. Die Autobahn war leer. Komisch, sie hatte in der letzten Stunde kein einziges Auto gesehen. „Gut, das es draußen wenigstens warm ist“ knurrte Rosemarie, als sie aus dem Wagen stieg. Sie hatte beschlossen, bis zum nächsten Telefon zu laufen. Von dort aus, wollte sie die Herren von der Straßenwacht bitten, ihren Mann zu informieren, dass sie sich irgendwo auf der Autobahn befände und er sie abholen solle. So schlimm war der Streit ja auch nicht gewesen. Worüber hatten sie sich eigentlich gestritten? Ach ja. Es war Samstag! Sie hatten gemütlich vor dem Fernseher gesessen und Hans-Willi hatte wie immer die ‘Macht’ an sich gerissen. So nannten die beiden die Fernbedienung. Noch bevor ihr Film angefangen hatte, musste er wieder umgeschaltet haben. Ohne sie zu fragen!
Und das für eine dämliche Sondersendung. Das ging zu weit. Bis jetzt hatte sie noch nie etwas gesagt, aber jetzt reichte es ihr. Sie war so wütend gewesen, dass sie schnurstraks zum Auto gelaufen und losgefahren war.
Jetzt hatte sie den Salat. Sie alleine auf der Autobahn.
Wo sie doch eigentlich immer Angst im Dunkeln hatte.













Während Rosemarie die Autobahn entlang marschierte und über ihre missliche Lage nachdachte, bemerkte sie den Wagen gar nicht, der sich ihr, nahezu geräuschlos, näherte. Rosemarie bemerkte auch nicht, dass der Wagen neben ihr
immer langsamer wurde. Rosemarie war viel zu sehr mit sich selber beschäftigt. Plötzlich wurde sie nicht nur aus ihren Gedanken, sondern auch an ihren Armen, gerissen. Die Türen des Autos wurden aufgestoßen und zwei kräftige Männer zerrten sie in das Auto hinein. Das ging alles so schnell, dass Rosemarie vergaß zu schreien. Kaum waren die Wagentüren zu , fuhr der Wagen schon los. „Was wollen sie von mir?“, fragte sie, aber statt einer Antwort rief einer der Männer nur „Schnauze“. Das klang so bedrohlich, dass Rosemarie nicht wagte einen Mucks von sich zu geben. Es hatte sowieso keinen Zweck. Sie ergab sich ihrem Schicksal. Das Auto glitt scheinbar lautlos durch die Nacht. Rosemarie saß hinten, eingequetscht zwischen zwei Männern. Sie sagten die ganze Fahrt über kein Wort. „Jetzt ist es also soweit“, dachte Rosemarie. Diesen Augenblick hatte sie in Gedanken schon oft durchlebt. Gekidnappt. Einfach so, von der Straße weg. Keiner würde etwas wissen. Sie würde verschwinden und keiner würde sie jemals wiedersehen. Armer Georg-Willi! Was würde er sich für Vorwürfe machen? Weinend würde er vor ihrem Grab stehen und ausrufen:“Warum wollte ich auch unbedingt diese Sondersendung schauen.“ Was für ein Grab? Sie würden sie niemals wiederfinden. Rosemarie
wunderte sich über sich selbst. Sie hätte gedacht, sie würde schreien, in Ohnmacht fallen, ihr Schicksal bedauern, oder irgendetwas. Aber sie tat... nichts. Sie













blickte auf die Straße und ihr fiel auf, dass die Autobahn plötzlich sehr voll war. Wenn sie sich doch irgendwie bemerkbar machen könnte. Rosemarie dachte über die eine, oder andere Fluchtmöglichkeit nach. Während sie so gedankenverloren auf dem Rücksitz saß, stoppte das Auto so abrupt, wie es vorhin angefahren war. Die Türen wurden aufgerissen. Rosemarie wurde unsanft nach draußen gezerrt. „Hilfe“ schrie Rosemarie zaghaft. „Schnauze“, erwiderte einer der Männer erneut. Ein unsympatischer Mensch. Unrasiert. Schwarze, schmierige Lederjacke. Eindeutig ein Verbrecher. Wahrscheinlich sogar ein Mörder. Ja, so mußte ein Mörder aussehen. Rosemarie war sich sicher: Das waren die letzten Minuten ihres Lebens. Sie wollte wenigstens in diesen Minuten tapfer sein. „Lassen sie mich endlich los“ Sie wuchs über sich selbst hinaus. Sie trat dem Verbrechertyp kräftig gegen das Schienbein. Das hatte gesessen. Befriedigt sah sie das schmerzverzerrte Gesicht ihres zukünftigen Mörders. Schade, dass Georg-Willi sie nicht sehen konnte. Wenn sie ihre Leiche irgendwo finden würden, könnte die Polizei vielleicht feststellen, dass sie ihren Peiniger noch kräftig getreten haben musste. Vielleicht käme ihr Fall ja auch in Georg-Willi’s Lieblingssendung: Aktenzeichen,
xy- ungelöst. „Gesucht wird ein Mann mittleren Alters. Er muß von seinem Opfer noch getreten worden sein. Sachdienliche Hinweise...“. „Das ist Wiederstand gegen die Staatsgewalt“. Der Verbrechertyp holte sie in die Wirklichkeit zurück. „Wie?“ fragte Rosemarie verwirrt. Ehe sie sichs versah wurde sie, mit Handschellen gefesselt, in einen kleinen Raum gebracht. Ein Tisch, eine













Lampe, zwei Stühle. Der Raum war sehr karg eingerichtet, aber viel mehr hätte auch gar nicht hineingepasst. Rosemarie blickte sich um. Sie saß auf dem Stuhl, umringt von Polizisten in dem kleinen Räumchen. Das war einfach zuviel für sie. Eben noch in Erwartung ihres Todes, saß sie plötzlich da und wurde behandelt wie eine Schwerverbrecherin. „Ich will nach Hause“, schluchzte sie. Aller Mut hatte sie verlassen. Der Verbrechertyp setzte sich mit einer Tasse Kaffee Rosemarie gegenüber an den Tisch. „So! Wollen wir mal höflich sein. Kommissar Wendtland,“ knurrte er und blickte dabei fragend auf Rosemarie. Rosemaries Gedanken überschlugen sich. Ein Kommissar der aussieht wie ein Verbrecher, vielleicht sollte sie sich demnächst vor Menschen in Acht nehmen, die aussahen wie Kommissare!
„Wie sie heißen“, brüllte der Kommissar durch den kleinen Raum. „Rosemarie Furtenschwängler, geborene..“ Weiter kam Rosemarie nicht. Während sie ihren Namen nannte, sah sie den Kommissar gequält auflachen. Danach sah sie, wie der Kommissar Luft holte. Er brüllte in Fußballstadion-Lautstärke auf sie ein:“Sie glauben wohl ich hätte sie nicht mehr alle, wie ? Ich will ihren gottverdammten Namen wissen!“ Rosemarie hasste beide. Ihren Namen und den Kommissar. „Ich heiße, so wie ich es gesagt habe. Warum bin ich eigentlich hier, ich wollte doch...“ Sie wurde rüde unterbrochen. Kommissar Wendtland war ein unhöflicher Mensch. „Ich bin derjenige, der die Fragen stellt. Verstanden?“ Rosemarie
machte sich auf ihrem Stuhl so klein wie möglich. „Könnten sie vielleicht ein wenig leiser ..sprechen?“












flüsterte Rosemarie ängstlich. An der Röte des Gesichtes ihres Gegenübers merkte sie, dass diese Bitte wohl etwas unpassend gewesen sein mußte. „Ausweise, Papiere?“ Herr Wendtland hatte ihrer Bitte entsprochen. Er hatte nur ansatzweise gebrüllt. Rosemarie mußte gegen ihren Willen kichern. Wie absurd doch die ganze Situation war. Da saß sie in einem kleinen Zimmer, mit einem Kommissar, der aussah wie ein Verbrecher, es war halb 3 Uhr morgens...
Das alles, weil sie Georg - Willi einmal beweisen wollte, dass auch sie Rechte besaß. „Sie kommen sich wohl sehr schlau vor, was?“ Der Kommissar zog an seiner Zigarette. „Warum befanden sie sich mitten in der Nacht auf der Autobahn?“ „Ist es verboten, nachts auf der Autobahn zu fahren?“ wunderte sich Rosemarie. Der Kommissar rötete sich schon wieder, beherrschte sich abermals und rief leise:“Was hatten sie auf d i e s e r Autobahn verloren. Warum befuhren sie d i e s e Autobahn?“ Rosemarie konnte nicht mehr. Ihre Geduld war zuende. „Ich hatte mich mit Georg-Willi gestritten, Immer will er die Sendung gucken, die er mag. Er nimmt keine Rücksicht auf mich. Nie darf ich mal gucken, was ich möchte. Da bin ich wütend geworden und habe mich in sein Auto gesetzt. Ich bin losgefahren. Gut ich gebe es zu: Ich bin zu schnell gefahren. Ich habe gar nicht auf den Tacho geschaut. Deshalb habe ich auch nicht gemerkt, dass der Tank leer war. Als das Auto stehen blieb, auf d i e s e r Autobahn, bin ich ausgestiegen und wollte zu einem Telefon gehen. Ich wollte meinem Mann ausrichten lassen, er solle mich
abholen. Ich wußte nicht wo ich war. Ich weiß auch jetzt nicht wo ich bin. Dann kamen sie: Sie reißen mich einfach













in ihr Auto - ich hatte T o d e s a n g s t . Wissen sie wie ich mich fühle?“ Rosemarie war immer lauter geworden Sie holte tief Luft. „Außerdem h e i ss e ich Rosemarie Furtenschwängler, ich bin 29 Jahre alt. Ich wohne Ostweg 23..“ Weiter kam sie nicht. Ein Polizist war, ohne anzuklopfen, eingetreten. „Herr Wendtland, wir haben das Kennzeichen des Fahrzeugs überprüft. Halter ist ein Georg-Willi Furtenschwängler, Ostweg 23.“ Der Verbrecher-Typ Kommissar wurde wieder rot. Rosemarie duckte sich, in Erwartung eines erneuten Brüll-Anfalls. Aber sie musste irritiert erkennen, dass Herr Wendtland nicht brüllte, sondern lachte. „ Holen sie der Dame mal einen Kaffee“ sagte er, während er sich die Tränen aus den
Augen wischte. „Milch und Zucker?“ Rosemarie schüttelte den Kopf. Es war soviel passiert die letzten Stunden. Erst war sie wütende Ehefrau gewesen, dann hatte sie eine Panne, war potentielles Mordopfer, wurde zu einer potentiellen Schwerverbrecherin.. und jetzt gab es Kaffee. Während sie ihren Kaffee tranken, als sei das selbstverständlich um 4 Uhr morgens, wurde Herr Wendtland redselig: „Wissen sie, die Autobahn war in diesem Sektor für den Allgemein-Verkehr gesperrt. Hatten sie die Hinweis-Schilder nicht bemerkt?“ Hatte Rosemarie nicht. Wie auch? Sie war Nachtblind. Eigentlich fuhr sie im Dunkeln nie, nur halt an diesem Tag - wegen Georg-Willi. Das die Autobahn so leer gewesen war, hatte sie auf die späte Stunde geschoben. „Wie auch immer.“ fuhr der Kommissar fort. „Als sie dann auch noch ausstiegen,
waren wir uns sicher, dass sie eine Terroristin sein müssten. Zum Glück hat sich alles aufgeklärt. Ihr Mann

















ist übrigens informiert worden. Er wird sie gleich
abholen. “ Plötzlich ging die Tür auf und Georg-Willi kam herein. Er guckte betreten. „Aber Rosemarie. Was machst du für Sachen? Ich habe mir Sorgen gemacht. Ich dachte du seist zu Bett gegangen und dann dieser Anruf - Du bei der Polizei?!“
„Warum war denn die Autobahn eigentlich gesperrt?“ fragte Rosemarie zusammenhangslos.
„Na, wegen dem Clinton! Der ist doch heute hier angekommen. Da wurde alles gesperrt. Das musst du doch wissen, Schatz. Das war doch die Sondersendung. Die, wegen der dein Film ausgefallen war...“ Georg-Willi und der Kommissar schauten verstört zu Rosemarie. Sie saß auf ihrem Stuhl und bewegte sich heftig. Sie lachte! Sie lachte und lachte und konnte gar nicht mehr aufhören.





ENDE

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.06.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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