Johannes Schlögl

Lisztenberg oder „die abgezählten Tage“

Das Kaffeehaus „Blaiberger“ in der Sensenmanngasse gehörte schon lange nicht mehr zu den empfehlenswerten Gaststätten von Wien. Selbst die Bezeichnung „Kaffeehaus“ war schon eine starke Übertreibung. Im Prinzip handelte es sich um eine alte Gastwirtschaft dessen Ausstattung aus fünf Tischen und einem 30 Jahre alten Tresen bestand. Zwei mittelgroße Fenster versorgten die Gaststube mit dem notwendigen Tageslicht. In der Mitte des Raumes befand sich ein riesiger runder Holzofen, dessen Rohr sich meterweit durch den Raum bis hin zum Schornstein zog. Etwa jede halbe Stunde holte der alte Lokalbesitzer ein dickes ellenlanges Holzscheit aus der Küche und schob es dem glühenden Ungetüm in den Rachen. Obwohl der alte „Blaiberger“, so hieß der Wirt und zugleich Besitzer der Gaststätte, schon über 80 Jahre auf seinem Buckel hatte, war es ihm noch nie in den Sinn gekommen, sein Kaffeehaus auf zu geben. Dieses kleine Lokal mit den zweieinhalb Paar Tischen, dem riesigen Holzofen und der alten Tresen war für ihn das Leben und seine Welt. Eine Symbiose die, wie mir schien, nur mehr der Tod trennen würde. Von sieben Uhr Früh bis weit nach Mitternacht war er für seine Gäste Wirt, Freund und Beichtvater in einer Person. Beinahe jeden Morgen besuchte ich das „Blaiberger“, um mir ein herzhaftes Frühstück zu gönnen. Und zwar zu einem Preis, den sogar ein sparsamer Student wie ich, sich leisten konnte. Besonders der Kaffee hatte es mir angetan. Weiß der Teufel, wo er ihn her hatte. Das Zeug schmeckte verdammt gut. Besonders in der kalten Jahreszeit war es im Lokal gemütlich warm. Der Ofen strahlte eine äußerst behagliche Wärme aus, welche von der Etagenheizung meiner Wohnung nie erreicht werden konnte. Auch am Montag, dem Dreizehnten, einem verregneten nasskalten Herbsttag, saß ich gegen 10 Uhr Vormittags im „Blaiberger“ und ließ mir mein Frühstück munden. Es gab Spiegelei mit Speck und einen aufgewärmten Krapfen vom letzten Wochenende. Der Kaffee schmeckte wie immer köstlich. Nach der ausgiebigen Mahlzeit blieb ich noch eine Weile sitzen und genoss die wohlige Strahlungswärme des Holzofens. Beinahe wäre ich eingeschlafen, hätte mich nicht das laute Gezeter meines Handys daran gehindert. Am anderen Ende der Leitung meldete sich Lisztenberg, mein sogenannter „Studentenjob“. Eigentlich wusste ich nicht viel über diesen 50-jährigen Herrn. Anscheinend war er früher einmal Detektiv gewesen, hatte seinen Job aber quittiert und bearbeitete jetzt nur mehr ausgesuchte Fälle. Das jedenfalls ließ er mich über sich wissen. Ich war für ihn nur ein kleiner freier Mitarbeiter, den er sich ab und zu gönnte. Jedenfalls zahlte er gut – und zwar nach jedem Auftrag - bar auf die Hand. Das war ein gutes Argument, für ihn zu arbeiten. Ohne ein freundliches „Guten Morgen, Tim!“, kam er gleich zur Sache. „In etwa einer Stunde bin ich im „Wiener Brezel“. Ich möchte, dass du auch da bist. Es gibt einen neuen Auftrag für dich.“ Und schon hatte er wieder aufgelegt. Die vorsintflutliche Uhr über dem Eingang zur Küche des „Blaiberger“ ließ vermuten, dass es kurz nach zehn Uhr war. Das Restaurant „Wiener Brezel“ lag in der Nähe des Stadtzentrums. Da der Wirt sich in der Küche aufhielt und mit den Vorbereitungen für das Mittagsmenü beschäftigt war, legte ich den Betrag für das Frühstück unter die Kaffeetasse und verließ das behagliche „Blaiberger“. Wien mochte zwar im Frühling und Sommer eine wunderbare Stadt sein. Aber das nasskalte Herbstwetter machte die Hauptstadt ungenießbar. Vor allem, wenn man Minuten vorher noch die wohlige Wärme einer holzofenbeheizten Gaststätte genossen hat. Leichter Nieselregen und ein starker Herbstwind, der durch die Straßen blies, machten einen Aufenthalt im Freien beinahe unerträglich. Glücklicherweise war die U-Bahnstation nur ein paar Gehminuten vom Lokal entfernt. Eine halbe Stunde später stand ich schon vor dem Eingang zum „Wiener Brezel“. Es war genau das Gegenteil, was ich an gemütlichen Lokalen liebte. Nahe dem Stadtzentrum war es im Laufe der Zeit zu einem beliebten Treffpunkt für Touristen geworden. Selbst an einem verregneten nasskalten Montag Vormittag war das Restaurant voll belegt. Den Touristen schien dieses scheußliche Wetter nichts aus zu machen. Der riesige Saal war bis zum Bersten gefüllt. Ein halbes Dutzend Kellner huschten lautlos und schnell zwischen den Tischen hin und her. Selbst bei diesem hektischen Betrieb, der im Restaurant herrschte, schien sie nichts aus ihrer Ruhe zu bringen. Sie blieben trotzdem höflich und verloren in diesem Trubel nie den Überblick. In ihren gepflegten dunklen Anzügen hoben sie sich deutlich von der bunt gekleideten Besuchermasse ab. Die zuvorkommende und höfliche Art und Weise der Macht, die sie gegenüber den Gästen ausübten, gab in charmanter Form den Touristen zu erkennen, wem sie hier Achtung und Respekt zu zollen hatten. Mir persönlich war das Lokal einfach zu teuer und die Gäste viel zu laut. Lisztenberg hatte seinen kleinen Stammtisch im Separee vom „Wiener Brezel“, da er gute Beziehungen zum Besitzer des Restaurants pflegte. Aber das war mir persönlich egal. Ich vermutete, dass Lisztenberg dieses Separee als eine Art Ersatzbüro für sein kleines Detektivunternehmen ansah. Mit mir als seinem einzigen freien Mitarbeiter. Aber im Prinzip schien ich für ihn nicht mehr, als ein Laufbursche zu sein. Ein Student, der ihm für wenig Geld seine Botendienste abnahm. Wie immer saß er am hinteren Ende des Zimmers nahe dem Fenster, das den Blick auf einen kleinen Park hinter dem Gebäude freigab. Lisztenberg trank seinen Kaffee und las in der Presse. Ich setzte mich ihm gegenüber an seinen Tisch und wartete. Seit ich den Raum betreten hatte, würdigte mich mein Chef keines Blickes. Aber das war ich schon von ihm gewöhnt. Er las in aller Ruhe einen Artikel zu Ende, ehe er die Zeitung wieder faltete und sie vor mir auf den Tisch legte. Dann deutete er mit dem linken Zeigefinger auf eine ganz bestimmte Stelle im Anzeigenteil der Zeitung. Aufmerksam las ich den Abschnitt. „Buch zu verkaufen! Titel: „die abgezählten Tage“ – 1. Auflage 1944. Preis nach Vereinbarung!“ Ich kannte die „gestundete Zeit“ von Ingeborg Bachmann. Mit den „abgezählten Tagen“ konnte ich beim besten Willen nichts anfangen. Aber ich begann zu ahnen, welcher Auftrag auf mich zu kam. Und ich sollte Recht behalten. Lisztenberg nahm eine Serviette vom Nachbartisch und schrieb mir die Adresse des Verkäufers auf und gab sie mir. Ich verglich sie mit der Anschrift in der Zeitung und stellte fest, dass sie nicht übereinstimmten. Lisztenberg kam meiner Frage zuvor. „Die Adresse in der Zeitung ist sein Büro. Aber bis 15 Uhr hält er sich in seiner Wohnung auf. Sag' ihm, dass du von mir kommst – dann wird er sicherlich öffnen.“ Aber eine Frage musste ich meinem Chef trotzdem stellen. „Was wollen Sie für das Buch bezahlen?“ Lisztenberg lächelte und nahm ein altes zerknittertes Foto aus seinem Geldbeutel und gab es mir. Darauf waren zwei Jugendliche abgebildet und auf der Rückseite trug es ein aufgedrucktes Datum. Juni 1944. Beide abgelichteten Personen trugen eine gestreifte Sträflingskleidung, wie ich sie nur aus Geschichtsbüchern und Dokumentarfilmen über diese schreckliche Zeit her kannte. Einer von den Abgebildeten dürfte vermutlich Lisztenberg gewesen sein und der andere höchstwahrscheinlich dieser ominöse Buchverkäufer. Vermutlich handelte es sich bei diesem Foto um eine Art „Visitenkarte“. Ich steckte sie schweigend in die linke Innentasche meiner Lederjacke. „Um 19 Uhr werde ich wieder zum Abendessen hier sein. Ich denke, dass du es bis dahin wohl schaffen wirst, mir das Buch zu bringen.“ Mit einer lässigen Handbewegung deutete er mir an, dass ich den Raum verlassen könne. Im Restaurant herrschte inzwischen ein heilloses Durcheinander. Ein Dutzend japanischer Touristen waren gerade dabei, alle freien Tischplätze zu entern. Sehr zum Missfallen der Wiener Stammkundschaft. Es dauerte seine Zeit, bis ich mir einen Weg zum Ausgang gebahnt hatte. Auf der Straße angekommen, empfing mich wieder das unwirtliche kalte Herbstwetter. Glücklicherweise hatte es zu regnen aufgehört. Im Prinzip war Wien eine schöne Stadt. Aber im Herbst geizte sie öfters mit ihren Reizen. Ich überlegte mir, ob ich nicht ein Taxi nehmen sollte. Doch mein Spesenkonto war schon längst ausgeschöpft und Lisztenberg dachte nicht daran, mein Budget zu erhöhen. Also schwang ich mich in die nächste ankommende Straßenbahn und belegte einen Platz, nahe dem lauten Gebläse einer Standheizung. Nachdem ich es mir auf dem harten Holzsitz gemütlich gemacht hatte, setzte sich das Schienenfahrzeug langsam in Bewegung. Die holprige Fahrt mit der roten „Bim“ ging durch die halbe Stadt, ehe ich gezwungen war, eine Station vor meinem eigentlichen Ziel aus zu steigen. Zwei Fahrscheinkontrolleure waren im Begriff die Straßenbahn zu betreten, um der illustren Fahrgemeinschaft ihre Aufwartung zu machen. Zwei Monate zuvor hatten sie mich und meine Geldbörse um etliche Scheine erleichtert. Deshalb zog ich die kostenfreie Benützung der Straßenbahn weiterhin vor. Jedenfalls solange, bis sich die Geldstrafe für die damalige Schwarzfahrt wieder amortisiert hatte. Das Wetter war glücklicherweise nicht schlechter geworden, so dass ich den letzten Teil der Strecke zu Fuß zurück legen konnte. Nach etwa 10 Minuten hatte ich mein Ziel erreicht. Das Zinshaus vor dem ich stand, war das Einzige in der Straße, dessen Fassade man erst kürzlich einer fachgerechten Renovierung unterzogen hatte. Deutlich hob sich das Gebäude durch seine himmelblau gestrichene Fassade vom rußig grauen Ambiente nebenstehender Zinskasernen ab. Eigentlich wollte ich über die Gegensprechanlage vor dem Eingang höflich meinen Besuch anmelden. Doch dies war nicht nötig, da die Eingangstür halb offen war und mich förmlich zum Eintreten aufforderte. Also nahm ich die Einladung an und betrat das Haus. Es roch nach frischer Farbe. Auch hier hatte man nicht vergessen, den Wänden ein neues Makeup zu verpassen. Die ganzen Renovierungsarbeiten, mochten sie auch noch so gelungen sein, interessierten mich nicht im Geringsten. Es war nur der Auftrag wichtig, um den es sich zu kümmern und erledigen galt. Der verhieß gutes Geld für einen rasche Erledigung. Ich verzichtete auf den Lift, trotz dem die gesuchte Person im dritten Stockwerk wohnte. Ein wenig Sport tat meiner Gesundheit immer gut. Die Wohnung lag gegenüber vom Stiegenhaus, am anderen Ende Flurs. Was mich zu dieser Zeit schon hätte warnen müssen, war die unheimliche Stille im Haus. Ich hatte das Gefühl, dass es unbewohnt und nur deshalb etwas verschönert worden war, damit irgendein Immobilienmakler es leichter verscheuern konnte. Dass auch noch die Tür zur betreffenden Wohnung am Ende des Gangs nur angelehnt war, hätte in mir schon die Alarmglocken läuten lassen müssen. Doch bares Geld gab es nur für einen erledigten Auftrag. Ich drückte die Tür auf und ging in die Wohnung. „Hallo! Ist jemand zu Hause?“ Trotzdem ich mich ein paar Mal laut und deutlich bemerkbar gemacht hatte, blieb es still. Alle Türen in der geräumigen Wohnung waren weit geöffnet. Doch der Buchverkäufer war nirgends zu finden. Weder in der Küche, noch im Schlafzimmer. Am Ende des Flurs befand sich ein großer Salon. Dort entdeckte ich den etwa 50-jährigen Mann. Er lag auf der Couch und schien zu schlafen. Doch mein Gefühl sagte mir, dass etwas mit ihm nicht in Ordnung war. Seine rechte Hand hing schlaff zu Boden, die halb geöffneten Augen starrten in Richtung Fenster. Am Boden lag ein blutiges Wurfmesser. Mit wurde heiß und kalt zugleich. Jetzt hieß es schnell handeln und trotzdem einen kühlen Kopf bewahren. Würde mich die Polizei hier finden, wäre ich natürlich der Verdächtige Nummer eins. Trotz der schwierigen Situation in der ich mich befand, lief ich nicht weg, sondern holte mein Handy hervor. Lisztenberg sollte informiert werden – noch vor der Polizei. Nachdem ich meinem Chef den Tatbestand erklärt hatte, blieb es für einige Zeit still in der Leitung. „Ich hoffe, du trägst Handschuhe und hast nichts angefasst?“ Ich beteuerte dies. „Gut. Dann höre mir genau zu. Es gibt nur einen Platz im Haus, an dem mein Freund dieses Buch versteckt haben könnte. Du hast wenig Zeit zur Verfügung. Wahrscheinlich ist der Täter noch im Gebäude und sucht nach dem Buch - und er braucht sich nicht zu beeilen, denn das Mietshaus steht leer. Es gehört meinem Freund. Er ist der einzige Bewohner.“ Freund? Im „Wiener Brezel“ hatte Lisztenberg nichts darüber erwähnt, dass ich „bloß“ das Buch von seinem Freund abholen sollte.“ Also verschwinde so schnell wie möglich aus seiner Wohnung. Neben der großen Eingangstür findest du an der rechten Wand einen Verteilerkasten der städtischen Telefongesellschaft. Es handelt sich nur um eine Attrappe. Brich den Blechkasten auf, nimm das Buch und verschwinde so schnell du kannst!“ Lisztenberg unterbrach die Verbindung. Ich schlich mich so leise aus der Wohnung, wie ich konnte und verweilte einen Augenblick um zu hören, ob sich noch jemand im Haus aufhielt. Es war still. Anscheinend hielt sich der Täter in einer der leer stehenden Wohnungen des Gebäudes auf und suchte nach dem Buch. Es blieb mir keine Zeit, genauer darüber nachzudenken. So schnell und so leise, wie mich meine Beine trugen, hastete ich das Stiegenhaus hinab. Unten angekommen hörte ich, wie sich der Lift vom obersten Stockwerk aus in Bewegung setzte. Es blieben nur mehr wenige Sekunden, das Buch zu holen. Der Verteilerkasten war rasch gefunden. Er befand sich einen halben Meter über dem Erdboden. Ihn zu öffnen, bereiteten meinen schweren Winterstiefeln keine Mühe. Was ich fand, war kein Buch im eigentlichen Sinn, sondern ein in festen Karton gebundenes und Plastikfolie eingeschweißtes dickes Heft in der Größe einer Postkarte. Rasch nahm ich es an mich und verließ das Mietshaus. Der Mörder hatte mich wahrscheinlich schon längst gehört, aber glücklicherweise noch nicht gesehen. Also flüchtete ich, so rasch als möglich, vom Ort des Verbrechens. Nach etwa fünf Minuten der Flucht tauchte vor mir die riesige Werbetafel einer bekannten Fastfoodkette auf. Für eine Verschnaufpause gab es momentan kein besseres Versteck, als ein zum Bersten gefülltes großes Fastfoodlokal. Dort angekommen, begab ich mich auf die Toilette, um meine Beute erst einmal in Ruhe studieren zu können, ehe ich sie meinem Chef weitergeben würde. Was konnte bloß in einem alten Buch stehen, für das ein „Käufer“ sogar vor Mord nicht zurückgeschreckt hatte. Die momentane Situation in welcher ich mich befand, schien mir Legitimation genug zu sein, das kleine Buch einer eingehenden Untersuchung zu unterziehen. Ich zerriss die Schutzhülle aus Plastik und schlug die erste Seite auf. Doch meine unbändige Neugierde wurde nicht belohnt. Dem Inhalt nach zu urteilen, schien es sich um eine Art Tagebuch zu handeln. Zusätzlich war es in einer Sprache geschrieben worden, mit der ich beim besten Willen nichts anzufangen wusste. Noch dazu hatte der Verfasser eine schlecht leserliche dunkelbraune Tinte verwendet. Nur die Datumsangaben konnte ich recht gut entziffern. Der erste Eintrag war im Juni 1944 gemacht worden. Aber das alleine sagte nicht viel aus. Also gab ich es auf, griff zum Handy und rief Lisztenberg von der Toilette aus an. Dieser beorderte mich sofort zum „Wiener Brezel“. Die Taxikosten würde er diesmal übernehmen. Glücklicherweise befand sich in unmittelbarer Nähe vom Lokal der Fastfoodkette ein Taxistand, so dass ich rasch im besagten Restaurant eintraf. Mein Chef erwartete mich bereits. Er saß an seinem Stammtisch, trank Kaffee aus einer weißen Tasse mit blauem Rand und bot mir ebenfalls einen an, den ich dankend annahm. Wortlos übergab ich ihm das alte in rot marmorierten Karton gebundene kleine Büchlein. Lisztenberg nahm es wortlos an sich und blätterte darin. Nachdem er sich überzeugt hatte, dass es das richtige Buch war, schloss er es wieder und legte es behutsam vor sich auf den Tisch. „Wir hätten dieses Notizbuch schon vor 50 Jahren verbrennen sollen!“ Lisztenberg verschränkte die Arme, lehnte sich zurück und blickte mir lange und tief in die Augen. Er wusste, dass ich vor Neugierde förmlich platzte. „Schmeckt der Kaffee nicht?“ Ich nahm die Tasse in die Hand und tat einen kräftigen Schluck. Eigentlich schmeckte er wie ganz normaler Kaffee. Nur etwas süßlicher als sonst, obwohl ich keinen Zucker in die Schale gegeben hatte. Erst jetzt schien Lisztenberg zufrieden zu sein. Sein toter Freund schien ihn eigentlich nicht mehr zu interessieren – auch nicht der Mörder, der immer noch auf der Suche nach diesem ominösen Buch war. Mit ruhiger und eindringlicher Stimme begann er seinen Monolog. „Ich und drei andere Freunde waren gegen Ende des 2. Weltkriegs die letzten Versuchskaninchen in einer geheimen Testreihe. Sozusagen die Prototypen. An uns sollte bewiesen werden, ob die Natur der Zeit überlistet werden kann.“ Lisztenbergs Augen schienen bei diesem Satz durch mich hindurch zu blicken. An einen Ort, den ich mir selbst in meiner kühnsten Fantasie nicht hätte vorstellen können. Er schwieg für einen Augenblick, ehe er sich wieder gefasst hatte und fortfuhr. „ Ein vierter Freund arbeitete als Gehilfe in diesem Labor und hatte dadurch die Möglichkeit, sich über den Verlauf der Versuche und alles Andere Notizen zu machen. An einem Abend, Ende Feber 1945, kam dann der alliierte Bomberangriff, welcher alle Beteiligten dieser streng geheimen Experimente tötete, die Labore und alles Andere in Schutt und Asche legte. Ich und zwei meiner Freunde überlebten diesen Angriff. Es gab also nur uns und dieses Notizbuch mit den Aufzeichnungen. Was wir aber zu jener Zeit nicht wussten war, dass noch eine weitere uns unbekannte Person dieser geheimnisvollen „Behandlung“ unterzogen worden war. Damals konnten wir noch nicht ahnen, dass es sich bei diesem Menschen um einen gefährlichen Schwerverbrecher und Schergen handelte, der in der Nachbarbaracke des geheimen Lagers lebte und den Bombenangriff ebenfalls überlebt hatte. „ Aber was hatten diese schrecklichen Ereignisse während des 2. Weltkriegs in einem geheimen deutschen Vernichtungslager mit dem Mord an seinem Freund zu tun. Ich konnte mir noch immer keinen Reim darauf machen. Lisztenberg sprach in Rätseln. „Seit über 50 Jahren sucht er uns, weil er von dem Buch weiß. - Und ich bin nach dem Tod meines Freundes der Letzte auf seiner Liste. Und gerade deshalb darf er das Buch nicht in seine Hände bekommen.“ Ich wurde noch immer nicht schlau aus seinen Ausführungen. Aber Lisztenberg machte nicht den Eindruck, als ob er mir mehr verraten wollte. Er griff nur in seine linke Brusttasche und zog wieder ein altes vergilbtes Foto hervor. „Diese Aufnahme ist die richtige!“ Mit diesem Satz übergab er mir das Bild. Ich warf nur einen kurzen Blick darauf und mein Herz versagte beinahe den Dienst. Lisztenberg bedurfte keiner weiteren Erklärungen mehr an mich, denn das Bild zeigte die ganze Tragweite der Situation auf, in welcher er sich befand. Nun begriff auch ich die Bedeutung der Aufzeichnungen in diesem Buch. Das Foto war zweifelsfrei über 50 Jahre alt und es waren zwei Personen darauf deutlich zu erkennen. Einer von ihnen war Lisztenberg. Aber das war nicht das Erschreckendste. Wenn man ihm heute ins Gesicht sah, hätte man vermuten können, dass das Foto erst gestern aufgenommen worden war. Doch das Schwarzweißbild konnte keine Fälschung sein, da es zu viele Merkmale aufwies, die selbst mit der heutigen Technik noch nicht manipuliert werden konnten. Darüber bestand für mich kein Zweifel. Vor allem, wenn man sich den Ort und die Baracken im Hintergrund des Bildes genauer betrachtete. Meine Hände begannen zu zittern. Lisztenberg erhob sich, nahm den schweren schwarzen Mantel der neben ihm auf einer Stuhllehne hing und zog ihn an. „Ich würde dir raten, das Buch an einem sicheren Ort zu verwahren – ich brauche - nein - ich will es nicht mehr!“ Er legte seine rechte Hand auf meine Schulter. Ich blickte zu ihm empor. „Was werden Sie jetzt tun?“ Lisztenberg atmete tief durch und seine Augen sahen mich entschlossen an. „Etwas, das ich schon vor 50 Jahren hätte tun sollen! Diesem Mörder das Handwerk legen. Seine Tage sind gezählt!“ Mit schnellem Schritt ging er zur Tür und öffnete sie. Dann drehte er sich noch einmal um. „Ich hoffe der Kaffee hat dir geschmeckt?“ Er lächelte mich kurz an ehe er den Raum verließ. An diesem Tag habe ich Lisztenberg zum letzten Mal gesehen. In der darauf folgenden Woche besuchte ich solange die Wiener Nationalbibliothek, bis ich endlich ein passendes Versteck für das Notizbuch gefunden hatte. Einen Platz, bei dem man es nie für möglich halten würde, dass er ein solch gefährliches Erbe für die nächste Zeit in sich trägt. Ob Lisztenberg wirklich der Mann war, für den er sich ausgegeben hatte, konnte ich selbst nach intensivsten Recherchen nicht mehr fest stellen. Vom Mord an seinem Freund war in keiner Zeitung geschrieben oder andeutungsweise berichtet worden. Je mehr ich über dieses Erlebnis nachdenke, das mein Leben so grundlegend verändert hat, desto mehr werde ich das Gefühl nicht los, dass an diesem besagten Tag, sich Lisztenberg mit mir einen bösen Scherz erlaubt hatte. Auch der Geschmack des Kaffees, welchen ich damals im „Wiener Brezel“ trank, wird immer in meinem Gedächtnis bleiben. Vielleicht wird sich in zehn Jahren zeigen, ob ich das Opfer eines perfiden Spiels geworden war, oder nicht. Das Buch liegt immer noch gut verwahrt an seinem sicheren Ort. Schon möglich, dass ich in zehn Jahren im Spiegel die Falten in meinem Gesicht betrachte und über das Erlebte lachen werde. Oder aber ich werde in das Antlitz eines Menschen blicken, der, seit er damals im „Wiener Brezel“ diese Tasse Kaffee trank, um keinen Tag gealtert ist. Doch bis dahin bleibe ich Gefangener der „abgezählten Tage“.

(Anm. d. Autors: diese Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit Namen, Orten, Personen und Ähnlichem wären rein zufällig, nicht beabsichtigt und auch nicht im Sinne des Autors. )

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.02.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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